Zur Bedeutung der Kurdenfrage im Demokratisierungsprozess der Türkei


Hausarbeit, 2015
37 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

1. Einleitung

In den letzten Monaten, vor allem aber in den letzten Wochen[1], hat die sogenannte Kurdenfrage wieder an teils erschütternder Aktualität gewonnen. Dabei ist das Problem dieses geteilten Volkes kein neues, da es tief in der Geschichte verwurzelt ist, auch wenn diese sich in ihrem Verlauf in den letzten Jahrhunderten, vor allem aber in dem vergangenen 20. Jahrhundert, als sehr wechselhaft darstellte.

Der Titel, „Inwiefern beeinflusste die Kurdenfrage den Demokratisierungsprozess der Türkei?“, mag vermuten lassen, dass das kurdische Volk lediglich in türkischen Gebieten leben würde, was aber mit Nichten der Fall ist. Die Ethnie der Kurden ist ein auf mehrere Länder verteiltes Volk, das größte, das bis heute über keinen eigenen Staat verfügt.[2] Aus dieser Tatsache heraus ergeben sich zahlreiche Probleme und Konflikte, vor allem bezüglich der Akzeptanz ihrer Existenz und ihrer Eingliederung, besonders in die Republik Türkei, deren Lösung als die sogenannte „Kurdenfrage“ betitelt wird. Die Verbreitung des kurdischen Volkes erstreckt sich über den Südosten der Türkei, den Irak, Syrien und Teile des Iran. Dieses Gebiet wird auch „Kurdistan“[3] bezeichnet, wobei die Grenzziehung, wie auch die Bezeichnung Kurdistan,[4] umstritten ist.[5] Eine endgültige Lösung des Problems der kurdischen Ethnie kann daher, letztendlich, nur mit Einbeziehung der Länder Syrien, Irak und Iran gelöst werden,[6] wobei besonders Syrien und Irak durch ihre mehr als instabile Lage zur Zeit – und vermutlich auch in näherer Zukunft – als handelnder Akteur ausfallen. Der türkische Teil Kurdistans ist ohnehin der bedeutendste, sowohl historisch, wie auch politisch. 49 % aller Kurden leben in der Türkei.[7] Daher wird sich die vorliegende Hausarbeit auch in erster Linie auf die türkischen Kurden beziehen. Eine ausführlichere Wiedergabe der wichtigsten statistischen Eckdaten wird die Arbeit im 2. Kapitel einleiten.

Der Aufteilung des Volkes der Kurden auf mehrere Nationen liegt die Kolonialpolitik zu Grunde, die französische und britische Besatzer nach dem Ersten Weltkrieg vollzogen.[8] Die Gründe für die nachhaltig einflussreiche Aufteilung werden in Kapitel 3, welches die Vorgeschichte bis zur Staatsgründung und den Zweiten Weltkrieg behandelt, ausführlich zu finden sein. Dort werden der historische Verlauf und die Entwicklung des kurdischen Volkes in mehreren Unterkapiteln nachgezeichnet. Der dritte Teil dieser Arbeit ist nicht nur elementar für das Verständnis des Konflikts zwischen der türkischen Regierung, türkischen Nationalisten und dem kurdischen Volk, sondern stellt gleichzeitig auch den Hauptteil der Arbeit dar, zusammen mit dem vierten Kapitel. Dieses erzählt die Geschichte nach Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur heutigen Gegenwart nach. Insbesondere die Zeit der Reichsgründung 1922 durch Atatürk (Kapitel 3.3 und 3.4) bildete die Grundlage für die Auseinandersetzungen des türkischen und des kurdischen Volkes. Dabei gilt zu beachten, dass es sich bei dem Konflikt um ein durchaus ungleiches Machtverhältnis handelt. In solchen Machtverhältnissen werden in vielen Fällen historische Konstrukte benutzt, um Verhältnisse zum eigenen Vorteil nutzen zu können – wie in diesem Teil erkennbar werden wird. Insbesondere der Umgang der Türkei, beziehungsweise der türkischen Regierung, gibt daher Rückschlüsse auf die demokratische Entwicklung der Türkei selbst, weshalb das Hauptaugenmerk auf dieser Beziehung liegen soll.

Die Zeit vor dem 20. Jahrhundert, in dem es keine eigenständige türkische Republik gab, wird knapper behandelt, soll aber nicht außer Acht gelassen werden. Erstrecken wird sich die Analyse zwar bis in die 2000er Jahre, wobei ein bisheriger Mangel an ausreichender wissenschaftlicher Literatur vor allem das letzte Jahrzehnt etwas knapper ausfallen lässt. In einer abschließenden Zusammenfassung, welche mit einer Analyse einhergehen wird, soll aber dennoch kurz auf die letzten zehn Jahre und die aktuelle Situation eingegangen und eventuelle Parallelen zum 20. Jahrhundert aufgezeigt werden. Mit der Auflistung der Literatur endet die Arbeit schlussendlich. Dabei gilt es zu beachten, dass aufgrund des ausgewählten Zeitraums der Analyse über mehrere Jahrhunderte durchaus Abstriche in den Details gemacht werden mussten. Ziel ist es daher, den Konflikt zunächst deskriptiv und historisch nachzuzeichnen um die Analyse anhand wiederkehrender Schnittmengen und Parallelen zu betreiben. Die in einigen Aspekten nur gering vorhandene, sich teils widersprechende Literatur soll durch möglichst genaue Vergleiche miteinander abgewogen werden.

2. Wer sind die Kurden? Was ist unter Kurdistan zu verstehen?

„In Vorderasien, in dem Gebiet südlich und östlich des Berges Ararat […] lebt auf einer Fläche von rund 500.000 Quadratkilometern eines der ältesten Völker der Welt, die Kurden. Ihre Zahl wird auf rund 15 Millionen geschätzt.“[9] Dieses Gebiet wird, wie bereits angesprochen, auch als Kurdistan bezeichnet, dieses bleibt aber in seiner Ausdehnung und Bezeichnung umstritten. Es dient als Wasserreservoir des Nahen Ostens und bildet ein riesiges Bergmassiv, welches südlich und westlich in die Steppen des Landes Syrien und Nieder-Mesopotamien übergeht.[10] Durch das hohe Wasservorkommen ist es strategisch ein bedeutendes Gebiet in einer ansonsten weitestgehend entwaldeten und hinsichtlich der Temperatur sehr heterogenen Region. Neben Wasser ist dort der Rohstoff Öl vorhanden, wodurch das Gebiet auch wirtschaftlich und geostrategisch von Bedeutung ist.[11] Durch die große Ausdehnung des Landes Kurdistan sind die gegebenen Verhältnisse aber durchaus unterschiedlich. Von den geschätzten 500.000 km² Kurdistans liegen allein 230.000 in der Türkei und machen somit 30% der Fläche des türkischen Gebietes aus.[12] 19 von 67 türkischen Verwaltungseinheiten, den „ iller“, sind kurdische Provinzen.[13] Nach einer Umfrage aus dem Jahr 2007 leben aktuell in der Türkei 11 Millionen Kurden,[14] mit einer deutlich steigenden Tendenz[15], was unter anderem auf eine höhere Geburtenrate der Kurden im Vergleich zur türkischen Bevölkerung zurückzuführen ist.[16] Hinzu kommen Millionen von Kurden, die außerhalb ihrer angestammten Heimat leben. In den 1980er Jahren betrug deren Zahl bereits 3,2 Millionen,[17] mittlerweile ist von einem Vielfachen auszugehen, wobei genaue Statistiken über die weltweite Verbreitung fehlen. Grund für einige Ungenauigkeiten in den Statistiken ist unter anderem, dass die Kurden nicht zwingend eindeutig ihrer Ethnie zuzuschreiben sind und die Stämme in den jeweiligen Nationen selbst untereinander teils abweichende Sprachen sprechen, sich aber über kulturelle Gemeinsamkeiten einen lassen.[18] Das Volk der Kurden betreibt zu 65% Viehzucht und Landwirtschaft, 35% leben in größeren Städten, wobei deren Zahl stetig anwächst. Inwiefern der Lebensunterhalt von Land und Tier gedeckt werden kann, ist ebenfalls von den klimatischen Bedingungen der Region abhängig.[19] Grund für die hohe Anzahl der Kurden, die im Agrarsektor tätig sind, ist, dass in türkisch-Kurdistan im Grunde keine Arbeiterklasse existiert bzw. lange Zeit nicht existiert hat. Noch in den 1980er Jahren hat sich 99% der türkischen Industrie im „türkischen Teil“ des Staates befunden. Ein kurdisches Proletariat lebte, insofern es vorhanden war, in den größeren Städten. Der südöstliche Teil der Türkei bestand im Wesentlichen aus Agrarland und war im Vergleich zur Resttürkei extrem unterentwickelt.[20] Diesen Missstand versuchte die türkische Regierung in den 1980er Jahren zu ändern und rief das „Südost-Anatolien-Projekt“ (GAP[21] ) ins Leben. Dabei handelt es sich um ein Bewässerungs- und Energiegewinnungsprojekt ungekannter Größe, mit dem Ziel, das wirtschaftliche West-Ost-Gefälle zu beseitigen.[22] Die Fertigstellung bis 2010, das als eigentliches Ziel ausgegeben wurde, konnte nicht erreicht werden. Dafür gelang, dass mittlerweile 12% der Bevölkerung der GAP-Region in der verarbeitenden Industrie tätig sind. Zu Beginn des Projekts waren es lediglich 2%.[23] Jedoch ist das GAP-Projekt nicht als uneigennützig zu bewerten, im Gegenteil. Zum einen soll damit die Wasser- und Energieversorgung der gesamten Türkei gedeckt werden. Zum werfen Kritiker, wie der Soziologe und Mitarbeiter des GAP-Projekts Ahmet Özer, der türkischen Regierung vor, eine kapitalistische und industrielle Entwicklung der Region bewusst verhindert zu haben, da diese den kurdischen Nationalismus hätte stärken können. Daher habe man sich verstärkt auf den infrastrukturellen Ausbau und die Finanzierung des Militärs konzentriert.[24] Dies wird mit ein ausschlaggebender Grund dafür sein, dass die ländliche Lebens- und Produktionsweise von den Kurden nach wie vor vorgezogen wird. Inwiefern diese Art der Unterdrückung der Kurden Tradition in der Türkei besitzt und wie es zu der zentrierten Ansiedlung der kurdischen Bevölkerung in Ostanatolien kam, werden die folgenden Kapitel verdeutlichen.

3. Überblick über die historische Entwicklung der Türkei und der Kurden bis zum Zweiten Weltkrieg

3.1 Die Vorgeschichte des Mittleren Ostens

Die Geschichte des Mittleren Ostens ist von fundamentaler Bedeutung für die, teils bis heute vorherrschende, Assimilationspolitik[25] der Türkei gegenüber der kurdischen Bevölkerung. Archäologische Quellen belegen, dass bereits zwischen 10.000 und 8000 v.u.Z.[26] im mittelöstlichen Raum mit Ackerbau, Viehzucht und der ersten Domestizierung durch eine zivilisierte Kultur begonnen wurde. In denselben Zeitraum werden auch erste kulturelle Entwicklungen der Sumer datiert. Damals erfolgte der Übergang von einer matriarchalen zu einer patriarchalen Gesellschaftsform. Um 4000 v.u.Z. lebten in Stammesformen organisierte Gruppen meist in Gebirgen und bis 2400 v.u.Z. in losen Städtebunden. Priesterfürsten regierten in einer der Klosterwirtschaft in Europa ähnlichen Tempelwirtschaft und die Sumer begannen das Handwerk zu kultivieren und den ersten Handel zu betreiben. In den folgenden Jahrhunderten wechselte die Vorherrschaft im heutigen Mittleren Osten mehrmals: zunächst brachen die Akkader im Jahr 2235 v.u.Z. die Vorherrschaft der Sumer. Es folgten Aufstände der Guhäer und weiterer Gebirgsstämme aus dem Zagrosgebirge, die ab 2150 v.u.Z. Untermesopotamien regierten. Der Seehandel entwickelte sich und die mittelöstliche und ägyptische Kultur begann sich gegenseitig zu beeinflussen. Die ersten größeren Städte und Dörfer entstanden und ab ca. 1700 v.u.Z. wurde Babylon zum Mittelpunkt Mesopotamiens. In der weiteren Entwicklung wechselten die Hethiter, Phönizier und Assyrer mehrmals in ihrer Vorherrschaft der gesamten Region. Die jeweils anderen Bevölkerungsgruppen wurden unterdrückt und zum Teil versklavt. In ähnlicher Wechselhaftigkeit entwickelten sich auch die darauf folgenden Jahrhunderte, die aber bereits deutliche Parallelen mit der Geschichte der Kurden aufzeigt.[27]

Deren Volk bewohnt, nach Ansicht vieler Historiker, bereits seit über drei Jahrtausenden die Mittelostregion. Damit unterscheiden sie sich „historisch, sprachlich, kulturell und ethnisch von den Türken“, denn diese sind erst seit dem 11. Jahrhundert von Zentralasien her in diese Region eingewandert. Deutliche Unterschiede in diesen Aspekten werden aber auch im Vergleich mit den Arabern deutlich.[28] Als schriftliche Quelle werden die Kurden erstmals bei den Sumerern erwähnt und als „Quirti“ bezeichnet. Die iranische Hochebene, heute hauptsächlich von Menschen kurdischer Herkunft bewohnt, galt schon vor 3000 Jahren als Schnittstelle der Gebiete des Vorderen Orient und dem indischen Subkontinent bzw. Zentralasiens. Durch die aufreibende Geschichte dieser Region kam es dementsprechend zu zahlreichen Völkerwanderungen, bei denen die Menschen vermehrt aus dem Osten einreisten. Die Vorfahren der Kurden sind höchstwahrscheinlich um 1000 v.u.Z. mit indogermanischen Ariern in den Westen des Irans gekommen und vermischten sich dort mit der heimischen Bevölkerung. Neben den erwähnten Sumerern und Assyrern lebten außerdem zu dieser Zeit Urartäer und Meder dort, wobei im 6. Jahrhundert h.Z.[29] die Achämeniden die Meder als Herrscher über den Iran ablösten, bevor Seleukiden, Parther und Sassaniden das Gebiet beherrschten. Erst ab dem 12. Jahrhundert h.Z. kam der Begriff des heutigen Kurdistans für die Region das erste Mal auf,[30] genau genommen 1157, als man die Provinz des Seldschukenreiches mit diesem Namen betitelte. Neben den gesicherten Beweisen in der Geschichtsforschung verweist eine Legende ebenfalls auf die kurdische Geschichte, der zufolge im Jahr 612 v.u.Z. ein Schmied Namens Kawa durch die Ermordung des Tyrannen Dehak das Volk befreite. Seit diesem Tag werde jedes Jahr am 21. März das sogenannte Newroz (Neujahrs- und Widerstandsfest) gefeiert, als ein Symbol der Befreiung. Noch bis heute zelebrieren die Kurden diesen Tag als Befreiung gegen Unterdrückung und übersetzen Newroz als „neuer Tag“. Dabei hat dieser Mythos einen ganz realen Hintergrund: Im 7. Jahrhundert v.u.Z. wurde in der Schlacht von Ninive das Heer der Assyrer vernichtend geschlagen, als sich, unter der Führung des medischen Königs Kyaxares, im Jahr 612 v.u.Z. die Bergvölker des heutigen west-iranischen Gebietes zusammenschlossen. Nachdem bereits das assyrische und babylonische Reich das Gebiet eroberte, waren damit die Stämme der Meder die Herrscher der Region. Auch in den folgenden Jahrhunderten veränderte sich die Situation fortlaufend, geprägt durch territoriale Konflikte, ausgefochten unter den Persern, Griechen, Römern, Byzantinern, Arabern, türkischen Schelduken, Mongolen und schließlich den Osmanen. Das macht deutlich, dass im Verlauf der Jahrhunderte vor allem fremde Kulturen aus Ost und West in dem Gebiet des heutigen Kurdistans aufeinandertrafen.[31] Wirklich erkennbare Strukturen gewann die Geschichte der Kurden erst mit dem Aufstieg des Islams zu Anfang des 7. Jahrhunderts u.Z.. Zu dieser Zeit war das heutige Kurdistan unter byzantinischem Einfluss und des Reiches der persischen Sassaniden, während die muslimischen Araber ihre Eroberungsfeldzüge aus den südlicheren Gebieten Richtung Norden und Nordosten begannen und Mitte des Jahrhunderts die „rechtgeleiteten Kalifen und die Umayyaden erfolgreich kurdische Siedlungsgebiete eroberten.[32] Die folgenden Jahre sind der Grund für die Islamisierung der Kurden, über dessen Verlauf aber nur unzureichend Kenntnisse vorhanden sind. In der Wissenschaft wird davon ausgegangen, dass die meisten Kurden den jüdischen, zoroastrischen, christlichen und Natur-Religionen angehörten. Bezüglich der Übernahme des islamischen Glaubens durch die Kurden wird vermutet, dass die Normen und Mentalität des Islam den der Kurden entsprochen haben.[33] Mit Bestimmtheit ist aber festzustellen, dass allgemein die Kreuzzüge der Muslime nicht durch Gewalt vollzogen wurden, sondern – insofern die Annahme des muslimischen Glaubens nicht freiwillig vollzogen wurde – Arrangements und Verträge den Übertritt beschlossen. Das bis zum heutigen Tag auch nicht-muslimische Kurden in Kurdistan leben, zeugt von einer gewissen Toleranz. Ihre Ursache findet sich unter anderem in der Tatsache, dass Kurdistan ein Schmelztiegel verschiedenster Ethnien war, die allesamt unter dem Deckmantel des Islam vereint waren. Neben den Kurden siedelten in dem Gebiet und dem angrenzenden des Zweistromlandes Araber, Perser und Türken ein, die von den Kalifen als Söldner angeworben wurden.[34] Mitte des 10. Jahrhunderts wurden einige Aufstände durch die Kurden avanciert, von denen einer, durch den Stammesführer Bar, zur Eroberung der Gebiete Mosul, Diyarbakir[35] und Nusaibin führte. Daraus resultierte eine ungefähr ein Jahrhundert währende Herrschaft der Marwaniden, einer Art „Vorzeigedynastie“ der Kurden. Diese Art der Gebietsbeherrschung ist aber nicht vergleichbar mit einer kurdischen Staatsform, denn die Bevölkerung war heterogen und bestand neben Kurden auch aus nicht-kurdischen Muslimen, Christen und Juden. Beendet wurde diese regionale Machtentfaltung und relative Stabilität im 11. Jahrhundert durch den Einfall von nomadischen Türken, die eine Konkurrenz für die ebenfalls auf Agrarproduktion angewiesenen Kurden darstellte sowie durch die gezwungene Unterwerfung der Kurden unter die Seldschuken. Diese gründeten das Reich der Groß-Seldschuken, welches sich über weite Teile Mesopotamiens und des Irans erstreckte.[36] Die bedeutendste islamische Dynastie der Kurden entstand Mitte des 12. Jahrhunderts. Sie wurde durch die Ayyubiden gegründet und erlangte Ausmaße von Ägypten, Syrien, über Teile Mesopotamiens bis nach Jemen. Das bedeutet auch, dass ihr Zentrum nicht in Kurdistan lag. Sie hielt sich bis Mitte des 13. Jahrhunderts und ihr berühmtester Herrscher wurde Saladin, der noch heute von kurdischen Nationalisten als Symbolfigur für eine kurdische Staatsgründung genannt wird.[37] Diese Verlegung des kurdischen Gebietes, im Grunde 100 bis 300 Kilometer nach Westen, hing außerdem mit der Invasion der Tataren und Turkmenen zwischen dem 10. und 15. Jahrhundert zusammen, die das byzantinische Reich zerstörten und auf diese Weise den Grundstein legten, auf den die heutige Türkei aufbauen konnte.[38]

3.2 Das Osmanische Reich

Die kurdische Geschichte wurde in der Zeit vom sich dem Ende zuneigenden Mittelalter bis zum Anfang das 20. Jahrhunderts vor allem durch das Osmanische Reich geprägt, welches sich von ca. 1300 bis 1922, der türkischen Reichsgründung, über weite Teile des Nahen Ostens erstreckte. In diesem Zeitraum vollzogen sich mehrere Staatsgründungen iranischer, teils iranisierter, türkischer Dynastien, wozu auch die bedeutendste, die der Safawiden (1501 bis 1722), zählt.[39] Diesen vorausgegangen war eine Krise des Kalifats und dem damit einhergehenden Entstehen kurdischer Territorialfürstentümer mit relativer Eigenständigkeit. Vom 11. bis zum 14. Jahrhundert sorgten mehrere mongolische Invasionswellen jedoch für große Veränderungen im gesamten Nahen Osten und der Etablierung der Großmächte der Osmanen und Safawiden um 1600.[40] Wurde die osmanische Expansion anfangs noch auf friedlichem Wege durchgeführt, änderte sich dies zu Beginn des 16. Jahrhunderts, als die Ausdehnung das Reich der Safawiden tangierte.[41]

[...]


[1] Stand Ende August 2015

[2] Vanly, Ismet Cherif: Kurdistan und die Kurden. Band 2, Göttingen / Wien 1986; S.11

[3] Im Folgenden ohne Anführungszeichen verwendet

[4] Strohmeier, Martin / Yalcin-Heckmann, Lale: Die Kurden. Geschichte, Politik, Kultur, München 2010; S.20

[5] Strohmeier / Yalcin-Heckmann: Die Kurden, 2010; S.29

[6] Rolf, Uwe / Yildriz, Ekrem: Zukunft für Kurdistan. Ein Beitrag zur Bedeutung nachhaltiger Entwicklung für Kurdistan und Kurden, Osnabrück 2003; S.145

[7] Vanly: Kurdistan, 1986; S.49

[8] Vanly: Kurdistan, 1986; S.11

[9] Stuckmann, Elmar: Die Kurden. In der Heimat staatenlos, in: Gödeke, Peter (Hg.): Kriege im Frieden, Braunschweig 1983; S.110

[10] Vanly: Kurdistan, 1986; S.37

[11] Strohmeier / Yalcin-Heckmann: Die Kurden, 2010; S.23ff.

[12] Vanly: Kurdistan, 1986; S.44

[13] Ebd.; S.49

[14] Zu den genauen Zahlen gibt es unterschiedliche Angaben. Der damalige türkische Präsident Turgut Özal sprach bereits 1992 von 12 Millionen Kurden in der Türkei, was 12% der Bevölkerung ausmacht. [Mango, Andres: Turkey. The Challange of a New Role, Washington 1994; S.37]

[15] Rolf / Yildriz: Zukunft, 2003; S.46

[16] Mango, Andres: Turkey. The Challange of a New Role, Washington 1994; S.37

[17] Vanly: Kurdistan, 1986; S.46

[18] Riemer, Andrea K.: Die Türkei an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Die Schöne oder der Kranke Mann am Bosporus?, Frankfurt am Main 1998; S.112

[19] Strohmeier / Yalcin-Heckmann: Die Kurden, 2010; S.38

[20] Vanly: Kurdistan, 1986; S.76

[21] GAP: Güneydogu Anadolu Projesi

[22] Strohmeier / Yalcin-Heckmann: Die Kurden, 2010; S.176

[23] Ebd.; S.189

[24] Özer, Ahmet: Modernlesme ve Güneydogu, Ankara 1998; S.332f.

[25] Im politikwissenschaftlichen Zusammenhang ist unter Assimilationspolitik die erzwungene Anpassung einer Bevölkerungsgruppe und die damit einhergehende Unterwerfung unter die Werte und Normen einer anderen, vorherrschenden „Individuen und Interessen bzw. Bevölkerungsgruppe[…]“ zu verstehen. Kultur und Identität der Unterworfenen wird dabei zerstört und bedingungslos unterdrückt. Im schlimmsten Fall führt dies zur vollständigen Vernichtung der Assimilierten. [Dolzer: Menschenrechte, 2010; S. 12]

[26] Ich benutze in dieser Hausarbeit synonym die Abkürzung „v.u.Z.“ für „vor unserer Zeitrechnung“ anstatt dem allgemein üblichen „v.Chr.“ / „vor Christus“

[27] Dolzer, Martin: Der türkisch-kurdische Konflikt. Menschenrechte – Frieden – Demokratie in einem europäischen Land?, Bonn2010; S.15f.

[28] Pauli, Charles: Hinter den Kulissen eines Wirtschaftswunders, Frankfurt am Main 1990; S.128

[29] Entsprechend dem „v.u.Z.“ steht „h.Z.“ für „heutiger Zeitrechnung“

[30] Strohmeier / Yalcin-Heckmann: Die Kurden, 2010; S.26

[31] Dolzer: Menschenrechte, 2010; S.17f.

[32] Strohmeier / Yalcin-Heckmann: Die Kurden, 2010; S.49

[33] Ebd.; S.51

[34] Strohmeier / Yalcin-Heckmann: Die Kurden, 2010; S.54ff.

[35] Von der Stadt Diyarbakir wird im Teil der aktuellen Geschichte gegen Ende des 20. Jahrhunderts noch die Rede sein.

[36] Strohmeier / Yalcin-Heckmann: Die Kurden, 2010; S.56

[37] Strohmeier / Yalcin-Heckmann: Die Kurden, 2010; S.54ff.

[38] Vanly: Kurdistan, 1986; S.38

[39] Strohmeier / Yalcin-Heckmann: Die Kurden, 2010; S.59

[40] Dolzer: Menschenrechte, 1710; S.20

[41] Strohmeier / Yalcin-Heckmann: Die Kurden, 2010; S.62

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Zur Bedeutung der Kurdenfrage im Demokratisierungsprozess der Türkei
Hochschule
Universität Osnabrück  (Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Democracies in Transition and Democracy Promotion
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
37
Katalognummer
V312964
ISBN (eBook)
9783668117105
ISBN (Buch)
9783668117112
Dateigröße
617 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Türkei, Kurden, Demokratie, Geschichte
Arbeit zitieren
Manuel Wozniak (Autor), 2015, Zur Bedeutung der Kurdenfrage im Demokratisierungsprozess der Türkei, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312964

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