Wirkung und Grenzen der Darstellung. Die fotografische und narrative Repräsentation des armenischen Genozids bei Armin T. Wegner


Hausarbeit, 2014
17 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung … 3

2 Wegners Diavortrag in der Urania … 4
2.1 Dramaturgie und Literarisierung … 4
2.2 Kitsch und Tod, Klischeebilder, Orientalismus … 7
2.3 Problematik des Text-Bild-Verhältnisses … 8

3 Stimmigkeit der Dramaturgie … 9
3.1 Kühle Distanz vs. Fassungslosigkeit – der Augenzeuge Wegner … 9
3.2 Texte und Bilder als Bausteine einer Komposition … 10
3.3 Kritik durch die Forschung … 11

4 Erzählung Einer armenischen Mutter … 12

5 Fazit … 13

6 Literaturverzeichnis… 15 3

1 Einleitung

Die Erde ist das Buch, in dem alles geschrieben steht. Sie ist der Dichter, und ich ging auf der Welt umher, um alles mit meinen Augen, meinen Händen und Füßen zu lesen.[1] (Armin T. Wegner)

Die Beziehung zwischen Narrativen und Kriegen war stets eng miteinander verknüpft. Kriege werden unter anderem mithilfe von Narrativen „zu einem historischen Ereignis“ erklärt, Narrative dienen als Instrumente der Sinngebung von Kriegen, ebenso können durch sie „Kriege in Frage [gestellt] oder Kriege in ihrer inneren Logik, in ihrer Funktions- und Wirkungsweise“ erforscht werden.[2]

Von diesen Funktionsweisen trifft auf Armin T. Wegners Auseinandersetzung mit dem Genozid an den Armeniern während des Ersten Weltkrieges am ehesten die Infragestellung von Kriegen zu. Ab Oktober 1919 machte sich Wegner als Fotograf, Erzähler, Vortragsreisender und Lyriker einen bis heute gewichtigen Namen auf dem Gebiet der Kriegsnarration. Die Fotografien und Texte entstanden ab 1915. In diesem Jahr nahm Wegner an der deutschen Sanitätsexpedition in das Osmanische Reich teil. Er hielt das in Flüchtlingskarawanen und Deportationslagern Gesehene in Tagebuchnotizen, Briefen, Aufzeichnungen, Erzählungen und später in Büchern fest. Einige Notizen zu Ermordungen der Armenier lesen sich so eindringlich wie eindeutig: „Erschlagen, Erschossen, erhängt, vergiftet, erdolcht, erdrosselt, von Seuchen verzehrt, ertränkt, verdurstet, verhungert, verfault, von Schakalen angefressen.“[3] Andererseits wurde und wird gegen Wegner beispielsweise der Vorwurf erhoben, dass er in seinen schriftlichen sowie bildlichen Zeugnissen des Genozids ästhetische Stimmigkeit der Darstellung höher gewichte als authentische Wiedergabe.[4] Wegners Kriegsnarration gilt in vielerlei Hinsicht als problematisch.

Das erkenntnisleitende Interesse, an dem die folgenden Ausführungen orientiert 4 sind, besteht darin aufzuzeigen, inwiefern verschiedene Aspekte der bildlichen sowie schriftlichen Darstellungen Wegners hinsichtlich des Genozids an den Armeniern als problematisch bewertet werden können.

Hierzu sollen in Kapitel 2 Betrachtungen zu Die Austreibung des armenischen Volkes in die Wüste (1919), Wegners Vortrag in der Urania, ein erstes aufschlussreiches Bild vermitteln. In den Blick genommen werden einzelne Fotos und Texte dieses Vortrages sowie Kritik, die an diesem geübt wurde. In Kapitel 3 richtet sich der Blick spezieller auf die Kompositionsweise, der Wegner seine Zeugenschaft unterwarf, als er die erlebten Eindrücke wiedergab. Auch hier wird Kritik an Wegner durch die Forschung mit einbezogen. Kapitel 4 widmet sich einzelnen Aspekten der Erzählung Einer armenischen Mutter.

Wichtige Impulse für die Überlegungen der Verfasserin bot Zwischen Apokalypse und Alltag von Borissova, Frank und Kraft (Hg.). Hier stehen Aspekte der Narration von Kriegen im Vordergrund, daher ließen sich einzelne Betrachtungen dieses Buches auf die hier vorgenommene Untersuchung zur Repräsentation des Genozids bei Wegners Fotografien und Erzählungen anwenden.

2 Wegners Diavortrag in der Urania

Am 19. März 1919 hielt Wegner im Vortragssaal der Urania, einer in Berlin gegründeten Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse, einen Lichtbildvortrag unter dem Titel Die Austreibung des armenischen Volkes in die Wüste. Vor seiner Rede erklärte Wegner: „Ich werde mich dabei ausschließlich auf die schlichte Darstellung der Ereignisse als solche beschränken, weil diese für sich allein eine so starke Sprache reden, dass sie durch keine politische Erörterung überboten werden können.“[5] Dem Anspruch größtmöglicher Objektivität, den diese Aussage impliziert, genügte Wegners Darstellungsweise jedoch keineswegs.

2.1 Dramaturgie und Literarisierung

Alle 97 Fotografien, die Wegner bei seinem Diavortrag in der Urania zeigte, tragen 5 Untertitel, ergänzt durch kurze Begleittexte. Unter anderem zeigen die Motive Leichen (z.B. Bild 22 – Erschlagener auf der Straße; Bild 23 – Nach einem Massaker; Bild 24 – Erhängter)6, Gewalt (z.B. Bild 32 – Brennende Straße)7 oder Menschen auf der Flucht (z.B. Bild 50 – Armenische Mutter auf der Flucht)8. Der Begleittext zu Bild 16 – Dschemal Pascha9 ist mit dem Hinweis versehen:

Nicht alle diese Bilder habe ich selbst aufgenommen, das möchte ich ausdrücklich betonen; einige wenige entstammen den Vorgängen vor einigen Jahren 1909, und ich habe sie zur Ergänzung herangezogen, da viele meiner Photographieen [sic!] durch die Hitze gelitten hatten und verdorben waren; aber Sie werden es mir als Augenzeugen glauben, wenn ich Ihnen bestätige, dass sie sich von den heutigen Vorgängen leider durch nichts unterscheiden.[10]

Wer seiner Rede durch die Autorität der Augenzeugenschaft Gewicht verleihen will, muss so nah wie irgend möglich bei den Fakten bleiben. „Die Wahrheit verpflichtet den, der sie kennt, zu reden“, so Wegner.[11] Dieser moralische Appell bedarf einer Ergänzung, denn er sagt nichts über das Wie der Rede aus: Die Wahrheit verpflichtet den, der sie kennt, ihr entsprechend zu reden. Im Folgenden wird deutlich: Die Dramaturgie, nach der Wegner seinen Vortrag aufbaute, untergräbt seine Autorität als Augenzeuge.

Die Verwendung des Bildes 49 (Bastonade)[12] gilt als Auslöser des Vorwurfs, „Wegner zeige ›falsche‹ Bilder […], wie Wegners zunächst erwogene Korrektur, dass es sich nämlich nicht um Türken und Armenier, sondern um Perser handele, dann aber die schließlich doch vollständige Streichung der Passage bestätigt“, so Meier.[13] Weiterhin stammte das Bild nicht von ihm, und obgleich er auch darauf hinwies[14], machte er sich mit der Verwendung des Bildes angreifbar. Seitens jung-türkischer Vertreter wurde Wegner vorgeworfen, von ihm verwendete Bilder stellten nicht dar, was er als deren Inhalt ausgebe.[15]

Zweifel, die der Theologe Martin Tamcke an der Glaubwürdigkeit von Wegners Darstellungen äußert, beziehen den konstruierend-dramatischen Charakter des Vortragsaufbaus mit ein. So seien im Urania-Vortrag zwar noch Berichte „aus eigener Anschauung enthalten, doch ist er von drastischen Beispielen aus der Literatur 6 überformt und verfremdet.“[16]

Ähnliche Kritik übt Andreas Meier, dem zufolge die im Vortrag verwendeten Bilder weniger „dokumentarisch motivier[t]“, „eher auf Publikumswirkung kalkulier[t]“ sind.[17] Weiterhin „konterkariert auch der Aufbau des Vortrags den Charakter eines authentischen Augenzeugenberichts.“[18] Wegners Erzählkonstrukt folge „dem Weg eines fiktiven Deportationszugs vom Nordosten der Türkei in die südlich gelegene mesopotamische Wüste, folgt somit also nicht seinen von Westen nach Osten und umgekehrt führenden eigenen Reiswegen [sic!].“[19] Das Narrativ-Konstruktive dominiere den Vortrag, sowohl in bildlicher als auch in textlicher Hinsicht, „[a]uch die zahlreichen Referenzen und fremden Quellen und der unphilologische Umgang mit diesen müssen als Zeichen einer schleichenden Literarisierung verstanden werden.“[20] [21] Meier merkt an, dass Wegner neben den nicht hinreichend als solchen ausgewiesenen Quellen überraschenderweise eigenes Material aus dem Kriegstagebuch und weitgehend aus Weg ohne Heimkehr nicht integrierte.[22] Daraus folgert Meier: „Offensichtlich scheint ihm im Kontext des Vortrags, wie insgesamt in dieser propagandistischen Phase für die armenische Sache, das kräftigere, effektvollere Bild wichtiger als die Authentizität seiner eigenen Erfahrungen.“[23]

[…]


[1] Zit. aus: Hölder, Helmut: Paläontologische Meditationen, Berlin/Münster 2011, o.S.

[2] Borissova, Natalia/Frank, Susi K../Kraft, Andreas (Hg.): Zwischen Apokalypse und Alltag. Kriegsnarrative des 20. und 21. Jahrhunderts, Bielefeld 2009, S. 7.

[3] Wegner, Armin T.: Am Kreuzweg der Welten. Lyrik, Prosa, Briefe, Autobiographisches. Berlin 1982a, S. 415.

[4] Vgl. Wegner, Armin T./Meier, Andreas (Hg.): Die Austreibung des armenischen Volkes in die Wüste. Ein Lichtbildvortrag. Göttingen 2011, S. 170.

[5] Ebd., S. 13.

[6] Ebd., S. 32ff.

[7] Ebd., S. 39.

[8] Ebd., S. 49.

[9] Ebd., S. 25.

[10] Ebd., S 26.

[11] Ebd., S. 13.

[12] Ebd., S, 127.

[13] Ebd., S. 126.

[14] Ebd., S. 126.

[15] Ebd., S. 5.

[16] Tamcke, Martin: Armin T. Wegner und die Armenier. Anspruch und Wirklichkeit eines Augenzeugen. Hamburg 1996, S. 238.

[17] Wegner/Meier (Hg.) 2011, S. 172.

[18] Ebd., S. 172.

[19] Ebd., S. 172.

[20] Ebd., S. 173.

[21] Laut Meier hat Wegner aus folgenden vier Werken Motive entnommen, ohne detaillierte Quellenangabe:
- Niepage, Martin: Ein Wort an die berufenen Vertreter des deutschen Volkes, Potsdam 1916.
- Lepsius, Johannes: Bericht über die Lage des armenischen Volkes in der Türkei, Potsdam 1916.
- Sommer, Ernst: Die Wahrheit über die Leiden des armenischen Volkes in der Türkei während des Weltkriegs, Frankfurt am Main 1919.
- Rohrbach, Paul (Hg.): Armenien. Beiträge zur armenischen Landes- und Volkskunde. Stuttgart 1919.
Vgl. ebd., S. 167f.

[22] Vgl. ebd., S. 168.

[23] Ebd., S. 168.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Wirkung und Grenzen der Darstellung. Die fotografische und narrative Repräsentation des armenischen Genozids bei Armin T. Wegner
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Der andere Genozid: Literatur über den Völkermord an den Armeniern
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V312952
ISBN (eBook)
9783668116931
ISBN (Buch)
9783668116948
Dateigröße
834 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Armin T. Wegner, Armenien, Genozid an Armeniern, Fotografie
Arbeit zitieren
B.A. Zlata Vodanović (Autor), 2014, Wirkung und Grenzen der Darstellung. Die fotografische und narrative Repräsentation des armenischen Genozids bei Armin T. Wegner, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312952

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