Konstruktionen in der Flüchtlingsdiskussion. Eine postkoloniale Analyse der deutschen Politik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

20 Seiten, Note: 1.3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einführung
1.1 Die ablehnende Haltung gegenüber Flüchtlingen
1.2 Aufbau und Ziel der Arbeit

2 Überblick über die Theorien des Postkolonialismus
2.1 Ursprünge und Entwicklung
2.1.1 Ferdinand de Saussure, Jacques Derrida und Michel Foucault
2.1.2 Edward Said, Gayatri Spivak und Homi Bhabha
2.1.3 Der Postkolonialismus?
2.2 Postkoloniale Geographien

3 Analyse der Flüchtlingsdiskussion
3.1 Weltweite, europäische und deutsche Zahlen zu Flüchtlingen
3.2 Sicht einer postkolonialen Geographie
3.2.1 Konstruktion der Herkunftsländer
3.2.2 Konstruktion der Flüchtlinge
3.2.3 Konstruktion der Leistungen Deutschlands

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Flüchtlinge und Asylanträge in Europa 11

Abb. 2: Asylanträge und positive Beschlüsse in Deutschland 11

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einführung

1.1 Die ablehnende Haltung gegenüber Flüchtlingen

Hunderte Menschen treiben in einem überladenen Schiff auf dem Meer, getrieben von den Zuständen in ihren Heimatländern suchen sie das Heil in der Flucht. Doch es herrschen unmenschliche Bedingungen an Bord, es gibt nicht genug zu essen und zu trinken, Kämpfe brechen aus, Menschen sterben. Schließlich endet diese Reise nicht an einem Ufer, das sie erreicht hätten, nicht aufgenommen von der Marine der Staaten, in die sie flüchten wollten, sondern auf Booten von Fischern, die sie von ihrem kenterndem Schiff gerettet hatten (vgl. BBC 2015). Auch wenn diese Geschichte sehr an Geschehnisse im Mittelmeer erinnert, so muss man sie doch anders verorten. Es handelt sich nämlich um die muslimischen Rohingyas, die in ihrer Heimat Myanmar „nicht als Staatsbürger anerkannt sind und die Verfolgung fürchten müssen“ (ebd., eigene Übersetzung). Hoffnung auf Aufnahme stellt sich bei den Flüchtlingen wohl nicht ein, als sie von der thailändischen Marine abgewiesen und erst später von indonesischen Fischern aufgenommen werden (vgl. ebd.).

Diese Bilder der Ablehnung werden global in der Politik produziert, man denke an die australische Kampagne mit der „Operation Sovereign Borders“, in der ein kompromissloser Schutz der Grenzen vor illegal Einreisenden propagiert wird, oder Donald Trump, der einen Mauerbau an der Grenze zu Mexiko fordert (Australian Government 2015 und Augsburger Allgemeine Online 2015). Obgleich der letzteren Aussage angesichts der Umstände des Präsidentenwahlkampfes in den USA letztendlich eher wenig Realisierbarkeit angemessen werden kann, bleibt doch die Botschaft: Flüchtlinge werden ungeachtet aller Umstände ihrer Flucht als eine geschlossene Gemeinschaft abgewiesen.

Die Kritik, dass die Europäische Union mit der von der Organisation Frontex gestarteten Operation „Triton“ dieses Bild ebenfalls produziere und Opferzahlen ansteigen würden, wird seitens regierungsunabhängiger Organisationen geäußert (vgl. Amnesty International 2014 und Pro Asyl 2014). Die Bilder, die insgesamt von Flüchtlingen konstruiert werden, stehen dabei eher im Abseits, obwohl es doch sehr große Unterschiede gibt zwischen NGOs, Regierungen sowie Presse, und je nach Interessenlage oder politischer Motivation stehen die Konstruktionen sich innerhalb dieser ebenfalls konträr gegenüber. Für eine Untersuchung dieser Produktionen eignet sich der Blick durch eine postkoloniale Brille.

1.2 Aufbau und Ziel der Arbeit

Um eine Untersuchung durchzuführen, ist zuerst die Erarbeitung der theoretischen Grundlagen notwendig, außerdem liegt dieser Teil im Kontext des Seminars. Mit den gewonnenen Erkenntnissen wird sich dann dem Sachverhalt der Konstruktionen genähert und diese systematisch analysiert. Ziel der Arbeit ist es, die postkolonialen Theorien in ihrer Bandbreite möglichst gut abzubilden und ausgehend davon schlaglichthaft verschiedene Konstruktionen der deutschen Politik in der Flüchtlingsthematik herauszuarbeiten und zu hinterfragen.

2 Überblick über die Theorien des Postkolonialismus

Da sich die Theorien des Postkolonialismus oder Postcolonial Studies inter- und intradisziplinär über ein weites Feld erstrecken, wird im Folgenden erläutert, welche Aspekte für die Analyse dienlich sind. Vorausgehend ist der Ursprungs- und Entwicklungskontext aufgeführt, um das notwendige Fundament, auf dem die postkolonialen Theorien auch in der Geographie aufbauen, ersichtlich zu machen.

2.1 Ursprünge und Entwicklung

2.1.1 Ferdinand de Saussure, Jacques Derrida und Michel Foucault

Obwohl Ferdinand de Saussure wohl keine Entwicklung hin zu einem Postkolonialismus geplant hatte, steht er mit seinem Konzept der Sprache als Zeichensystem in der beginnenden zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts am Anfang dieser. Seine Darstellung von Zeichen entweder als Signifikant (Bezeichnendes) oder Signifikat (Bezeichnetes) und die Behauptung, dass ein Bedeutungsgewinn nur durch die Differenz dieser beiden stattfinden kann, erweitert das Verständnis nicht nur in den Sprachwissenschaften (vgl. Moebius 2009: 420 f.). Sprache, langue, als konstruiert wahrzunehmen eröffnete den linguistic turn.

Jacques Derrida führt die Gedanken Saussures fort und stellt die These auf, dass nichts eine feste Bedeutungszuschreibung hat, im Gegenteil: es finden andauernde Bedeutungsveränderungen statt, das „freie Flottieren der Signifikanten“ (Lossau 2002: 35). In seiner poststrukturalistischen Ansatzweise beschreitet Derrida dekonstruktivistische Wege, indem er beispielsweise Texte westlicher Autoren kritisch analysiert (vgl. Anger-müller und Bellina 2012). In dieser Praxis liegt das Augenmerk auf dem Aufzeigen von aus dem Text Ausgeschlossenem und die für die Postcolonial Studies so auszeichnende Anzweiflung von selbsterklärenden Bedeutungen, wie bei den Begriffspaaren „Nord-Süd“ oder „entwickelt-unterentwickelt“ (Reuter und Villa 2010: 16).

Ebenfalls aus einer poststrukturalistischen Perspektive heraus ist Michel Foucault mit seinem Diskursbegriff ein weiterer zentraler Gedankengeber. Dabei werden nicht nur wie bei Derrida textuelle Bedeutungsproduktionen dekonstruiert, sondern die gesamte „Wirklichkeit“ als Produkt verschiedener Prozesse dargestellt; zu diesen zählen insbesondere die Diskurse, die nach Foucault die Macht haben, neue Wirklichkeiten zu erschaffen (Moebius 2009: 430 f.). Auch wenn die Ursprünge der Macht dieser Diskurse noch relativ abstrakt bleiben, stehen diskursive Praktiken ebenfalls im postkolonialen Untersuchungsinteresse (vgl. Frank 2012: 47).

2.1.2 Edward Said, Gayatri Spivak und Homi Bhabha

Edward Said nimmt in seinem Werk ‚Orientalism‘, dem „Gründungsdokument postkolonialer Theorie“, Foucaults Diskurstheorie auf und dekonstruiert die „Orient-Re-Präsentation“ (Castro und Dhawan 2015: 96 und Schmitz 2012: 109). Etwa zehn Jahre nach Saussures wegweisenden Veröffentlichungen gelingt ihm mit seiner Darstellung des Orients als gewollt unterwerfendes Konstrukt der westlichen Welt das Vertrauen in tradierte Weltbilder zu erschüttern (vgl. Castro und Dhawan 2015: 96 f.). Said macht deutlich, dass die Europäer den Okzident als weiße und rationale Gemeinschaft inszenieren, indem der Orient für dunkelhäutige Bewohner steht und mystifiziert wird. Dieses „Othering“ sollte damit den Herrschaftsanspruch des Westens legitimieren (Ziai 2010: 403). Wirklichkeiten existieren deshalb für ihn genau sowenig wie für Foucault, stattdessen wird eine „ imaginative Wirklichkeit “ (re-)produziert (Lossau 2002: 76). Obwohl er mit diesen Thesen Kritik aus unterschiedlichsten Richtungen erhielt, stellen jene einen unbestreitbaren Erkenntnisgewinn dar (vgl. Schmitz 2012: 114 f.).

Gayatri Spivak und Homi Bhabha gelten als weitere zentrale Einflussgeber der postkolonialen Theorien und erweitern diese um unterschiedliche Aspekte (vgl. Franzki und Aikins 2010: 14). Spivaks Schriften in den 1980er- und 1990er-Jahren setzen unter anderem einen neuen Schwerpunkt: die marxistisch-feministische Dekonstruktion (vgl. Castro und Dhawan 2015). Ähnlich wie Said stellt sie einerseits dem Westen andere Länder gegenüber, in ihrem Fall oftmals aus der sogenannten Dritten Welt, andererseits behandelt sie auch Gegensätze innerhalb der letzteren (vgl. Nandi 2012: 121). Im Werk ‚Can the Subaltern Speak‘ setzt sie einer (post-)kolonialen politischen Bevormundung ein zwar möglicherweise gegen jene sprechendes, aber nicht erhörtes subalternes Subjekt entgegen (vgl. ebd. 2012: 123 f.). Insbesondere Spivaks „sexed subaltern subject“, die wirtschaftlich benachteiligte und sozial unterdrückte Frau im Imperialismus, symbolisiert das und legt damit als eine der ersten postkolonialen Autorinnen und Autoren das Interesse auf geschlechtsspezifische Fragestellungen (Castro und Dhawan 2015: 163).

Bhabha versucht dagegen das „binäre Oppositionssystem“ bei Said und Spivak weiterzuentwickeln, indem er beispielsweise den westlichen Diskursen unterstellt, dass sie den Orient nicht allein als negativ, sondern gewisse Aspekte als bewundernswert darstellen (Castro und Dhawan 2015: 223). Diese Ambivalenz eröffnet den Blick auf eine Eigendynamik dieser anderen Kulturen, statt dass sie nur als vom Westen beeinflusst betrachtet werden (vgl. Sieber 2012: 98). Außerdem sind die Kulturen selbst keineswegs homogen, sondern von Hybriditätsprozessen geprägt (vgl. Castro und Dhawan 2015: 250). Diese Hybridität in und zwischen Kulturen stellt für Bhabha erst den „third space of enunciation“ dar, der in keinem binärem System verortet ist und Bedeutungen produziert (Sieber 2012: 103). Letztlich beschränkt er sich nicht nur auf die Analyse dieser Diskurse, sondern untersucht den Bezug dieser zu „materiellen Praktiken“ (Ziai 2010: 405).

Natürlich wird mit diesen kurzen Einblicken in zentrale Aussagen bestimmter Autoren nur ein Ausschnitt in die vielfältige Welt der Postcolonial Studies gewährt, außen vor gelassen wurde vorerst unter anderem Stuart Hall, der sich beispielsweise mit Subjekts- und Identitätsfragen beschäftigt und die Konzeption der Nationen als vorgestellte Gemeinschaften vorstellt: ein staatlicher Versuch trotz Hybridität eine Nationalkultur zu erschaffen (1992: 201 ff.). Auch andere große Denker haben Grundlagen für die Erkenntnisse der genannten Autoren geliefert, zum Beispiel Sigmund Freud, Karl Marx, Claude Lévi-Strauss oder Jean-Paul Sartre (vgl. Lossau 2002). Ebenso stehen die vorgestellten Autoren für mehr als nur die aufgeführten Konzepte, allerdings muss ein Einschnitt stattfinden, damit die Arbeit im Rahmen ihrer Möglichkeiten bleibt, auch im Hinblick auf die Kritik, von der natürlich die postkolonialen Theorien nicht ausgeschlossen sind, so beispielsweise der Vorwurf, in „antiimperialistische Weltbilder“ zurückzufallen (Wolter 2003: 38). Trotzdem sollte hiermit ein Überblick über die Grundlagen postkolonialer Konzepte gegeben sein, auf die im weiteren Verlauf der Arbeit zurückgegriffen wird.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Konstruktionen in der Flüchtlingsdiskussion. Eine postkoloniale Analyse der deutschen Politik
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Geographie)
Note
1.3
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V311742
ISBN (eBook)
9783668105096
ISBN (Buch)
9783668105102
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Flüchtlinge, Flüchtlingsdiskussion, Postkolonialismus, postkoloniale Theorie, Bhaba, Spivak, Said, Foucault, Derrida, Saussure, postcolonial, postkoloniale Geographie, Lossau, Europa, Flüchtlingsproblematik, Flüchtling, Flüchtlingsströme, postcolonial Studies
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Konstruktionen in der Flüchtlingsdiskussion. Eine postkoloniale Analyse der deutschen Politik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311742

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