Der Strukturwandel des deutschen Hochschulsystems und seine Auswirkungen auf die Arbeitssituation der wissenschaftlichen Mitarbeiter


Bachelorarbeit, 2015

53 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

Teil 1
2 Ursachen für den Strukturwandel der Universität
2.1 Die traditionelle Universität als Ausgangspunkt
2.2 Die Transformation der traditionellen Universität als „finanzgetriebene Landnahme“
2.3 Zerstörung der wichtigsten Säulen der traditionellen Universität
2.3.1 Zerstörung der „wissenschaftlichen Gemeinschaft“
2.3.2 Die Exzellenzinitiative und die Zerstörung der wissenschaftlichen Gemeinschaft
2.3.3 Das Paradoxon des „freien“ Marktes
2.4 Die Erosion der akademischen Selbstverwaltung

Teil 2
3 Die Auswirkung der Reformen auf die Arbeitssituation des wissenschaftlichen
Mittelbaus
3.1 Prekaritätsrisiko des wissenschaftlichen Mittelbaus
3.1.1 Die institutionelle und materielle Dimension der Prekarität
3.1.2 Subjektive Dimension der Prekarität
3.2 Die Typologien im Vergleich
3.2.1 Die „positiven“ Typen
3.2.2 Die „instabilen“ Typen
3.2.3 Die „betroffenen“ Typen
3.2.4 Subversive Handlungsstrategie: „Aufstieg durch Leistung, Solidarität und Gemeinschaft“
3.3 Ergebnisse des Vergleichs der Typologien

4 Mögliche politische Handlungsoptionen für die betroffenen Akteure

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Dozenten verklagen Unis: Das Wissenschaftsprekariat wehrt sich“ - lautet der Titel eines SPIEGEL-Artikels, in dem über die schwierigen Arbeitsbedingungen der Nachwuchswissenschaftler an deutschen Hochschulen berichtet wird (spiegel online 2015). Es wird über wissenschaftliche Mitarbeiter referiert, die unter enormen psychischen Druck stehen, da die Aussichten auf eine Festanstellung gering sind. Und tatsächlich sind die jungen Wissenschaftler viel öfter befristet beschäftigt als gleichaltrige Arbeitnehmer in anderen Branchen (vgl. Jann 2013, S. 23). Es ist nicht nur die unsichere Zukunft, sondern es sind auch die materiellen Nöte, die dem wissenschaftlichen Nachwuchs zu schaffen machen. Viele Repräsentanten des akademischen Mittelbaus werden als „Billigstlohnlehrkräfte“ eingesetzt (vgl. ebd., S. 25). Diese Sachverhalte können überraschend erscheinen, denn man vermutet als Außenstehender, dass die wissenschaftliche Tätigkeit viel Können und Zeitressourcen abverlangt und deswegen mit guten Beschäftigungsverhältnissen einhergeht. Doch die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Es gibt immer mehr Anzeichen dafür, dass der sogenannte akademische Mittelbau sich in ein „akademisches Proletariat“ transformiert (Bultmann 2008, S. 8).

In meiner Arbeit möchte ich aufzeigen, welche strukturellen Ursachen der prekären Lage des wissenschaftlichen Nachwuchses zugrunde liegen. Dabei will ich mich nicht mit universitätsinternen Erklärungsmustern zufrieden geben, sondern die Probleme des Mittelbaus in den globalen gesellschaftlichen Kontext einordnen. Es reicht nicht, eine Untersuchung durchzuführen, die lediglich Informationen liefert, die sich in den gegebenen Kontext einfügen lassen. Man darf als Soziologe nichts als gegeben hinnehmen und muss deshalb den gesamten gesellschaftlichen Kontext sezieren, um die Wurzel des Problems offenzulegen (vgl. Münch 2011, S. 31).

Wie stelle ich mir mein Unterfangen genau vor? Meine Arbeit gliedert sich in zwei Teile. Bei meiner Analyse werde ich mich in erster Linie auf die deutsche Hochschullandschaft konzentrieren, um nicht den Rahmen der Analyse zu sprengen. Ich werde im ersten Teil meiner Arbeit auf die Fragen eingehen, welche Triebfeder die universitären Reformen haben und welche Veränderungen sie mit sich bringt. Es wird mir auch darum gehen, den gesamtgesellschaftlichen Nährboden zu umschreiben, auf dem die Transformation der Hochschullandschaft vonstatten gehen konnte. Um den Wandel der Hochschule im Kontext der gesamtgesellschaftlichen kapitalistischen Entwicklung zu begrei- fen, werde ich in Anlehnung an Klaus Dörre mit dem „Landnahmetheorem“ operieren (vgl. Dörre; Neis 2010, S. 20).

Im zweiten Teil werde ich die Arbeitssituation des wissenschaftlichen Mittelbaus analysieren. Dabei möchte ich mich bei meinen Überlegungen auf die Begrifflichkeiten und Erkenntnisse der Prekaritätsforschung stützen. Ich untersuche also die Frage, ob die wissenschaftliche Tätigkeit des akademischen Mittelbau einen prekären Charakter aufweist.

Im Anschluss werde ich noch die politische Handlungsmöglichkeiten vorstellen, die sich für den wissenschaftlichen Mittelbau entweder für die Prophylaxe oder für den Widerstand gegen die Prekarisierungsgefahr als hilfreich erweisen können. Abschließend werde ich das Fazit ziehen, indem ich die Ergebnisse meiner Arbeit zusammengefasst präsentiere, interpretiere und bewerte.

Teil 1 2 Ursachen für den Strukturwandel der Universität

2.1 Die traditionelle Universität als Ausgangspunkt

Um die Tragweite der Veränderungen, die durch den Bologna-Prozess angestoßen wurden, zu begreifen, muss man erst einmal den Ausgangspunkt der Veränderungen bestimmen, den man im weiteren Verlauf der Arbeit als eine Kontrastfolie bei der Analyse der Reformen verwenden kann. Für diesen Zweck erscheint es mir als hilfreich, sich die Prinzipien der Universität in der Tradition Wilhelm von Humboldts vor Augen zur führen, einer Tradition, die durch die Transformation der Hochschullandschaft an den Rand ihrer Existenz getrieben wurde. Obwohl diese Tradition, oder besser gesagt Vision von Humboldts, an der Hochschule nie vollständig realisiert wurde, spricht nichts dagegen, sie zumindest als Idealtyp der alten Universität zu verwenden (vgl. Dörre; Neis 2010, S. 11). „In der Tradition Wilhelm von Humboldts ist die Qualitätssicherung in der universitären Forschung und Lehre eine Sache der akademischen Gemeinschaft“ (vgl. Münch 2011, S. 97). Um die alten Ideale zu verdeutlichen, ist es auch nützlich, sich die Kritik an diesen traditionellen Leitbildern vor Augen zu führen. Die Schwächen des alten Systems werden von den Kritikern als „Blockaden“ bezeichnet und „[] werden wie folgt aufgelistet: ‚kollegial‘ verfasste Universitätsleitungen, ‚Konsens‘-Orientierung, der Wille zur ‚Bekräftigung universeller Werte‘“ (vgl. Schultheis u. a. 2008, S. 9). Es ist offensichtlich, dass die aufgelisteten „Sünden“ durchaus nicht nur harmlos, sondern auch erstrebenswert erscheinen können. Zumindest, wenn man die Forschung und Lehre im Sinne Humboldts versteht. Bei diesem Verständnis steht die „wissenschaftliche Gemeinschaft“ im Vordergrund (vgl. Münch 2011, S. 40). „In Gemeinschaften werden Leistungen nicht nach ökonomischen Prinzipien für Gegenleistungen (Entgelt) erbracht, sondern als Geschenk nach dem Prinzip der Reziprozität“ (Mauss 1968, zitiert nach Münch 2011, S. 40). Ein Geschenk wird von der Gemeinschaft mit Anerkennung erwidert. Dabei werden, wie in einer Familie, die Geschenke nicht in eine „Rangordnung gebracht“ (vgl. Münch 2011, S. 41ff). Es geht im universitären Betrieb, zumindest in der Idealvorstellung, nicht um einen Konkurrenzkampf, sondern um eine gemeinsame Sache, bei der es keine Sieger und Outsider gibt (vgl. ebd. S. 42). Die ökonomischen Prinzipien können sich also in der „wissenschaftlichen Gemeinschaft“ nicht durchsetzen, weil die Beiträge, wie es zum guten Ton gehört, nicht quantifiziert werden (vgl. ebd. S. 41).

Ein weiteres Prinzip, das den traditionellen Wissenschaftsbetrieb ausmacht, ist die „aka- demische Freiheit“. Dabei geht es um das Verhältnis der Wissenschaft zur Außenwelt. Die wissenschaftliche Gemeinschaft soll dabei ihre „Produkte“ vor „externen Erwartungen“ und „der instrumentellen Verwertbarkeit“ abschirmen (vgl. ebd. S. 44). „Es ist der ‚sakrale‘ Kern der Wissenschaft, der gegen die ‚profanen‘ Interessen an nützlichem Wissen verteidigt wird []“ (vgl. Durkheim 1981, zitiert nach vgl. ebd. S. 44 ff.). Diese Verteidigung wird an der traditionellen Universität durch die „akademische Selbstverwaltung“ realisiert. Die Wissenschaftler können durch dieses Steuerungsinstrument „über Forschungsprogramme und Forschungsförderung“ entscheiden und auch „die Inhalte und Regularien der Fachprüfungsordnungen“ kontrollieren (vgl. ebd., S. 47).

Um die Einzigartigkeit der traditionellen Universität zu begreifen, lohnt es sich, auch die organisationssoziologischen Ansätze näher zu betrachten (vgl. Dörre/Neis 2010, S. 23). In erster Linie charakterisiert die Organisationssoziologie die traditionelle Universität durch die fehlende „einheitliche Zielstruktur“ (vgl. ebd., S. 23). Trotz der fehlenden „einheitlichen Zielstruktur“ kann man nicht leugnen, dass die traditionelle Universität eine sehr beständige und produktive Organisation ist (vgl. ebd., S. 24). Bei der traditionellen Universität handelt es sich also um eine paradoxe Organisation (vgl. ebd., S. 24). Dörre und Neis interpretieren die Universität als „Professional Bureaucracy“ (vgl. Dörre/Neis 2010, S. 24). Für eine solche Art von Organisation ist es charakteristisch, dass die Experten, die die wichtigsten Aufgaben übernehmen, auch für das Überleben und die Anerkennung von außen existenziell wichtig sind (vgl. ebd., S. 24). Das bedeutet, dass die Professoren, obwohl sie die „untere organisatorische Ebene“ besetzen, trotzdem so viel Autorität haben, dass ihre Entscheidungsmacht die der höheren Verwaltung übersteigt (vgl. ebd., S. 24). Die Macht der Professoren an der traditionellen Universität macht die Hochschule im Vergleich zu anderen Organisationen zu einer „auf den Kopf gestellten Pyramide“ (vgl. Engels 2004, S. 15).

Egal ob man die Vision Humboldts oder die Organisationssoziologie zur Rate zieht, offensichtlich ist, dass das wichtigste Merkmal der traditionellen Universität die Unabhängigkeit von äußeren Einflüssen ist. Die Wichtigkeit dieser Souveränität wurde ab Mitte der 60er-Jahre immer mehr infrage gestellt (vgl. Höcker 2010, S. 197). Es folgte die Einführung der „normativen Steuerung durch den Staat“, bei der die Professoren einen großen Teil ihres Einflusses auf die Hochschulreformen einbüßen mussten (vgl. ebd., S. 197). Ab den 90er-Jahren kann man von einer Manifestation „betriebswirtschaftlicher Steuerungskonzepte„“ und vom endgültigen „Sündenfall“ der traditionellen Universität sprechen. Was die Gründe für diese erst einmal grob zusammengefassten Veränderungen sind, möchte ich in den folgenden Abschnitten meiner Arbeit darlegen.

2.2 Die Transformation der traditionellen Universität als „finanzgetriebene Landnahme“

Was waren die Ursachen für die Reformen, die die Universität nach den Leitsätzen Humboldts immer mehr von der Bildfläche verschwinden ließen? Wenn man nur die Spitze des Eisbergs betrachtet und den Bologna-Initiatoren Glauben schenkt, gewinnt man den Eindruck, dass die Notwendigkeit der Reformen „[] auf defizitäre Finanzausstattung und fehlgeleiteten Geldflüsse zurückgeführt werden kann []“ (vgl. Jann 2013, S. 13). Die Transformation wird von den Befürwortern außerdem als ein „Befreiungsprojekt“ dargestellt, das die Innovationsfähigkeit der Hochschule steigern und die „Schwächen“ der traditionellen Universität (vgl. Abschnitt 2.1) ausmerzen soll (Dörre/Neis 2010, S. 22 ). Doch eine solche Darstellungsweise entpuppt sich als zu verzerrt und oberflächlich, soweit man die Umstrukturierung der Universität als einen Teil der kapitalistischen Entwicklung betrachtet.

Es ist in erster Linie der Wandel des Kapitalismus, der die Reformen erfordert. Es ist die Bemühung des Kapitalismus, „auf die strukturellen Wachstumsprobleme zu reagieren“ (vgl. Ptak 2011, S. 107). Ob dieser Versuch mit steigender Innovationsfähigkeit und vernünftigen Arbeitsbedingungen der wissenschaftlichen Mitarbeiter einhergeht, werde ich in den folgenden Kapiteln meiner Arbeit aufzeigen.

Wenn man die Hochschulreformen in der Reproduktion des Kapitalismus verankert sieht, muss man natürlich erläutern, wie genau sich der Kapitalismus reproduziert und warum dieser Prozess auf die Hochschullandschaft übergreift. Um eine Erklärung zu liefern, möchte ich auf das „Landnahme“-Konzept zurückgreifen, das von David Harvey im Anschluss an das Gedankengut Rosa Luxemburgs und Hannah Arendts entwickelt wurde (vgl. Dörre 2009, S. 35). Die Kernannahme dieses Theorems ist, dass der Kapitalismus sich als „Abfolge von Landnahmen nichtkapitalistischen Terrains“ verstehen lässt (vgl. ebd., S. 36). Die Landnahmen sind für den Kapitalismus unentbehrlich, weil dieser „sich nicht aus sich selbst heraus reproduzieren kann“ (vgl. Dörre/Neis 2010, S. 21). Bei einer kapitalistischen Landnahme breitet sich die „kapitalistische Produktionsweise nach innen und außen“ (vgl. Dörre 2009, 37). Ein gutes historisches Bei- spiel für eine kapitalistische Landnahme ist die von Marx analysierte „ursprüngliche Akkumulation“ (vgl. ebd., S. 36). An diesem Exempel lässt sich verdeutlichen, dass Kapitalismus ohne Landnahmen relativ schnell an seine Grenzen stößt. Bei der sogenannten ursprünglichen Akkumulation steht die „Herausbildung kapitalistischer Eigentums- und Klassenverhältnisse“ im Vordergrund (vgl. ebd., S. 36). Durch diese Landnahme wurde das Landvolk enteignet und dadurch gezwungen, seine Arbeitskraft zu verkaufen. Es wurde also ein „innerer Markt“ geschaffen, der dem sich ausbreitenden Kapitalismus die erforderlichen Arbeitskraftressourcen brachte (vgl. ebd., S. 37). Es ist naheliegend, dass der Kapitalismus ohne diese Landnahme nicht das Licht der Welt erblickt hätte. Hannah Arendt und Rosa Luxemburg gingen in ihren Arbeiten noch davon aus, dass der Kapitalismus unvermeidlich zusammenbrechen wird, da das Außen, das für die Eroberung bereitstehen muss, nicht unbegrenzt ist (vgl. Dörre/Neis 2010, S. 21). Diese Annahme gilt heute nicht mehr. In der neueren Formulierung des LandnahmeTheorems geht man davon aus, dass der Kapitalismus für seine Eroberungen nicht nur nichtkapitalistische Länder, also ein bereits existierendes „Außen“, nutzen kann. Er „kann sich [auch] ein bestimmtes Gebiet innerhalb des Kapitalismus, z. B. ein Bildungsund Wissenschaftssystem, das noch nicht kommodifiziert worden ist, einverleiben“ (vgl. ebd., S. 21). Dadurch sind der Abfolge der Landnahmen keine Grenzen mehr gesetzt (vgl. ebd., S. 21).

Jetzt sind wir an der Stelle angelangt, wo wir wieder einen Blick in Richtung Universität werfen können. Die neue, „finanzgetriebene Landnahme“ (vgl. ebd., S. 21) ist nämlich die Phase der kapitalistischen Entwicklung, die auch die Transformation der traditionellen Universität auf den Weg brachte. Wodurch zeichnet sich die neue Landnahme aus? Es ist die Eroberung von jenem Außen, das im fordistischen Kapitalismus durch den Staat vor der Privatisierung geschützt wurde (vgl. Dörre 2009, 52 ff.). Diese Landnahme war für den Kapitalismus insofern wichtig, weil die Unternehmen „schon Mitte der 1950er-Jahre spürbaren Druck auf die Kapitalrentabilität“ verspürten und deshalb den Ausweg im Umstieg auf einen „profitratenorientierten Akkumulationstyp“ suchten.

Die finanzkapitalistische Wettbewerbslogik wird über diverse Transfermechanismen, die gemeinsam einen Modus operandi kapitalistischer Landnahme konstituieren, tendenziell auf alle Sektoren einer gemischten Wirtschaft übertragen und so in die Gesellschaft hinein verallgemeinert (vgl. Dörre/Neis 2010, S. 22).

Bei der finanzgetriebenen Landnahme wird die deutsche Hochschullandschaft, die von „privatkapitalistischen Managementprinzipien“ zum größten Teil unabhängig war, von Kapitalismus annektiert (vgl. ebd., S. 22). Wie die traditionelle Universität verändert wird, wenn die Rationalität der Privatwirtschaft auf die universitäre Organisationsstruktur übertragen wird, möchte ich im weiteren Verlauf meiner Arbeit aufzeigen.

2.3 Zerstörung der wichtigsten Säulen der traditionellen Universität

Wir haben uns bereits angeschaut, welche globale Ursachen zur Transformation der Hochschullandschaft geführt haben. Der nächste Schritt besteht darin, im Detail zu begreifen, wie die finanzgetriebene Landnahme die Prinzipien der traditionellen Universität in Frage gestellt und dadurch den Nährboden für die Prekarisierung des akademischen Mittelbaus bereitet hat. Wir vollziehen also an dieser Stelle einen Übergang von der Makro- auf die Metaebene. Dabei möchte ich, wie schon erwähnt (vgl. Abschnitt 2.1), die traditionelle Universität als Kontrastfolie für die reformierte Universität verwenden. Wie wirkt sich also die finanzgetriebene Landnahme auf die wichtigsten Bestandteile der traditionellen Universität aus? Werden die „wissenschaftliche Gemeinschaft“ und die „akademische Selbstverwaltung“,auf den Altar der Hochschulreformen gelegt (vgl. Münch 2011, S. 40 ff.)? Nach Richard Münch gibt es dafür offensichtliche Indizien. Der Kritiker des „akademischen Kapitalismus“ geht davon aus, dass sich mit den aktuellen Reformen „ein historischer Wandel der Wissenschaft vollzieht“ (vgl. ebd., S. 68).

2.3.1 Zerstörung der „wissenschaftlichen Gemeinschaft“

Als Erstes möchte ich die Diffamierung der wissenschaftlichen Gemeinschaft auf der Ebene der Zusammenarbeit der Dozenten und Studierenden beleuchten. Die steigende Studierendenzahl und die damit einhergehende verschlechterte Betreuung der Studierenden durch die Dozenten führen dazu, dass die Studierenden ihr Studium als von außen aufgetragene Bürde empfinden (vgl. Münch 2011, S. 49). Die Dozenten ihrerseits sehen in den Studierenden keine begeisterten Neulinge, die man in die Welt der Wissenschaft einführen will, sondern nur Creditpoint-fixierte Kunden, die man so schnell wie möglich abfertigen möchte (vgl. ebd., S. 49). Bei „einem Massenlehrbetrieb mit Betreuungsrelationen von 1 zu 100“ ist es unwahrscheinlich, dass zwischen Dozenten und Studierenden eine echte „akademische Gemeinschaft“ entstehen kann (vgl. ebd., S. 49). Die sich immer mehr verschlechternde Bindung zwischen Dozenten und Studierenden ist in erster Linie auf die zunehmende „Trennung von Lehre und Forschung“ zurückzuführen (vgl. Maasen/Weingart 2006, S. 27). Initiiert wurde diese Segregation durch die Hochschulpolitik:

Die Forschungspolitik in Deutschland hat diesen Prozess der Erosion der akademischen Gemeinschaft besonders nachdrücklich vorangetrieben, indem die Universitäten seit den achtziger Jahren bei exorbitant steigenden Studierendenzahlen ausgehungert wurden. Gleichzeitig wurde die Drittmittelforschung mit Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und erst recht die Forschung in den außeruniversitären Instituten der Max-Planck-Gesellschaft, der Leibniz-Gemeinschaft [] massiv ausgebaut (vgl. Münch 2011, S. 50).

Die Segregation von Lehre und Forschung wurde also durch Vernachlässigung der Universitäten bei der Mittelvergabe bei gleichzeitigem massivem Geldfluss in die außeruniversitären Forschungseinrichtungen in die Wege geleitet (vgl. ebd., S. 50). Doch nicht nur die Bindung von Dozenten und Studierenden leidet an der Segregation von Forschung und Lehre. Die gesamte wissenschaftliche Gemeinschaft kommt ins Schwanken (vgl. ebd., S. 51). Der Grund für diese gefährliche Instabilität sind die ungleichen Verhältnisse, unter denen Forschung stattfindet (vgl. ebd., S. 51). Das Auseinanderdriften der Bedingungen an verschiedenen Universitäten ist im Wesentlichen auf die Exzellenzinitiative zurückzuführen (vgl. ebd., S. 51).

2.3.2 Die Exzellenzinitiative und die Zerstörung der wissenschaftlichen Gemein- schaft

Um zu begreifen, wie die Ungleichheiten zwischen den Universitäten verschärft wurden und es dadurch zur Zerstörung der wissenschaftlichen Gemeinschaft kam, muss man das Wesen der Exzellenzinitiative begreifen.

Im Jahre 2004 gibt die Bundesregierung ihr Vorhaben bekannt, Elite-Universitäten nach dem Vorbild amerikanischer Elitebildungseinrichtungen in Deutschland einzuführen (vgl. Maasen/Weingart 2006, S. 24). Die Einführung der Exzellenzinitiative sollte ein weiterer Schritt der Abkehr von den Prinzipien der traditionellen Universität werden und die finanzgetriebene Landnahme im Hochschulsektor weiter vorantreiben. Dafür muss die Hochschullandschaft sich in ihrer Gestalt essenziell verändern.

Doch schon ein Blick auf das Vorbild der deutschen Exzellenzinitiative, das amerikanische System, zeigt, dass der Wettbewerb zwischen den Universitäten nicht nur positive Seiten hat. Ganz im Gegenteil werden in den USA die kritischen Stimmen, die vor ei- nem „Heraufziehen eines akademischen Kapitalismus“ warnen, immer lauter (vgl. Dörre/Neis 2010, S. 22). Das amerikanische Hochschulsystem zeichnet sich durch seine acht Eliteuniversitäten aus. Diese exklusiven Bildungseinrichtungen „praktizieren alle einen sozialen Auslesemechanismus, der einerseits die amerikanischen Eliten reproduziert und andererseits die Existenz eines Klassensystems und dessen Einfluss auf die Macht negiert“ (vgl. Fantasia 2008, S. 20). Amerikanische Eliten reden ständig von Leistungsauslese und freiem Markt, dabei sind sie zu allem bereit, um ihren Nachwuchs vom Druck der Konkurrenz zu befreien (vgl. ebd., S. 27). Doch die freie Konkurrenz in den USA existiert nicht nur an den Universitäten, sondern auch zwischen den Bildungseinrichtungen. Die lange Geschichte der amerikanischen Elite-Unis zeigt, dass die elitären Bildungsstätten ihre Stellung eher der Tradition verdanken als der Leistung in einem freien Wettbewerb. Das wird besonders offensichtlich, wenn man sich anschaut, wie sich die amerikanischen Eliteuniversitäten finanzieren (vgl. ebd., S. 22).

Jede Einzelne verfügt über Mittel, die dem Kapital multinationaler Firmen entsprechen könnte []. Diese Goldgrube ist das Ergebnis enger und lang anhaltender Bande zwischen diesen Hochschulen und den wohlhabendsten und distinguiertesten Familien der Vereinigten Staaten [] (vgl. ebd., S. 22).

Mit freiem Wettbewerb hat die Exzellenz der amerikanischen Elitebildungseinrichtungen also nur wenig zu tun. Es könnte natürlich in Deutschland ganz anders aussehen. Schließlich gab es auf dem deutschen Boden keine Elitebildungseinrichtungen, bevor die Exzellenzinitiative ins Rollen gebracht wurde. Doch auch hierzulande zeichnen sich Elitebildungen ab, die nur bedingt auf Leistungsauslese beruhen. Der Eliteforscher Michael Hartmann macht in seinen Arbeiten darauf aufmerksam, dass die Exzellenzinitiative das Prinzip von der „Gleichheit der Universitäten“, das neben den Prinzipien der Gemeinschaft und Selbstverwaltung das traditionelle Bild der deutschen Universität prägt, radikal in Frage stellt (vgl. Hartmann 2012, S. 2). Die Exzellenzinitiative bewirkt lediglich, dass die bereits existierenden Niveauunterschiede weiter ausgebaut werden (vgl. Hartmann 2007, S. 2). „Es hat sich eine Spitzengruppe von 10 bis 20 Universitäten herausgebildet, die fast die gesamten Fördermittel abschöpfen werden“ (vgl. ebd., S. 3). Diese Bildungseinrichtungen grenzen sich immer mehr von den restlichen Universitäten ab. Die Exzellenzinitiative funktioniert also auch wie ein amerikanischer Hochschulbetrieb nach dem sogenannten „Matthäus-Prinzip“ (vgl. ebd. S. 3). „Wer hat, dem wird gegeben“, so lautet die Logik des gesamten Wettbewerbs“ (vgl. ebd., S. 3). Die Universitä- ten also, die schon beim Start des Wettbewerbs benachteiligt sind, werden auch in Zu- kunft den Kürzeren ziehen. Das amerikanische System wird einfach blindlings übernommen, was eine Hochschullandschaft entstehen lässt, bei der von einem freien Wettbewerb wahrlich nicht die Rede sein kann.

Während der fortschreitenden Abschottung der Eliteuniversitäten konzentriert sich die Forschung immer mehr an den Elitebildungseinrichtungen, weil die renommiertesten Wissenschaftler sich von der Lehrverpflichtung zu befreien versuchen (vgl. Hartmann 2010, S. 379). Die Universitäten gehen auf die Forderungen der Forscher ein, da sie natürlich daran interessiert sind, die besten Leute anzulocken und somit das Ansehen der Bildungseinrichtung zu erhöhen (vgl. ebd., S. 379). Diese zunehmende Trennung von Lehre und Forschung und die damit einhergehende Teilung der Bildungseinrichtung in zwei Klassen führt letztlich zur Zerstörung der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Die Exzellenzinitiative ist so organisiert, dass es zwangsläufig Gewinner und Verlierer geben muss (vgl. Münch 2011, S. 69). Die Befürworter der Initiative behaupten, dass es „in absoluten Zahlen [] keine Verlierer gebe, weil die Gelder ja zusätzlich flössen“ (vgl. Hartmann 2010, S. 376). Obwohl diese Entgegnung überzeugend klingt, muss man sie dennoch hinterfragen. Hartmann liefert mehrere plausible Beweisgründe dafür, dass trotz aller Gegenargumente seitens der Initiative-Befürworter eine Spaltung der Hochschullandschaft in „Sieger“ und „Besiegte“ stattfindet:

[Es wird z. B.] [] unterschlagen, dass die im Wettbewerb siegreichen Universitäten und Fachbereiche nach dem Auslaufen der Initiative [] nicht einfach wieder mit ih ren alten Budgets weitermachen können. Sie benötigen [] nach 2017 eine Fortführung der Finanzierung, soll der Wettbewerb einen Sinn machen. Das dürfte darauf hinauslaufen, dass die anfallenden Kosten zu großen Teilen oder vollständig aus den jeweiligen Landeshaushalten bestritten werden müssen. Ohne mehr oder minder deutliche Abstriche bei den „Nicht-Gewinnern“ dürfte das nicht gehen (vgl. ebd., S. 376).

Durch die Aufteilung der Bildungseinrichtungen in „Sieger und Besiegte“ wird die wissenschaftliche Gemeinschaft zerrüttet. Denn der Kampf der Universitäten im Rahmen der Exzellenzinitiative unterscheidet sich essenziell von dem Streben der Akademiker nach „Anerkennung durch die wissenschaftliche Gemeinschaft“ (vgl. Münch 2011, S. 69). Bei diesem Streben der Wissenschaftler gibt es „keine Gewinner und keine Verlierer“ weil jeder wissenschaftlicher Erfolg letztlich die ganze wissenschaftliche Gemeinschaft stärkt und dadurch für jeden Akademiker einen Nutzen hat (vgl. ebd., S. 69). Man darf selbstverständlich nicht zu blauäugig auf die Welt der Wissenschaft blicken.

Natürlich gab und gibt es auch trotz der Ideale der wissenschaftlichen Gemeinschaft un- ter den Forschern Auseinandersetzungen um Macht und Prestige (vgl. (Münch 2011, S. 69). Diese werden aber in der wissenschaftlichen Gemeinschaft durch „kollegiale Zusammenarbeit“ geschlichtet und im erträglichen Rahmen gehalten (vgl. ebd., S. 69). Durch die Verbreitung des mit der Exzellenzinitiative einhergehenden Geistes des Wettbewerbs findet die „kollegiale Zusammenarbeit“ immer seltener statt. Dadurch sind auch der Durchsetzung der eigensinnigen Interessen der Forscher keine Grenzen mehr gesetzt (vgl. ebd., S. 69). Die wissenschaftliche Gemeinschaft ist somit an ihr Ende gekommen. Die Universitäten, die zu den Verlierern des Wettbewerb gehören, werden ihre herausragenden Forscher an die Gewinner-Universitäten verlieren, da die Verheißungen der Elitezugehörigkeit zu verlockend sind (vgl. Hartmann 2010, S. 381).

Somit entwickelt sich die Hochschullandschaft zu einer Welt, in der „immer mehr Leute [oder wie in diesem Fall auch Hochschulen] um immer weniger Positionen konkurrieren, für die immer höhere Preise gezahlt werden“ (vgl. Bude 2014, S. 49). Die Logik der „The Winner Takes It All“-Märkte, die früher der Entertainment-Industrie vorbehalten war, breitet sich allmählich auch auf andere gesellschaftliche Bereiche aus. Unter diesen ist auch die Hochschullandschaft zu verzeichnen (vgl. ebd., S. 50).Wenn man bedenkt, dass die Stratifikation der Hochschullandschaft sich nur bedingt nach Leistungsund vielmehr nach dem Matthäus-Prinzip vollzieht (vgl. Hartmann 2007, S. 3), kann die Ausbreitung der „The Winner Takes It All“-Logik nur depressiv stimmen. Und tatsächlich evoziert nach Bude eine Gesellschaft, die nach solchen Prinzipien funktioniert, „Angst, das Nachsehen zu haben, [] Resignation und Verbitterung“ (vgl. Bude 2014, S. 59).

2.3.3 Das Paradoxon des „freien“ Marktes

Es ist unschwer ein Paradoxon zu entdecken, wenn man sich mit den Hochschulreformen der letzten Jahrzehnte und speziell mit der Exzellenzinitiative kritisch auseinandersetzt. Obwohl die Reformen oftmals durch den vermeintlichen Sachzwang zur Anpassung der Hochschulen an den Marktwettbewerb legitimiert werden, kann man nicht ausblenden, dass durch die „neoliberalen Reformen“ eher die Herausbildung einer „Zentralverwaltungswirtschaft, wie es im Machtbereich der Sowjetunion praktiziert wurde“, erwirkt wird (vgl. Binswanger 2010, S. 44 ff.). Diese Paradoxie bleibt auch von Dörre und Neis nicht unbeobachtet: „Einerseits soll ein marktförmiger Wettbewerb zur Diffe- renzierung der Hochschullandschaft führen. Das prominenteste Mittel hierfür, die Ex- zellenzinitiative, ist aber im Kern ein staatliches Interventionsprogramm“ (vgl. Dörre/Neis 2010, S. 116).

Wie lässt sich das paradoxe Phänomen aufklären? Hier können vor allem zwei Theoretiker weiterhelfen: Zuerst einmal Karl Polanyi, der in seinem schon im Jahr 1944 erschienenen Werk „The great Transformation“ aufgezeigt hat, dass Wirtschaftsliberalismus nicht das ist, als was er sich zu erkennen gibt (vgl. Polanyi 1995). Außerdem erscheint es mir als sinnvoll, den zeitgenössischen Soziologen Stephan Lessenich zu Rate zu ziehen, der die Paradoxie des modernen Kapitalismus als die „Neuerfindung des Sozialen“ deutet (vgl. Lessenich 2008).

Für Polanyi wäre es nicht überraschend, zu erfahren, dass eine vermeintlich auf freien Wettbewerb ausgerichtete Exzellenzinitiative letztlich keine auf Chancengleichheit beruhende Leistungsauslese ermöglicht. Denn für den Wirtschaftshistoriker erschien die Vorstellung eines freien Markts utopisch (vgl. Dörre 2009, S. 27). Nach Polanyi kann der freie Markt „über längere Zeiträume nicht bestehen, ohne die menschliche und natürliche Substanz der Gesellschaft zu vernichten; sie hätte den Menschen psychisch zerstört und seine Umwelt in eine Wüste verwandelt“ (vgl. Polanyi 1995, S. 19 ff.). Die Rede von der freien Marktwirtschaft ist für Polanyi ein ideologisches Konstrukt, das mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat (vgl. ebd., S. 27). Der moderne Kapitalismus kann also nicht durch den freien Markt charakterisiert werden, da jeglicher Kapitalismus, so Polanyi, auf Staatseingriffe angewiesen ist (vgl. ebd., S. 28).

Diese Argumentationsrichtung behält auch Stephan Lessenich bei, wenn er den heutigen flexiblen Kapitalismus analysiert. Obwohl die Vorstellung von einer „neoliberalen“ Gesellschaft immer mit der Erwartung eines „Rückzugs des Staates“ einhergeht, kann in Wirklichkeit nicht von einer „sozialpolitischen Regulierungsweise“ ohne staatlichen Einfluss die Rede sein (vgl. Lessenich 2008, S. 84). Es wäre nach Lessenich plausibler, nicht von „Neoliberalismus“, sondern von „Neosozialismus“ zu sprechen (vgl. ebd., S. 84). Denn die Freiheit, die in der kapitalistischen Ideologie eine Schlüsselrolle übernimmt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein politisches Herrschaftsmittel (vgl. ebd., S. 83). Die Regulation des gesellschaftlichen Lebens durch den Staat entfällt nicht beim Übergang zum sogenannten Neoliberalismus. Die Regulation verändert lediglich ihre Funktionsweise (vgl. ebd., S. 85).

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Details

Titel
Der Strukturwandel des deutschen Hochschulsystems und seine Auswirkungen auf die Arbeitssituation der wissenschaftlichen Mitarbeiter
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Soziologie)
Note
1,7
Jahr
2015
Seiten
53
Katalognummer
V316399
ISBN (eBook)
9783668160026
ISBN (Buch)
9783668160033
Dateigröße
660 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hochschule, wissenschaftliche Mitarbeiter, deutsche Hochschullandschaft, akademischer Nachwuchs
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Der Strukturwandel des deutschen Hochschulsystems und seine Auswirkungen auf die Arbeitssituation der wissenschaftlichen Mitarbeiter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316399

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