Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch im Spannungsfeld von Oralität und Literalität


Magisterarbeit, 1995
83 Seiten, Note: 1

Leseprobe

GLIEDERUNG

Einleitung

I. Theorien zu Oralität und Literalität

II. Autor, Werk, Zeit
II.1 Zum Begriff „barock"
II.2 Biographische Angaben
II.3 Andere Werke des Autors
II.4 Rezeptionsphasen

III. Stationen der Literalisierung: der Beginn
III.1 Der Lautenmeister
III.1.1 Synästhesie
III.1.2 Musik
III.1.3 Dialektik des Leibes
III.2 Der Erwerb der Techniken
III.2.1 Lesen 26
III.2.2 Exkurs: Verortung des Laienlesers

IV. Technologisierung des Denkens
IV.1 Der Maßstab des Seins
IV.1.1 Vergleich
IV.1.2 Verbesserung
IV.1.3 Angleichung
IV.1.4 Verstummen
IV.2 Die Brutalität des Wettbewerbs
IV.2.1 Künste und Kanonen
IV.2.2 Vertierung der Sprache
IV.3 Der teutsche Sprach-Held
IV.3.1 Exkurs: Zur Entstehung der Sprach-Norm „Teutsch"
IV.4 Studium
IV.4.1 Verbildung
IV.4.2 Kritik der Unbildung
IV.2.4 Argumentation
IV.5 Magie und Verschwörung
IV.5.1 Der verschriftete Volksglaube
IV.5.2 Schrift-Stück-Magie
IV.5.3 Ratio Status
IV.5.4 Rausch
IV.5.5 Anästhesie
IV.6 Ökonomie unter Druck
IV.6.1 Die Profitschreiber
IV.6.2 Die Profitschriften

V. Das neue Sprachbewusstsein
V.1 Sprechen lehrt imitieren
V.1.1 Schreiben lehrt plagiieren
V.1.2 Die stumme Welt des Romans
V.1.3 Resonanz
V.2 Kritischer Lektor
V.3 Identität und Spaltung
V.3.1 Suggestibilität
V.3.2 Spaltung in Subjekt und Objekt
V.3.3 Das Verschwinden des Subjektes
V.3.4 Das Verlangen nach Identität
V.4 Inkonsequenz als Widerstand
V.4.1 Bekenntnisdruck

VI. Das Pfingsten des Teutschen Michel
VI.1 Tadel der Sprachverderber
VI.2 Sprache ist ein Wunder des Hörens
VI.3 Exkurs: Umdeutung des Pfingstwunders
VI.4 Eintauchen ins Wunder
VI.5 Unsichtbarkeitspostulat

VII. Genus: Sabina und Hans

VIII. Die Büchse der Pandora - Verschriftlichung total 57
VIII.1 Das Bedürfnis des Heiligen Antonius

IX. Die Continuatio als Lese-Anweisung
IX.1 Hektik der Herstellung
IX.2 Satire
IX.3 Vom Finden der Kerne als Ziel allen Lesens
IX.3.1 Die Metamorphosen des inneren Ringens
IX.3.2 Die Illusion der narrativen Kommunikationssituation
IX.3.3 Die Traum-Wirklichkeit 65
IX.3.4 Die Unbeständigkeit des Baldanders
IX.3.5 Der betrogene Leser
IX.3.6 Die Kontraktionen des Schreibers
IX.3.7 Die Reue des Schriftstellers
IX.3.8 Metanoia

X.Summa Summarum
X.1 Wer ist Leser?
X.1.1 Wie ist der Leser?
X.2 Der Schreiber ist Leser 70
X.2.1 Sprechweise: Formulaische Fiktion
X.2.2 Perzeption
X.2.3 Werte
X.2.4 Wissensvermittlung
X.2.5 Magie und Wissenschaft
X.2.6 Individuation
X.2.7 Abwesenheit des Gesprächspartners
X.2.8 Seinsmöglichkeiten
X.2.9 Spaltung und Identität
X.2.10 Suggestibilität
X.2.11 Symbolic fallout
X.2.12 Anästhesie
X.2.13 Anpassung der Wirklichkeit
X.2.14 Verschriftlichung
X.2.15 Innen und außen
X.2.16 Genus
X.2.17 Popularisierung des Wissens
X.3 Was kann der Leser nicht?
X.4 Der Literaturwissenschaftler ist Leser

XI. Nachbemerkung

Literaturverzeichnis

EINLEITUNG

Es gibt wohl kaum ein deutlicheres Zeichen für die selbstgewisse Grundeinstellung der zeitgenössischen Erforschung von Literatur und ihrer Geschichte, als die Tatsache, dass diese Geschichte zwar als Epochen- und Gattungsgeschichte eingehend untersucht wurde, dass aber eine Erforschung der der Literatur eigentüm­lichsten Bedingungen fehlt. Zu diesen Bedingungen zähle ich sowohl die Gegenstände des Ge­brauchs, die für die literarische Produktion unablässig sind, als auch jenen mentalen Raum, der durch die von diesen Dingen evozierten Vorstellungen und Arten des Gebrauchs erst hergestellt wird. Die Forschungsergebnisse der Autoren, auf die ich mich im ersten Teil dieser Arbeit beziehe, haben darauf aufmerksam gemacht, in die literaturwissenschaftliche Forschung bisher aber kaum Einlass gefunden. Den Simplicissimus im Spannungsfeld von Oralität und Literalität zu interpretieren, verlangt also, den anfäng­lichen, nicht allzu zaghaften Versuch zu wagen

1. einen Beitrag zur Bestimmung dieses Verhältnisses in deutschsprachigen Ländern des 17. Jahrhunderts zu leisten, indem wir der Literatur selbst Vorstellungen darüber abzugewinnen suchen, wie sich ein solcher Prozess konkret ausgewirkt hat;
2. den Nachweis des Vorhandenseins dieser Thematik zu führen und der Grimmelshausen-Forschung - wie auch der Erforschung von Literatur überhaupt - neue Denkimpulse zu geben.

Die Geisteswissenschaft hat es im Gegensatz zur Naturwissenschaft und anderen Disziplinen nicht mit "verifizierbaren Fakten" zu tun; sie bleibt hypothetisch, wo die Schlüssigkeit eines Gedankenganges als Beweis allein keine Anerkennung findet. Doch Literaturkritik, "die Literatur selbst insgeheim verabscheut und statt dessen Jagd auf objektive und verifizierbare Kriterien poetischer Exegese macht", behandelt wie Steiner erkannte, Fragen, die der Wirkungsweise von Literatur "hoffnungslos fremd" gegenüberstehen.1

Mit diesem langen Vorspann ist schon viel gesagt. Ich werde in dieser Arbeit versuchen, eine These schlüssig darzulegen, die ich mittels der Methode wechselseitiger Erhellung und der Amplifikation ausführen will. Diese These lautet: der „ Simplicissimus" ist ein Buch, in dem der Werdegang eines jungen Mannes vom literarisierten Laien, zum Sprachverderber geschildert wird. Verfolgt man den Gedanken konsequent, so lässt sich der gesamte Roman als Analogie auf den sog. Prozess der Literalisierung bzw. Verschriftlichung lesen. Der Simplicio stellt darin als allegorische Figur die Sprache dar, die schließlich in ein Schriftstück - eben den Roman ­- verwandelt wird.

Unter dem Begriff „Verschriftlichung" werden hier all jene Aspekte der Schriftgeschichte zusammengefasst, die seit dem späten Mittelalter dazu führten, dass das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaften in Europa neu strukturiert wurde. Unter „Laienliteralisierung" verstehe ich den Versuch, Nicht-Gelehrte mit den Prinzipien des Lesens und Schreibens und vor allem Recht-Schreibens bekannt zu machen. Verschriftlichung stellt das ursächliche Moment für diesen Prozess dar.

Beide Begriffe schließen sich in dem der "Alphabetisierung" zusammen. Der Begriff impliziert die Ausbreitung von Vorstellun­gen und Verhaltensweisen, deren Fundament eine Anpassung der Sinnesorgane an die "Logik" der linearen Buchstabenschrift und ihrer Folgetechnologien bildet. Tätigkeiten wie "sehen" oder "hören" wurden im Verlauf dieses Prozesses weitgehend umgedeutet, so dass neue Interpretationsmuster für die Wirklich­keit erforderlich wurden. Belesenheit, Abdruck des Ich, Alphabetisierung des Denkens, Aufteilung der Welt in Sprachgemeinschaften, illiterate und literalisierte Wahrnehmung - das alles sind moderne Begriffe, doch sind die Thematiken, für die sie stehen, dem Roman, den ich hier interpretieren will, so inhärent, wie sie das Thema des Gelehrten im 17. Jahrhundert überhaupt darstellen. Wozu also der Nachweis?

Mit Walzel bin ich der Ansicht, dass der "Stoff" eines der zufäl­ligsten Elemente des Kunstwerkes ist:

"...ganz selbstverständlich ist zunächst zwischen dem Schaffen eines Dichters einerseits und seiner Gedankenwelt; den Lebens­fragen, die er lösen möchte, und den Formen, in denen seine Kunst sich auslebt, andererseits ein weit engerer Zusammenhang als zwischen seinem Schaffen und dem Stoff, den er wählt."2 Wer also „Stoffgeschichte" betreibt, wird solange in der Tauto­logie stecken bleiben, wie er nicht das Besondere, Individuelle des Zeitalters oder des Autoren, dem er seine Aufmerksamkeit zuwendet, erhellen kann. Was ist in diesem Falle das Besondere?

Das 17. Jahrhundert ist die Zeit der wüsten Fouragierer, der Schatzgräber, Magier, Astrologen und Alchimisten. An jeder Ecke meint man dem "ewigen Juden" oder dem Teufel begegnen zu können; wem diese derbe Zurichtung der "natürlichen Geister" nicht behagt, dem begegnen stattdessen Dämonen oder Eumeniden. Es ist schwierig, sich das Alltagsleben in solch einer Zeit vorzustellen - man neigt vielleicht zu sehr dazu, das Bild eines ständigen bunt-bizarren Treibens, eines wirren Jahrmarktes kuriosester Gestalten und Halunken zu entwerfen, aus dem dann endlich befreiend und ordnend die Aufklärung entspross. Doch das, was auf den Leser des 20. Jahrhunderts abstoßend oder befremdend wirkt, wird zum Dauer-Szenario wohl vor allem durch die gebündelte Aufmerksamkeit, die er diesen Erscheinungen zuteil werden lässt. Was den "Simplicissimus" betrifft, hat die Grimmels­hausen-Forschung ein herrliches Kompendium geschaffen, aus dem der Leser alles entnehmen kann, was er für ein ernsthaftes Stu­dium des zeitgeschichtlichen Hintergrundes des Romans bedarf. Fast alles. Denn erstaunlicherweise taucht das Thema, das wir hier behandeln wollen, allenfalls als Nebenpunkt oder "Unterströmung" einmal auf. Insofern muss hier zwangsläufig zunächst "Stoffgeschichte" betrie­ben werden; sollte der Nachweis gelingen, wird aber der "Stoff" allein schon über sich hinausweisen.

Methode

Meine Analyse wird nach der Methode der wechselseitigen Erhel­lung und der Amplifikation durchgeführt, das heißt ich werde den Roman unter dem genannten Aspekt interpretieren und in einen zeitgeschichtlichen Zusammenhang stellen. Die Bewegung ist also eine "trialektische".

Unter Punkt II wird ein Überblick über die Theorien zur Erforschung von Oralität und Literalität gegeben, damit der Leser die Bandbreite der Problematik nachvollziehen und die Bedeutung der in der Analyse gewonnenen Erkenntnisse verstehen kann.

Im dritten Abschnitt werden ein Überblick über andere Werke des Autors, die Rezeptionsphasen des Simplicissimus, Biogra­phisches und Zeitgeschichtliches den Hintergrund erhellen, vor dem ich das Werk interpretieren will. Erst nachdem wir uns dergestalt gewappnet haben, wenden wir uns der Interpretation zu. In dieser werden die vorab theoretisch dargelegten Aspekte - soweit sie sich im Roman finden lassen - dann mit den Schilderungen Grimmelshausens "synthetisiert", d.h. ihr Vorkommen im Werk dargestellt und interpretiert.

Literatur ist der Bereich, in dem Theorie und Individualität verknüpft werden. Literatur ist Fiktion, die die "Wirklichkeit so zu organisieren vermag, dass diese mitteilbar wird, weshalb sie das von ihr organisierte selbst nicht sein kann".3 Ich versuche daher nicht, dem Simplicissimus mit Fragen über seinen "Wahrheitsgehalt" zu begegnen. Ich suche die Schnitt­punkte, an denen sich objektive Theorie und subjektive Darstellung berühren. Wissenschaftliche Theoriebildung muss zwangsläufig immer vom Einzelnen absehen, erlaubt keine Aussagen über das Individuelle. Literatur dagegen lässt sich zwar wissenschaftlich "behandeln", bleibt von der Aussageweise her aber immer "subjektiv". Es bleibt dem Leser überlassen, den Aussagen inhaltlich zuzustimmen oder sie zu negieren. Mir geht es nur darum, den Stoff der Laienliteralisierung, den ich im Werk erkenne, vor ihm auszubreiten und somit ein bisher vernachlässigtes Motiv, das den Simplicissimus sowohl inhaltlich als auch formal bestimmt, erstmalig aufzuschließen.

Meine Arbeit ist ein "Zwitterwesen", das heißt sie gehört zwei Forschungsbereichen an. Insofern können von den Ergebnissen her Fragen in verschiedene Richtungen weitergeführt werden. Ich verzichte in der Zusammenfassung darauf, alles, was beschrieben wurde, noch einmal "auf den Punkt" zu bringen und versuche stattdessen, Antwort auf jene Frage zu finden, die beide Forschungsbereiche verbindet:

Wer ist der Leser des Simplicissimus?

Hinweis zu den Zitaten: Dort wo Textpassagen aus dem "Simplicissimus" zitiert werden, wird dem Leser das Auffinden derselbigen durch die direkte Angabe der Seitenzahl erleichtert. In der Regel wird die im Verzeichnis genannte Ausgabe von 1983 benutzt; nur an zwei Stellen, an denen der genaue Wortlaut von entscheidender Bedeutung ist, erscheinen zwei Seitenangaben in der Klammer: hier wird an zweiter Stelle noch die Ausgabe von 1880 (Nachdruck der E1-Ausgabe) hinzugezogen.

Die Bezeichnung "Simplicissimus" wird gewählt, wo vom Roman, die Bezeichnung "Simplicio", wo vom Ich-Erzähler die Rede ist. In beiden Fällen wird auf die Setzung von Anführungszeichen verzichtet; da der Wortlaut und auch die Verwendung der Pronomen für das Verständnis von Bedeutung sein können, werden die Zitate nicht dem logischen Satzbauplan eingepasst, sondern schlichtweg übernommen.

I. THEORIEN ZUR ERFORSCHUNG VON ORALITÄT UND LITERALITÄT

Im Folgenden soll ein Überblick über die Geschichte der Erfor­schung von Oralität und Literalität in diesem Jahrhundert gegeben werden. Dargestellt werden Forschungsinhalte, Fragen, spezielle Problematiken, die von den "Pionieren" auf diesem Gebiet thematisiert wurden.

MILMAN PARRY stellte in seiner Doktorarbeit über das Homerische Epitheton im Jahre 1926 eine für die Erforschung von Oralität und Literalität Wegbereitende These auf: Parry erkannte, dass der Übergang von einer mündlichen Tradierung zur schriftlichen Überlieferung im archaischen Griechenland einen epistemologischen Bruch darstellte, der es dem modernen, an die Schrift gewöhnten Menschen nahezu unmöglich macht, den "Kontext", innerhalb dessen der illiterate Poet seine Lieder und Phrasen formulierte, nach­zuvollziehen. Um die Homerische Dichtkunst genauer beschreiben zu können, führte Parry den Begriff der "formulary diction" ein4, womit er eine Sprechweise kennzeichnete, die ganz dem Einfluss des gewählten Metrums unterworfen ist. Worte und Phrasen werden eher nach ihrer Einfügbarkeit in dieses Metrum ausgewählt als nach ihrer Angemessenheit (appropriateness) in Bezug auf den dargestellten Zusammenhang.5 Der Poet bezieht diese Formeln aus Versen, die er bei anderen Dichtern gehört hat, fügt diese Formeln aber eigenwillig zusam­men, so dass sie sich nur aus dem Netz von Relationen, das innerhalb einer bestimmten Dichtung geknüpft wird, verstehen lassen.

Parrys Studien wurden von seinem Schüler ALBERT LORD erweitert und vertieft. Lord wies nach, dass der Barde in einer illiteraten Gesellschaft nicht feststehende Phrasen memoriert, sondern lernt, diese zu kreieren.6 Demnach hat man sich unter einer formulaischen Sprechweise den Gebrauch flexibler "Instrumente" vorzustellen, mit denen der Sänger rapide Verse schmiedet, die sowohl traditionell als auch individuell gefügt sind. "Rapide" bedeutet in diesem Zusammenhang nicht allein "schnell", das Attribut deutet auch auf eine cha­rakteristische Eigenschaft, die das Wort in schriftlosen Ge­sellschaften hat: es ist Bestandteil einer Rede, die nirgendwo festgehalten wird, es ist flüchtig, nicht fixierbar. Dem modernen Leser vertraute Vorstellungen, in denen Worte "lagerfähig" erscheinen, "abgelegt" oder "gespeichert" werden, können daher in solchen Gesellschaften kaum aufkommen.

Nur kurze Zeit nach Parrys skeptisch begutachteter Doktorarbeit, legte ALEKSANDR ROMANOVICH LURIA seine Studien über die Verän­derungen "mentaler Räume", die durch die Erlernung von Lese­- und Schreibtechniken bewirkt werden, vor. Luria und seine Assistenten bereisten verschiedene abgelegene Landesteile der Sowjet-Union, um kognitive Tests mit schriftun­kundigen Personen durchzuführen. Lurias Ergebnisse lassen sich wie folgt skizzieren:

1. Das Denken illiterater Personen ist konkret und spezifisch an eine Situation gebunden. Es wird von sensomotorischen perzeptiven Eindrücken gelenkt und reguliert sich kaum nach begrifflichen Konzepten.
2. Ist eine Person einmal "literalisiert", verändert sich damit radikal die Art und Weise, wie sie Wirklichkeit erlebt und interpretiert.7

Die Perzeption literalisierter Personen entfernt sich laut Luria von der unmittelbaren Wahrnehmung, Eindrücke werden zu einem System abstrakter linguistischer Kategorien geordnet. Das Denken wird insgesamt abstrakter und theoretischer, neigt zu Klassi­fizierungen und der Herstellung von Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Aber nicht allein das Denken, auch die Sinneswahrnehmung verän­dert sich; illiterate Personen unterscheiden nicht im selben Maße wie literalisierte Eindrücke, die sie über Ohr, Auge, Tast-, Geruchs- oder Geschmackssinne empfangen haben. Literalisierung betrifft demnach nicht allein "sprachliche Pro­zesse" oder Denkstrukturen, sie hat Einfluss auf das gesamte Wesen eines Menschen - auf die Individuen ebenso, wie auf die von ihnen gebildeten politischen und sozialen Gemeinschaften.

ERICH HAVELOCK untersuchte diesen Wandel im Denkprozess und in der Wahrnehmung bei den griechischen Vorsokratikern. Der "epistemologische Bruch" kommt laut Havelock bereits in den Schriften der Vorsokratiker zum Tragen, die ein "Extrakt" aus Homer und Hesiod schufen. Dieser "Extrakt" wirkte sich auf die Schaffung neuer Wert-Systeme aus, die ohne die neuen Wortformen kaum denkbar gewesen wären.8 Hatten Parry und Lord ihre Studien auf eine Analyse der Erzähl­techniken von Barden begrenzt, so wies Havelock nach, dass in der auralen Kultur des vorklassischen Griechenlands die Fähig­keit, mnemotechnisch zu komponieren, nicht professionellen Sängern vorbehalten war, sondern alle Personen, die irgendeine Art "höhere Position" einnahmen, über solche Fähigkeiten ver­fügten.9

In den vergangenen 25 Jahren sind die kulturgeschichtliche Bedeutung und die gesellschaftlichen Folgen, die Entwicklung und Ausbreitung der Schrift sowie des Buchdrucks hatten, vor allem im angelsächsischen Raum diskutiert worden. Neben Havelock sind hier Goody und Ong zu nennen, die beide der Frage nachgingen, welche Bedeutung die Kulturtechniken "lesen und schreiben" für den nicht-professionellen Leser haben, in welcher Weise sie sein Bild von der Welt formen.

GOODY legte den Schwerpunkt seiner Arbeiten auf den Zusammenhang von Sprechen und Handeln, da die Weitergabe von Wissen in schriftlosen Gesellschaften an die Weitergabe von Handlungs­mustern und Verstehenskategorien geknüpft ist. In literalen Gesellschaften tragen Wörter und Aussagen dagegen "Schichten historischer Bedeutung", was bedeutet, dass sowohl Wissen als auch "Seinsmöglichkeiten" angehäuft werden können. Dennoch bleibt nach Goody auch in literalen Gesellschaften "die mündliche Überlieferung von Werten und Einstellungen der wich­tigste Modus kultureller Orientierung,...".10

Damit berührt Goody die Frage des Fortbestandes oral-­formulaischer Wahrnehmung in literalen Gesellschaften, ein Problem, das "weder Levy-Bruhl noch irgendein anderer Vertreter einer absoluten Dichotomie zwischen 'primitiven' und zivilisierten' Gesellschaften hat lösen können", da die Schrift „ in den modernen Gesellschaften keine Alternative zur mündlichen Überlieferung, sondern eine zusätzliche Möglichkeit “ darstellt.11 In "Domestication of the savage mind" thematisiert Goody diese „ Dichotomisierung" als fundamentales Erkenntnisproblem der Er­forschung von Oralität und Literalität. Goody stellt in dieser Studie die Instrumente, mit deren Hilfe über den Gegensatz zwi­schen "primitiven" und "zivilisierten" Gesellschaften geforscht wurde in den Mittelpunkt der Diskussion und untersucht, welche Auswirkungen der Gebrauch bestimmter "Matrixen" wie z.B. tabel­larischer Listen, auf die Entwicklung des literalisierten Denkens hatte. Im Mindesten, so lässt sich folgern, waren es diese Instrumente, die ganz entscheidenden Anteil an der Herausbildung der Vorstellung von der Existenz solcher Dichotomien hatten. Daher schlägt er eine Forschung vor, die mehr von einem "Ineinander" verschiedener Denk- und Wahrnehmungsweisen ausgeht, als von einem Nacheinander oder von konträren Gegensatzpaaren. Als Beispiel führt er das Gegensatzpaar Magie/Wissenschaft an. Wissenschaft, so Goody, muss Magie nicht zwangsläufig verdrängen. Wissenschaft kann - extrem formuliert - Magie mit anderen, distanzierteren Mitteln sein. Magie wird von ihm hier definiert als "set of procedures for changing the world, 'symbolically' or not."12 Weniger Skepsis gegenüber der Dichotomie zeigte der Psychologe WALTER ONG, der es sich zum Ziel setzte, die "sozialen und intel­lektuellen Konsequenzen der Schriftlichkeit (literacy) aus der Differenz zu den Implikationen der Mündlichkeit (orality) zu bestimmen.“13 Ong definiert das Alphabet als eine Technik, die gestärkt durch den Buchdruck das Denken al jener, die im Einzugsbereich dieser Technik leben, neu strukturiert hat. Da Goody und Ong zu ähnlichen oder einander ergänzenden Merk­malsbeschreibungen des Charakteristischen oral-formulaischer bzw. literalisierter Denkweisen gelangt sind, werden ihre Er­gebnisse in der folgenden Auflistung unter Verzicht auf besondere Nennung, aber mit allen Vorbehalten, die Goody formulierte, zusammengefasst: Laut den genannten Autoren lassen sich orales/liberalisiertes Denken demnach wie folgt kontrastieren:

oral-formulaisch literalisiert

additiv subordinativ

redundant ökonomisch

konservativ innovativ

anthropomorph begrifflich

sinnlich-konkret abstrakt

einfühlend distanzierend

situationsbezogen kategorial

personal sachlich

narrativ kausalisierend

mythisch historisch

aggregativ analytisch

nachahmend linear

kämpferisch/preisend distanziert

homöostatisch akkumulativ

Auch Ong geht davon aus, dass sich Reste oral-formulaischen Denkens noch heute in literalisierten Gesellschaften finden lassen, betont aber die Notwendigkeit, den Prozess der Litera­lisierung fortzuführen, den er als Entwicklung von Bewusstsein (consciousness) und Psyche skizziert. Im Verlaufe der Heraus­bildung dieser bei den Größen menschlichen Geistes und Gemütes wurde der Mensch als Lesender und Schreibender Teil eines Netzes der Textualität, deren grundlegendes Merkmal Abwesenheit der Gesprächspartner ist.

In Abwesenheit des "Du", so Ong, wird die beschriebene Seite zu dem Instrument, das zur Selbstwahrnehmung und Bewusstwerdung durch Interpretation und Identifikation führt. Das Ich- oder Selbst-Bewusstsein des literalisierten Lesers ist völlig an die Schrift gebunden: "Without writing and printing the interiorization of consci­ousness that marks modern man could not have taken place.” 14

Nicht allein der Inhalt des Geschriebenen hat an dieser Verin­nerlichung teil, auch die verwendete Technik bildet sich dem Leser als Erfahrung, die seine Selbstwahrnehmung bestimmt, ein. Der Leser oder Schreiber wendet diese Technik auf sich selbst an:

Technologies dealing with the word all lend themselves to deep interiorization, including computer technologies, we appropriate them into ourselves. It is virtually impossible for thoroughly literate persons to imagine a word as pure sound totally divorced from its mechanical representation in letters.” 15

Gerade der „sound" ist es demnach, der orale und literale Gesellschaften voneinander scheidet. Im Gegensatz zur schriftlichen Mitteilung wendet sich das er­klingende Wort immer an ein "Du", das anwesend ist. „Sound is more real or existential than other sense objects, despite the fact that it is also more evanescent, sound itself is related to present actuality rather than to past or future. It must emanate from a source here and now discernibly active, with the result that involvement with sound is involvement with the present, with here-and-now existence and activity."16

In der mit der Literalisierung verbundenen Verschiebung der Sinnes-Dominanz vom Ohr zum Auge vermutet Ong entsprechend eine extreme Neu-Orientierung, die alle menschlichen Beziehungen zur physischen Welt, zum Nächsten, sowie die Vorstellung vom Selbst, verändert hat.

HAROLD INNIS war der erste, der darauf hinwies, dass die Formen einer bestimmten Medien-Technik einen Wandlungsprozess schon implizieren. Nach Innis hatte der Buchdruck Auswirkungen sowohl auf die Religionskriege des 16. und 17.Jahrhunderts als auch auf die "Revolutionen und neuen Ausbrüche der Barbarei im 20. Jahrhundert, da er "die Konsolidierung der Landessprachen" und das "Aufkommen des Nationalismus" beschleunigte.17 Auf Innis bezieht sich MARSHALL MCLUHAN, der die "Wirk-Ursäch­lichkeit zwischen der phonetischen Schrift und dem Aufkommen neuer Wahrnehmungsweisen“ erforschte. 18 McLuhan kam zu dem Schluss, dass die Einführung einer neuen Technik in einer Kultur das "gegenseitige Verhältnis unserer Sinne ver­schiebt “ - vorausgesetzt, die Technik gibt einem unserer Sinne ein neues Gewicht oder neuen Auftrieb. „ Das Wechselspiel zwischen unseren Sinnen findet dauernd statt, außer im Zustand der Anästhesie. Aber jeder Sinn kann, falls er bis zur höchsten Intensität gesteigert wird, sich auf die anderen Sinne betäubend auswirken."19

Literalisierung, darin sind sich alle Autoren einig, zieht den Wechsel der Sinnes-Dominanz vom Ohr zum Auge nach sich. Die veränderte Sinnes-Wahrnehmung wirkt sich aus, auf alles, was wahrgenommen werden kann. Die Umgebung des Menschen wird analog der Wirklichkeit, die das neue Medium erfordert, eigens geschaf­fene Wirklichkeit.

IVAN ILLICH hat diese These modifiziert: seiner Ansicht nach deutet der seit dem 12. Jahrhundert sich ausbreitende Gebrauch des Alphabets zur Aufzeichnung von Idiomen darauf hin, "dass ein schon in einer Gesellschaft vorhandenes, sehr geeignetes komplexes, künstliches Hilfsmittel erst in dem historischen Augenblick zu einem Werkzeug zur Ausführung einer Aufgabe gemacht wird, wenn diese symbolische Bedeutung erlangt.“ 20

Die Untersuchungen GIESECKES unterstreichen diese These Illichs. Giesecke weist am Beispiel Fachprosa nach, dass dem Prozess der Literalisierung ein umfassender Symbolisierungsvorgang voraus­gegangen sein muss, in dessen Verlauf zahlreiche bis dahin nicht-­verbalisierte Erfahrungen „ verschriftet" und infolgedessen kate­gorisiert und geordnet wurden.21 Giesecke stellt fest, dass

1. die Laienwelt keinen Einfluss auf die Gestaltung dieses Prozesses hatte, die nicht-professionellen Leser sich gezwungen sahen, ihre Erfahrungen einem verschriftbaren Mittelwert anzugleichen, der diese nicht zuletzt in eine vollkommen veränderte Raum- und Zeitvorstellung überführte;
2. das Bedürfnis nach "Literalisierung“ im selben Maße wuchs, wie der Prozess der Verschriftlichung sich vollzog, so dass die Technik, die zur Erfüllung dieses Bedürfnisses eingesetzt wurde, mit derselben Berechtigung als Technik angesehen werden kann, die ein solches Bedürfnis erst weckte und steigerte.

Die Vorstellung, dass "das sprachliche Denken vom Handeln getrennt werden kann, dass es wirkungslos ist und auf das Innere eines Menschen beschränkt", hat der Psychologe CAROTHERS als Vorstel­lung, die allein in literalisierten Gesellschaften aufkommen kann, geschildert.22 Selbst in solchen Gesellschaften, in denen die Verschriftlichung erheblichen Anteil an der Alltagswahr­nehmung hat, die Dominanz des Ohres aber nicht verdrängen konnte, kommt dem Einzelnen noch eine Verantwortung für seine Gedanken zu . Nur dort, wo sich ein vollkommener Sinneswandel vollzogen hat, fühlt sich der literalisierte Mensch vor dieser Art der Gedanken-Veräußerung geschützt, zahlt dafür aber den Preis einer grundsätzlichen Stimmung der Schizophrenie. "Die durch den Buch­druck aufgerissene Kluft zwischen Verstand und Gefühl ist das Trauma, an dem Europa seit Machiavelli leidet", fasste McLuhan die Problematik zusammen und benannte das Ergebnis dieser Kluft als "komische Heuchelei".23

McLuhan wies darüber hinaus auf die Bedeutung des "symbolic fall­out", den jede Technik hat, hin. Er bezeichnet damit die Aus­wirkungen, die eine Technik als Metaphernspender der Selbst­wahrnehmung zeigt. Auch ILLICH und SANDERS gingen in ihrer Studie "ABC - the alpha­betization of the popular mind" auf diesen Aspekt ein, wiesen darauf hin, dass literalisiertes Denken auch jene Personen erfasst, die diese Techniken selbst nie erlernen: "... one can avoid picking up a pen, but one cannot avoid being described, identified, certified, and handled - like a text. Even in reaching out to become one's own 'self', one reaches out for a text."24

In einer literalisierten Gesellschaft ist das Buch die entschei­dende Metapher, mit deren Hilfe das Selbst und sein Ort begreif­bar werden; der Prozess der Laienliteralisierung stellte insgesamt eine neue Art von Raum her, in dem soziale Realität rekonstruiert wird: "a new kind of network of fundamental assumptions about all that can be seen or known.“25

Diese Gewissheiten aber haben sich seit dem Mittelalter durch überwiegend andere Mittel verbreitet als durch die Unterrichtung im Lesen und Schreiben, die Bildung eines Menschen ist daher unabhängig von seiner persönlichen Schreibfertigkeit; der mentale Raum, der durch das von der Schrift belehrte Denken hergestellt wird, ist nicht derselbe, wie der, aus dem sich die Äußerungen des oral-formulaischen Menschen in die Sprache verflüchtigen.26

McLuhan und Ong erwähnen in ihren Studien geschlechtsspezifische Unterschiede, in den Auswirkungen der Literalisierung auf Denken und Wahrnehmung. Ong weist darauf hin, dass der aktive Anteil, den Frauen am Prozess der Literalisierung hatten, bisher kaum erfasst, bzw. in der Regel wohl unterschätzt worden sei. Frauen würden sich des Medi­ums Schrift aber auf weniger "distanzierte" Weise bedienen als Männer, da sie selten eine vergleichbare rhetorische Schulung durchlaufen hätten.27

McLuhan gewichtet die Thematik anders: für ihn ist der Buchdruck der Prototyp industrieller Produktion, in deren Arbeitsprozesse Männer bis zu Beginn dieses Jahrhunderts stärker eingebunden waren als Frauen, so dass Letztere durch dessen Gesetze weniger erfasst und entsprechend weniger "homogenisiert" wurden.28 Goody weist nicht explizit auf geschlechtsspezifische Unter­schiede hin, thematisiert aber am Beispiel "Kochrezepte" wie sich spezifisch weibliche Situationen der Weitergabe von Wissen durch die Literalisierung veränderten.29

Hatte GEORGE STEINER 1988 das Ende des "bookishness" verkündet30, so sieht FLUSSER die moderne Gesellschaft bereits auf dem Weg in die Rearchaisierung auf verändertem Niveau, da Ziffern und Bilder-Denken den "Umweg" über das sprachliche Zeichen meiden. Schreiben hat laut Flusser den unersetzbaren Vorteil, Analogie für zahlreiche andere Tätigkeiten zu sein und ist im Gegensatz zum neuen Bilderdenken eine antimagische, ordnende Geste, die lineares, eindimensionales Denken begünstigt, das erst die rechte Distanz zum beobachteten oder dargestellten Gegenstand ermöglicht.31

II. AUTOR, WERK, ZEIT

II.1 Zum Begriff "barock"

Schon bei der Übernahme der Bezeichnung Barock, für die wir uns hier entschieden haben, um einen Zeitraum von 120 Jahren (1600-1720) zu charakterisieren, begeben wir uns auf unsicheres Terrain. Der Begriff war unter Literaturwissenschaftlern lange Zeit umstritten, Gegenstände des Streites waren:

1. grundsätzlicher Art und gipfelten in der Frage, ob man einen Begriff der Kunstgeschichte auf die Literatur übertragen dürfe;
2. die Frage, ob es gemeinsame Stilmittel gebe, die zu einer Typisierung berechtigen.

Weitere Schwierigkeiten mit der Benennung tauchten auf, wo der Begriff als literaturwissenschaftlicher Terminus von der deut­schen Literatur auf andere Nationalliteraturen ausgeweitet werden sollte. Als Hilfsmittel trat sodann der Begriff "Manierismus" hinzu. „Manierismus" bezeichnet laut Spahr den Stil, "Barock" die Epoche.32 Wesentlichstes Merkmal des Stils, mit dem wir es zu tun haben, ist die "Allgemeinheit des Formgefühls".33

Dieses Formgefühl ist - was die Dichtung betrifft - in Deutschland eng an die Vorstellungen von der Eigentümlichkeit der deutschen Sprache in Klang und Struktur gebunden. Fritz Strich hat betont darauf hingewiesen, der neue Stil sei "in seinem Wesen nationaler gewesen, als man ihm zugestehen" wolle und das "Moment der Entlehnung, dessen Bedeutung in der deutschen Literaturwissenschaft immer maßlos überschätzt werde", komme hier "viel weniger in Betracht als eben die Tatsache, daß der Deutsche Geist vom Ausland empfing, was ihm seit eh und je als Eigentum und Eigentümlichkeit gehörte".34

Mit diesem Urteil wies sich Strich zumindest als Nachbildner barocken Glaubens an die Überlegenheit des Deutschen aus. „Barock", dieser Begriff bezeichnet vor allem eine Einkapselung, in deutsche Sprache, deutsche Literatur, deutsche Poeterey. Dem Alamodewesen der höfischen Gesellschaft stellt sich mit Beginn des Dreißigjährigen Krieges ein verstärkter Kampf gegen die "Neuerungssucht" entgegen. Sprachgesellschaften, wie die 1617 gegründete "Fruchtbringende Gesellschaft", bemühen sich um die Pflege deutscher Gesinnung und deutscher Sprache.

Die deutsche Barockpoetik zwar knüpft an die den Europäern ge­meinsame humanistisch-rhetorische Tradition an, „ doch die ge­samt-europäische Haltung der deutschen Humanisten wird im 17. Jahrhundert durch eine national sprachliche Gesinnung ersetzt."35 Im unbeholfenen Versuch, es den anderen Europäern gleichzutun, übt man sich in erster Linie im Übersetzen und Plagieren „auslän­discher" Literatur; und so empfing manch deutscher Geist tatsäch­lich vom Ausland, was ihm bis eh und je als Eigentümlichkeit nachgesagt werden wird: die Möglichkeit, als "Zernichter"36 zu schaffen, das, was man liebt, dem man sich anzugleichen ver­sucht, zu zerstören, indem man es in den Dienst einer kultur­pädagogischen Aufgabe stellt.

Die Epoche des deutschen Barock zeichnet sich durch die Gleich­zeitigkeit von Verwüstung und Schaffensdrang aus; ihr Stil durch die nach Heftigkeit und Schwere verlangende Symbolik. Das Wort als Zeichen wird gewogen und für zu leicht befunden; es verlangt nach Steigerung, Reizung und Überreizung und bleibt doch dort wo es zur Dichtung zusammengeschmiedet wird, allzu oft im Gewöhnlichen stecken, kontrakarikiert seinen eigenen Anspruch. Frischgemut aber ohne Methode soll der Verflüchtigung des gespro­chenen Wortes durch seine stetige Ausspreizung in der Schrift Einhalt geboten werden, wo es von einem Symbol zum Abbild einer nur dürftig summierten Natur verkümmert.

Die Natur, die in allen Dingen spricht, spricht Deutsch – und so ist es höchste Aufgabe des deutschen Poeten, diese Sprache in Worten und Rhythmen der Vergänglichkeit und dem Wandel zu entreißen, sie im ewig neu zu Erfindenden haftbar zu machen. Der deutsche Barock ist vor allem von „scharfsinniger, erklü­gelter, spitzfindiger, erbosselter, geschmäcklerisch" zusammen­getragener Metaphorik.37 Die Hatz nach der Norm geht einher mit der Hatz nach dem Neuen und der Ermüdung ob so viel rätselhaft anmutender Sprachgewalt.

Im Stil auf die Variation, das Spiel, die Circumlocutio und Summation ausgerichtet, ist es die „Rede" mehr denn die darge­stellte „Sache", die Buchners Forderung nach "immer neuer Ge­stalt" Rechnung trägt. Hie wird nicht allein der himmel in seinen umbständigen und zufälligen Sachen/sondern die Umbstände werden durch Gleichnisse und anderweite Ausführung auch mehr erkläret".38 Der umständlichen Sprache des Himmels entstammen die irdischen Zeichen, sprachliche Zeichen, die auf die barocke Frage „ quid est mundus" eine eigentümliche Antwort zu geben wissen: die Welt ist ein Gedanken-Buch kosmischer Beziehungen, die sich dem Dichter ebenso wie dem Naturforscher in ihrer mikrokosmischen Buchstabierbarkeit offenbaren; sich nach horizontalen und ver­tikalen Linien zu einem Netz von Beziehungen konstruieren lassen, das als Triumph des Dichters über die sich dem Subjekt wider­setzende Wirklichkeit, dessen Schöpferkraft garantiert.

In der Wirklichkeit eines Harsdörffer werden Hirten zu Dichtern, die ihre "geschafenen" Bücher nach der Wolle „ durchkämmen “ aus der sich Geschichten spinnen lassen, Geschichten von Mägden „wie Post-Papyri subtil und zart im lieben".39 Doch trotz seiner Ausrichtung an Schriftstücken ist der Barockdichter nicht im selben Maße Augenleser wie der Leser des 20.Jahrhunderts. Der „ Wohllaut und das Urtheil der Ohren" bestimmen, ob man „ kurtz oder lange/ gereimte oder ungereimte Verse setzen soll"40 ; diese Setzung allerdings wird dem, was der Maler tut, gleichgestellt, kennt kein höheres Lob als die Bestätigung, der Dichter habe alles so schön abgebildet, wie sonst ein Maler. Insofern lässt sich gerade hier der kunstge­schichtliche Begriff auf die Literaturwissenschaft übertragen - vorausgesetzt, wir bleiben uns der Tatsache bewusst, dass dieses Wechselverhältnis von Dichtung und bildnerischer Kunst zu den Eigentümlichkeiten des Barock zu zählen ist, die beide Künste in nie gekannter Einmütigkeit in der Emblematik vereint.

II.2 Biographische Angaben

Über den Lebenslauf Grimmelshausens vor seiner Offenburger Zeit ist wenig bekannt; mit Ausnahme der in Klammern gesetzten Hinweise, habe ich alle Angaben dem Katalog des Westfälischen Landesmuseums entnommen.41

1621 vermutetes Geburtsjahr Grimmelshausens (keine genaue Angabe)

1627/28 eventuell Schulbesuch in der Gelnhauser Volksschule

1633/34 (keine Angabe im Roman; im "Teutschen Michel" erwähnt Grimmelshausen seinen Schulmeister)

1634 Überfall auf Gelnhausen durch die spanische Armee; (der Simplicio berichtet, dass er erst nach diesem Überfall nach Gelnhausen kam)

1635 Grimmelshausen wird in das kroatische Lager nach Hersfeld und noch im selben Jahr von den Hessen nach Kassel verschleppt. Verschiedene Autoren nehmen an, dass er zunächst als Pferdejunge, später als Musketier und Dragoner eingesetzt wurde.

1639 Offenburg. Schreiber der Regimentskanzlei, Aufnahme in den Regimentsstab.

1648 Regimentssekretär, Teilnahme an Feldzügen in Bayern. (der Simplicio hat nur an einer einzigen Schlacht teilgenommen)

1649 Hochzeit mit Katharina Hennigerin; zuvor konvertierte Grimmelshausen zum Katholischen Glauben. Aus der Ehe gehen 10 Kinder hervor. Grimmelshausen wird nun Schaffner in Schauenburg.

1660 Quittierung der Schaffnerdienste.

1662 Schaffner und Burgvogt auf der Ullenburg bei Gainsbach

1655 Gastwirt in Gainsbach

1667 Schultheiß in Renchen

1676 Todesjahr

II.3 Andere Werke des Autors

Die der "Barock-Ausgabe" beigefügten Continuationen unterscheiden sich in Bezug auf unser Thema grundlegend von der, die als VI. Buch das vorläufige Ende des Simplicissimus markierte: das Thema Literatur /Verschriftlichung spielt darin keine Rolle mehr. In anderen Werken des Autors tritt es dagegen mit ebensolcher Dominanz zu Tage, daher sollen auch diese Werke hier zumindest erwähnt werden.

Die chronologische Reihenfolge richtet sich nach dem Erscheinungsjahr, ein "x" zeigt an, dass der Autor dieses Werk mit einem Anagramm oder Pseudonym gezeichnet hat. Die Titel werden verkürzt wieder gegeben. Alle Hervorhebungen, mit Ausnahme der Großbuchstaben, wurden von mir vorgenommen.42

1666x Exempel der unveränderlichen Vorsehung Gottes (Histori vom Keuschen Joseph) Idealroman, dessen historischer Hintergrund die Zeit der Patriarchen bildet.

1667x Teil 1/11 SATYRIscher Pilgram In Dreierschritten werden verschiedene Themen behandelt; Die Schrift wird der "Gelehrtendichtung und ihrer gehobenen Sprache" als Werk eines "unstudierten Ignoranten" gegenübergestellt. Ein Motiv ist der vom Satyr beherbergte Pilgerer, der mit seinem Atem sowohl seine kalten Hände wärmen, als auch ein heißes Getränk kühlen kann, was den Verdacht der "Doppelzüngigkeit" erweckt.

1669 von diesem Jahr an erschienen Grimmelshausens Kalender­geschichten.

1670x Des Vortrefflichen Keuschen Josephs in Egypten. Zweite Auflage des "Keuschen Joseph" mit umfangreichen Texterweiterungen und einem neuen Titelkupfer. Die Erzählung wird durch die Geschichte des Schaffners Musai in Ägypten ergänzt, dessen Aufstieg zum Baumeister am Hof des Pharao geschildert. Die Erzählung wurde bereits 1690 ins Schwedische übersetzt.

1670 Dietwalts und Amelinden anmuthige Lieb- und Leids­Beschreibung Historisierender Idealroman mit dem Motiv der büßenden jungvermählten Königskinder, eingebettet in die Geschichte des fränkischen Reichs zwischen 480 und 560.

1670 Simplicianischer Zweyköpfiger RATIO STATUS Das unbedingte Gottvertrauen Davids wird in dieser Erzählung als Vorbild der Politik, der „gottlosen Machiavellistischen Staatsregeln" folgenden Handlungsweise Sauls gegenübergestellt.

1670x Der erste Beernhäuter von Illiterato Ignorantia, zugenannt Idiota. Laut Katalog eine "relativ beziehungslos im simplicianischen Gesamtwerk Grimmelshausens stehende Schrift". Wir erkennen bereits im Pseudonym die Verbindung zum in dieser Arbeit behandelten Thema, eingebettet in die Geschichte eines Landsknechtes, der das Versprechen abgibt, sieben Jahre lang eine Bärenhaut zu tragen.

1670x Simplicissimi wunderliche Gauckel-Tasche .Folge von Illustrationen und erläuternden Versen, die Laster und Standeseigenschaften satirisch behandeln.

1670x Trutz Simplex:Oder Ausführliche und wunderseltsame Lebensbeschreibung Der Erzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche. Erstmals in der deutschen Picaro-Literatur wird ein weiblicher Held beschrieben. Möglicherweise war dies der Anlass für Grimmelshausen seinem Titel hinzuzufügen, „Dem Autori in die Feder dictirt...".

1670x Der seltsame Springinsfeld Lebensbeschreibung eines Geige spielenden Krüppels

1672x Das wunderbarliche Vogel-Nest I Motiv ist ein unsichtbar-machendes Vogelnest, das schon im Springinsfeld für Furore sorgte.

1672x Des Abentheuerlichen Simplicissimi Verkehrte Welt hier ist für unser Thema vor allem das Titelkupfer interessant, die Verkehrung der subscriptio.43

1672x Rathstübel Plutonis Oder Kunst Reich zu werden Gesprächspiele

1672 Der stoltze Melcher Ein "Müßiggänger" belauscht drei Soldaten, darunter den Melcher, der den Krieg so grausam schildert, dass der Erzähler vom Soldatenleben abgeschreckt wird.

1672 Des Durchleuchtigen Printzen PROXIMI, und seiner ohnvergleichlichen LYMPIDAE Lieb-Geschicht-Erzehlung

1673x Simplicissimi GALGEN-MÄNNLIN Die Auslassung aller überflüssigen "-e" lässt als Gegenstand die Sprach-Reform vermuten; thematisiert wird aber die Zauberei, abergläubische Praktiken. Erläutert wird das Werk von „Israel Fromschmidt von Hugenfelß"; „In EIne Harten ZeIt/ So Das Geld VVie EInige LeIIth CLagten/OhngLelch GetheILt: DoCh ALLen Ihr GebIIr Geben Hat."

1673x Bart-Krieg. Der Verfasser, Träger eines goldfarbenen Bartes, und Simplicissimus streiten „ unter Zuhilfenahme der erlesensten Argumente von literarischer bis biblischer Herkunft über das Ansehen roter Bärte". Im Titel wird Schwarzbärten der Nachdruck untersagt.

1673x Deß Weltberuffenen SIMPLICISSIMI Pralerey und Gepräng mit seinem Teutschen Michel Gedrukt unter der Preßt in dem jenigen Land/ darinnen dasselbe lobwürdige Geschirr erstmahls erfunden worden / ALs seIne LIebe Innwohner neben anDern VöLCkern anflengen/ Den Jahren Vnsers HeILs naCh/ In gLeICher ZahL zV zähLen. Theoretische Sprach-Streitschrift. (Im Folgenden mit "Teutscher Michel" abgekürzt).

1675x Deß Wunderbarlichen Vogelnests zweiter theil An tag geben von Aceeefffghhiillmmnnoorrssstuu Das Vogelnest hat den Besitzer gewechselt, der berichtet hier von seinen Erlebnissen; im Vordergrund steht die magische Bedeutung des Nestes, das schließlich vollständig vernichtet wird.

II.4 Rezeptionsphasen

Die fünf Bücher der Erstausgabe des Simplicissimus (EI1) erschienen im Jahre 1668 mit der Datierung 1669; im folgenden Jahr (1669) wurde bereits eine veränderte und um die Continuatio (VI.Buch) erweiterte Neuauflage (E2) herausgegeben.

Der Roman wurde bei Felßecker in Nürnberg verlegt, als Autor zeichnete Germann Schleifheim von Sulsfort. Ebenfalls 1669 erschien bereits ein erster Raubdruck (E3a) des Frankfurter Verlegers Georg Müller, den Scholte als „Schulmeister-Simplicissimus" bezeichnet, da er "gemäß den Grundsätzen des Sprachreformers Christian Gueintz erheblich bereinigte" Abweichungen von der Originalausgabe zeigte.44 1670 brachte Felßecker eine Neuauflage heraus (E4), die im Wesentlichen auf den Text von E2 zurückging, 1672 erschien die letzte von Grimmelshausen autorisierte Auflage, deren Echtheit allerdings bis heute umstritten ist, da der Text starke Anklänge an den Raubdruck zeigt, von dem sich Grimmelshausen in dem Vorwort zu E4 distanziert hatte. Dieser "Barock-Ausgabe" (Scholte) wurden 3 weitere Continuationen sowie 20 Text-Illustrationen beigefügt, die wahrscheinlich von Grimmelshausen selbst stammen.

Neben der raschen Folge von Erstausgabe, Neuauflagen und Raubdruck ist auch die Vielzahl der Schriften, die nach dem Tod des Autors als "simplicianische Schriften" erschienen, ein Hinweis auf die Beliebtheit und Bekanntheit des Autoren im 17.Jahrhundert und darüber hinaus. Noch 1956 wurde der Roman in einer Umfrage des Tagesspiegels unter "führenden Vertretern des literarischen Lebens" an die Spitze der 10 größten deutschen Romane gestellt.45

Schier nennt ihn eine „ 'inkommensurable Produktion'", die „ auch weit auseinanderstrebenden Leserwünschen entgegenkommt und ein breites Spektrum menschlichen Seins anspricht."46

Trotz seiner großen Beliebtheit in Leserkreisen, die sich aus allen Ständen zusammensetzten, wurde Grimmelshausen in zeitgenössischen Dokumenten kaum erwähnt. Vollmuth bezeichnet sein Verhältnis zu den schreibenden Kollegen als „ oftmals angespannt “.47

Insbesondere mit Philip von Zesen scheint Grimmelshausen in einer besonderen Konkurrenzsituation gestanden zu haben. Zesen, Mitglied der „Teutschgesinnten Genossenschaft“ und der „Fruchtbringenden Gesellschaft“ war Sprachreformer, Theoretiker und Berufsschriftsteller, der den ersten deutschen Originalroman des Barock schrieb.

Während der Simplicissimus in Rokoko und Aufklärung wenig Beachtung fand, zeichnete sich Mitte des l8.Jahrhunderts eine erneute Hinwendung ab, „ deren Anlaß aufklärerisches Bildungsstreben und deren Absicht die bildungsorientierte Aneignung des Werkes" war.48

Die Rezeption durch die Romantiker setzte 1798/99 ein, man wollte im Simplicissimus nun „ den Ausdruck altdeutschen Volkstums" erkennen. Die Romantiker griffen vor allem die sagen- und märchenhaften Motive, das Nachtigallenlied wie die Mummelsee-Episode mit Begeisterung auf.

Auf die Gründung der satirischen Wochenschrift "Simplicissimus" im Jahre 1896 folgte die vorerst letzte Rezeptionsstufe; die vor allem an der Biographie und der Schilderung realer Ereignisse interessierte Grimmelshausenforschung. Auch die moderne Geschichtswissenschaft bezieht ihr Wissen über den Dreißigjährigen Krieg zum Teil aus dem Simplicissimus.49

Die Popularisierung des Romans im letzten Drittel des 19.Jahr­hunderts war von einem Eklat im preußischen Abgeordnetenhaus begleitet. Der preußische Kultusminister Falk hatte eine Jugendbuchbearbeitung des Simplicissimus in die Liste jener Werke aufgenommen, die zur Anschaffung an Bibliotheken der höheren Volks- und Mittelschulen empfohlen werden sollten. Im Abgeordnetenhaus wurde dann darum gestritten, ob der Simplicissimus dazu bestimmt sei, „die vaterländische Gesinnung zu wecken und zu stärken", oder ob das von der Katholischen Kirche auf den Index librorum prohibitorum gesetzte Buch lediglich eine Zusammenstellung „ von Zoten und Unlauterbarkeiten aus dem wüsten Leben eines Landsknechtes des 30jährigen Krieges sei“.50 Der Roman wurde so Teil eines „Kulturkampfes", der zwischen Bismarck und Zentrumspartei entbrannt war; beide Parteien vermuteten in dem Roman heimliche oder offene Attacken auf die eigene Position, so dass die dort geschilderte „Furcht vor der Verschwörung" (siehe Interpretation) zur Real-Satire wurde.

Auch in diesem Jahrhundert konnte man dem Simplicissimus alle möglichen Nicht-Gesinnungen und Weltanschauungen. abgewinnen; die Vorliebe Brechts und Thomas Manns für den Simplicio ist bekannt; neben den Nachbildungen der Exilschriftsteller gab es die Vertonungen, in denen dem Roman einmal die Rolle einer Vorlage für die „ Anklage der politischen Gegenwart" (Hartmanns Oper) abgab, ein anderes Mal jedoch „ für eben diese Gegenwart zum Repräsentationsobjekt" wurde (Maurichs Vertonung).51

Die „öffentlichen Huldigungen" Grimmelshausens setzten mit der Feier zum 200.Geburtstag des Dichters in Renchen, 1876, ein. Hier wurde allerdings der "Nationalheld" eher denn der Schriftsteller gefeiert, das Grimmelshausen-Denkmal wurde den Opfern der badischen Revolution von 1848 gewidmet.52 Seit 1924 werden auch in anderen Städten Grimmelshausen-Feiern ausgerichtet, die nun in zunehmendem Maße auf das Werk des Dichters, bzw. auf die Zurichtung in Volksbühnenstücke ausgerichtet sind.

Seit 1951 werden in Gelnhausen Grimmelshausen-Veranstaltungen durchgeführt, die „im Zeichen sachlicher Information" stehen.53 Daneben wurden der Dichter oder seine Figuren zu Reklameträgern der Touristikbranche, zu Briefmarken und Gedenkmünzen-Bildern.

Der Einfluss, den der Roman auf die bildende Kunst hatte, ist nicht minder gering als der, den er auf die Dichtung nahm; 1975 wurde dann zu guter Letzt eine 4-teilige Fernsehserie ausgestrahlt; der hessisch babbelnde Simplicio wurde noch einmal zum schlichten „Deutsch-Western-Helden", bevor er aus den Köpfen und Herzen verschwand.

III. STATIONEN DER LITERALISIERUNG: DER BEGINN

„Nichts von dem, was die Zeit erforderte, fand sich im Simp1icissimus, gleich äußer­lich nichts. Diese sorglos ungepflegte Sprache, die sich nicht bändigen ließ, mußte abstoßen. Zur Schaffung eines ein­heit1ichen Sprachstils hat Grimme1shausen nichts beigetragen, all diesen Bestrebun­gen stand er durch sein Werk ablehnend gegenüber." Egon Cohn

Es scheint, als sei Grimmelshausens Werk bisher nur von seinen ärgsten Kritikern in seiner "Widersätzlichkeit" ganz verstanden worden. Doch erfordert Cohns bissige Anmer­kung eine leichte Veränderung: zur Schaffung eines einheit­lichen Sprachstils wollte Grimmelshausen nichts beitragen. Die Erfordernisse der Zeit zu erfüllen, lag ihm ebenso fern, wie dem nachzukommen, was der Roman-Idealist Cohn für die dringlichste Aufgabe dieser Gattung hält: Ordnung, Einordnung, Unterordnung zum Ausdruck zu bringen. Grimmelshausen setzt diesen "Erfordernissen" ein Exempel gegenüber, das seinen Leser zur Unordnung beruft.

So widersprüchlich und inkonsequent die Figur des Simplicio von Grimmelshausen gezeichnet wird, so sprunghaft überwindet sie einen Weg, dem wir hier als dem Weg eines "literalisierten Laien" nachgehen wollen. In dem Exempel, das Grimmelshausen liefert, fügt er die Er­eignisse mehrerer Jahrhunderte Schriftgeschichte in einer Person zusammen. Insofern ist der Simplicio "Träger fertiger Erkenntnisse" (Domagalla), Träger zersplitterter Erkenntnisse, Figur der Unbeständigkeit, deren Charakter sich dem Exempla­rischen beugen muss, das ihn vom simplen Erwerb der Techniken des Literalisierten bis zum höchsten Grad der Anwendung dieser Techniken führt. Hilfsmittel ist ihm ein beständig anwachsen­der Fundus literarischer Vorbilder, auf die er zurückgreift, das eigene Sein und Handeln zu begründen.

Dem Leser wird dieser Gang durch die Geschichte der Laien­literalisierung auf eine Weise vermittelt, die ihn die ein­zelnen Stufen unmittelbar miterklimmen lässt. Mit dem Simplicio lernt er lesen, schreiben, denken, mit ihm bahnt er sich seinen Weg durchs Literaturdickicht und die sonderbaren Varianten des Lesens.

III.1 Der Lautenmeister

Schon bevor der Simplicio auf seinen ersten Lehrer, den Einsiedel, trifft, hat er verstanden, dass er in der Welt außerhalb des väterlichen Hofes nicht existieren kann. Ausgestoßen aus der Enge des vertrauten Milieus entdeckt er sich selbst als ein - im Vergleich zum unvernünftigen Tier - vernünftiges Wesen. Vernunft ohne Wissen aber schafft Hilflosigkeit gegenüber den alltäglichsten Bedürfnissen; der vernünftige Mensch, der aus dem Paradies instinktiven Handelns ausgewiesene Simplicio bedarf der Sprache, um sich zurechtzufinden.

Dieser Sprache ist der Ohrenmensch Simplicio nur in ihrer klanglichen Dimension habhaft. Die Worte, die er hört und versteht, sind ihm allesamt Demonstrativa: Klänge, die auf eine leibliche Existenz verweisen. Wo der Fingerzeig leiblicher Präsenz fehlt, verirrt er sich im Spekulativen.

III.l.l Synästhesie

Nahezu beiläufig schildert Grimmelshausen den Simplicio als einen Knaben, dessen Wahrnehmung ungewöhnlichen Eingaben folgt. Der Simplicio sieht nur das, was ihm vom Hörensagen bekannt ist, was in die Welt der Klänge gehört. Von dem Moment an, da ein neuer Klang seine Aufmerksamkeit gefesselt hat, ist er fähig, das dazugehörige Gebilde zu erkennen. Eine Warnung vor der ihm unbekannten Bedrohung "Wolf" etwa, lässt ihn in allem, was sich ihm nähert und keiner vertrauten Erscheinung zuzuordnen ist, besagten Wolf erblicken.

In der Schilderung des Reiterüberfalls lässt Grimmelshausen den Leser wissen, wie der Simplicio sieht: als der Trupp Reiter auf ihn zukam, so heißt es dort, „sah ich anfänglich Roß und Mann, wie hiebevor die Amerikaner die spanische Cavallerie, vor eine einzige Creatur an und vermeinte nichts anderes, als es müßten Wölfe sein,...".( 19) Um sich des Angriffs zu erwehren, greift er zur Sackpfeife, unterliegt aber der Übermacht der Reiter und seine „Mähr" beginnt im stetigen Trab mit ihm daherzugehen.

In der Absicht, seinem Leser die Eigentümlichkeit sim­plicianischer Wahrnehmung verständlich zu machen, greift Grimmelshausen nach dem Beispiel der „Americaner". Ethno­logen oder Sprachwissenschaftler, die ihm darin "folgten", bestätigen seine Schilderung, fassen diese unter dem Stich­wort "Synästhesie" zusammen. Whorf hat die Divergenzen verschiedener Sprach- und Wahrnehmungsweisen, insbesondere was die Raum/Zeit-Vorstellungen betrifft beschrieben;54 zur Synästhesie gehört darüber hinaus die Fähigkeit, Gehör­tes als visuellen Eindruck, Gesehenes als akustischen zu empfangen.

Die Frage, die sich für einige Wissenschaftler an die Kon­statierung solcher Divergenzen zwischen illiterater und literalisierter Wahrnehmung anschloss, war, wie es den Euro­päern gelingen konnte, den Bewohnern der von ihnen kolonia­lisierten Länder in kürzester Zeit eine europäische Sicht­weise aufzuzwingen. Ist eine Antwort hierauf auch letztlich noch nicht gefunden, scheint es doch gewiss, dass die Vermitt­lung europäischer Lese- und Schreibtechniken dabei eine entscheidende Rolle spielte. Grimmelshausen weist uns darauf hin, dass der Fragende nicht unbedingt den Kontinent wechseln muss, eine Antwort möglicherweise auch in der europäischen Geschichtsschreibung zu finden ist.

Simplicio wird zu einer Zeit geboren, da der Buchdruck bereits keine Besonderheit mehr darstellt, der Streit um die Sprache und ihre Verschriftlichung einen ersten Endpunkt erreicht. Nur weiß er nichts davon. Er lebt jenseits dieser Welt in derselben Abgeschiedenheit von ihren technischen Neuerungen wie der „Americaner" vor dem Überfall der Euro­päer - die sowohl Pferde als auch eine Druckerpresse mit sich brachten. Der hohe Geist seines Knän folgte „ dem Ge­brauch jetziger Zeit, in welcher viel vornehme Leute mit Studieren oder, wie sie es nennen, mit Schulpossen sich nicht viel zu bekümmern pflegen, weil sie ihre Leute haben, der Plackscheißerei abzuwarten." (12) Die einzige Kunst, die er bisher erlernt hat, ist das Spielen auf der Sackpfeife - darin allerdings ist er dem trefflichen Orpheus in nichts unterlegen.

[...]


1 Steiner, 1984, p.144

2 Walzel, 1926, p.21

3 Iser, 1976, p.88

4 Lord, 1965, p.30

5 Parry, 1971, XXV

6 Lord, 1965, p.30

7 D’Angelo, 1979, p.154 ff

8 Havelock, 1986

9 Havelock, 1963, p.93

10 Goody, 1986, p. 108

11 ebd., p. 122

12 Goody, 1977, p. 149

13 Ong, 1987, p. 9

14 ebd., p. 181

15 ebd., p. 187

16 Ong, 1967, p. 111

17 zit. nach: McLuhan, 1968, p. 71

18 McLuhan, 1969, p. 53

19 ebd., p. 37

20 Illich, 1991, p.75

21 Giesecke, 1980

22 Carothers, zitiert nach McLuhan, 1968, p.31

23 McLuhan, 1969, p.232

24 Illich/Sanders, 1988, p. X

25 Illich, 1990, p.159

26 Illich/Sanders, 1988, p.71

27 Ong, 1987, p. 112

28 McLuhan, 1968

29 Goody, 1977

30 Steiner, 1988

31 Flusser, 1987, p. 10

32 zit. nach Barner, 1975, p.9. Meine Schwierigkeit besteht hier in dem Umstand, dass ich versuche, in aller Kürze das Typische einer „Epoche“ zu skizzieren, die ich insgesamt als eher „schief“ denn „perlig“ bezeichnen würde, ich daher den echten Perlen wie z.B. Gryphius oder Greiffenberg hier keine ausreichende Anerkennung zollen kann.

33 Wölfflin, 1975, p.14

34 Strich, 1975, p.33

35Da wir nicht Schöpfer werden konnten, um Gott gleich zu seyn, wurden wir Zernichter; wir schufen rückwärts, da wir nicht vorwärts schaffen konnten.“ Moritz, zit. nach Rathmann, 1991, p.7

36 Cysarz, 1975, p.77

37 Szyrocki, 1968, p.29

38 Buchner, zit. nach Syzrocki, 1968, p.30

39 Harsdörffer, ebd., p.30

40 Ziegler, ebd., p.54

41 Simplicius Simplicissimus, 1976, p.69 ff

42 ebd., p. 117 ff

43 ebd., Abb. 218, p.122

44 Sestendrup, ebd., p.101

45 Vollmuth, ebd., p. 101

46 Schier, ebd., p. 204 ff

47 Vollmuth, ebd., p.164

48 Schier, ebd., p. 204

49 Schormann, 1985, p. 113

50 Schier, 1976, p. 217 ff

51 Wimmer, 1976, p. 262

52 Machnicki, 1976, P. 290

53 ebd., p. 290

54 Whorf, 1963

Ende der Leseprobe aus 83 Seiten

Details

Titel
Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch im Spannungsfeld von Oralität und Literalität
Hochschule
Universität Bremen
Note
1
Autor
Jahr
1995
Seiten
83
Katalognummer
V31196
ISBN (eBook)
9783638322720
ISBN (Buch)
9783640863389
Dateigröße
814 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Letter-Format
Schlagworte
Grimmelshausens, Simplicissimus, Teutsch, Spannungsfeld, Oralität, Literalität
Arbeit zitieren
Sabine Walther-Vuskans (Autor), 1995, Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch im Spannungsfeld von Oralität und Literalität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31196

Kommentare

  • Gast am 22.11.2004

    Problematisierende Hinsicht.

    Hallo,
    ich bin Student an der uni in düsseldorf und ich suche ein Antwort auf die folgende Frage:

    Wie vollzieht sich die Tradierung von Oralität in Literalität? Wie verändern die Autoren die mündliche Überliefereung durch die Verarbeitung in eine literarische Form? Welche sprachgestalterischen Mittel werden verwendet? Hat diese "Übersetzung" sprachliche Veränderung zur Folge? Wenn ja, welche?

    Es wäre sehr nett von Ihnen wenn Sie mich helfen könnten

    Vielen Herzlichen Dank
    Sotirios Tsogkas

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Titel: Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch im Spannungsfeld von Oralität und Literalität


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