Die Beschulung von Sinti und Roma. Ein kultureller Konflikt


Seminararbeit, 2015
37 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Sinti und Roma – Kurzeinblick in eine Fremdkultur
2.1. Einwanderungsgeschichte und Begriffsherkunft
2.2. Geschichte der Sinti und Roma in Europa
2.3. Die kulturelle Identität deutscher Sinti und Roma
2.4. Lernprozesse in der Kultur der Sinti und Roma - Der Stellenwert von Bildung und Erwerbsarbeit
2.4.1. Bezug zu Diskriminierung in der Gegenwart

3. Beschulung von Sinti und Roma in der Gegenwart
3.1. Faktenlage: Die staatliche Beschulung deutscher Sinti und Roma
3.1.1. Gründe für das Versagen von Roma an Schulen
3.2. Die spezialisierte Roma-Beschulung
3.2.1. Beispiele zur interkulturellen Erziehung von Roma in Ungarn
3.2.2. Die Waldorfschule von Rothberg/Rumänien
3.2.3. Roma-Schule in Köln: „Amaro Kher“

4. Interkulturelle Erziehungskonzepte: Die Beschulung von Sinti und Roma in der Theorie
4.1. Gemeinsamkeiten der vorgestellten Schulprojekte für Roma
4.2. Die „„offene Schule““
4.2.1. Das Konzept der „offenen Schule“
4.2.2. Der Lehrer an der „offenen Schule“
4.2.3. Struktur der „offenen Schule“
4.3. Das Vorbildkonzept: Die „survival school“

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Primärtexte

Forschungsliteratur

Internet-Quellen

1. Einleitung

„Geld für die Oma, statt für Sinti und Roma“ titeln NPD-Plakate. Weshalb? Weil Sinti und Roma faul sind, kriminell und asozial, so die Grundessenz aller antiziganistischen Hetze, egal in welche höflichen Floskeln sie die bürgerliche Rechte verpackt.

Die Medien berichten von „Roma-Häusern“ hier und dort, die vermüllt sind und die ganze Nachbarschaft zur Weißglut treiben.[1] Während in Frankreich der Lynchmob einen 16-Jährigen Roma ins Koma prügelt[2], veröffentlicht die Friedrich-Ebert-Stiftung, dass Antiziganismus die häufigste Form des Rassismus in Deutschland ist.[3] Auf lokalen Facebook-Seiten wird auch in der Region, genauer gesagt der Stadt Wehr, gegen „Zigeuner“ gehetzt die bettelnd von Tür zu Tür gehen - dabei selbstverständlich aufdringlich und unhöflich, wie die aufgebrachte Menge im Kommentarbereich veröffentlichter Fotos von besagten Bettlern betont.[4] Heute erst publizierte die taz einen neuen Artikel: „Antiziganismus ist weit verbreitet in Norwegen. Die Feindseligkeit gegen Roma wird dabei durch Behörden noch gefördert.“[5]

Kurz gesagt: Sinti und Roma sind unbeliebt. Unbeliebter noch, als alle anderen Ethnien, gegen welche die NPD auf ihren Plakaten hetzen könnte. Woher stammt dieser Hass auf diese Bevölkerungsgruppe, die schon so lange in Europa lebt, dass niemand sie mehr als „Ausländer“ bezeichnen könnte? Letzteres zum Leid der NPD und Konsorten. Über Sinti und Roma (am Stammtisch heißen sie natürlich immer noch „Zigeuner“) grassieren viele Vorurteile in der Gesellschaft: Ihre materielle Armut und ihre Bildungsarmut sind nur zwei Faktoren die dafür verantwortlich sind, dass die Ethnie auch noch heute in ganz Europa im Abseits steht. Die Kulturen der Roma (auch „Die Kulturen der Sinti und Roma“ wäre zu eng gefasst - Die Ethnie der Roma gliedert sich in viel mehr verschiedene Kulturkreise) sind anders, sie unterscheiden sich von den meisten Kulturen wesentlich durch eine Lebenseinstellung, die wohl tatsächlich auch der Hauptgrund dafür ist, dass die meisten Sinti und Roma in der BRD die Regelschule ohne Abschluss verlassen.

Das macht eine spezialisierte Beschulung von Sinti und Roma dringend notwendig, denn ohne ausreichende Qualifikationen zur Existenzsicherung verbleibt diese Minderheit in Armut und diskriminiert. Wie eine solche schulische Erziehung ablaufen kann, wie sie früher aussah und wie sie zukünftig aussehen sollte, das ist das Kernthema dieser Arbeit.

Die Leitfragen „Wie lassen sich Zugehörige der Kulturen der Sinti und Roma in ein Bildungssystem integrieren, das sie auf die Anforderungen der Gesellschaft vorbereitet, ohne sie in ihrer kulturellen Freiheit einzuschränken?“ und „Welche Anforderungen stellt dieser Zweck an das Bildungssystem?“ mussten insofern während des Schreibprozesses verworfen werden, da die Perspektive aus der diese Fragen gestellt sind, zu engstirnig erschien. Es soll nicht um die Integration in ein bestehendes Bildungssystem gehen, welches die Schüler der dominierenden Gesellschaft anpasst, sondern um ein Bildungssystem, welches den Bedürfnissen der Sinti und Roma, die innerhalb der bestehenden Mehrheitsgesellschaft leben (und das schon seit Jahrhunderten, es besteht keinerlei Recht seitens der Mehrheitsgesellschaft eine „Integration“ an ihre Lebensweise zu fordern - Europa ist genauso die Heimat der Roma, wie die der anderen Ethnien) gerecht wird. Gefragt werden muss also nicht nach den Bedingungen einer Integration in das Bildungssystem, sondern nach den Möglichkeiten und Konzepten zur Schaffung einer Bildungs- und Erziehungsinstitution, welche die Kinder von Sinti und Roma nach deren Wünschen in der Mehrheitsgesellschaft überlebensfähig macht, ihre Existenz sichert und ihre kulturelle Identität schützt.

Um diese Frage zu beantworteten wurden für diese reine Literaturarbeit mehrere Quellen verwendet, von denen die wichtigste mit Sicherheit das schon etwas ältere Buch „Verfolgung durch Erziehung - Eine Untersuchung über die jahrhundertelange Kontinuität staatlicher Erziehungsmaßnahmen im Dienste der Vernichtung kultureller Identität von Rom und Sinti“ von Dr. Mareile Krause, die meiner Recherche nach heute als Expertin für Sinti und Roma beim Hamburger Institut für Lehrerbildung arbeitet, war. Auch wenn besagtes Werk schon 1989 veröffentlicht wurde, so hat nur der theoretische Inhalt Wert für meine Arbeit gehabt und dieser hat bis heute nicht an Bedeutung verloren.

Bis auf dieses Buch ist die theoretische Forschung in diesem Bereich offenbar auch nicht sehr weit: Es war kein weiteres Konzept für die Beschulung von Sinti und Roma zu finden, welches sich wesentlich von dem von Mareile Krause und von den klassischen, aber eben bei Roma recht wirkungslosen Konzepten für Migrantenkinder (meist nicht viel mehr als zusätzliche Sprachförderung und mehr Sozialarbeiter), unterscheidet. Die existierenden Schulprojekte für Roma-Kinder, die gesondert vorgestellt werden, scheinen ebenfalls nur Krauses Konzept weniger konsequent - ob aus Mittellosigkeit oder aus Unwillen - umzusetzen. Das Konzept der „„offenen Schule““ einmal tatsächlich zu erproben wäre wichtig für die Forschung nach interkulturellen Erziehungskonzepten, jedoch erfordert die reale Umsetzung die Initiative von Roma selbst und die Mitarbeit der gesamten Roma-Community einer Großstadt.

Um auf die Vorstellung dieses Konzepts am Ende der Arbeit vorzubereiten, ist ein Aufbau gewählt, der zuerst die Erklärung der Fremdkultur und ihre Haltung zur Schulbildung und anschließend die Faktenlage zum Erfolg beziehungsweise Versagen dieser Fremdkultur im gegenwärtigen Schulsystem erläutert. Zum Schluss werden alternative Schulkonzepte für Roma, anhand von Beispielen in Osteuropa und Köln, aber auch durch die Theorie von M. Krause präsentiert.

Meine persönliche Position dazu ist besser im Fazit zu klären, da grundliegende Argumente, die sonst wiederholt werden müssten, Bestandteil der folgenden Kapitel sind.

2. Sinti und Roma – Kurzeinblick in eine Fremdkultur

In Europa leben etwa zehn bis zwölf Millionen Sinti und Roma und stellen damit die größte ethnische Minderheit des Kontinents dar. 2011 wurde die Zahl der dauerhaft in Deutschland ansässigen Sinti und Roma auf etwa 80.000 bis 120.000 geschätzt, die noch ca. 50.000 Flüchtlinge oder Arbeitsmigranten aus Südosteuropa nicht mit eingerechnet.[6]

Doch was, außer gegebenenfalls einer Sprachbarriere, unterscheidet Sinti und Roma so von anderen kulturellen Gruppen in der Bundesrepublik, was eine spezialisierte Beschulung dieser notwendig macht? Auf die Roma-Kultur und ihre Entstehung wird in diesem Kapitel eingegangen.

2.1. Einwanderungsgeschichte und Begriffsherkunft

Der durch Jahrhunderte lange Verfolgung, die ihren Höhepunkt zur Zeit des Nationalsozialismus fand, schwer belastete und diffamierende Begriff „Zigeuner“, bezeichnet die Angehörigen der Ethnie der Sinti und Roma, deren Geschichte hier behandelt werden muss, um einen Einblick in die Kultur dieser Gruppen schaffen zu können.

Zwar liegt die Herkunft der Bezeichnung „Zigeuner“ aller Wahrscheinlichkeit nach nicht in der Deutung „(umher-)ziehender Gauner“, sondern im mittelgriechischen Wort „athinganoi“ (übersetzt „die Unberührbaren“), welches eine christliche Sekte im frühmittelalterlichen Westanatolien bezeichnete und in Abwandlungen als Begriff für Zuwanderer (darunter Roma) in Byzanz gebraucht wurde[7], dennoch klingt erstere volksetymologische Deutung sinnvoll: Zigeuner galten der europäischen Bevölkerung als faules, arbeitsscheues Pack, das sich mit Musik, Wahrsagerei und Diebstahl durchschlug.

Über die Herkunft von Roma und Sinti ist recht wenig bekannt. Während bereits im Mittelalter angenommen wurde, sie stammten aus Ägypten und wären vertriebene Christen[8] (daher der englische und im Gegensatz zu „Zigeuner“ nicht so historisch belastete Begriff „Gypsies“), ist heute durch Erforschung des Erbguts belegt, dass die ursprüngliche Herkunftsregion Nordindien war.[9] Nicht nur genetisch, auch linguistisch deutet alles auf den nordindischen Punjab als Ausgansort einer Völkerwanderung hin: Verschiedene Romanes-Sprachen, die sich auf der Reise durch griechische und armenische Einflüsse in sehr unterschiedliche Dialekte gespalten haben[10], zeigen alle eine hohe Ähnlichkeit mit der altindischen Hochsprache Sanskrit.[11] Das Wort Sinti wird zudem auf die pakistanische Region „Sindh“ zurückgeführt.

Was die Bewegung der Roma aus Nordindien und über den Kaukasus bis nach Europa ausgelöst haben könnte, ist nicht bewiesen, es wird jedoch spekuliert, dass Zusammenhänge mit den Feldzügen der Araber zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert in dieser Region bestehen, da diese wohl etwa 500.000 Einheimische als Sklaven in den Nahen Osten brachten und als Soldaten rekrutierten.[12]

2.2. Geschichte der Sinti und Roma in Europa

Historische Erkenntnisse über Sinti und Roma existieren nur aus den Regionen, in denen sie sich niederließen. Durch das Fehlen einer Schriftsprache gibt es keine Aufzeichnungen von Angehörigen der Sippen, sondern lediglich von Außenstehenden.

Die Ankunft der Reisenden mit dunklem Hautton in Osteuropa wird auf das 14. Jahrhundert geschätzt, in fast allen europäischen Ländern ist die Anwesenheit von „Zigeunern“ seit dem 15. Jahrhundert in zahlreichen Quellen erwähnt. Aus dem Jahr 1399 soll es bereits Dokumente aus Böhmen geben, die „Zigeuner“ erwähnen, historische Papiere der Stadtschreiberei von Hildesheim belegen die Ankunft von fahrendem Volk im Jahr 1407. Die in Mittel- und Westeuropa ansässigen Zugehörigen bezeichnen sich selbst als Sinti, während die in Ost- und Südosteuropa lebenden bei der Oberbezeichnung „Roma“ (Romanes: Menschen) bleiben. Da im 19. Jahrhundert noch viele Roma nach Deutschland zogen, ist die Sinti und Roma-Bevölkerung hierzulande gemischt, hauptsächlich unterscheiden sich beide Gruppen in verschiedenen Variationen ihrer Sprache Romanes, da viele Wörter aus den Sprachen des jeweiligen Aufenthaltslandes in den Sprachgebrauch miteingeflossen sind.

Während des 15. Jahrhunderts wurden Sinti in Deutschland weitgehend toleriert, teils erhielten sie sogar Bürgerrechte und genossen den Schutz der Obrigkeit . Urkundlich erwähnt ist die Einbürgerung eines „Zigeuners“ in Frankfurt 1446, auf Anweisung des deutsch-römischen Kaisers Sigismund von Luxemburg (*1368…1437) stellten die Behörden den Fremden Schutzbriefe aus. Die ersten achtzig Jahre nach der ersten Ankunft vieler Sinti-Gruppen gelten als deren goldene Zeit auf deutschem Gebiet, mit ihrer Exotik erregten sie Aufsehen und begeisterten gastfreundliche Einheimische trotz Sprachbarriere unter anderem mit Musik und Tanz. 1482 setzte der brandenburgische Kurfürst dieser kurzen Zeitspanne ein Ende, indem er den Aufenthalt von Zigeunern auf seinem Gebiet verbot. 1498 folgte das Deutsche Reich diesem Beispiel, hob Sigismunds Schutzbrief auf und erklärte die Sinti für vogelfrei. Erst Kaiser Ferdinand entschärfte dies fast 60 Jahre später und gab Anordnung, den Mord an zigeunischen Frauen und Kindern zu unterlassen. Das Reichsgesetz wurde jedoch nicht in allen Teilstaaten konsequent durchgesetzt, sodass die Sinti auf Reise gehen konnten um der Verfolgung zu entgehen. Hierdurch wurden die Sinti und Roma zum „fahrenden Volk“ und das Reisen Bestandteil der Kultur.

Die Verfolgung vor dem dritten Reich gipfelte 1725, als Preußen die sofortige Hängung aller „Zigeuner“, die allein von wegen ihrer dunklen Hautfarbe als solche identifiziert wurden, befahl. Gleichzeitig wurde in Österreich kurzzeitig und erstmals versucht, Sinti und Roma zu assimilieren: Kinder über 10 sollten zur Feldarbeit gezwungen werden, Kinder unter 10 von ihrer Familie getrennt und in Waisenhäusern untergebracht werden. Dies war zwar nicht erfolgreich, läutete aber dennoch später eine inhumane Politik der Sesshaftmachung ein.

Kaiserin Maria-Theresia schuf 1761 Regulierungen um Roma in Ungarn und Siebenbürgen zu „zivilisieren“. Während diese auf der einen Seite die Zuteilung von Grund und Saatgut beinhalteten, waren sie zugleich schwer repressiv und grausam: Der Zwang zu einem festen Wohnsitz und die systematische Erfassung aller „Zigeuner“ im österreichisch-ungarischen Kaiserreich gehörten noch zu den harmloseren Beispielen – Roma-Kinder wurden ihren Familien entzogen und in Erziehungsanstalten oder Pflegefamilien gebracht. Um Mischehen zu fördern wurden Ehen unter Roma verboten. Die Sprache Romanes durfte zudem nicht mehr praktiziert werden. Einige Jahre später wurden diese rassistischen Maßnahmen insoweit verschärft, dass alle männlichen Roma-Kinder als Rekruten eingezogen wurden. Das Ganze blieb wirkungslos, und so wurde Jahrzehnte darauf beschlossen, die Kinder noch früher ihren Eltern zu entreißen und auf diese Weise die Familienverbände der „Zigeuner“ zu zerschlagen.

Der erste selbsternannte „Zigeunerforscher“ dieser Zeit und Begründer der Tsiganologie, war der Sachse Heinrich Moritz Gottlieb Grellmann (*1756…1804)[13], der die rassistischen Maßnahmen begrüßte und Maria-Theresias Nachfolger Joseph II in einem Schriftstück von 1787 dankte, dass er „Tausende solcher Elenden, die, (…) als Halbmenschen durch die Irre liefen, aus ihrem Unrath herausgezogen, sie zu Menschen und guten Bürgern gemacht habe.“[14]

Im heutigen Bundesgebiet war Friedrich der Große der erste, der den Versuch unternahm Sinti zu assimilieren: Im Kontrast zu den österreichischen Verordnungen, sollten in Preußen „Zigeunerdörfer“ geschaffen werden, in denen ganze Sippen angesiedelt werden sollten. Hierbei sollte eine staatliche Kindererziehung im Vordergrund stehen. In Friedrichslohra, Thüringen wurden solche Projekte bis ins 19. Jahrhundert durchgeführt.

Ähnlich den Maßnahmen Maria-Theresias waren jene, die 1835 in Württemberg in Kraft traten. Die dort lebenden Sinti sollten über das gesamte Königreich verteilt und in Dörfern zur Landarbeit gezwungen werden. Wie in Österreich-Ungarn setzte man also bei der Zersprengung der Familienverbände an, um die kulturelle Identität der „Zigeuner“ zu zerstören.[15]

Die industrielle Revolution verbesserte die Lage der Sinti in Deutschland, da diese in den Außenbezirken der wachsenden Städte durch ihre Anonymität Schutz vor Verfolgung fanden und sich ihnen ein besserer Arbeits- und Absatzmarkt bot.

Trotz des völkischen Charakters des Kaiserreichs, wurde ab 1871 in inländische und ausländische Zigeuner unterschieden. Konnte ein Zigeuner nachweisen, dass er in einem der Bundesstaaten geboren war (was nur selten der Fall gewesen sein dürfte), so erhielt er unter Umständen sogar die Staatsangehörigkeit. Ausländische Zigeuner sollten zur Ausreise gezwungen werden, was sich als weniger erfolgreich herausstellte. Doch auch Staatsangehörige, die als Zigeuner registriert waren, wurden weiterhin diskriminiert: So wurde ihnen der Erhalt des Wandergewerbescheins verweigert und damit ein Stück ihrer kulturellen Identität, das Reisen und die Tagearbeit, kriminalisiert.[16]

Besonders erwähnenswert unter zahlreichen antiziganistischen Maßnahmen dieser Zeit ist die „Anweisung zur Bekämpfung des Zigeunerwesens“, die 1906 von der preußischen Regierung erlassen wurde. Grundbedürfnisse der Sinti im deutschen Reich wurden kriminalisiert: „unbefugtes Verweilen auf fremden Grundstücken ohne Erlaubnis des Berechtigten“, „Anzünden von Feuer im Wald oder dessen Nähe“, „Bettelei“ und „Landstreicherei“ waren Straftaten, deren Ahndung oft allein von der Willkür des Beamten abhing.[17]

In der Weimarer Republik wurde vor allem die Erfassung der Zigeuner verschärft: Während es schon davor diverse „Zigeunerbücher“ oder „Landstreicherakten“ gab, in denen Sinti registriert wurden, ordnete man 1922 an, dass alle Zigeuner und „nach Zigeunerart Lebende“ über 14 Jahren ein amtliches Personalblatt mit sich führen mussten, das neben persönlichen Daten den Fingerabdruck, ein Foto und die Kennzeichnung „Z“ für Zigeuner beinhaltete. 1929 wurden die, zuvor verworfenen, Anweisungen von 1906 im Wesentlichen wieder eingeführt.[18]

Während des Nationalsozialismus wurden Sinti und Roma schrittweise entrechtet und schließlich in Konzentrationslager deportiert. Schätzungen zufolge sind ab 1933 etwa eine halbe Million Sinti und Roma ermordet worden. Doch mit der Befreiung Deutschlands von der Herrschaft des Nazi-Regimes, endete keineswegs die antiziganistische Politik:

Eine Feststellung des Bundesgerichtshofs von 1956 leugnet die Verfolgung aus rassistischen Gründen, da „trotz des Hervortretens rassenideologischer Gesichtspunkte nicht die Rasse als solche Grund für die getroffenen Anordnungen bildet, sondern die […] asozialen Eigenschaften der Zigeuner.“[19] Dies legitimierte die Verweigerung von Entschädigungen für die Holocaust-Überlebenden bis in die 80er Jahre, dabei unterstreicht ein weiteres Zitat aus der Urteilsbegründung ihren rassistischen Charakter: „Die Zigeuner neigen zur Kriminalität, besonders zu Diebstählen und zu Betrügereien. Es fehlen ihnen vielfach die sittlichen Antriebe zur Achtung von fremdem Eigentum, weil ihnen wie primitiven Unmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb eigen ist.“[20]

2.3. Die kulturelle Identität deutscher Sinti und Roma

Die Roma pflegen eine vielfältige Kultur, die sich natürlich je nach Untergruppe unterscheidet.

Die Ethnie der Roma spaltet sich in Stämme, eine davon sind die Sinti in Deutschland. Innerhalb dieses Stammes gibt es verschiedene Sippen, einen Zusammenschluss von entfernt miteinander verwandten Großfamilien. Diese Organisation kann jedoch von Stamm zu Stamm variieren.

Als die Roma Indien verließen, waren sie wohl noch hinduistischen Glaubens, heute unterscheidet sich ihre Religion vor allem nach Aufenthaltsland: Während in der Türkei und den Balkanstaaten vor allem muslimische Roma leben, sind die in Rumänien und Ungarn vorwiegend christlich-orthodoxen Glaubens. In Frankreich und Spanien dominieren römisch-katholische Roma, die nordeuropäischen Sinti sind mehrheitlich protestantisch. Jedoch sind gewisse Bräuche nicht übereinstimmend mit den Religionen, denen die Roma angehören: Als besonders wichtig für die deutschen Sinti gilt zum Beispiel die Unterscheidung in „reine“ und „unreine“ Dinge und Personen. „Unreines“ befleckt die Seele, so werden manche Besitztümer von Verstorbenen als „unrein“ verbrannt. Ähnlich ist der Kult um den Unterrock der Frau: Die Romni konnte sich gegen den Mann wehren, indem sie ihm drohte ihn mit einem Stück ihres Unterrocks zu bewerfen. In diesem Fall gälte der Getroffene sein Leben lang als „unrein“ und wäre aus der Gemeinschaft verbannt worden.[21]

Bedeutend für Roma aller Glaubensrichtungen ist ihre Schutzheilige „Sara la Kali“. Jährlich findet in Südfrankreich eine Prozession statt, bei der eine Statue dieser ins Wasser getragen wird. Diese Prozession mit tausenden Teilnehmern ähnelt stark einer hinduistischen Tradition für die Göttin Kali.[22]

Zum Erwerb übten die umherziehenden Roma diverse Handwerke aus, mit denen sie am aktuellen Aufenthaltsort ihr Brot verdienen konnten. Oft floss die Hauptbeschäftigung der Roma-Gemeinschaft auch in den Namen ein, den sich die Gruppe gab: So nannte sich eine slowakische Roma-Gemeinschaft Balaňara (balaňi: Romanes für Holztrog), da die meisten Mitglieder sich als Troghersteller durchschlugen, die Churara in Rumänien waren größtenteils Siebhersteller (ciur: rumänisch für Sieb).[23]

Am bekanntesten an der Roma-Kultur sind jedoch die künstlerischen Aspekte: Durch frühere Gewerbeverbote und anderweitige Hemmnisse einer lohnenderen Arbeit nachzugehen, wurde vor allem die Musik als Einnahmequelle gefestigt. In Spanien ist der Flamenco im Wesentlichen als Musik der Roma entstanden, andere Genres entwickelten sich je nach den Einflüssen der Aufenthaltsregion. Bunte Kleidung, schnelle Tänze und violinenbasierte Musik sind der positive Stereotyp der Zigeunerkultur. Doch auch das Geschichtenerzählen hat einen hohen Stellenwert: Romanes hatte nie eine Schrift und so wurden und werden die meisten traditionellen Sagen immer noch mündlich weitergegeben.

2.4. Lernprozesse in der Kultur der Sinti und Roma - Der Stellenwert von Bildung und Erwerbsarbeit

Bildung und Erziehung fanden bei den Roma innerhalb des Familienverbundes statt. Im Regelfall werden Roma-Kinder von den Großeltern erzogen, da die Eltern selbst noch sehr jung sind und die Familie zu ernähren haben. Schule hatte in der Geschichte der Roma nie eine Bedeutung und Einrichtungen der „Gadje“, wie der Ausdruck für Nicht-Roma lautet, wird, durch im vorigen Kapitel besagte Zwangserziehungsanstalten und nicht zuletzt durch die präsenteren Erfahrungen des Holocaust, grundsätzlich misstraut. Die Großeltern ihrerseits waren über Jahrhunderte hinweg imstande ihren Enkeln alles beizubringen, was für deren Leben für Bedeutung sein sollte.

[...]


[1] Vgl. http://www.welt.de/politik/deutschland/article130234317/Roma-muessen-Problemhaus-bis-Ende-Juli-verlassen.html (18.05.15 | 21:00)

[2] Vgl. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/roma-teenager-bei-paris-nach-angriff-im-koma-offenbar-lynchangriff-a-975608.html (18.05.15 | 21:03)

[3] Vgl. http://www.fes-gegen-rechtsextremismus.de/pdf_14/141120presse-handout.pdf (17.04.15 | 18:41)

[4] Vgl. https://www.facebook.com/zwehr/posts/938890139471329 (18.05.15 | 20:49)

[5] http://www.taz.de/!160076/ (18.05.15 | 21:06)

[6] Vgl. Strauß, Daniel; von Plato, Alexander: Einleitung. In: Studie zur aktuellen Bildungssituation deutscher Sinti und Roma / Dokumentation und Forschungsbericht. Hrsg. von Daniel Strauß. Marburg 2012. S.

[7] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Zigeuner#Zur_Einordnung_des_Begriffs (28.03.15 | 16:27)

[8] Vgl. http://www.romahistory.com/2-4.htm (28.03.15 | 16:36)

[9] Vgl. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/erbgut-verraet-europaeische-roma-stammen-aus-indien-a-871349.html (18.04.15 | 17:54)

[10] Vgl. http://www.romahistory.com/2-4.htm (28.03.15 | 16:46)

[11] Vgl. http://www.sintiundroma.de/sinti-roma.html (28.04.15 | 16:48)

[12] Vgl. http://www.zigeuner.de/sinti_und_roma_seit_600_jahren.htm (28.03.15 | 17:01)

[13] http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Moritz_Gottlieb_Grellmann (29.03.15 | 19:20)

[14] Grellmann, Heinrich Moritz Gottlieb: Historischer Versuch über die Zigeuner. Göttingen. 1787. S.194

[15] Krause, Mareile: Verfolgung durch Erziehung. Eine Untersuchung über die jahrhundertelange Kontinuität staatlicher Erziehungsmaßnahmen im Dienste der Vernichtung kultureller Identität von Rom und Sinti. Ammersbek bei Hamburg. 1989. S.44-46.

[16] Vgl. Huber, Ulrike: Die Zigeunerpolitik 1871 bis 1914. Formen und Funktionen des Antiziganismus im Prozess der Modernisierung. Freiburg i. Br.. 2000. S.

[17] Vgl. Hehemann, Rainer: „Die Bekämpfung des Zigeunerunwesens“. Frankfurt a. M.. 1987. S.265/266

[18] Vgl. Huber, Ulrike: Die Zigeunerpolitik 1871 bis 1914. Formen und Funktionen des Antiziganismus im Prozess der Modernisierung. Freiburg i. Br.. 2000. S.80/81

[19] Huber, Ulrike: Die Zigeunerpolitik 1871 bis 1914. Formen und Funktionen des Antiziganismus im Prozess der Modernisierung. Freiburg i. Br.. 2000. S.4

[20] Huber, Ulrike: Die Zigeunerpolitik 1871 bis 1914. Formen und Funktionen des Antiziganismus im Prozess der Modernisierung. Freiburg i. Br.. 2000. S.4

[21] Vgl. http://roma-und-sinti.kwikk.info/?page_id=208 (08.04.15 | 18:00)

[22] Vgl. http://roma-und-sinti.kwikk.info/?page_id=232 (08.04.15 | 18:13)

[23] Vgl. http://roma-und-sinti.kwikk.info/?page_id=188 (08.04.15 | 16:58)

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Die Beschulung von Sinti und Roma. Ein kultureller Konflikt
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
37
Katalognummer
V311126
ISBN (eBook)
9783668098374
ISBN (Buch)
9783668098381
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit ist das Ergebnis des Seminarkurses an einem Sozialwissenschaftlichen Gymnasium sozialpädagogischer Richtung und wurde mit 14 Punkten benotet. Sie bietet einen kurzen Überblick zur Beschulung von Sinti und Roma.
Schlagworte
beschulung, sinti, roma, konflikt
Arbeit zitieren
Joy Sheik (Autor), 2015, Die Beschulung von Sinti und Roma. Ein kultureller Konflikt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311126

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