"Der Mann mit der Kamera" von Dziga Vertov. Darstellung des Lebens oder eines kommunistischen Ideals?

Untersuchung anhand von ausgewählten Filmsequenzen


Hausarbeit, 2014
38 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung ... 1

2 Struktur des Films ... 3

3 Kritik an Vertovs Filmen ... 5

4 Agitka – Agitfilme als Propagandamittel ... 7

5 Der Film als Waffe ... 8

6 Der Mensch als Mittelpunkt des Films ‚Der Mann mit der Kamera‘ ... 9

7 Filmausschnitte aus Vertovs ‚Der Mann mit der Kamera‘ ... 11

8 Fazit ... 18

9 Literaturverzeichnis ... 20

Anhang: Eigene Darstellung mit ausgewählten Film-Stills ... 22

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Sequenz 4:43 ... 12
Abbildung 2: Sequenz 4:47 ... 12
Abbildung 3: Sequenz 4:56 ... 13
Abbildung 4: Sequenzen 10:09 und 10:16 ... 13
Abbildung 5: Sequenz 10:33 ... 14
Abbildung 6: Sequenz 13:19 ... 14
Abbildung 7: Sequenz 46:10 ... 15
Abbildung 8: Sequenz 48:05 ... 17

1 Einleitung

„Ein Film hat drei Leben:
1. Das Leben als solches auf der Leinwand
2. Das Leben als solches auf dem Film (streifen)
3. Ganz einfach das Leben als solches“
Dziga Vertov, 19621

Der Stummfilm ‚Der Mann mit der Kamera‘ wurde unter der Regie des russischen Filmemachers DZIGA VERTOV und mithilfe von M. KAUFMAN und E. SVILOVA im Jahr 1929 gedreht. Die Dreharbeiten fanden in mehreren russischen Städten statt (u. a. Kiew und Moskau) und der Film weist eine Spieldauer von 1 Stunde und 6 Minuten auf. Zu sehen ist der Protagonist, ein Kameramann, der mit seiner Kamera, die sich auf einem Stativ befindet, die Stadt erkundet. Für den Filmwissenschaftler YURI TSIVIAN kann der Film ‚Der Mann mit der Kamera‘ in mehrere Hauptthemen aufgeteilt werden. TSIVIAN sieht am Anfang des Films zunächst das Erwachen der Stadt, dann die Betriebsamkeit der Stadt, die Arbeit der Menschen, Muße und Sport und zum Schluss das Vergnügungen.2

VERTOV versammelte für seinen Film eine kleine Gruppe Gleichgesinnter um sich, die Kameramänner M. KAUFMANN (Vertovs Bruder), der im Film gleichzeitig den Kameramann spielt, I. BELJAKOV, A. LEMBERG, den Regieassistenten I. KOPALIN und die Schnittmeisterin J. SWILOWA (seine Lebensgefährtin), die in ‚Der Mann mit der Kamera‘ als Cutterin agiert. Dazu schreibt der bosnische Regisseur und Autor VLADA PETRIĆ: „The members of the kinoki were young cameramen, editors, technicians, and animators, including Mikhail Kaufman, Vertov’s brother who, in addition to playing the ‚protagonist‘ served as the cameraman for ‚The Man with the Movie Camera‘, and Vertov’s wife, Elisaveta Svilova, the fils editor, who played herself in that role.“

Die ganze Gruppe nannte sich ‚Kinokis‘. Für die Herausgeber des Buchs ‚Der sowjetische Film – Von den Anfängen bis 1945‘ waren die Filmfolge der ‚Kinopravda‘ nicht nur aufgrund des Materials und der Interpretation Neuerungen, sondern auch in stilistischer Hinsicht: Abwechselnd werden Großaufnahmen, verschiedenartige Blickwinkel, Detailaufnahmen, Montagen kurzer Einstellungen und rhythmischer Wiederholungen eingesetzt.

Mit dem Film verfolgte VERTOV die Absicht, ein Poem über die Arbeit des Dokumentarfilmkameramannes und über die umfassenden Möglichkeiten der Montageverfahren zu schaffen.

Im zuvor erwähnten Buch über den sowjetischen Film, herausgegeben vom Staatlichen Filminstitut der UdSSR in Moskau, wird im Kapitel ‚Werden und Blüte des sowjetischen Stummfilms‘ der Film ‚Der Mann mit der Kamera‘ wie folgt beschrieben: „Statt eines Poems war eine Abfolge von Einstellungen zu sehen die aus dem Leben gegriffen und in einem hektischen Rhythmus montiert wurden. Dem Zuschauer bleibt es überlassen, den Sinn des Geschehens nach Belieben auszudeuten.“

TSIVIAN legt in seinem Aufsatz ‚Einige Überlegungen zur Struktur des Films ‚Der Mann mit der Kamera‘‘ dar, dass VERTOV mit diesem Film die Grundlage einer neuen Filmsprache schaffen wollte – kinopis´ – womit er zwar die beiden zuvor genannten Probleme löste, dem Zuschauer jedoch ein Verständnis des Films nahezu unmöglich machte.

TSIVIAN vertritt die Auffassung, dass die Unverständlichkeit des Films ‚Der Mann mit der Kamera‘ durch eine Untersuchung der kulturellen Situation der damaligen Zeit teilweise aufgehoben werden kann.

Um die Frage meiner Hausarbeit beantworten zu können und um herauszufinden, ob VERTOV in seinem Film ‚Der Mann mit der Kamera‘ das Leben, wie es ist, darstellt oder ein kommunistisches Ideal schafft, ist es vonnöten, die Situation der damaligen Zeit in der Sowjetunion zu thematisieren. Ferner interessieren mich VERTOVS politische Orientierung und seine Aussagen zu seiner filmischen Arbeit. Es soll geklärt werden, inwieweit diese Aspekte seine filmische Arbeit, insbesondere seinen Film ‚Der Mann mit der Kamera‘ beeinflusst haben. Als Basis für meine Hausarbeit dient mir das Buch ‚Apparatur und Rhapsodie – zu den Filmen Dziga Vertov‘. Hier finden sich in Aufsatzform Überlegungen von Filmwissenschaftlern zum Film ‚Der Mann mit der Kamera‘.

Weiterhin habe ich die Publikation ‚Der sowjetische Film – Von den Anfängen bis 1945‘ herangezogen. Hier wird neben allgemeinen Aussagen zum sowjetischen Film näher auf Vertovs Film ‚Der Mann mit der Kamera‘ eingegangen. Aussagen über den Sowjetmenschen und damit über den historischen Hintergrund des Films bietet das Buch ‚Der Sowjetmensch‘ des Autors KLAUS MEHNERT.

Ferner verwende ich ausgewählte Film-Stills aus VERTOVS Film, die mir als Hilfestellung dienen, um die Fragen meine Hausarbeit zu beleuchten.

2 Struktur des Films

Vertov: „Ich bin ein Filmschriftsteller. Filmdichter. Ich schreibe nicht auf Papier, sondern auf Zelluloid.“
Dziga Vertov 19663

Nach DRUBEK-MEYER und MURAŠOV hatte der Filmemacher sich vorgenommen, einen Film ohne erklärende Zwischentitel zu produzieren. Des Weiteren sollte der Film kein einziges ‚gespieltes‘ Element und keine lineare Handlung umfassen, sondern mittels der „totalen Loslösung“ der Filmsprache von der Sprache des Theaters und der Literatur geschaffen werden.4

Der Filmwissenschaftler YURI TSIVIAN erkennt im Film ‚Der Mann mit der Kamera‘ im Allgemeinen folgende Hauptthemen:5

I.: die schlafende Stadt am frühen Morgen,
II.: das Erwachen der Stadt,
III.: die Betriebsamkeit der Stadt,
IV.: die Arbeit,
V.: Muße und Sport sowie
VI.: Vergnügungen.

OKSANA BULGAKOVA, Professorin für Filmgeschichte und Filmanalyse, beschäftigt sich in ihrem Aufsatz ‚Vertov und die Erfindung des Films zum zweiten Mal‘ mit der Rezeption des Films ‚Der Mann mit der Kamera‘ in der Sowjetzeit. Sie stellt fest, dass die offizielle sowjetische Filmkritik VERTOVS Komposition meist „als ein sinnloses Sammelsurium von durch nichts miteinander verbundenen Bildern interpretiert hat“6.

Auch der russische Regisseur SERGEJ EJZENŠTEJN, der in den 1920er Jahren Auftragsfilme für den Sowjetstaat drehte und mit seiner besonderen Montagetechnik und dem Film ‚Panzerkreuzer Potemkin‘ aus dem Jahr 1925 Weltruhm erlangte, meint, Vertov sei perfekt im Bereich der formalen Verflechtung der Bilder, doch er könne damit keine ideologische Aussage vermitteln, die auf Zuschauer einzuwirken vermag.7

„Der Filmer Vsevolod Pudovkin scheint als einziger Vertovs Konzept angemessen zu verstehen“, behauptet OKSANA BULGAKOWA.8 In ihrem Aufsatz zitiert BULKAKOWA die Aussage von PUDOVKINS aus dem Jahr 1932, wobei er über VERTOVS Arbeit Folgendes schreibt:

„Seine (Vertovs) ganze Arbeit zielt auf die Erforschung des rhythmischen Aspekts der Montage, wie man heute leicht sehen kann. (…) Um seine Untersuchungen, seine Experimente zu unterschiedlichen rhythmischen Kompositionen aus verschiedenen Einstellungen vorantreiben zu können, brauchte er ein Material, das er beliebig mit der Schere bearbeiten konnte. Das dafür geeignete Material war: ‚das Leben, wie es ist‘, also zufällige Einstellungen, die keinerlei Kompositionselemente enthielten und deren Gegenstand verschiedene Menschen an verschiedenen Orten waren. Als ein solches Material erweisen sich gleichförmige, wiederholbare Prozesse, die Arbeit von Menschen, die Arbeit von Maschinen, die Bewegungen von Massen und so weiter in hohem Maße geeignet. (…)“9

In ihrem Aufsatz analysiert BULGAKOWA die Montagetechnik und die Wiederholungen in VERTOVS Filmen. Sie ist der Meinung, dass im Kinoglas als eine Art Refrain einzelne Einstellungen wiederholt werden. Vertov bedient sich ihrer Meinung nach der thematischen Wiederholung, der Wiederholung von Handlungen und Tätigkeiten ebenso wie der Wiederholung formaler Strukturen.10 BULGAKOWA sagt, dass VERTOV 1929 den Versuch unternimmt, sein radikales filmästhetisches Experiment, das er mit ‚Der Mann mit der Kamera‘ unternommen hat, theoretisch auszuformulieren und ein Buch über die visuellen Gesetze der Montage begonnen hat. Dieses Projekt ist allerdings über den Vorsatz und wenige Skizzen nicht hinausgekommen.

VIKTOV LISTOV behauptet in seinem Aufsatz, dass der Film in erster Linie mit Formen experimentiert und kaum eine politische Aussage hat.11 Der Film würde den Zuschauer in ein Spiel mit der Dingwelt verwickeln, um ihn die reine Filmsprache zu lehren.12

LISTOVS Aussage kann ich nicht zustimmen. Meiner Meinung nach lösen sich durch die Montage VERTOVS Dokumentaraufnahmen von den wirklichen Ereignissen, von den konkreten Orten und der konkreten Zeit des Geschehens und werden zu Bildsymbolen. Das wird in mehreren Einstellungen deutlich, auf die ich später näher eingehen werde. Diese Motive sollen ein Idealbild der kommunistischen Gesellschaft präsentieren.

In Vertovs Film ist der Mensch sehr häufig als Bildmotiv zu sehen. Obdachlose junge und ältere Männer, Bäuerinnen, wohlhabende Frauen in einer Pferdekutsche fahrend, Sportler und Sportlerinnen, Arbeiter in einem Bergwerk. Meiner Meinung nach spielt Vertov in Kritik an Vertovs Filmen seinem Film „Der Mann mit der Kamera“ nicht „mit der Dingwelt“, sondern er verwendet eine Montagetechnik die seine Motive „dinghafter“ erscheinen lassen. Durch die schnelle Montage wirken auch seine Sequenzen in dem der Mensch zu sehen ist, als statisch, unnatürlich und somit erscheinen sie als unwirklich. Seine Filmsequenzen sind extrem kurz, manchmal verwendet er eine Zeitlupe (die Sequenz mit dem jungen Obdachlosen) und manchmal sind seine Einstellungen so kurz, dass sie nur durch ein Standbild sichtbar sind. Durch die kurzen und schnell hintereinander montierten Einstellungen hat der Zuschauer bzw. das menschliche Auge kaum Möglichkeiten das Motiv zu erkennen. Die Sequenz, auf der ein Mann auf einer Kutsche schläft, ist im Film kaum zu sehen. Als ich den Film „Der Mann mit der Kamera“ zum ersten Mal sah, ist mir dieses Motiv und viele andere kurze Einstellungen gar nicht erst aufgefallen. Das Auge ist für diese extrem kurze Einstellungen kaum fähig diese Sequenzen zu sehen. Nur durch ein Standbild ist das Motiv für den Zuschauer zu sehen. Dafür musste ich den Film mehrfach vor- oder zurückspulen. Plausibler erscheint mir die Aussage im Buch ‚Der sowjetische Film‘, in dem behauptet wird, „dass die sowjetische Filmkunst gemeinsam mit anderen Künsten die kommunistische Partei bei der Mobilisierung aller geistig-moralischen Kräften der Völker der Sowjetunion erfolgreich um Freiheit und Unabhängigkeit der sozialistischen Heimat unterstützt“13. Vertov stand der kommunistischen Partei sehr nahe. Er drehte auch mehrere sogenannte „Agitfilme“(Propaganderfilme) zu denen ich später noch komme.

3 Kritik an Vertovs Filmen

In seinem Aufsatz ‚Einige Überlegungen zur Struktur des Films‘ schreibt der Filmhistoriker YURI TSIVIAN, dass der Film ‚Der Mann mit der Kamera‘ noch immer rätselhaft sei.14 Der Film richtet sich nicht nur an den Zuschauer, sondern an das Kino an sich und auch an sich selbst als Film, so TSIVIAN.15 Er zitiert VERTOV, der sagt:

„Wir haben es als unsere Aufgabe angesehen, Filme zu produzieren, die Filme zu produzieren, denn das Ziel war, die Grammatik der kinematographischen Mittel allgemein bekannt zu machen.“ Vertov 196616

[...]


1 Drubek-Meyer/Murašov 2000, S. 44
2 Vgl. Drubek-Meyer/Murašov 2000, S. 119.
3Drubek-Meyer/Murašov 2000, S. 44.
4Vgl. Tsivian 2000, S. 120, Vertov 1928.
5Tsivian In: Drubek-Meyer/Murašov 2000, S. 119.
6Bulgakova 2000, S. 105.
7Vgl. Eisenštejn 2000, S. 105.
8 Bulgakova 2000, S. 116
9 Pudovkin 2000, S. 112.
10Vgl. Bulgakowa 2000, S. 116.
11Vgl. Listov 2000, S. 32.
12Vgl. Listov 2000, S. 32.
13 Groschew/Ginsburg/Dolinski 1974, S. 346.
14 Vgl. Tsivian 2000, S. 146.
15 Vgl. Tsivian 2000, S. 119.
16Tsivian 2000, S. 119.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
"Der Mann mit der Kamera" von Dziga Vertov. Darstellung des Lebens oder eines kommunistischen Ideals?
Untertitel
Untersuchung anhand von ausgewählten Filmsequenzen
Hochschule
Universität Hamburg  (Fakultät für Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Kino-Film-Geschichte
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
38
Katalognummer
V312548
ISBN (eBook)
9783668115750
ISBN (Buch)
9783668115767
Dateigröße
1261 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Film, Kino Geschichte Vertov, Celovek s Kinoapparatom, Der Mann mit der Kamera, Dziga Vertov
Arbeit zitieren
Zlata Vodanović (Autor), 2014, "Der Mann mit der Kamera" von Dziga Vertov. Darstellung des Lebens oder eines kommunistischen Ideals?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312548

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