Männlichkeit und mann-männliche Prostitution. Beweggründe der Adressaten aus der Lebensbewältigungsperspektive

Theoretische Arbeit mit Bezugnahme auf die Gender- und Queer-Studies, Lebensbewältigung und Sozialisationstheorie mit daraus resultierenden Handlungsansätzen für Fachkräfte der Sozialen Arbeit


Hausarbeit, 2015

41 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Männlichkeit aus der Genderperspektive
2.1 Theoretische Einführung in die Gender - Studies
2.2 Genderkonstruktion: Männlichkeit

3. Lebensbewältigung des Mannes - das männliche Bewältigungsmodell

4. Männliche Sozialisation, mit Blick auf Sexualität als Bewältigungsaufgabe

5. Männer, die Sex mit Männern haben (MSM)
5.1 Abgrenzung zu homo- und bisexuellen Männern in Anlehnung an die Queer - Studies

6. Beweggründe und Motive zur männlichen Prostitution im Kontext der Bewältigungsperspektive

7. Männliche Prostitution
7.1 Orte, an denen mann - männliche Prostitution stattfindet
7.2 Kurzer Abriss über die rechtliche Situation männlicher Prostituierter
7.3 Mann - männliche Prostitution und Gewalt

8. Folgen männlicher Prostitution - von Stigmatisierung bis zur Gesundheitsgefährdung
8.1 Der Ansatz Labeling Approach
8.2 Gesundheitsgefährdung durch sexuell übertragbare Infektionen (STI´s)
8.2.1 psychische Gesundheit und Psychohygiene

9. Ansatzpunkte/ Unterstützungsangebote für Fachkräfte der Sozialen Arbeit

10. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis Anhang

1. Einleitung

ÄMännliche Prostitution ist ein urbanes Phänomen und findet hauptsächlich in Metropolen statt, dort vor allem in den Innenstädten bzw. Bahnhofsbereichen“ (Hagele 2006: 5). So schreibt Nikolas Hagele in seiner Diplomarbeit. Beim Spazieren gehen in der Mannheimer Neckarstadt wird man immer wieder mit dem Thema Prostitution konfrontiert - auf den ersten Blick jedoch nicht mit der mann-männlichen Prostitution. Für weibliche Prostituierte gibt es immer mehr Anlaufstellen in sozialen Brennpunkten in Form von Beratungsstellen und Unterstützungsangeboten. Für Männer findet man hingegen kaum Angebote in dieser Form. Mann-männliche Prostitution findet sowohl im Internet als auch im realen Leben Konsumenten: auf Webseiten wie z.B. www.planetromeo.com oder in Handy Apps wie bspw. GrindR. Ein weiterer großer Bereich ist die Prostitution von männlichen Migranten, nach Hagele (2006: 75ff.) kommen diese nach Deutschland, um sich den Traum einer gut versorgten Familie zu schaffen und zu arbeiten - übergangsweise als Stricher, Callboys, etc. um erste finanzielle Sicherheiten zu bekommen.1

Zur männlichen Prostitution gibt es sehr wenig Fachliteratur - laut Hagele wird diese als Tabuthema der Sozialen Arbeit gesehen. Diese Arbeit widmet sich daher diesem, sowohl empirisch als auch theoretisch wenig erforschtem, aber sehr relevanten Thema, um diesen innerhalb der Sozialen Arbeit die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Somit wird mit diesem Theorieprojekt folgende konkrete Frage bearbeitet:

Welche Beweggründe haben junge Männer (aus der Bewältigungsperspektive), Sex mit Männern gegen Bezahlung zu haben und wie kann die Soziale Arbeit hierbei - präventiv -eingreifen? Hierbei gilt allerdings zu beachten, dass nicht immer einer Intervention durch die Soziale Arbeit bedarf - was in diesem Theorieprojekt nochmals aufgezeigt wird.

Theoretische Erkenntnisse aus der Forschung mit männlichen Prostituierten begrenzen sich auf wenige Handbücher und Studien, die mehr mit Handlungsmaximen und Erklärungen der einzelnen Sachverhalte arbeiten, als mit dem Versuch, das Phänomen männliche Prostitution wissenschaftlich im Kontext Sozialer Arbeit zu begründen.

Mit dieser Ausarbeitung werden sozialwissenschaftliche Theorien so verknüpft, dass ein Erklärungsansatz für mann - männliche Prostitution entsteht. Dabei wird zuerst ein Blick auf die Bewältigungsprobleme von Männern geworfen. Hierzu befasst sich diese Arbeit zuerst mit der ÄMännlichkeit“ im Rahmen der Gender Studies. Im Schwerpunkt mit der (kritischen) Männerforschung als Teilgebiet. Forschungserkenntnisse werden hier vor allem von Lothar Böhnisch aufgenommen, der sich in seiner Forschung der Frage ÄWie kann die Bewältigung schwieriger Lebenslagen in unserer aktuellen Gesellschaft gelingen [… und] was macht den Mann zum Mann?“ (Borrmann, Engelke, Spatscheck, 2009: 465) annahm. Darauf aufbauend wird versucht, die Lebensbewältigung des Mannes in seiner Entwicklung zu beleuchten, um daraus Beweggründe zur Prostitution herzuleiten. Dies wird durch praktische Erfahrungen und Erkenntnisse, vor allem von Karen Fink und Wolfgang B. Werner des AKSD2 untermauert.

In einem nächsten Schritt werden die Ergebnisse des erstes Teils der Arbeit mit der Thematik mann - männlicher Prostitution verknüpft. Hans-Joachim Schickedanz befasste sich bereits 1979 mit dieser Thematik. Er benannte hier, dass Ämännlich- homosexuelle3 Prostitution […] in ihrer Fragmentierung und Kommerzialisierung […] ein Grundphänomen der kapitalistischen Gesellschaft, eine Erscheinung ihres Grundgesetzes, das Entfremdung heißt [ist]“ (Schickedanz 1979: 10). Diesem Ansatz wird mit Hilfe des labeling approach nachgegangen, um die Folgen mann-männlicher Prostitution greifbarer zu machen. Ein besonderer Fokus wird dabei sowohl auf ‚Etikettierung‘ der Stricher und Escorts, als auch auf deren Gesundheitsgefährdung gerichtet.

Im letzten Teil dieses Theorieprojekts werden unter Beachtung der erarbeiteten Inhalte Handlungshinweise und Anforderungen, aber auch Grenzen für die Soziale Arbeit aufgezeigt. Unter Einbezug der theoretischen Ergebnisse der jeweiligen Kapitel wird letztendlich ein Fazit gezogen.

2. Männlichkeit aus der Genderperspektive

2.1 Theoretische Einführung in die Gender - Studies

Sowohl die Queer Studies als auch die kritische Männerforschung, welche den Gender Studies zuzuordnen sind, stellen einen Zweig der Wissenschaft dar, der aus den Women Studies hervorging und sich mit der mannigfachen Wirkung von Geschlecht und den damit einhergehenden Gesellschaftlichen Strukturen befasst. Im Mittelpunkt dieser Forschung stehen hierbei das Geschlecht (Gender) und die Geschlechtsverhältnisse zwischen Mann und Frau. Es wird davon ausgegangen, dass das Geschlecht eine kulturelle Konstruktion der Sexualität darstellt, wobei nicht nur das biologische Geschlecht (Sex) im Fokus ist (vgl. Czollek, Perko, Weinbach 2009: 18 ff. und Brückner 2001: 21). Der Begriff ÄGendering“ beschreibt Äden gesellschaftlichen Prozess der Konstruktion der sozialen Kategorie Geschlecht im Zusammenspiel von geschlechtshierarchischer Arbeitsteilung und geschlechtsbezogenen Interaktionsformen und Rollensystemen in einer Gesellschaft“ (Böhnisch 1993: 34). ÄZiel der Geschlechterforschung sind nicht etwa neue essentialistische Weiblichkeits- und Männlichkeitszuschreibungen, sondern Auflösung polarisierter Begriffe und polarer Denkschablonen…“ (Brückner 2001: 21). Diese stereotypen

Geschlechtszuschreibungen sind bereits in der Bibel verankert, in der es nur die beiden ‚von Gott gewollten‘ Geschlechter Mann und Frau gab. Hierbei war die Frau dem Mann untergeordnet. Erst mit den beginnenden Gedanken der ‚Gleichheit‘ der Menschen im 19. Jahrhundert zu Zeiten von Karl Marx und Friedrich Engels konnte der Grundstein für eine Überarbeitung der Geschlechterrollen gelegt werden, welcher in den darauffolgenden Jahren zur Zeit des Nazi Regimes wieder an Bedeutung verlor. 1949 wurde erstmals wieder die Thematik ‚Gleichberechtigung‘ der Geschlechter aufgegriffen und die Frauenbewegungen hatten wieder eine Möglichkeit, für gesellschaftliche Partizipation und Gleichberechtigung von Mann und Frau zu kämpfen.

Als Zweig der Gender Studies entwickelte sich Anfang der 80er Jahre die kritische Männerforschung, in der die Notwendigkeit der Selbstreflektion der Männer und die von ihnen produzierten Machtverhältnisse in den Fokus der Forschung rückten. Ziel der kritischen Männerforschung ist es, gesundheitliche, psychologische und soziale Aspekte der männlichen Lebenswelt zu verbessern. Parallel hierzu entwickelte sich auch eine Forschungsrichtung, die sich mit Männlichkeit und Spiritualität befasste, mit dem Ziel Männlichkeit neu zu definieren (vgl. Czollek, Perko, Weinbach 2009: 18 ff.).

Männerforschung/ kritische Männerforschung als Teil der Gender Studies Das Konzept der hegemonialen Männlichkeit von Raewyn Conell4 basiert auf zwei Ebenen. Zum einen werden Machtverhältnisse zwischen Männer und Frauen beleuchtet, zum anderen auch Hierarchien unter Männern. Dies wird durch vier Prinzipien (Hegemonie, Unterordnung, Komplizenschaft, Marginalisierung) analysiert (vgl. Bergmann/ Moos 2007: 16). Mit hegemonialer Männlichkeit ist eine Männlichkeit gemeint, die Frauen und nicht Männer schwächer wahrnehmen lässt als den Idealtyp des hegemonialen Mannes (vgl. Böhnisch 1993: 34 f.). Dieser Idealtyp des Mannes ist nach Birgit Rommelspacher (vgl. 2001: 33) überall einsetzbar und äußerst rational agierend. Pierre Bourdieu entwickelte das Konzept des Habitus. Der Habitus ist als Generierungsprinzip zu verstehen, dass durch Versprachlichung untermauert wird. Nach Bourdieus Theorie funktioniert der Habitus Äals Erzeugungs- und Strukturierungsprinzip von Praxisformen und Repräsentationen, die objektiv ‚geregelt‘ und ‚regelmäßig‘ sein können, ohne im Geringsten das Resultat einer gehorsamen Erfüllung von Regeln zu sein“ (Bourdieu 1976, 164). Das, was in der Gesellschaft verinnerlicht und akzeptiert ist, wird in dieser zur Gewohnheit und zur ÄMarschrichtung“ für ihre Mitglieder. R. Conell hat dies aufgegriffen und als Äkörperreflexive Praxen“ beschrieben. Diese Vorgänge spielen sich nicht im Inneren des Individuums ab, sondern in den sozialen Beziehungsgefügen, in denen es sich bewegt. ÄConell führte hierzu das Beispiel von heterosexuellem Analsex an, der bei einem Mann zu homosexuellen Phantasien führt [führen kann]“ (Degele 2007: 283). und vielleicht den Weg zu einer homosexuellen Identität ebnet. Damit gemeint ist das in der Gesellschaft verbreitete Bild, Analsex sei eine rein homosexuelle Praxis, da dies mit stereotypen Verhaltensweisen in Verbindung gebracht wird.

Queer Studies

Die Queer - Studies gelten als der dritte Zweig der Gender - Studies. ÄDer Begriff Queer etablierte sich in den USA als eine Bezeichnung …[und] wurde als Politik der Sichtbarmachung mit der Kritik an Heteronormativität und heterosexueller Zweigeschlechtlichkeit als Norm sowie als Kritik an schwul-lesbischen Indentitätsmodellen (Lesbian and Gay Identity) und ihren produzierten Ausschlüssen bestimmter Menschen etabliert. Damit war die Intention verbunden, vielfältige Differenzen und Vielgeschlechtlichkeit von Menschen anzuerkennen“ (Czollek, Perko, Weinbach 2009: 33). Als Begründerin der Queer Studies ist hier Judith Buttlers zu nennen. ÄIhre Grundthese der Performativität von Geschlecht ist inzwischen weithin akzeptiert; also die Annahme, dass geschlechtliche und sexuelle Identitäten keine essentielle biologische Basis haben, sondern erst durch wiederholte Ausführung von als geschlechtstypisch kodierten Handlungsmuster performativ bzw. diskursiv hergestellt werden“ (Brill o.J: 1). In der Sozialwissenschaftlichen Fachwelt gibt es hier jedoch unterschiedliche Ansätze und Erklärungen. Im Unterschied zu der reinen Gendertheorie geht die Queer ÄTheorie“ davon aus, dass es nicht nur zwei Geschlechter - Mann und Frau -gibt; sondern dass daneben auch andere Genderformen wie Intersexuelle Menschen, Transgender, Lesben, Schwule, Bisexuelle existieren (vgl. ebd.). Damit versuchen die Queer - Studies sich von den Stereotypen der beiden Geschlechter Mann und Frau, sowie nach der Frage gesellschaftlicher Gleichberechtigung zu trennen um eine soziale, politische, materielle sowie kulturelle Partizipation queerer5 Menschen zu ermöglichen (vgl. ebd.: 34).

2.2 Genderkonstruktion: Männlichkeit

Böhnisch (2013: 32ff.) formulierte als zentralen Kritikpunkt an dem Konzept der hegemonialen Männlichkeit, dass nur die Herrschaftsseite in den Vordergrund gehoben wird, da Männer Ädie Geschlechtergruppe [sind], die den Bedingungen kapitalistischer Verwertung ohne echte Rückzugsmöglichkeit … ausgesetzt [ist]. Das Konzept kann also im Grunde nur die Seite der Dominanz von Männlichkeit, nicht aber die Seite der männlichen Verfügbarkeit und Verletzlichkeit…“ (Böhnisch 2013, 32f.) aufzeigen.

In kritischen Lebenssituationen tendieren Jungen und Männer häufig dazu, sich nach außen, also externalisiert gerichtet zu verhalten und keine oder kaum Gefühle zu zeigen. Hilflosigkeit wird auf andere projiziert um die innere ‚verletzbare‘ Seite des ‚starken Geschlechts‘ nicht zeigen zu müssen (vgl. ebd.). ÄMännlichkeit [ist] nicht alleine als gesellschaftliche Konstruktion, sondern ebenso als ‚kulturanthropologische Verstrickung‘ zu [betrachten]. Sie bildet die spannungsreiche Bedürftigkeit, die als Folge der Blockierung des Zugangs zum eigenen Innen entsteht, eine verdeckte Grundstruktur des Mannseins, die unter anderem durch Gewalt verborgen gehalten werden kann. Die zwiespältige Mutter-Sohn-Beziehung wird durch forcierte Selbstständigkeit und Dominanzgebaren verdeckt“ (Hagemann- Withe 2002: 45 zitiert in Böhnisch 2013: 34-35).

Die mediale Welt fördert in den Köpfen der Menschen ein Bild von Männlichkeit, in dem Männer Bier trinken, sich für Autos interessieren, Sport ihr größtes Interesse ist und der männliche Körper gestählt dasteht. Diese Vorstellungen implizieren das Bild vom starken Geschlecht, welches die Familie ernährt und keine Emotionen zulässt. Aber nicht nur die Medien verbreiten dieses ‚Bild vom Mann‘. Aussagen wie ÄEin Indianer kennt keinen Schmerz‘ oder aber ‚weinen ist etwas für Mädchen‘ in der Erziehung von Kindern verstärken die Annahme, der Mann sei das starke Geschlecht, ebenso wie die Historie unserer Gesellschaft in der Männer in den Krieg zogen und Frauen zu Hause blieben und die Kinder versorgten. Innerhalb der Männerforschung bedeutet Männlichkeit Äein diskurtiv erzeugtes Konstrukt, eine Konfiguration sozialer Praktiken und Bilder, die historischen und kulturellen Wandlungen und Varietäten unterliegt“

(Degele 2007, 281). ÄDie gesellschaftliche Konstruktion von […[ Männlichkeit [unterliegt] dynamischen Prozessen und [bringt] nach Robert Conell […] durch unterschiedliche ‚Geschlechterregime‘ differente Muster von Männlichkeit hervor: das kulturell maßgebliche hegemoniale Muster […] sowie untergeordnete […] und marginalisierte Formen [...]. Wesentliches Merkmal dieser Muster ist, dass sie in sich ebenso widersprüchlich sein können wie die Geschlechterordnung insgesamt (Brückner 2001: 21). Bei der Konstruktion eines Geschlechtes hängen körperliche Anteile sowie soziale Eigenschaften eng beieinander. Aus den bisherigen Überlegungen lassen sich für den Begriff ‚Männlichkeit‘ folgende Schlüsse ziehen:

Männlichkeit ist außerhalb der Biologie kein theoretischer Begriff, sondern eher eine Ansammlung von Stereotypen in den Köpfen der Gesellschaft. Nicht alle Männer sind Ästark, sportbegeistert und verrückt nach Autos“, sondern haben auch eine emotionale Seite. Männlichkeit als Binärkonzept der zwei Geschlechter Mann und Frau funktioniert nur noch bedingt und sollte mit der Möglichkeit der Erweiterung des Binärkonzeptes neu überdacht, oder evtl. sogar verworfen werden (vgl. Degele 2007: 290).

Nina Degele (2007: 290) formulierte hierzu:“ Männlichkeit ist ein deskriptiver Begriff des Alltagswissens, der die Last binärer Differenzierung und Hierarchisierung im Schlepptau führt. Er eignet sich, Klischees zu reproduzieren und nicht sorgfältig hinzusehen. Zur Präzisierung dessen, was mit Männlichkeit gemeint sein könnte, ist es dagegen notwendig, genau hinzuschauen … statt Phänomene und Konstellationen hilflos mit dem nichtssagenden Etikett von Männlichkeit zu versehen.“ Diese Erklärung der Männlichkeit lässt nun die Frage offen, wenn sich die Wissenschaft nicht einig ist, was Männlichkeit ist, warum sollen dies dann die Männer selbst wissen?

Das ÄMannsein“ selbst kann unter diesem Gesichtspunkt als Herausforderung für das männliche Individuum verstanden werden und zu problematischen Lebenssituationen führen. Im nächsten Kapitel wird dies unter dem Aspekt der Lebensbewältigung des Mannes näher beleuchtet.

3. Lebensbewältigung des Mannes - das männliche Bewältigungsmodell

Das Konzept der Lebensbewältigung stellt sich die Frage, wie Menschen in kritischen Lebenssituationen bzw. bei kritischen Lebensereignissen handlungsfähig bleiben können. Hierbei bezieht sich Böhnisch auf die Loslösung traditioneller Rollenvorgaben und vorstrukturierten Lebensweisen, die mit der immer weiter voran schreitenden Weiterentwicklung der Gesellschaft einhergehen. Im Zuge dessen verändert sich die Arbeitswelt und somit auch die Erwerbsarbeit als eine traditionell gewachsene Ebene sozialer Integration und der Stabilisierung des Selbstwertes. Die ÄFokussierung auf die Erwerbsbiographie kann angesichts zunehmender Arbeitslosigkeit nicht beibehalten werden“ (Borrmann, Engelke, Spatscheck, 2009: 468). Daraus ergibt sich, dass neue Möglichkeiten der sozialen Integration in der Gesellschaft gebildet werden müssen, um eine soziale Orientierungslosigkeit zu vermeiden. Hierbei Äkönnen sich individuelle Biographien entweder an der Normbiographie entlang oder abweichend davon entfalten“ (ebd.). Das, was bisher normal war - nämlich, dass ein gutes Leben mit einer erfolgreichen Berufslaufbahn verbunden ist, ist nicht für alle Menschen gegeben oder aber auch nicht für alle wünschenswert. Bezeichnend für solche (subjektiv) kritischen Lebenssituationen ist, dass das psychosoziale Gleichgewicht nicht mehr im Einklang steht. Selbstwertgefühl und soziale Anerkennung sind in solchen Situationen gemindert oder werden als kritisch erlebt; die verfügbaren und sozialen Ressourcen reichen zur Bewältigung nicht mehr aus (vgl. Böhnisch 2010: 223). ÄDas Streben nach Handlungsfähigkeit wird dann aus der Psychodynamik des Selbst heraus angestoßen. Die triebdynamischen Tiefenkräfte, die hinter solchen Vorgängen stecken, werden - nach psychoanalytischer Erkenntnis - von den beiden anthropologisch rückgebundenen Basis-(an-)trieben gebildet: dem Selbstbehauputungs- (Agressions-) und dem Sexualtrieb“ (Böhnisch 2013: 84).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Eigene Darstellung Bewältigungskonzept

ÄMit dem Konzept ‚Bewältigung des Mannsein‘ wird eine geschlechterthematische Variante des sozialisatorischen Paradigmas ‚Lebensbewältigung‘ eingeführt (Böhnisch/ Winter 1993: 121). Das ‚Mannsein‘ selbst, stellt eine Bewältigung der männlichen Individuen dar, da sich aufgrund der Pluralisierung und Individualisierung der Gesellschaft sowie der Lebensformen neue Herausforderungen an die männliche Geschlechterrolle entwickelt haben. Neben den institutionellen Statusfaktoren der Sozialisation wie beispielsweise Bildung, Ausbildung, Erwerbstätigkeit etc. und den damit verbundenen gesellschaftlichen Anforderungen an einen Mann (z.B. Männer als Familienernährer, das starke Geschlecht…) treten nun auch außerinstitutionelle Sozialisationsfaktoren wie Konsum, Kultur, Zugehörigkeit zu sozialen Netzwerken, Lebensereignisse, Beziehungen eher in den Blick der Gesellschaft auf einen Mann (vgl. ebd.: 122). ÄGerade in kritischen Lebenskonstellationen - wie z.B. Trennung, Arbeitslosigkeit, Konkurrenzdruck - wird männliche Hilflosigkeit sichtbar…“ (Böhnisch 2013: 33). Die lässt sich auf den Drang vieler Männer zurückführen, ihre emotionale Seite zeigen zu wollen - was allerdings durch das vorgefertigte gesellschaftliche Bild vom Mann behindert wird, da sie sonst nicht mehr in dieses Raster ‚passen würden‘ (vgl. Böhnisch 2013: 37).

Ergänzend hierzu kann das Stressmodell nach Lazarus angewandt werden: Jeder Mensch bewegt sich in einer Gesellschaft und in einem sozialen Umfeld. Dies beinhaltet Vater, Mutter, Freunde, Medien etc. Personen, die nicht der stereotypen männlichen Norm entsprechen erfahren unterschiedliche Reaktionen der Umwelt wie z.B. Blicke, Gesten, physische Handlungen… . Diese werden wahrgenommen und es erfolgt eine primäre Bewertung - positiv, negativ oder neutral. Während positive Rückmeldungen den Selbstwert des Individuums stärken und neutrale Rückmeldungen keine besonderen Gefühle auslösen, führen negative Reaktionen zu einer sekundären Bewertung - welche von der emotionalen Verbundenheit zum Individuum abhängt. Je nach Intensität der Bewertung kann diese durch eigene Ressourcen oder durch Coping bewältigt werden. Hierbei werden drei Arten des Coping unterschieden: das problemorientierte Coping, bei der die Problemüberwindung mit Informationsbeschaffung über das Problem zu bewältigen versucht wird; dass emotionale Coping, bei dem durch emotionale Handlungen wie Aggressivität, Sexualität, die Suche nach Bestätigung etc. versucht wird, dass ‚Problem‘ zu bewältigen und zu letzt das Coping durch Neubewertung der Situation - was mit einer Kombination der ersten beiden Strategien einhergeht. Beispielsweise wird die Mutter, die den ‚unmännlichen‘ Sohn nicht akzeptiert als Herausforderung gesehen um dann im Gespräch die Situation zu klären (vgl. Plöderl 2005: 88ff. und Fischer 2013: 40 ff.)

Das erste ‚kritische Lebensereignis‘ des Mannes zeigt sich bereits - so Böhnisch (2013: 84ff.) direkt nach der Geburt: der Druck, sich von der Mutter abzulösen und die Suche nach einer männlichen Bezugsperson (wenn davon ausgegangen wird, dass der Vater im Alltag schwer erreichbar ist), führt zu einer kritischen Lebenskonstellation, die Äeine geschlechtstypische Codierug des Bewältigungsverhaltens“ (ebd. 85) inne hat. Dies wird im Aufwachsen noch weiter geführt: Jungen erfahren oftmals ein Idealbild einer männlichen Geschlechteridentität, welches durch Medien verkörpert wird. Eine realistische Abwägung dessen, was medial wahrgenommen und realistisch ist, erfolgt oftmals nicht, da Männer in der Erziehungsfunktion der Kinder häufig nicht bzw. nicht ‚mental‘ anwesend sind (dies gilt nun nicht nur für die Väter, sondern im Allgemeinen für männliche Bezugspersonen). Die Mutter agiert oftmals im Sinne des Vaters/ der männlichen Bezugsperson, was zur Folge hat, dass der Vater zu einer Machtfigur wird, da suggeriert wird, der Mann stehe über der Frau. Weiblichkeit erfährt somit eine gewisse Abwertung bzw. die Stereotype des ‚schwachen Geschlechts‘. Ebenso kann die Mutter zwar eine enge Bindung zu ihrem Sohn aufbauen - jedoch keine im Sinne einer gesunden partnerschaftlichen Beziehung zwischen Mann und Frau. Dies spiegelt sich auch im Homosexualitätstabu wieder: Homosexuelle Männer erfahren eine Abwertung durch Männer weil diese nicht mit dem erlernten Idealbild des Mannes übereinstimmen (näheres dazu unter Punkt 6) (vgl. Böhnisch 2013: 88 - 92.)

Um nun das Konzept der Lebensbewältigung nach Böhnisch auf die Situation mannmännlicher Prostituierter anzuwenden, ist es wichtig, sich die Sozialisation des Mannes bewusst zu machen, da dort Sexualität einen besonderen Stellenwert einnimmt, da diese als Bewältigungshilfe genutzt werden kann.

4. Männliche Sozialisation, mit Blick auf Sexualität als Bewältigungsaufgabe

Lothar Böhnisch und Reinhard Winter (1993: 41) erarbeiteten eine Theorie der männlichen Sozialisation innerhalb der Lebensbewältigung des Mannes, die nicht nur herkömmliche ‚geschlechtsspezifische‘ Sozialisation beinhaltet, sondern versucht, den Mann in seiner Ganzheitlichkeit wahrzunehmen. Hierbei ist Ä‘Mannwerden‘ als Suche nach gelingender männlicher Geschlechtsidentität … als lebenslanger Prozeß zu begreifen“ (ebd.). Eine Grundannahme hierbei ist, dass Äsich das ‚soziale‘ Geschlecht (Gender) - im Gegensatz zum ‚biologischen‘ Geschlecht (Sex)“ (ebd.: 42) erst im

Lebensverlauf entwickelt und nicht im Individuum festgelegt ist. Die Maskulinität, also das ‚Mann-Sein‘ wird jedoch nicht nur über Heterosexualität ausgedrückt (vgl. Böhnisch 2013: 126). Die männliche Sozialisation wird in einer psychogenen Grunddimension abgelichtet, welche in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen. In der soziogenen Dimension spielt ÄGender“ - also das soziale Geschlecht - eine wesentliche Rolle, da es sich hierbei um mögliche Idealtypen des Mannes innerhalb der Gesellschaft handelt. Diese ÄIdealtypen“ basieren sowohl auf geschlechtsstereotypen Interaktionen, wie sie in der Jugenderziehung vorkommen, als auch dem Konzept der Hegemonialen Männlichkeit. Die psychogene Grunddimension beinhaltet zum einen die weiblichen Anteile in jedem Mann (androgyne Tendenz) und zum anderen die naturmythische Angst vor der Frau, welche anthropologisch angelegt ist und in Überlegenheitsphantasien des Mannes deutlich werden kann (vgl. Böhnisch 1993: 40ff.).

Abbildung 2: Modellskizze "Sozialisationsmodell Mannsein" (Böhnisch/ soziogenen und einer Winter 1993: 45)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Sexualität des Mannes nimmt innerhalb des Modells einen besonderen Stellenwert ein, da diese mehr ist als eine biologische Reaktion, die zur Fortpflanzung dienen soll. Die Sexualität eines Mannes dient ihm dazu, ihn in seinem ‚Mannsein‘ zu stärken und in dem Erleben seiner Männlichkeit zu unterstützen.

Sexualität wird hierbei nicht als ‚Trieb‘ beschrieben, der nicht zu kontrollieren sei, sondern mehr um ein Motiv, das Bedürfnis nach sexuellem Verhalten ausleben zu können. Sexualität kann dabei zu einem emotionalen Medium werden, männliche Lebensbewältigung gelingen zu lassen (vgl. Böhnisch/ Winter, 1993: 186). Dies liegt beispielsweise an der Möglichkeit, kindliche Traumata oder den Wunsch nach Geborgenheit etc. durch Sex zu befriedigen. ÄSexuelles Verhalten ist danach motiviert durch den Wunsch, sexuelle Erregung und Lust zu erfahren, und nicht durch unangenehme Innenreize, die durch sexuelle Aktivität beruhigt werden müssen. Nicht weil wir sexuell erregt sind haben wir Sexualität, sondern wir produzieren sexuelle Erregung oder suchen sie auf, um Sexualität erleben zu können“ (Schmidt 1988: 303 zitiert nach Böhnisch/ Winter, 1993: 185).

[...]


1 diese gesonderte Thematik wird in dieser Arbeit nicht explizit bearbeitet, da es sich hierbei m. E. nach um ein eigenes Themengebiet handelt.

2 Arbeitskreis der Stricherprojekte in Deutschland

3 in dieser rbeit wird vorwiegend der Termini „mann-männliche͚ Prostitution verwendet.

4 australische Soziologin, die auch unter dem Namen Robert Conell Werke veröffentlichte.

5 Begriffsdefinition Queer

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Männlichkeit und mann-männliche Prostitution. Beweggründe der Adressaten aus der Lebensbewältigungsperspektive
Untertitel
Theoretische Arbeit mit Bezugnahme auf die Gender- und Queer-Studies, Lebensbewältigung und Sozialisationstheorie mit daraus resultierenden Handlungsansätzen für Fachkräfte der Sozialen Arbeit
Hochschule
Hochschule RheinMain  (FB Sozialwesen)
Veranstaltung
Theorieprojekt
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
41
Katalognummer
V316560
ISBN (eBook)
9783668162167
ISBN (Buch)
9783668162174
Dateigröße
1649 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
männlichkeit, prostitution, beweggründe, adressaten, lebensbewältigungsperspektive, theoretische, arbeit, bezugnahme, gender-, queer-studies, lebensbewältigung, sozialisationstheorie, handlungsansätzen, fachkräfte, sozialen
Arbeit zitieren
Steffen Baer (Autor), 2015, Männlichkeit und mann-männliche Prostitution. Beweggründe der Adressaten aus der Lebensbewältigungsperspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316560

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