Die kritischen Bezugspunkte zur Bibel im "König David Bericht" von Stefan Heym


Seminararbeit, 2009
21 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhalt:

0. Einleitung

1. Der indifferente Bezug auf den Prätext

2. Der kritische Bezug auf den Prätext
2.1. Ethans erste Begegnungen am Hof
2.1.1. Penuel ben Mushi
2.1.2. Benaja ben Jehojada
2.1.3. Prinzessin Michal
2.2. Diskussionen in der Kommission
2.2.1. Die Salbung Davids
2.2.2. David und Goliath
2.2.3. David im Dienst der Philister

3. Fazit

Literaturverzeichnis

0. Einleitung

„Der Mensch ist wie ein Stein in der Schleuder, und wird geworfen auf Ziele, die er nicht kennt. Was kann er mehr tun denn versuchen, daß seine Gedanken ihn um ein weniges überdauern, als Zeichen, als undeutliches, den kommenden Geschlechtern.“[1]

Dieses Zitat aus Stefan Heyms RomanDer König David Berichtkann sicher als eine der zentralen Aussagen des Textes angesehen werden. Einerseits verdeutlicht es die große Herausforderung des Protagonisten Ethan ben Hoshaja, mittels einer Kunst der Andeutung den nachfolgenden Generationen sein Wissen zu überliefern, andererseits die Situation und Bedeutung des Schriftstellers in der Gesellschaft.

Jener Ethan, Schriftgelehrter und Historiker, wird Redakteur einer Kommission am Hof König Salomos, die einen Bericht verfassen soll über das Leben König Davids, des Vaters von König Salomo. Damit beabsichtigt König Salomo, seine Herrschaft zu legitimieren. Indem er Davids heldenvolle Taten hervorhebt und dessen Erwähltheit Gottes verdeutlicht, soll zugleich seine eigene Stellung als Davids Nachfolger beglaubigt werden.

Eingebettet in den Roman ist ein immer aktuelles Thema: Wie wird durch die Geschichtsschreibung unser Blick auf die Vergangenheit verändert? Und wie ändert sich dieser Blick, je nachdem, wer an der Macht ist? An der biblischen David-Geschichte interessieren Heym vor allem das Wesen der Geschichtsschreibung und die Verantwortung des Historikers − ein kritischer Bezugspunkt zum Bibelstoff im Sinne der Wahrheitsfindung? Heym macht sich vielfach die Passagen zunutze, in denen der Bibeltext Brüche oder Unstimmigkeiten aufweist und entwickelt daraus immer wieder ironisch-komisch gefärbte Szenen. Berücksichtigt man das Faktum, dass die Bibelgeschichten oft erst lange Zeit nach den tatsächlichen Ereignissen aufgeschrieben wurden und somit zuerst viele verschiedene Versionen in mündlicher Überlieferung entstanden, erahnt man den Mythenstatus der Texte und kann an die Differenzen mit einer gewissen Gelassenheit herangehen. Die vorliegende Arbeit soll also den indifferent-kritischen Zugang Heyms zur Bibel herausarbeiten und weniger die intertextuellen Aspekte des Romans und die politische Komponente behandeln.

1. Der indifferente Bezug auf den Prätext

Stefan Heym geht es nicht um die biblischen Geschichten an sich, er benutzt sie vielmehr als Instrument zur Darstellung der eigenen Lebenswelt. Zwischen der Konfliktstruktur in seinem Roman und Heyms persönlicher Situation nach 1966 bestehen klare Parallelen; Heym fühlte sich damals von gesellschaftlicher Isolierung bedroht, welche die Staatsmacht im König-David-Bericht durch Totschweigen und Verbannung Ethans vollzieht.[2]

So gestaltete Heym in diesem Roman auch seine ganz persönliche Problematik am historischen Beispiel und bediente sich ähnlicher diplomatischer Praktiken wie Ethan, um seine Einfluss- und Wirkungsmög-lichkeiten nicht vollkommen zu verlieren. In einer Art Verdoppelungsstrategie wandte er die Methode seiner Hauptfigur Ethan beim Schreiben des Romans auch selbst an: Die Form der „diskreten“ Darbietung der Wahrheit führte letztlich zum Erfolg […]. Durch die Verschachtelung verschiedener Zeit- und Handlungsebenen, der kunstvollen Verschränkung von biblisch-historischer und aktuell politischer Dimension wurden die Analogien zwischen Geschichte und Gegenwart zwar deutlich lesbar, für den Zensurapparat aber auch nur schwer beweisbar.[3]

So wie Ethan den nachfolgenden Generationen durch kleine Andeutungen sein Wissen überliefern will, arbeitete also auch Heym mit der Methode der Anspielung, um seine Wahrheit zu artikulieren, das Gewünschte zu sagen und sich der staatlichen Zensur zu entziehen.[4]Er setzte sich in seinen Werken immer wieder mit dem aktuellen Zeitgeschehen auseinander und war politisch sehr engagiert. So wird in vielen Szenen des an sich historischen Romans auf die Situation der DDR angespielt; auf den Hinweis Ethans etwa, die Gespräche mit Prinzessin Michal beträfen nur „längst vergangene Zeiten“, antwortet der Eunuch Amenhoteph:

Und du bist überzeugt, daß gewisse zeitgenössische Persönlichkeiten sich nicht in der Maske der Alten verhöhnt sehen werden? Ist es nicht ein Spruch im Volke Israel: Wer den Spiegel fürchtet, erschrickt vor jedem Tümpel?[5]

Auf das Verfahren, Zeitgeschehen in alte Geschichten zu verpacken, wird vom Autor an dieser Stelle explizit hingewiesen; was auch den Machthabern in der DDR aufgefallen sein dürfte. Das Verlagsgutachten von Wolfgang Tenzler, dem Leiter des VerlagesDer Morgenhatte wohl auch deshalb „den Zweck, den Roman auf eine DDR-konforme Linie umzudeuten.“[6]

Die[…] Vorgangsweise, den Inhalt des Romans und Heyms marxistische Sicht der Vergangenheit in den Mittelpunkt des Gutachtens zu stellen, deutet darauf hin, daß Tenzler vom unerwünschten Gegenwartsbezug des Textes ablenken möchte. Auch der von Ethan zu schreibende Bericht selbst wird nicht als Anspielung auf gegenwärtige Verhältnisse in Osteuropa, sondern rein als Wiedergabe historischer Gegebenheiten gesehen. Wenn Tenzler den „König-David-Bericht“ als in der damaligen Situation notwendiges „ideologisches Mittel zur Kaschierung des realen Klassenantagonimus zwischen Despoten, Staatsbeamten, Klerus und dem Volk“ kennzeichnet, dann versucht er schon von vornherein das Argument zu entkräften, daß mit dem Roman eine mögliche Stalin-Kritik gemeint sein könnte.[7]

2. Der kritische Bezug auf den Prätext

Schon der Titel des Projektes, das König Salomo in Auftrag gibt, ist in ironischer Weise viel zu lang, um ihn immer in dieser ehrwürdigen Form zu verwenden. Es geht um den:

Einen und Einzigen Wahren und Autoritativen, Historisch Genauen und Amtlich Anerkannten Bericht über den Erstaunlichen Aufstieg, das Gottesfürchtige Leben, sowie die Heroischen Taten und Wunderbaren Leistungen des David ben Jesse, Königs von Juda während Sieben und beider Juda und Israel während Dreiunddreißig Jahren, des Erwählten GOttes und Vaters von König Salomo.[8]

Aus diesem Grund wird er meistens abgekürzt in „Bericht über den Erstaunlichen Aufstiegund so fort“[9]und es gibt einen Arbeitstitel: „König-David-Bericht“.[10]

„Wegen [s]einer bekannten Fähigkeit im Gebrauch der Worte“[11]wird der Historiker Ethan an den Hof geholt, um die Geschichte König Davids zu verfassen; seine fadenscheinigen Einwände, er sei ein „kranker Mann mit schwachem Herzen und unregelmäßiger Verdauung“ werden nicht akzeptiert. Er schlägt deshalb weiters vor, einen jüngeren Kollegen holen zu lassen, der bei „besserer Gesundheit“ sei und von „biegsamerer Denkungsart, gerade also was gebraucht würde zur Abfassung von Büchern, dieEine Wahrheitenthalten undAllem Widerspruch und Streitein Ende setzen sollten“.[12]Er weiß, es wird eine gefährliche Unternehmung, in die er im Begriff ist, sich zu verstricken und er lässt in seinen Reden durchblicken, dass er um die dunklen Seiten Davids wisse und es darum für ihn nicht einfach sein werde, die Wahrheit zu maskieren. Er hofft aber noch auf einen guten Ausgang:

Mit einigem Glück und mit der Hilfe unseres HErrn Jahweh mochte es mir sogar gelingen, ein Wörtchen hier und eine Zeile dort in den König-David-Bericht einzufügen, aus denen spätere Generationen ersehen würden, was wirklich in diesen Jahren geschah und welch ein Mensch David, Jesses Sohn, gewesen: der zu ein und derselben Zeit einem König und des Königs Sohn und des Königs Tochter als Hure diente, der als Söldling gegen sein eignes Volk focht, der den eignen Sohn töten und seine treuesten Diener umbringen ließ, ihren Tod aber laut beweinte, und der einen Haufen elender Bauern und widerspenstiger Nomaden zu einem Volk zusammenschiedete.[13]

Mit Ethans zögerlicher bzw. erzwungener Annahme des Auftrags und mit den ironischen Elementen deutet der Roman schon zu Beginn an, dass es große Ungereimtheiten und Lügen in der Geschichte König Davids gibt, die im weiteren Handlungs- verlauf des Romans ans Licht kommen werden. Der Autor rückt diese Tatsache damit ins Zentrum der Wahrnehmung des Lesers und hält ihn an, die Ereignisse selbst differenziert zu hinterfragen. Einige zentrale Szenen sollen hier hinsichtlich ihres kritischen Bezugspunktes des Autors zum Bibeltext genauer betrachtet werden.

2.1. Ethans erste Begegnungen am Hof

2.1.1. Penuel ben Mushi

Im königlichen Schatzamt ist Ethan zunächst auf der Suche nach jemandem, der berechtigt ist, ihm eine Vorauszahlung zu genehmigen; ein Geldverleiher hat ihm zugesagt, den Betrag für den Anbau eines Arbeitszimmers zur Verfügung zu stellen, doch sei im Schatzamt keine Zahlung eingegangen, wie ihm Penuel ben Mushi, ein redseliger „Sachbearbeiter dritten Grades“[14], mitteilt. Auf die Frage, ob denn niemand in der Stadt sei, der die Vollmacht habe, eine Vorauszahlung zu genehmigen, entgegnet Penuel:

[…] selbst wenn ein so mächtiger Mann sich in Jerusholayim befände, wird seine Unterschrift genügen? Heute unterschreibt einer, morgen vielleicht ist er schon nicht mehr da, die Unterschrift wertlos.[15]

[...]


[1]KDB, S. 266

[2]vgl. Borgwardt (2003), S. 216

[3]ebenda

[4]vgl. edbenda, S. 215

[5]KDB, S. 140

[6]Habitzel (2001), S. 414

[7]ebenda

[8]KDB, S. 11

[9]ebenda, S. 12

[10]ebenda

[11]ebenda, S. 10

[12]ebenda, S. 13

[13]ebenda, S. 14

[14]ebenda, S. 26

[15]ebenda

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die kritischen Bezugspunkte zur Bibel im "König David Bericht" von Stefan Heym
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Germanistik)
Veranstaltung
Bibel und Literatur
Note
2
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V311051
ISBN (eBook)
9783668096974
ISBN (Buch)
9783668096981
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bezugspunkte, bibel, könig, david, bericht, stefan, heym
Arbeit zitieren
Silvia Pederiva (Autor), 2009, Die kritischen Bezugspunkte zur Bibel im "König David Bericht" von Stefan Heym, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311051

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