Die Angst des Terrors. Ist die Verbreitung von Angst notwendig für die Ziele des transnationalen Terrorismus?


Bachelorarbeit, 2013
37 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALT

1 Einleitung

2 Transnationaler Terrorismus
2.1 Definition von transnationalem Terrorismus
2.2 Motive
2.3 Strategie
2.4 Ziele
2.5 Reaktionen

3 Das Phänomen Angst
3.1 Angst als Emotion
3.2 Wirkung von Angst
3.3 Angst und Terror

4 Die Macht der Angst
4.1 Kommunikative Gewaltstrategie
4.1.1 Angstkommunikation
4.1.2 Medien und Terrororganisationen- eine Symbiose?
4.2 Angst im Bezug auf die Risikowahrnehmung des Terrorismus
4.3 Machterlangung aus systemtheoretischer Perspektive

5 Terroranschlag in Madrid
5.1 Ablauf des Terroranschlags in Madrid
5.2 Umgang mit dem Terror in Madrid

6 Terroranschlag in London
6.1 Ablauf des Terroranschlags in London
6.2 Umgang mit dem Terror in London

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

1 EINLEITUNG

In der heutigen globalen Gesellschaft, in welcher Kommunikation über Ländergrenzen hinaus von großer Wichtigkeit ist, hat sich die Form des Terrorismus gewandelt. Terrorismus ist präsent im alltäglichen Leben, da immer wieder neue Attentate verübt werden. Die Möglichkeit eines Anschlags, die latente Gefahr, das Gefühl, auch selbst Opfer eines Terroranschlags zu werden, sind allgegenwärtig.

Woran liegt das? Terrorismus ist nicht länger nur nationalen Charakters, auf eine Nation beschränkt, wie beispielsweise die ETA in Spanien, sondern hat sowohl die Grenzen seines Angriffsgebiets als auch seines Rückzugsorts verschoben. Terroristen stammen nicht mehr aus dem Land, in welchem sie Anschläge verüben und leben nicht dort. Das sind die Charakteristika des neuen transnationalen Terrorismus, der keine Ländergrenzen mehr kennt. Genau das macht ihn gefährlicher für die Bevölkerung. Einzuschätzen, wo, wann und wie ein Terroranschlag passieren wird, ist unsicherer denn je.

Auch wenn der transnationale Terrorismus ein noch recht neues Phänomen ist, haben sich ihm viele Soziologen, unter anderem aus akteur- oder systemtheoretischer Sicht, (vgl. Schneckener 2006; Bock 2009; Kron et. al 2007) genähert und dabei immer wieder das Verbreiten von Angst als Ziel von Terrororganisationen beschrieben. Allerdings bleibt es meistens bei einer recht oberflächlichen Behandlung von Angst und ihrer Bedeutung für den Terrorismus. Das mag darin begründet sein, dass Angst als individuelles Gefühl der Menschen für die Soziologie vorerst nicht von Bedeutung ist, aber wenn es sich um eine sozial konstruierte Angst handelt und diese kommuniziert wird, dann wird sie zu einem sozialen Phänomen und interessant für die soziologische Forschung.

Falls gezeigt werden könnte, dass Terrorismus abhängig von Angstkommunikation ist, dass er seine Ziele nur erreichen kann, wenn er gefürchtet wird, wäre ein wichtiger Schritt in Richtung Terrorismusbekämpfung getan und auch ein Ansatzpunkt für neue Forschungsfragen gefunden.

Aus diesem Grund lautet die Forschungsfrage dieser Arbeit: Inwiefern ist die Verbreitung von Angst notwendig für den transnationalen Terrorismus, um seine Ziele zu erreichen?

Um diese Frage zu beantworten, wird in dieser Arbeit das Phänomen der Angstkommunikation aus systemtheoretischer Sicht erklärt. Zwar ist angedeutet worden, dass für die Soziologie die individuelle Angst allein nicht von zentraler Bedeutung ist, aber um zu verstehen, warum sich die Menschen fürchten, ist es notwendig, nicht nur die Makroebene zu beachten, sondern auch das individuelle Handeln der Menschen auf der Mikroebene zu untersuchen. Deshalb wird sowohl ein systemtheoretischen Ansatz herangezogen, der auf der Makroebene untersucht, wie Angst kommuniziert wird, als auch Becks Weltrisikogesellschaft, um zu erklären, wie die Angst, die kommuniziert wird, individuell begründet ist.

Zunächst werden die Merkmale des transnationalen Terrorismus vorgestellt, denn um zu verstehen, warum Terrororganisationen Angst verbreiten, ist es notwendig zu wissen, welche Motive ihr Handeln antreiben, welche Ziele sie damit verfolgen und nach welchen Kriterien sie ihre Strategie aussuchen, um diese Ziele zu erreichen.

Danach werden die Reaktionen der Menschen auf den Terrorismus vorgestellt. Welche Reaktionen erhofft sich der Terrorismus? Wie wichtig für das Erreichen seiner Ziele ist es dabei, dass psychische Schäden bei der Zielgruppe auftreten?

Im dritten Kapitel wird das Phänomen der Angst beschrieben. Es wird erklärt, welche Eigenschaften es für den Terrorismus interessant machen und welche Wirkungen sie entfalten kann. Wie lässt sich erklären, dass Menschen aufgrund von Angst ihr Handeln ändern?

Danach werden die Wirkungen von Angst auf den Terrorismus bezogen, allerdings soll hier eine kurze Skizzierung dieser Beziehung genügen, da im vierten Kapitel die eigentliche Analyse erfolgt.

Unterteilt ist diese in einen systemtheoretischen Teil, in welchem in einem ersten Schritt die kommunikative Gewaltstrategie von Terrororganisationen untersucht wird. Teil dieser Strategie ist die Kommunikation von Angst. Hier soll gezeigt werden, warum erst durch die Kommunikation von Angst Angst beobachtbar und fühlbar für die Menschen wird. Bei der Kommunikation von Angst spielen besonders die Medien eine herausragende Rolle. Durch das Verbreiten von Bildern, Tönen und Videoaufnahmen wird der Terrorismus für die Menschen präsent. Aus diesem Grund soll im Anschluss die symbiotische Beziehung zwischen Medien und Terrororganisationen ebenso diskutiert werden wie die Frage, inwieweit der Terrorismus von den Medien abhängig ist, um Angst zu kommunizieren.

Nachdem gezeigt wurde, dass eine mediale Vermittlung von Angstgefühlen erfolgreich ist, stellt sich die Frage nach den Ursachen für diesen Erfolg.

Um die Auslöser für die individuelle Angst der Menschen zu analysieren, wird eine akteurtheoretische Betrachtung herangezogen. Anhand von zusätzlichen qualitativen Faktoren zum Bemessen von Risiko und anhand von Becks‘ (2008) Definition von Terrorrisiko soll deutlich gemacht werden, warum diese Aspekte für die Menschen von großer Bedeutung sind und inwiefern dieser Zustand ihre Angst verstärkt. Wird Angst nur empfunden, wenn feststeht, dass Terrororganisationen über mehr Macht als ihre Zielgruppe verfügen oder erlangen sie Macht erst durch die Kommunikation von Angst? Diese Frage wird im darauf folgenden Kapitel beantwortet.

Welche Bedeutung Angst für den Erfolg von Terrorismus besitzt, soll exemplarisch an den Terroranschlägen in Madrid und London verdeutlicht werden. Dafür wird jeweils zuerst der Ablauf der Anschläge beschrieben und es wird erklärt inwieweit sich die

Ausgangssituationen der beiden Attentate ähneln.

Im Anschluss werden die Reaktionen auf die Anschläge analysiert. An dem Terroranschlag in Madrid wird analysiert, wie die Regierung und die Medien an die Kommunikation des Terrorismus mit ihrer Rahmung der Ereignisse anschließen und ob sie damit das Handeln der Bevölkerung beeinflussen.

Die Reaktionen in London werden dahingehend untersucht, ob die Menschen nach dem Terroranschlag Angst empfanden und aufgrund dessen ihr Verhalten ändern oder ob sie Strategien entwickeln, um die Angst abzuwehren.

In einem abschließenden Fazit sollen die Ergebnisse zusammengefasst werden, um daraus die Beantwortung der Forschungsfrage abzuleiten. Zudem wird auf sich daraus eröffnende Forschungsfelder eingegangen.

2 TRANSNATIONALER TERRORISMUS

In der Geschichte des modernen Terrorismus sind es vor allem die Einflüsse von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen, die den Terrorismus zwingen seine Form zu ändern. Diese Veränderung reicht vom nationalen über den internationalen bis hin zum transnationalen Terrorismus, der keine Ländergrenzen mehr kennt.1 Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf die modernste Form, den transnationalen Terrorismus und beleuchtet diese von mehreren Seiten. Was charakterisiert diese Form des Terrorismus? Was sind seine handlungsbestimmenden Motive und mit welchen Strategien versucht er, seine Ziele zu erreichen?

Danach wird erläutert, bei wem ein Terroranschlag Reaktionen auslöst und um welche Reaktionen es sich dabei handelt.

2.1 DEFINITION VON TRANSNATIONALEM TERRORISMUS

Terrorismus zu definieren, gestaltet sich aus unterschiedlichen Gründen als schwierig. Zum einen ist dies der Art und Weise zuzuschreiben, wie der Begriff von den Medien verwendet wird. Als Oberbegriff für jede „abscheuliche Gewalttat“ (Hoffman 2006: 21) verwendet, werden die eigentlichen Ziele und Motive des Terrorismus verwischt und dadurch ungenau. Zum anderen ist der Terrorismus nicht auf eine Bedeutung zu reduzieren. Es gibt nicht den einen Terrorismus, sondern viele unterschiedliche Formen, die als unmittelbare Reaktion auf die momentanen politischen und sozialen Gegebenheiten zu sehen sind (vgl. Schneckener 2011: 157).

Weiterhin ist Terrorismus ein deutlich negativ konnotierter Begriff, der fremdbestimmt vergeben wird. Mit ihm verbunden sind mörderische Verbrechen, die gegen jede Moral verstoßen. Aus diesem Grund bezeichnen Terrororganisationen auch niemals sich selbst als Terroristen (vgl. Bock 2009: 14).

Der vielzitierte Satz „Des Einen Terrorist ist des Anderen Freiheitskämpfer.“ spiegelt die Problematik dieser wertenden Definition treffend wieder. Terrororganisationen sehen sich nicht als Verbrecher, sondern schreiben stattdessen dem Staat, der Gesellschaft oder dem kapitalistischen System mörderische Attribute zu (vgl. Hoffman 2006: 43). Der Führer der tschetschenischen Rebellen, Schamil Bassajew, bringt diese Einstellung auf den Punkt: „In Ordnung. Ich bin also ein Terrorist. Aber wie würden Sie die [die Machthaber in Moskau, A.B.] nennen? Wenn dies die Hüter der verfassungsmäßigen Ordnung sind, wenn dies Antiterroristen sind, dann scheiß ich auf alle Vereinbarungen und schöne Worte“ (Richardson 2007: 27f).

Terrorismus lässt sich aus soziologischer Sicht nicht allein dadurch definieren, dass es um verwerfliche Taten geht.

Um was für einen Begriff handelt es sich dann beim Terrorismus? Da Terrorismus immer politisch motiviert ist, immer darauf abzielt, „seine Ansichten durch ein System von auf Zwang beruhenden Einschüchterungen durchzusetzen“ (Hoffman 2006: 43), handelt es sich zweifelsohne um einen politischen Begriff.

Hier klingt schon an, dass Terrorismus außerdem durch das systematische Planen, das zielgerichtete Entwerfen von Strategien charakterisiert ist. Diese zielen nicht nur auf die tatsächliche Gewaltausübung ab, sondern auch auf die bloße Androhung von Gewalt, die unverzichtbar für den gewünschten Effekt ist: das Erschrecken und Einschüchtern einer großen Gruppe, die über unmittelbare Opfer hinausgeht (vgl. Dillinger 2008: 14). Terrorismus wird im Folgenden verstanden als „bewusste Erzeugung und Ausbeutung von Angst durch Gewalt oder die Drohung mit Gewalt zum Zweck der Erreichung politischer Veränderungen […]“ (Hoffman 2006: 80).

Da es in dieser Arbeit speziell um transnationalen Terrorismus geht, der sich deutlich von anderen Formen wie nationalem oder internationalem Terrorismus abhebt, muss diese Definition weiter ergänzt werden.

Der Begriff transnational beschreibt die „grenzüberschreitende[n] Aktivitäten nichtstaatlicher Akteure“ (Schneckener 2006: 49). Sowohl der Aufenthaltsort der Terroristen als auch die unterschiedlichen Angriffsorte sind nicht länger durch Grenzen beschränkt und eröffnen dem Terrorismus dadurch neue Möglichkeiten, die sich in der Wahl ihrer Strategie und auch in den Auswirkungen auf die Regierungen und Bevölkerungen zeigen (vgl. ebd.).

2.2 MOTIVE

Motiv definiert Max Weber als einen Sinnzusammenhang, welcher dem Handelnden selbst oder dem Beobachtenden als sinnhafter Grund eines Verhaltens erscheint (Weber 2010: 8). Um das Handeln des Terrorismus soziologisch untersuchen zu können, reicht es nicht aus, wenn das Verhalten von der Allgemeinheit als eine logische Folge des Motivs angesehen wird, nämlich als sinnhaft adäquat. Es muss außerdem kausal adäquat sein. Das bedeutet, es muss Wahrscheinlichkeitsregeln geben, nach denen „auf einen bestimmten beobachteten Vorgang ein bestimmter anderer Vorgang folgt“ (Weber 2010: 9).

Welche Motive prägen den Terrorismus? Seitdem besonders die transnational agierende Terrororganisation Al-Qaida präsent in den Medien ist und somit auch in den Köpfen der Menschen, werden mit Terrorismus hauptsächlich religiöse, speziell islamistische Motive, verbunden. Die Motive von Terrororganisationen sind allerdings vielschichtig und haben neben religiösen sowohl ideologische als auch politische Hintergründe. Zu Zeiten der RAF wurde in Deutschland Terrorismus hauptsächlich mit Linksradikalismus verbunden (vgl. Dillinger 2008: 39). Terrororganisationen wie die RAF in Deutschland oder auch die ETA in Spanien ist außer ihrer separatistischen Philosophie noch gemein, dass sie nur national agieren.

Wer hingegen grenzüberschreitend handelt, besitzt auch Motive, die über die Grenzen gültig sind.

Die Al-Qaida, religiös motiviert, setzt den Dschihad, „oft als »Heiliger Krieg« bezeichneter, zu den muslimischen Grundpflichten gehörender Kampf der Muslime zur Verteidigung und Verbreitung des Islams[…]“ (Duden 2013) als Motiv für ihre Handlungen. Da sie damit allerdings anstreben, dass der Staat sich an ihre „religiös begründete[n] Konzepte“ (Dillinger 2008: 47) anpasst, sind diese Motive letztendlich auch als politisch zu charakterisieren.

Bedeutend für die Wahl der Strategie sind aber nicht die Unterschiede der einzelnen Motive, sondern ihre Gemeinsamkeiten. Ob ein Terroranschlag rechtsradikal oder islamistisch begründet ist, spielt für die Wahl der Strategie keine Rolle. Wichtig ist nur, dass Terrorismus für alle radikalen Minderheiten die sinnvollste Strategie darstellt, um ihre Ziele zu erreichen (vgl. Dillinger 2008: 46).

Die sinnvollste Strategie ist das Greifen zum Terrorismus als Waffe aus dem Grunde, weil die Terroristen im Auftrag ihrer Organisation als handelnde Akteure zu einer radikalen Minderheit gehören, die in der demokratischen Diskussion sonst keine Erfolgschancen hätten ihre politischen Ziele durchzusetzen (vgl. ebd.).

Auf einen bestimmten beobachtbaren Vorgang, nämlich dass handelnden Akteuren als radikaler Minderheit die militärischen Mittel fehlen, folgt hier ein bestimmter anderer Vorgang: die Akteure wählen den Terrorismus als Strategie. Damit verstanden wird, warum sie sich für diese Strategie entscheiden, muss man das individuelle Verhalten der Akteure auf der Mikroebene erklären. In diesem Fall wägen die Akteure Kosten und Nutzen der Situation ab, handeln demnach zweckrational. Terrorismus kann folglich als rationale Strategie beschrieben werden. Mit wenig Aufwand und geringen Kosten wird viel Wirkung, ein hoher Nutzen, erzielt.2

2.3 STRATEGIE

„Terrorismus erscheint auf den ersten Blick als ein Beweis brutaler Macht, in Wirklichkeit handelt es sich dabei um eine Strategie der Angst, nicht der Stärke“ (Barber 2002: 7).

Terrorismus ist die Waffe derjenigen, die zwar bereit seien, Gewalt anzuwenden, aber dennoch nicht glauben, dass sie einem reinen Machtkampf gewachsen wären (vgl. Fromkin 1977: 93). So beschreibt auch Barber weiter, dass Terror aus Machtlosigkeit, folglich Schwäche, entstehe und eine Jiu-Jitsu Strategie anwende. Diese Art von Strategie sei dadurch gekennzeichnet, dass man nur siege, weil der Gegner verliere. Terrororganisationen wissen demnach um ihre militärische Unterlegenheit und streben deshalb an, dass der mächtigere Gegner sich selbst besiegt (vgl. Barber 2002: 7).

Um dies zu erreichen, vertrauen Terrororganistationen auf psychische Effekte. Ihre Gewaltausübung richtet sich gegen symbolische Ziele oder auch öffentliche Orte wie bei den Terroranschlägen in London und Madrid. Letztere signalisieren der Bevölkerung, dass der Terror jeden treffen kann, da Opfer willkürlich ausgewählt werden (vgl. Schneckener 2006: 22f).

Durch Nichtwissen, welches fehlende Informationen umfasst wie Fragen nach dem Wie, Wann und an welchem Ort der nächste Gewaltakt einschlagen wird, entsteht eine große Unsicherheit. Nichtwissen ist eine der Hauptquellen, aus denen sich Angst speist (vgl. Bergmann 2002: 3). Diese muss von den Terroristen geschürt werden, wenn sie einen langanhaltenden Angstzustand des Volkes anzielen. Ihre Strategien müssen aus diesem Grund innovativ sein. Denn nur wenn ihre Anschläge unerwartet sind, sind sie erfolgreich. Des Weiteren ist Innovation von großer Notwendigkeit, weil die Terroristen einem ständigen Verfolgungsdruck ausgesetzt sind (vgl. Schneckener 2006: 26).

Auch wenn man Terrorismus unter dem Handlungsprinzip „Provokation“ betrachtet, sind die Voraussetzungen ähnlich. Eine Provokation ist nach Paris (1989) „ein absichtlich herbeigeführte[r], überraschender Normbruch, der den anderen in einen offenen Konflikt hineinziehen und zu einer Reaktion veranlassen soll […]“ (Paris 1989, zitiert nach: Waldmann 1998: 33). Diese Reaktion soll den anderen als bösartig entlarven, wohingegen der Provokateur als tugendhaft und gerecht wirkt.

Der Nachteil der terroristischen Gewaltstrategie besteht darin, dass sie die Macht über das Erreichen ihrer Ziele nach dem Gewaltakt aus der Hand geben. Sie können die Reaktionen nicht mehr unmittelbar beeinflussen (vgl. Schneckener 2006: 38). Um diese Machtlosigkeit zu reduzieren und abzuschwächen, haben sie die Möglichkeit, die Medien für propagandistische Zwecke zur Verwirklichung ihrer Ziele nutzen. Dies wird im Zuge der symbiotischen Beziehung von Terror und Medien näher erläutert.

2.4 ZIELE

„ Der Terrorist ist wie ein Zauberer, der durch Tricks sein Publikum so täuscht, daß es seine rechte Hand beobachtet, während die linke unbemerkt den notwendigen Handgriff ausführt“ (Fromkin 1977: 95).

Dass ein Terroranschlag Menschenopfer fordert, ist in jedem Fall Sinn des Anschlags, aber nur ein notwendiges Mittel zum Zweck. Eigentliches Ziel ist die Verbreitung von Angst und Schrecken bei der restlichen Bevölkerung (vgl. Dillinger 2008: 15). Dadurch, dass die Bevölkerung in einen Angstzustand versetzt wird und um sein Leben bangt, ist der Staat gezwungen darauf zu reagieren. Denn die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten, ist eines der obersten Prinzipien des Staates. Im Idealfall wird die Unfähigkeit des Staates deutlich, der sein wahres Gesicht zeigt und sich durch die eigene Gewaltausübung zum wirklichen Feind deklariert (vgl. Waldmann 1998: 32). Selbst wenn die Opferzahlen der aktuellen Terroranschläge steigen, handelt es sich immer noch um eine begrenzte Zahl von Opfern. Wenn die Verbreitung von Angst das eigentliche Ziel ist, sind die tatsächlichen Opfer nicht die Zielgruppe, sondern die Überlebenden. Zwischen beiden muss differenziert werden. Letztere werden nach Vorstellungen der Terrororganisationen manipuliert (vgl. ebd.: 30).

Sind diese Zielvorstellungen in Terrororganisationen einheitlich? Mitnichten. Richardson nimmt eine Aufteilung der Ziele in kurz- und langfristige Ziele vor. Der kurzfristigen, leichter erreichbaren Anreize nehmen sich die Anhänger einer Terrororganisation an, wohingegen die Führungsspitze eher die langfristigen politischen Erfolge vor Augen hat (vgl. Richardson 2007: 118).

Diese Unterscheidung ist wesentlich. Zwar ist das Ziel, einen immensen politischen Wandel zu erreichen, ein ursächliches, aber über die Schwierigkeiten und Hindernisse, dieses Ziel zu erreichen, sind sich die Organisationen im Klaren. Ebenso sind es die Bevölkerung und die Opfer, die in Terrorismus nur Sinnlosigkeit und Irrationalität sehen, der seine Ziele nicht erreicht und unschuldige Opfer fordert. Hier setzen die sekundären Ziele ein und bei genauerer Untersuchung wird deutlich, dass diese eine sehr viel höhere „Erfolgsquote“ zu verzeichnen haben und unverzichtbar für die Existenz der Terrororganisationen sind. Im Folgenden werden die sekundären Ziele nur kurz benannt, da vor allem ihre Ergebnisse von Bedeutung sind. Es handelt sich bei diesen Zielen, die sich gegen den Feind richten, um Rache, das Herstellen von Öffentlichkeit und Reaktion. Hier werden aus der Terrororganisation die Ziele nach außen projiziert. Zu den weiteren Zielen gehört außerdem, die eigene Gruppe zu stärken. „Man kann bestimmte Aktionen beschließen, um die Loyalität zu testen, […] Neueinsteiger zu initiieren oder die Leistungsfähigkeit eines bestimmten Anführers […] zu demonstrieren“ (Richardson 2007: 116). Gleichzeitig ist es aber auch Ziel, von bestimmten Schichten umworben zu werden. Zum einen um Nachfolger zu werben, zum anderen aber auch, um ökonomische Unterstützung zu sichern (vgl. Dillinger 2008: 74f).

Das besondere an der Strategie des Terrorismus ist, dass Terrororganisationen ihre Ziele nicht durch Handlungen, wie Terroranschläge, erzielen, sondern durch die Reaktionen darauf. Bedingt dadurch sind keine physischen Schäden das Ziel, zumindest nicht vorrangig, sondern psychische Schäden (vgl. Fromkin 1977: 93).

2.5 REAKTIONEN

„Unabhängig von ihren letztendlichen Zielen sind Terroristen allesamt handlungsorientierte Menschen, die in handlungsorientierten Gruppen operieren“ (Richardson 2007: 138). Durch ihre Aktionen kommunizieren sie mit der Umwelt und beweisen so ihre Stärke und Existenz (vgl. ebd.). Ihr Handeln soll Reaktionen nach sich ziehen, die eher in ihrem Interesse sind als in dem der Opfer (vgl. ebd.: 141). Im Folgenden soll in einem ersten Schritt gezeigt werden, auf welche direkten und sichtbaren Reaktionen der moderne transnationale Terrorismus der Al-Qaida spekuliert. In einem zweiten Schritt wird der Frage nachgegangen, ob es möglich ist, dem Terrorismus durch das Verweigern der gewünschten Reaktion den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Eine direkte Reaktion auf einen verübten Terroranschlag erwarten die Terroristen von den in einen Schockzustand versetzten Menschen. Es wurde gezeigt, dass psychische Effekte das eigentliche Ziel der Terroristen sind. Dieser Umstand gewinnt bei der Beschreibung der Reaktion nochmals an Bedeutung. Psychische Schäden werden dann am effizientesten erreicht, wenn die Schwachstelle des Gegners getroffen wird. Im Kampf gegen den Kapitalismus erzielt ein direkter Angriff auf die psychische Infrastruktur den gewünschten Effekt (vgl. Münkler 2006: 226). Ausgelöst durch ihre Angst und ein ständiges Gefühl der Bedrohung kommt es zu tiefgreifenden Verhaltensänderungen der Menschen (vgl. ebd.). Wie sehen diese Verhaltensänderungen aus? Welche Reaktionen, aus Angst motiviert, greifen die Infrastruktur an?

Dies lässt sich an einem Beispiel erläutern: Falls nach einem Anschlag auf den Nahverkehr, wie 2005 in London geschehen, die Menschen auf öffentliche Verkehrsmittel verzichteten, würde der Pendlerverkehr unterbrochen. Dieser Eingriff führte zwangsläufig zum Zusammenbruch des wirtschaftlichen Lebens dieser weltweiten Metropole (vgl. Münkler 2006: 227). Auch das Ausbleiben von Touristenströmen nach einem Bombenanschlag auf der Ferieninsel Djerba oder die erhebliche Verlangsamung des Flugverkehrs nach dem 11.

[...]


1 Behandelt wird hier nur der transnationale Terrorismus. Zu den anderen Formen von Terrorismus genauer Hoffmann (2006).

2 Zur Frage der Mittelrationalität des terroristischen Kalküls ausführlicher Witte (2007: 18ff).

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Die Angst des Terrors. Ist die Verbreitung von Angst notwendig für die Ziele des transnationalen Terrorismus?
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Soziologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
37
Katalognummer
V311447
ISBN (eBook)
9783668101050
ISBN (Buch)
9783668101067
Dateigröße
848 KB
Sprache
Deutsch
Arbeit zitieren
Maren Fröhling (Autor), 2013, Die Angst des Terrors. Ist die Verbreitung von Angst notwendig für die Ziele des transnationalen Terrorismus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311447

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