Zur aktuellen Debatte um den Wissensbegriff in der Erkenntnistheorie. Probleme und Lösungsansätze der Wissensdefinition


Hausarbeit, 2013

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

INAHLTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

WISSEN
Die traditionelle Konzeption von Wissen
Gettierproblem und posttraditionelle Wissensdefinitionen

SKEPTIZISMUS
Eigenschaften des erkenntnistheoretischen Skeptizismus
Skeptische Argumente: ein Beispiel

WISSEN UND PRAXIS
Weltentfremdung als Grundlage für Skeptizismus
Praktisches Wissen

DER RADIKAL-KONSTUKTIVISTISCHE WISSENSBEGRIFF
Entstehungsgeschichte und Definition nach Glaseresfeld
Ethische Konsequenzen
Kritik

SCHLUSS

QUELLENVERZEICHNIS:

EINLEITUNG

„Es gibt nicht die geringsten Anzeichen, dass wir jemals Atomenergie entwickeln können“ Dieses Zitat Albert Einsteins 1932 ist ein Exempel dafür, wie sehr sich die Menschen im Hinblick auf ihr Wissen, und ihre Einschätzung etwas beurteilen zu können, täuschen. Die Geschichte zeigt viele dieser Beispiele: sei es die kopernikanische Wende, die Evolutionstheorie, die Entdeckung Amerikas, die der Quantenphysik, oder die der Relativitätstheorie. So zeigt uns der Lauf der Zeit immer wieder, wie mangelhaft unser Bild von der Welt und damit auch unser Wissen über sie ist. Und trotzdem, obwohl die absolute Wahrheit - oder jenes was man für sie gehalten hatte – immer wieder widerlegt wurde, strebt der Mensch und die Wissenschaft immer weiter nach Wissen. Wir wollen verstehen, wie die Welt um uns herum tatsächlich beschaffen ist. Aber können wir das jemals erreichen? Was können wir wirklich wissen? Und was halten wir für Wissen?

Theorien zu diesem Thema gibt es genügende, und im großen und ganzen ist man sich einig, dass Wissen wohl etwas sein muss von dem eine Person überzeugt ist, dieses Wissen irgendwie wahr sein muss, und diese Person einen guten Grund haben muss über die Sache aussagen machen zu können. Diesem allgemeinen Konsens steht der Skeptiker entgegen: wie könne wir uns sicher sein, dass wir überhaupt so existieren wie es uns vorkommt? Es könnte ja sein, dass wir gerade alle träumen, und dieser Moment in dem ich hier schreibe und sie gerade lesen gar nicht passiert!

Die aktuelle Debatte über wissen beschäftigt sich mit diesen, aber auch mit ganz neuen Problemen : Ist der Begriff des Wissens mit Anspruch auf Wahrheit noch haltbar? Kann man Wissen nicht eher als ein Konstrukt der Menschen ansehen, welches sie erschaffen haben, um die Informationen über die Welt in eine Ordnung zu bringen?

WISSEN

„Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen“

Wie dieses Zitat aus der Metaphysik von Aristoteles zeigt, ist das Streben nach Wissen und Erkenntnis wahrscheinlich so alt wie der menschliche Verstand selbst. Wissen hat für uns nicht nur einen instrumentellen Wert, sondern hat, so schreibt es auch Thomas Grundmann in der Einleitung in „Der Wahrheit auf der Spur“, einen Zweck an sich selbst und ist fundamental für das menschliche Zusammenleben (vgl.Grundmann,2003,S.11). Für uns heute, die wir uns gerne als „die Wissensgesellschaft“ bezeichnen, ist Wissen das höchste Gut, und nebenbei bemerkt auch ein großer wirtschaftlicher Faktor. Schon allein deswegen, aber auch zur Vorbereitung auf folgende Diskussion, soll zunächst festgestellt werden: was in der Vergangenheit als Wissen bezeichnet wurde und wie Wissen mit der Wahrheit zusammen hängt.

Die traditionelle Konzeption von Wissen

Auch wenn wir intuitiv mit dem Begriff des Wissens umgehen können, also in den meisten Fällen aus dem Bauch heraus entscheiden können, ob jemand über Wissen verfügt oder ob er zufällig richtig geraten hat, und man deswegen behaupten könnte es ist nicht nötig über Wissen weiter nachzudenken, so scheint es für die Philosophie essentiell nicht nur mit dem Begriff praktisch umgehen zu können, sondern ihn auch vollständig zu verstehen, also das wahre Wesen von Wissen, seine notwendigen oder hinreichenden Bedingungen zu erkennen.

Nach Peter Baumann gilt es zunächst zu verstehen, dass es einen Unterschied zwischen dem Subjekt und dem Objekt des Wissens gibt. So wird oft der Speicher des Wissens, wie zum Beispiel ein Lexikon oder ein Gegenstand der mithilfe großem Wissens geschaffen wurde, mit dem Subjekt des Wissens verwechselt (vgl.Baumann,2002,S.29). Im weiteren lässt sich fest stellen, dass sich in der Diskussion über Wissen auf menschliche Personen beschränkt werden kann. Auch wenn es interessant erscheint, ob dem Computer der einen im Schach besiegt, oder dem Hund der “weiß“ wo er seinen Knochen versteckt hat, Wissen zugeschrieben werden kann, so sind es doch die Menschen, „die sicherlich den paradigmatischen Fall derjenigen Wesen ausmachen, denen man Wissen zuschreiben kann“ (B.,2002,S.29). Eine weitere wichtige Eigenschaft ist, dass sich Wissen immer auf etwas Bezieht, d.h. einen Inhalt hat. Der Inhalt besteht immer in einer Aussage deren Proposition („Wissen dass“) wahr oder falsch ist. Von diesem propositionalen Wissen ist das sogenannte “praktische Wissen“ - das Wissen wie etwas gemacht wird - zu unterscheiden (auf dieses werden wir weiter unten noch genauer eingehen). Wissen-wie bezieht sich auf ein erlerntes oder intuitives Können, weshalb es in der Analyse der Eigenschaften theoretischen Wissens unbedeutend zu sein scheint.

Da wir nun eingegrenzt haben mit welchem Wissen wir uns hier beschäftigen, gehen wir nun dazu über herauszufinden welche die vermeintlich notwendigen und hinreichenden Bedingungen von Wissen sind:

Die erst dieser Bedingungen ist die Notwendigkeit einer Überzeugung. Wenn jemand nicht überzeugt ist, also die Meinung hat, oder wenigstens glaubt, dass beispielsweise die Sonne scheint, so kann er schon gleich gar nicht wissen dass es so ist. Formaler ausgedrückt folgt hieraus:

„Wenn S weiß, dass p, dann hat S die Überzeugung, dass p“ (B.,2002,S.33)

Um eine Überzeugung nun zu Wissen werden zu lassen ist aber eine weitere Bedingung nötig, die mit der Wahrheit einer Aussagen zusammen hängt. Denn nur weil jemand überzeugt ist die Sonne würde scheinen, heißt das noch nicht dass es auch wahr ist, und wenn es nicht wahr ist wird man wohl kaum davon reden, es werde gewusst dass die Sonne scheint. So ergibt sich eine zweite Bedingung die als „es ist wahr, dass p“ geschrieben wird (B.,2002,S.37). Die letzte und auch umstrittenste Bedingung der traditionellen Konzeption von Wissen, die in ihrem Grundstock noch auf Platon zurück geht, hat mit der Rechtfertigung von Wissen, also “dem Haben guter Gründe von etwas Überzeugt zu sein“, zu tun. Denn die Meinung zu haben, dass die Sonne hell leuchtend scheint ohne triftigen Grund hierfür (z.B. der Blick aus einem Fenster von dem aus die Sonne zu sehen ist) kann unter Umständen zufällig wahr sein. Sitzt die Person welche dies behauptet beispielsweise in einem Raum ohne Fenster können wir ihr schon intuitiv kein Wissen zuschreiben. Zusammengefasst können wir also sagen:

S weiß, dass p, genau dann wenn:

1. S die Überzeugung hat, dass p,
2. es wahr ist, dass p und
3. S's Überzeugung gerechtfertigt ist

Dass diese Wissensdefinition in sich schon inkohärent ist, soll an dieser Stelle nur kurze Erwähnung finden. So scheint es, dass die zweite Prämisse, der Anspruch auf Wahrheit, und die dritte Prämisse, der Anspruch auf Rechtfertigung, Antworten auf zwei verschiedene Fragen sind. Nämlich einmal die Frage nach dem Ziel und einmal nach der Methode mit welcher wir dieses Ziel erreichen. Für den alltäglichen Wissensbegriff scheint das Spannungsverhältnis von Wahrheit und Rechtfertigung aber eher hilfreich als problematisch (Beckerman,2001,S.567).

Gettierproblem und posttraditionelle Wissensdefinitionen

Schon die Bezeichnung dieser Definition als traditionell zeigt uns, dass sie nicht die letzte war. Auch wenn sei auf den ersten Blick recht logisch und überzeugend klingt, so treten doch einige Probleme auf, die Philosophen zur immer weiteren Suche nach einer Vervollständigung anhält.

So erkannte ein gewisser Herr Edmund Gettier, dass es Szenarien geben kann, in welchen die Bedingungen der traditionellen Konzeption zutreffen, man intuitiv aber trotzdem nicht von Wissen sprechen würde. Die traditionelle Konzeption definiert Wissen als gerechtfertigte, wahre Überzeugung, Gettier zeigt aber dass es Fälle von gerechtfertigter wahrer Überzeugung gibt, die kein Wissen darstellen. „Die Standartanalyse ist also falsch.“ (Grundmann,2008,S.107). Die Kritik schlug ein wie eine Bombe. Während man zunächst dachte das sogenannte Gettierproblem ließe sich durch eine kleine Umwandlung der Standartkonzeption beheben, so erkannte man nach einigen Vorschlägen, dass sobald man eine Lösung für das eine Szenario gefunden hatte, sich sofort ein anderes finden konnte, welches mit der gerade gefunden Lösung kein Wissen darstellen konnte. In diesem Stadium befindet sich die Erkenntnistheorie seither, also auf der Suche nach einer Definition die eine absolute Gültigkeit wie die traditionelle Konzeption bis 1936 darstellte.

Thomas Grundmann unterscheidet in seiner „Analytischen Einführung in die Erkenntnistheorie“ zwei Strömungen die sich mit der Lösung des Getteirproblems beschäftigen: die erste - auch Quartettlösung genannt – akzeptiert die drei oben genannten Bedingungen als notwendig, hält sie aber nicht für hinreichend, d.h. sie werden also durch einen Zusatzfaktor ergänzt, der aber aus „einem internen Element“ (G.,2008,S.110) z.B. der Rechtfertigung und einem externen Faktor besteht. Deshalb spricht Grundmann auch von „Kombinationslösungen“. Die zweite – auch Terzettlösung genannt – hält die drei Bedingungen weder für notwendig noch für hinreichend „die Bedingung einer internen Rechtfertigung wird dann ganz fallen gelassen und ersetzt durch einen rein externalistischen wissensgenerierenden Zusatzfaktor“ (G.,2008,S.110).

Um Beispiel zu geben, in wie weit die Erkenntnistheorie in den letzten Jahren versucht hat das Problem einer Definition von Wissen auszugleichen, möchte ich ohne genauer auf die einzelnen Lösungsvorschläge einzugehen zwei externalistische Ansätze vorstellen:

1. Die sicherheitsbasierte Lösung, sieht das Problem in den Gettierszenarien darin, dass der Protagonist mittels eines glücklichen Zufalls zu einer wahren Überzeugung gelangt ist. Dementsprechend fehlt der traditionellen Konzeption lediglich eine Nicht-Zufälligkeitsbedingung: S ist nicht zufällig zu einer wahren Meinung p gelangt.

Die zusätzliche Bedingung räumt nun den Zufall aus, was aber nicht heißt sie sei unproblematisch an sich. Denn wie soll man genau oder einheitlich beurteilen in welchem Fall ein Protagonist zufälliger Weise zu Wissen gelangt ist?

Zur Lösung dieses Problems unterscheiden Verfechter dieser Theorie zwischen evidentiellen und veridischen Zufällen, wobei erstere jene Zufälle sind aufgrund derer man an die Indizien gelangte welche einen zur wahren Überzeugung führten, und damit mit Wissen vereinbar sind. Veridische Zufälle hingegen sind unvereinbar mit Wissen da sie darin bestehen, dass die Überzeugung die als Wissen betitelt werden soll sich nicht auf einfache Art und Weise, beispielsweise in einer sehr ähnlichen möglichen Welt, als falsch hätte herausstellen können.

Trotz allen Erklärungen bleibt unklar wodurch, wenn nicht durch Intuition, die Zufälle in diese zwei Kategorien eingeteilt werden, also wie die nahen möglichen Welten als noch relevant eingestuft werden (vgl.G.2008.S147).

2. Die kontextualistische Lösung rückt schon ein Stück weit von der philosophischen Suche nach der absoluten immer geltenden Definition von Wissen ab: Das Verb “wissen“ sei hiernach ein kontextsensitiver Ausdruck. Ob einer Person nun Wissen zugeschrieben wird oder nicht, hängt maßgeblich vom Kontext des Wissenszuschreibers, der dort geltenden Wissensstandards und den Wahrheitsbedingungen ab. Hieraus ergibt sich wiederum eine weitere Kontext-Bedingung: dieser Grund g (durch den S die Überzeugung hat, dass p) die Wahrheit der Überzeugung, dass p, in allen Welten w garantiert, die aus A's (Wissenszuschreiber) Perspektive aufgrund konversationeller Faktoren relevant sind.

Folgt man dieser Bedingung so würde es bedeuten, dass Wissen wie kontextsensitive Ausdrücke relativierbar ist. “Etwas ist relativ klein“ ist, zum Beispiel, nur verständlich wenn man es in seinem Kontext betrachtet, so ist es manchmal wahr und manchmal falsch. Wissen hingegen verhält sich in vielen Fällen nicht so wie ein kontextsensitiver Begriff, wodurch auch dieser Lösungsansatz wieder problematisch wird (G.,2008,S.166)

Dass sämtliche Versuche zur Überwindung des Gettierproblems immer nur zu neuen Problemen führen, könnt allerdings auch an der begriffsanalytischen Methode liegen. So versucht eine analytische Begriffsbestimmung immer eine explizite Intension zu finden, die sich dann mit der entsprechenden intuitiven Extension des Begriffs deckt. Dabei muss allerdings beachtet werden, dass wir hinsichtlich des Wissensbegriffs nicht nur intuitive Kriterien zur Extension, sondern auch der Intension haben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Zur aktuellen Debatte um den Wissensbegriff in der Erkenntnistheorie. Probleme und Lösungsansätze der Wissensdefinition
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Philosophie)
Veranstaltung
Seminar: „ Ist Wissen wahre gerechtfertigte Überzeugung? “
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V312266
ISBN (eBook)
9783668111387
ISBN (Buch)
9783668111394
Dateigröße
401 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wissen, Wissenstheorie, Skeptizismus, wahre gerechtfertigte Überzeugung, Getierproblem, posttraditionelle Wissensdefinition, Erkenntnistheorie, Konstruktivismus, Glasersfeld, theoretische Philosophie, Wahrheit, Kritik
Arbeit zitieren
Johanna Bialek (Autor), 2013, Zur aktuellen Debatte um den Wissensbegriff in der Erkenntnistheorie. Probleme und Lösungsansätze der Wissensdefinition, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312266

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