Der italienische Einfluss auf die deutsche Schriftsprache in Südtirol


Bachelorarbeit, 2014

39 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der italienische Einfluss auf die deutsche Sprache in Südtirol
2.1 Die Sprachsituation in Südtirol
2.1.1 Historischer Überblick
2.1.2 Die sprachliche Situation in Südtirol
2.2 Sprachkontakt- und Interferenzforschung
2.2.1 Die Möglichkeit der Überfremdung der deutschen Sprache in Südtirol durch das Italienische
2.2.2 Interferenz und Entlehnung nach Werner Betz
2.3 Der Südtiroler Sonderwortschatz
2.3.1 Bisherige Forschungsarbeiten / Forschungsstand
2.3.2 Primäre Südtirolismen
2.3.2.1 Lehnwörter
2.3.2.2 Lehnbildungen
2.3.3 Sekundäre Südtirolismen
2.3.4 Wörterverzeichnis
2.3.5 Vergleichender Überblick der Südtirolismen nach Hildegard Rizzo-Baur (1962), Karin Pernstich (1982) und Ulrich Ammon (1995)
2.4 Vorkommen primärer Südtirolismen in der Tageszeitung „Dolomiten“ nach dem „Korpus Südtirol“
2.4.1 Die Datenbank „Korpus Südtirol“
2.4.2 Beispiele zu Vorkommen primärer Südtirolismen in der Tageszeitung „Dolomiten“

3. Schlussbetrachtung

Bibliographie

Anhang

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit untersucht aus variationslinguistischer Perspektive den Einfluss der italienischen Sprache auf den Südtiroler Sonderwortschatz. Der Schwerpunkt der Betrachtung liegt auf den primären Südtirolismen, also nur auf den in der Region Südtirol gebräuchlichen Sonderwörtern (cf. Abfalterer 2007: 167), die der italienischen Beeinflussung unterliegen.

Gegenstand dieser Arbeit ist der sprachliche Austausch in der Grenzlandschaft Südtirol. Seit der Annexion der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol an Italien im Jahre 1918 kann man von einem unmittelbaren, spontanen Sprachkontakt sprechen (cf. Pernstich 1982: 91). Deutsch ist neben dem Italienischen gleichberechtigte Amtssprache, im ladinischen Teil Südtirols ist zudem Ladinisch die dritte Amtssprache (cf. Ammon 1995: 405).

Die Arbeit gliedert sich in vier Teile. Der erste Teil beschäftigt sich mit der lokalen Sprachsituation. Südtirol gehörte bis 1918 zu Österreich und wurde im Zuge der Neuaufteilung Europas nach Ende des Ersten Weltkrieges Italien zugesprochen. Die faschistische Politik versuchte in den darauffolgenden Jahren 1922-1943 die Region zu italianisieren, indem einerseits die deutsche Sprache vollständig verboten und andererseits der Zuzug von italienischen Bevölkerungsgruppen stark gefördert wurde (cf. Ammon 1995: 405). Durch das Abkommen zwischen Hitler und Mussolini im Jahre 1939 bekamen die Südtiroler das Recht auf Option, demzufolge Südtirol zu verlassen oder die italienische Staatsbürgerschaft und somit die italienische Sprache und Kultur gänzlich anzunehmen (cf. Riehl 2001: 17).

Die Unterstützung seitens der Schutzmacht Österreich und die gleichzeitig repressive Politik der deutschsprachigen Südtiroler Bevölkerung durch den italienischen Zentralstaat bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts haben zu der heute weitgehend umgesetzten politischen Autonomie und der Gleichberechtigung der italienischen und deutschen Sprachen geführt (cf. Ammon 1995: 405-406).

Heute zählen sich 68% der deutsch-, 28% der italienisch- und 4% der ladinischsprachigen Sprachgruppe in Südtirol zugehörig (cf. Riehl: 2001: 16). Der Einfluss des Italienischen auf die deutsche Sprache in Südtirol erfolgt in den verschiedensten Gebieten: vom Wortschatz des Alltagslebens bis hin zum Wortschatz der berufs- und fachsprachlichen Bereiche. Ein hohes Auftreten findet man vor allem im Bereich der Speisen und Getränke und vor allem im Rahmen der öffentlichen Angelegenheiten von Staat und Verwaltung, Justiz-, Finanz- und Sozialversicherungswesen, Banken, Militär, Post- und Fernmeldewesen, Eisenbahn- und Transportwesen, bis hin zum Sport (cf. Masser 1982: 67).

Der zweite Teil dieser Arbeit untersucht die Begriffe Interferenz und Entlehnung, sowie die Gefahr der Überfremdung der deutschen durch die italienische Sprache. Grundlage bildet dabei die Forschung zur Lehngutterminologie und Interferenzforschung von Werner Betz.

Anschließend beschäftigt sich der dritte Teil mit dem Südtiroler Sonderwortschatz. Die Arbeit stützt sich dabei auf die Studie „Der Südtiroler Sonderwortschatz aus plurizentrischer Sicht“ (2007) von Heidemaria Abfalterer. Sie hat an der „Datenbank zum Südtiroler Deutsch“ sowohl federführend mitgearbeitet als auch ihren Fokus auf die Schriftsprache gerichtet und somit der Untersuchung eine nachzuvollziehende Grundlage gegeben.

Im vierten Teil dieser Recherche wird die Datenbank der Initiative „Korpus Südtirol“ genutzt, um das Vorkommen bestimmter Südtirolismen in der Südtiroler Tageszeitung „Dolomiten“ zu untersuchen.

2. Der italienische Einfluss auf die deutsche Sprache in Südtirol

2.1 Die Sprachsituation in Südtirol

Der folgende Überblick beschäftigt sich einerseits mit der Geschichte Südtirols und andererseits mit der heutigen sprachlich-politischen Situation.

2.1.1 Historischer Überblick

Mit dem Ende des ersten Weltkriegs und mit dem damit verbundenen Waffenstillstandsabkommen vom 3. November 1918 zwischen Österreich-Ungarn und Italien, begann die kampflose Besetzung Südtirols durch italienische Truppen (cf. Steininger 1997: 15). Offiziell wurde Südtirol am 10. Oktober 1920 durch die Friedensverhandlungen in Saint Germain Italien angegliedert (cf. Steininger 1997: 31). Als Voraussetzung galt, dass das kulturelle Eigenleben der Deutschen gewahrt bleibe. Allerdings gab es weder eine Autonomiebestimmung noch einen Minderheitenschutz für die deutsche Bevölkerung Südtirols. Nach der Übernahme der Macht durch die Faschisten erfolgte die systematische Unterdrückung der deutschen Sprache und Kultur. 1923 verkündete der italienische Politiker Ettore Tolomei sein Italianisierungsprogramm, das in den folgenden Jahren Schritt für Schritt realisiert wurde (cf. Steininger 1997: 36). Die Italianisierung sollte sowohl durch die allmähliche Umformung von Gesinnung und Sprache sowie durch eine gezielte Umsiedlung von Italienern nach Südtirol erfolgen (cf. Freiberg 1994: 200).

Die sogenannte „Assimilierungspolitik“ bestand aus Zwangsmaßnahmen, in denen Namen der Orte und des Landes italianisiert wurden. Der Gebrauch der deutschen Namen war verboten. Städtenamen, Straßenbezeichnungen und Firmennamen durften lediglich auf Italienisch verwendet werden, wie zum Beispiel Bolzano, Bressanone und Merano für die Städte Bozen, Brixen und Meran. Straßennamen bezeichnete man nicht mehr als Goethestraße und Museumsstraße, sondern nur noch als Via Goethe und Via Museo. Die politische Italianisierung umfasste selbst Firmennamen und wandelte das „Haus der Geschenkartikel“ in Casa dei Regali oder „Manufakturwaren“ in Manufattura um (cf. Rizzo-Baur 1962: 111). Vor- und Familiennamen wurden italianisiert, selbst Grabinschriften mussten eine italienische Inschrift tragen. Tolomei war davon überzeugt, dass Südtirol zum römischen Reich gehörte und erst nach dessen Untergang von den Barbaren besiedelt wurde. Das königliche Gesetzesdekret von 1926 veranlasste die Träger eines nicht-lateinischen Nachnamens deren Nachnamen zu italianisieren. Bis 1943 mussten 13.500 Südtiroler ihren Nachnamen ins Lateinische rückführen (cf. Steininger: 1997 92).

Das Verbot der deutsche Sprache veranlasste, dass in Kindergärten, Volks-, Mittel- und Hochschulen nur noch italienisch gesprochen wurde (cf. Abfalterer 2007: 26). In der Folge gründeten sich unter der Gefahr von Verfolgung und Verbannung Notschulen, die sogenannten Katakombenschulen, mit deutschsprachigem Unterricht (cf. Riehl 2001: 19).

Die italienische Assimilierungspolitik umfasste außerdem das Verbot der deutschen Sprache auf öffentlichen Ämtern und die Einführung des Italienischen als Amts- und Gerichtssprache. Dazu gehörte auch das Verbot der Verwendung des Namens „Tirol“. Ebenso unterband das Gesetz die deutschsprachigen Vereins-, Partei- und Genossenschaftswesen. Anzeigen, Hinweisschilder und Kundmachungen erschienen ausschließlich in italienischer Sprache. Das Pressewesen wurde durch strenge Maßnahmen zensiert, die gewählten Bürgermeister durch die sogenannten podestá, faschistischen Amtsbürgermeister, ersetzt (cf. Abfalterer 2007: 26).

Die Zuwanderung von italienischen Staatsbürgern aus dem Süden wurde gezielt gefördert, während deutsche Beamte und Lehrer in andere Provinzen versetzt oder aus dem Dienst gestellt wurden (cf. Abfalterer 2007: 26). Die massenhafte Ansiedlung von Italienern, die Majorisierung, geschah in den Jahren 1927-1933 (cf. Steininger 1997: 99). Die Faschisten versprachen den italienischen Bauern aus dem Süden Arbeitsplätze in der neuangesiedelten Industrie. In dieser Zeit entstand auch die Industriezone in Bozen mit ihren neuen Industriebetrieben. In der Landeshauptstadt war der Zuzug deswegen besonders groß, was man bis heute durch die hohe Anzahl an italienischsprachigen Stadtbewohnern feststellen kann, deren Anteil seit dieser Zeit 75% beträgt (cf. Riehl 2001: 17). In der Industriezone bekamen nur Italiener Arbeit und Wohnplatz, die aus Verona oder südlicher in Italien kamen. Die Zahl der Beschäftigten stieg binnen sechs Jahren von 0 auf 7.000 (1942), und auf 12.000 bis zum Jahre 1947 (cf. Steininger 1997: 113).

Der Hitler-Mussolini Pakt im Jahre 1939 zwang die Südtiroler deutsche Bevölkerung zur Option der völligen Assimilierung und der damit verbundenen Anerkennung der italienischen Staatsbürgerschaft oder zur Ausweisung in den deutschen Sprachraum (cf. Riehl 2001: 17). 86% der deutschsprachigen Südtiroler optierten für die Auswanderung, wobei allerdings nur 75.000, also 37% bis 1943 tatsächlich das Land verließen. Dabei handelte es sich vor allem um Arbeiter und Besitzlose aus den Städten Bozen und Meran. Etwa die Hälfte von ihnen wurde in Nord- und Osttirol angesiedelt (cf. Steininger 1997: 182). Die Umsiedlung fand vor allem in den Jahren um 1940 statt. Zu dieser Zeit siedelten 50% der 75.000 Optanten um. In den weiteren Jahren sank die Anzahl der Umsiedlungen: 1941 wanderten weitere 24% aus, 1942 nur noch 8% und 1943 lediglich 4%. Der Grund für das Stocken war hauptsächlich das Fehlen eines endgültigen Siedlungsgebietes im deutschsprachigen Ausland. Die Ursache war eine fortschreitende Wohnungsknappheit in den Ansiedlungsgebieten innerhalb des Deutschen Reiches, einschließlich des inzwischen angegliederten Österreichs (cf. Steininger 1997: 184). Die durch die Umsiedlung frei gewordenen Beamtenstellen in Südtirol wurden sofort durch Italiener ersetzt, die ihrerseits aus Süd- und Mittelitalien angesiedelt wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg vollzog sich eine teilweise Rückwanderung der betroffenen deutschsprachigen Südtiroler (cf. Riehl 2001: 17).

Die Pariser Friedenskonferenz 1946 regelte ein Schutz-Abkommen hinsichtlich der Minderheitenfrage in Südtirol. Mit dem Gruber-De-Gaspari-Abkommen (1946) zwischen Italien und Österreich wurde eine rechtliche Grundlage für die deutsche Sprachminderheit geschaffen, das die volle Gleichberechtigung der deutschen Minderheit zusicherte (cf. Abfalterer 2007: 27). Mit diesem Abkommen engagierte sich Österreich als „Schutzmacht“ und Südtirol wurde zu einer internationalen Angelegenheit (cf. Steininger 1997: 119). Konkrete Maßnahmen waren die volle Gleichberechtigung mit den italienischsprachigen Einwohnern und umfasste die Wiedereinführung des Schulunterrichts in der deutschen Muttersprache, die Gleichstellung der beiden Sprachen in öffentlichen Ämtern und auf amtlichen Urkunden, die Verwendung zweisprachiger Ortsbezeichnungen, die Wiederherstellung der deutschen Vor- und Familiennamen und die Gleichberechtigung beim Erwerb der Arbeitsstellen im öffentlichen Dienst (cf. Steininger 1997: 365).

Diese Zugeständnisse wurden jedoch durch die Bildung der autonomen Region Trentino - Alto Adige, die das Autonomiestatut im Jahre 1948 verabschiedete, verhindert. Demzufolge kam es zu zahlreichen Massenprotesten, zu denen auch die terroristischen Anschläge zählen, die heute als „Südtirolterrorismus“ (1956-1969) bezeichnet werden. Der Widerstand manifestierte sich in Protesten, wie zum Beispiel 1975, als sich 35.000 Südtiroler unter dem Motto „Los von Trient!“ auf Schloss Sigmundskron versammelten. Dazu gehörten auch die Verübung terroristischer Attentate, wie das Zerstören von Symbolen der faschistischen Unterdrückung, der Anschlag auf das Haus von Ettore Tolomei und die Sprengung von 37 Hochspannungsmasten in der sogenannten „Feuernacht“ im Jahre 1961 (cf. Abfalterer 2007: 28). Anschläge wurden auch auf das faschistische Alpinidenkmal in Bruneck verübt, das 1959 zunächst verwüstet und 1966 durch einen zweiten Anschlag vollkommen zerstört wurde. Ebenso wurde das faschistische Reiterstandbild mit dem Bildnis von Mussolini und dem Schriftzug „Al genio del fascismo“ 1961 von Tirolern Freiheitskämpfern gesprengt (cf. Steininger 1997: 107-108).

In der Folge wurde die politische Situation in Südtirol als außenpolitisches Thema vor die UNO gebracht. Die italienische Regierung erarbeitete daraufhin das 2. Autonomiestatut, das unter dem Namen „Südtirolpaket“ bekannt wurde. Als Ergebnis verfügt Südtirol seit 1969 über eine Reihe von Minderheitenrechten. Der deutsche Name Südtirol steht nun gleichberechtigt neben der italienischen Bezeichnung „Alto Adige“. Als wichtigstes Ergebnis kann angesehen werden, dass der Region Trentino-Südtirol eine besondere Autonomie zuerkannt wurde, die der deutschsprachigen Bevölkerung besondere Kompetenzen zusprach, wie zum Beispiel „den geförderten Wohnungsbau, Übernahme öffentlicher Dienste, Fremdenverkehr und Gastgewerbe, Kindergarten- und Schulwesen“ (Abfalterer 2007: 28). Die Einführung des Erlernens der jeweilig anderen Sprache in den Schulen förderte das gemeinsame Zusammenleben beider Sprachgruppen (cf. Steininger 1997: 514). Ebenso wurde die ladinische Sprache anerkannt und durfte wieder in Kindergärten und Schulen der ladinischen Ortschaften gelehrt werden (cf. Abfalterer 2007: 28).

Ein weiterer entscheidender Schritt zu einer politischen Entspannung stellte das Proporzdekret von 1976 dar. Sein Inhalt regelt die Gleichberechtigung beider Sprachen, folglich die Gleichstellung des Deutschen mit dem Italienischen und der Gebrauch des Deutschen an allen öffentlichen Stellen. Um den Proporz praktisch anwenden zu können muss sich seitdem jeder Einwohner Südtirols zu einer der drei Sprachgruppen (Italienisch, Deutsch oder Ladinisch) zugehörig erklären. Ebenso werden öffentliche Zuschüsse für Kultur und soziale Fürsorge und Zuteilung der Stellen im öffentlichen Dienst für alle drei Sprachgruppen geregelt (cf. Abfalterer 2007: 29). Voraussetzung für die Anstellung im öffentlichen Dienst wurde der Zweisprachigkeitsschein, das sogenannte „Patentino“, mit dem die Angestellten bis heute den Nachweis für die Kenntnis der deutschen und italienischen Sprache nachweisen müssen (cf. Steininger 1997: 515).

Im Zuge der Volkzählungen, die alle 10 Jahre durchgeführt werden, erklärt sich jeder Südtiroler und jede Südtirolerin einer Sprachgruppe zugehörig. Nach dem Inkrafttreten des Autonomiestatuts und der damit verbundenen Arbeitsplatzverteilung entsprechend dem Proporz, entstand das Problem, dass sich Italiener der deutschen Sprachgruppe zugehörig erklärten, um bei der Stellenvergabe im öffentlichen Bereich Vorteile zu erreichen. Der untenstehende Vergleich macht die Entwicklung zwischen 1961 und 1981 deutlich:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Die Verteilung der Sprachgruppen in Südtirol zwischen 1961 und 1981 (Steininger 1997: 520).

Der Rückgang der Zugehörigkeitserklärungen zur italienischen Sprachgruppe bei gleichzeitigen Anstieg der deutschen Sprachgruppe im Zeitraum 1971 bis 1981, also nach dem Autonomiestatut und dem damit verbundenen Proporz, zeigt die oben beschriebene Situation (cf. Steininger 1997: 520).

2.1.2 Die sprachliche Situation in Südtirol

Die Gesamtbevölkerung Südtirols setzt sich aus etwa 68% deutschsprachigen, 28% italienischsprachigen und 4% ladinischsprachigen Südtirolerinnen und Südtirolern zusammen. Knapp 10% kommen aus gemischtsprachigen Familien (cf. Riehl: 2001: 15). Einzig die ladinische Sprachgruppe verfügt über ein geschlossenes Sprachgebiet. Die Siedlungsgebiete der deutsch- und italienischsprachigen Südtiroler hingegen sind eng miteinander verflochten. Während sich die deutschsprachige Gruppe hauptsächlich auf die Gebirgstäler und Dörfer im Norden und Westen konzentriert, ist die italienische Sprachgruppe vor allem in den Städten und im Unterland angesiedelt. Die ladinische Sprachgruppe ist an erster Stelle im Siedlungsgebiet rund um den Sellastock beheimatet (cf. Riehl: 2001: 16).

Ein Austausch zwischen deutsch- und italienischsprachiger Bevölkerung fand schon lange vor der Angliederung Südtirols an den italienischen Staat statt. Bereits im Mittelalter entwickelte sich durch die Handelswege eine Koiné, eine allgemeine Verständigungssprache. Dieser jahrhundertelange Kontakt zum italienischen Sprachgebiet hat bis heute Spuren im Tiroler Dialekt hinterlassen. Dazu gehören Lehnwörter aus dem Italienischen, die nicht als Italianismen bezeichnet werden. Als Beispiel dient das Wort Marend, das aus dem italienischen „merenda“ entstand und „Zwischenmahlzeit“ bedeutet. Ebenso das Wort Tschigg, hervorgegangen aus dem italienischen “cicca“, „Zigarette“ (cf. Riehl: 2001: 16).

Bis heute besteht in Südtirol eine starke Diglossiesituation zwischen Dialekt und Standard. Die deutsche Hochsprache wird vor allem in Schulen, öffentlichen Medien oder in distanzsprachlichen Situationen, wie in der Kirche oder vor Gericht verwendet. Die Südtiroler Umgangssprache gehört zum Südbairischen und wird als Kommunikationsform in allen anderen Situationen verwendet (cf. Ammon / Bickel / Ebner 2004: 49-50).

Die Kommunikation zwischen deutsch- und italienischsprachiger Bevölkerung findet vorwiegend auf Italienisch statt, da viele Italiener keinen Dialekt sprechen oder verstehen und die deutschsprachigen Muttersprachler es als unnatürlich finden, auf Hochdeutsch zu kommunizieren. Hinzu kommt eine mangelnde Sprachkompetenz vieler italienischsprachiger Muttersprachler, wogegen die deutschsprachige Bevölkerung die italienische Sprache überwiegend gut beherrscht. Dadurch erfährt das Italienische eine bevorzugte Rolle (cf. Riehl 2001: 23).

2.2 Sprachkontakt- und Interferenzforschung

Das folgende Kapitel behandelt Beiträge zur Interferenzforschung aus sprachgeschichtlicher Sicht hinsichtlich der Überfremdung der deutschen Sprache in Südtirol. Grundlage bilden die Forschungsergebnisse von Heidemaria Abfalterer, Achim Masser und Franz Lanthaler.

Die zwei sich anschließenden Kapitel erläutern die Terminologien „Interferenz“ und „Entlehnung“, auf die ich mich im Analyseteil beziehe.

2.2.1 Die Möglichkeit der Überfremdung der deutschen Sprache in Südtirol durch das Italienische

Die Frage nach der Überfremdung der deutschen Sprache durch das Italienische und die damit verbundene Ursache der Überfremdung der vorhandenen Sprache und Volksgruppe, wurde in Südtirol zu einem beliebten Forschungsgegenstand (cf. Abfalterer 2007: 49).

Achim Masser hat in seinem Beitrag „Italienisches Wortgut im Südtiroler Deutsch - Droht eine Überfremdung?“ (1982) den Sprachkontakt auf den gesamten deutschen Sprachraum in den Blick genommen. Dabei stellt er fest, dass der Sprachkontakt auf das Lateinische und andere Sprachen zurückzuführen ist und damit das Phänomen des italienischen Einflusses auf die deutsche Sprache in Südtirol keine auffällige Prägnanz hat (cf. Masser 1982: 65).

„Man kann sagen, dass die Geschichte des deutschen Wortschatzes die Geschichte seiner mannigfachen Beeinflussung durch andere Sprachen ist. Die Konfrontation der Muttersprache mit fremden Wortgut ist also nichts Neues, sondern sie zieht sich durch die gesamte Geschichte des Deutschen, von den Anfängen bis in unsere Tage“ (Masser 1982: 65).

Achim Masser fügt weiterführend hinzu, dass es im Laufe der sprachlichen Entwicklung immer wieder Einflüsse von Fremdsprachen gegeben hat, die mit der Zeit wieder verschwunden sind oder assimiliert wurden (cf. Masser 1982: 66-67).

Franz Lanthaler schließt sich der Meinung von Masser an und gibt einen „kreativen Umgang mit der Situation der Mehrsprachigkeit“ (Lanthaler 1997: 366) an. Des Weiteren vertritt er die These, dass die österreichische Sprachtradition im mündlichen Sprachgebrauch in Südtirol weiterlebt. Es sind zwar Interferenzen mit dem Italienischen, vor allem in der städtischen Umgangssprache, jedoch ist keine Überfremdung vorhanden (cf. Lanthaler 1997: 364):

„Ein kurzes Fazit: Es gab zunächst ein massives Eindringen von Italianismen vor allem in die städtische Umgangssprache und in die amtliche Hochsprache in Südtirol. Dann gab es ein Aufbäumen. Heute noch anfällig sind gewisse Bereiche der Amtssprache (vor allem in Bereichen, für die der Staat weiterhin zuständig ist), die Jugendsprache (als altersbedingte Phasen, vor allem in den Städten), stark zweisprachig geprägte Kreise, Benennung von Dingen, die es im deutschen Sprachraum nicht oder so nicht gibt (siehe „Wettbewerb“), und schließlich in der Werbung (die häufig für ganz Italien gemacht und in Rom übersetzt wird!) sowie der zitathafte, oft ironische Gebrauch von Italianismen“ (Lanthaler 1997: 366-367).

[...]

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Der italienische Einfluss auf die deutsche Schriftsprache in Südtirol
Hochschule
Universität Leipzig  (Fakultät für Romanistik)
Veranstaltung
Italianistik
Note
1,5
Autor
Jahr
2014
Seiten
39
Katalognummer
V314461
ISBN (eBook)
9783668130531
ISBN (Buch)
9783668130548
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Italianistik, Italienisch, Südtirol, südtirolerisch, südtirolerische Dialekt, Dialekt, Italien, Einfluss, Schriftsprache, Überfremdung, Sonderwortschatz, südtiroler Sonderwortschatz, Südtirolismus, Südtriolismen, primäre Südtirolismen, sekundär, Lehnwörter, Lehnbildungen, Dolomiten, Korpus Süditrol
Arbeit zitieren
Linda Zebe (Autor), 2014, Der italienische Einfluss auf die deutsche Schriftsprache in Südtirol, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314461

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der italienische Einfluss auf die deutsche Schriftsprache in Südtirol



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden