Symbolischer Interaktionismus in der Erziehung. Konsequenzen der Theorie für das Lehrerverhalten


Hausarbeit, 2015
12 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. ERZIEHUNG ALS SYMBOLISCHE INTERAKTION

3. KONSEQUENZEN FÜR DAS LEHRERHANDELN
3.1 VERBALISIEREN VON ERWARTUNGEN
3.2 SCHÜLERORIENTIERTER UNTERRICHT
3.3 SANKTIONEN

4. FALLANALYSE „HIBA, DU HAST DAS WORT“
4.1 FALLANALYSE IM ZUSAMMENHANG DES SYMBOLISCHEN INTERAKTIONISMUS ...

5. SCHLUSS

LITERATURVERZEICHNIS

Konsequenzen des symbolischen Interaktionismus für das Lehrerhandeln

1. Einleitung

„Erziehung beugt den Nacken, verbannt übermäßiges Gelächter, beherrscht die Zunge, zügelt den Gaumen, beschwichtigt den Zorn und regelt den Gang.“1 So heißt es in einem pädagogischen Text aus dem 15. Jahrhundert. Damals war es selbstverständlich, dass die Zügellosigkeit der Natur der Jugendlichen diszipliniert werden müsse und dass junge Menschen zu gehorchen haben. Schon seit jeher versucht die ältere Generation der jüngeren kulturelle Ordnungen, Einstellungen und Verhaltensweisen zu überliefern.2

Doch kann der Anspruch der älteren Generation, die richtige Vernunft zu besitzen, so einfach erhoben werden und dürfen deren Einstellungen ohne weiteres auf die jüngere Generation übertragen werden? Diese und viele weitere Ansichten wurden mit dem Auftauchen des Individualitäts- und Bildungsbegriffs in Frage gestellt.3 So entstand in den 70er Jahren der symbolische Interaktionismus (Mollenhauer 1972), der den Bildungsprozess als einen Interaktionsprozess verstand. Die hermeneutische Denktradition war wiederentdeckt. Der Schüler war aufgefordert, als gesellschaftliches Wesen seinen Verstand zu gebrauchen (Kant) und sich demnach verantwortungsvoll zu verhalten.4 Doch welche Konsequenzen hat der symbolische Interaktionismus für das Verhalten des Lehrers und dessen Umgang mit den Schülerinnen und Schüler (SuS)?

In der nachfolgenden Arbeit soll der symbolische Interaktionismus näher beleuchtet und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für das Lehrerhandeln im Schulalltag aufgezeigt werden. Dazu werde ich zum Beginn die Inhalte der Theorie des symbolischen Interaktionismus erklären. Anschließend sollen einige konkrete Schlüsse auf das Lehrerverhalten und die Lehrer- Schüler-Beziehung gezogen werden. Um die Arbeit praxisnah zu gestalten und an den Schulalltag anzulehnen, werde ich die gefundenen Ergebnisse auf den fiktiven pädagogischen Fall „Hiba, du hast das Wort“ anwenden und anhand dessen diskutieren. Zunächst soll mit einer ausführlichen Definition des symbolischen Interaktionismus begonnen werden.

2. Erziehung als symbolische Interaktion

Erziehung kann als symbolische Interaktion, also als soziales Handeln in Erziehungssituationen, das an gegenseitigem Sinnverstehen orientiert ist, bezeichnet werden. Dieses Handeln ist demnach aufeinander bezogen und erfolgt zwischen mindestens zwei Personen: normalerweise zwischen einer älteren, kompetenteren und einer jüngeren weniger kompetenten Person.5 Diese haben bestimmte Rollenvorgaben, d.h. Erwartungen, die die Handelnden aneinander richten. Diese Rollen müssen nach Krons Erziehungsbegriff wechselseitig hervorgebracht, kommuniziert oder auch verändert werden. Da diese Handlungen auf Sprache oder anderen Symbolsystemen basieren, nennt man seine Theorie „Symbolischen Interaktionismus“.6 Dabei geht es „um die gegenseitige Aufhellung und Aufklärung von Rollen, Positionen und Wertorientierungen, Normen, Intentionen und Legitimationen des sozialen Handelns und des dieses mitbedingenden sozialen und gesellschaftlichen Feldes“.7 So orientiert sich Erziehung an den demokratischen Grundwerten der Emanzipation und Verantwortung für das Ganze und der Individuation. Sie beinhaltet einen gesellschaftlichen und subjektiven Aspekt.8 Erziehung sind also diejenigen Prozesse, bei denen die Grundqualifikationen des Rollenhandelns gelernt werden.9 Für Mollenhauer ist Emanzipation als Erziehungsziel, also die Chance für Individuen und Gruppen, ihr Handeln selbst zu bestimmen, nicht operationalisierbar, denn Emanzipation ist seiner Meinung nach ein kommunikativer Begriff.10 Für den Lehrer ergibt sich eine schwierige Lage, denn oft wird von ihm erwartet, dass er einerseits den Bedürfnissen einer großen Gruppe gerecht wird, was bedeutet, ständig Kompromisse zu schließen und den Forderungen nach Leistungssteigerung, Begabtenförderung, usw. gerecht zu werden. Andererseits soll er den Vorstellungen von „richtiger“ Erziehung, die innerhalb der Elternschaft einer Klasse durchaus verschieden sein kann, entsprechen.11

Aufgabe der Pädagogik ist es, das Kind in eine diskursive Praxis einzuführen und mögliche Störungen der Kommunikation, welche die Interaktion einengen könnten, aufzuheben. Diese Einengung der Kommunikation geschieht vor allem infolge des asymmetrischen Erwachsenen- Kind-Verhältnisses.12 Auch bei der Sozialmachung, welche Fend als einen Prozess der Erziehung bezeichnet, kann ein asymmetrisches Verhältnis beobachtet werden.

Erziehung ist ein Teilprozess der Sozialisation. Fend unterscheidet die „Sozialwerdung“ und „Sozialmachung“. Die Sozialwerdung erfolgt in einem Enkulturations- und Sozialisationsvorgang, dem der zu Erziehende ständig ausgesetzt ist und von welchem er geprägt wird. In dessen Verlauf wird er gesellschaftlich-kulturell handlungsfähig gemacht. Sozialmachung setzt Fend mit dem Begriff der Erziehung gleich, denn es handelt sich um einen intentionalen Prozess. Das heißt, ein Individuum, meist der Erziehende, versucht Einfluss auf den zu Erziehenden zu nehmen und diesen zu beeinflussen.13

Welche Konsequenzen der oben beschriebene Symbolische Interaktionismus nun auf die erzieherischen Absichten des Lehrers hat, soll im Folgenden anhand von Krons Text14 näher beleuchtet werden.

3. Konsequenzen für das Lehrerhandeln

Brezinka versteht unter Erziehung soziale Handlungen des Erziehenden, die auf die Veränderungen psychischer Dispositionen des Zöglings gerichtet sind. Komponenten, die bereits als wertvoll beurteilt werden, sollen erhalten werden.15 Diese Definition erscheint jedoch sehr einseitig und vernachlässigt die Interessen des Zöglings, in diesem Fall die Bedürfnisse der SuS. Die Theorie des Symbolischen Interaktionismus verlangt andere Verhaltensmuster und Umgangsformen des Lehrers mit den SuS und umgekehrt.

3.1 Verbalisieren von Erwartungen

Wie bereits erwähnt, geht es beim symbolischen Interaktionismus um das gegenseitige Aufhellen von Rollen. Mollenhauer denkt Rollenhandeln als soziales Handeln, bei dem die Akteure bestimmte Positionen einnehmen, in denen sie agieren. Diese Rollen sind Erwartungen, die die Handelnden gegenseitig aneinander richten. Da diese Erwartungen oft unausgesprochen bleiben,16 ist der bewusste Austausch zwischen Lehrer und SuS über die Rollenerwartungen an den jeweils anderen wichtig. Die Erwartungen müssen verbalisiert werden, denn nur so kann ein gegenseitiges Verständnis entwickelt werden. Die Bedingung dafür, dass Erziehung als kommunikatives Handeln überhaupt möglich wird, ist die Verwendung von Sprache.17 Die Erwartung des Lehrers an seine SuS ist oft das Einhalten von Regeln. Aber auch die SuS erwarten vom Lehrer einen respektvollen Umgang und das Einhalten von verbindlichen Abmachungen.18 Im Regelfall sind diese Erwartungen durch Tradition und Konvention geprägt. Die Regeln sind eingespielt oder haben sich aus Gewohnheiten ergeben.19 Doch um sie ständig vor Augen zu haben und verbindlich für alle zu machen, kann es hilfreich sein, die aufgestellten Regeln zu verschriftlichen und beispielsweise im Klassenzimmer aufzuhängen. Wichtig ist hierbei, dass die SuS die Angemessenheit der Regeln selbst einsehen. Nur so halten sich SuS erfahrungsgemäß freiwillig daran. Ziel des kommunikativen Handelns ist es also, dass ein Subjekt hervorgebracht wird, das dazu fähig ist, am gemeinschaftlichen Leben teilzunehmen. Doch nicht nur die funktionale Handlungsfähigkeit ist essentiell, sondern auch die eigene Erkenntnisfähigkeit.20 Eine Möglichkeit, Regeln für die SuS einsichtig zu machen, ist, dass jene sie selbst entwickeln und aufstellen. Die Vorschriften sind so „keineswegs ein für allemal festgelegt […], sondern [werden] von den Beteiligten vielmehr in ihrem wechselseitigen Handeln, ihren Interaktionen, hervorgebracht, reproduziert und bestätigt oder aber auch verändert […]“.21

3.2 Schülerorientierter Unterricht

Da beim Symbolischen Interaktionismus die Interaktion zwischen Lehrer und SuS im Mittelpunkt steht, ist es von großer Bedeutung, dass der Lehrer auch auf die Wünsche und Intentionen der SuS eingeht. So sind nicht nur die Intentionen des Lehrers im Spiel, sondern auch die Absichten und Bedürfnisse der SuS.22 Je mehr Schüler und Lehrer in ihren Erwartungen und Interpretationen von Erwartungen übereinstimmen, desto wahrscheinlicher ist ein erfolgreiches Handeln.23 Orientieren sich die Interaktionspartner an den vorgegebenen Erwartungen (an Rollennormen, institutionalisierten Zwecken), ist eine gegenseitige Befriedigung ihrer Bedürfnisse garantiert.24 Wenn jedoch die Intentionen von Lehrer und Schüler nicht übereinstimmen, die erzieherischen Intentionen des Lehrers sozusagen „gebrochen“ sind, kommt es oft zu einem Konflikt.25 Diesen potentiellen Konflikt heißt es nun als Lehrer auszuhalten bzw. immer wieder mit diesem zu rechnen. Unter diesen Umständen kann auf eine gute Art und Weise mit den Unstimmigkeiten umgegangen werden. Besonders wenn es zu einem Widerstand der Zu-Erziehenden gegenüber des Erziehers kommt, ist dieser aufgefordert, seine Rollenerwartungen und die Begründungen der Rollen zu überdenken. Die Intentionen müssen interpretiert und reflektiert werden, was mit der Begründung und Aushandlung von Regeln einhergeht.26 Wenn zuvor vereinbarte Regeln jedoch auf Seiten der SuS nicht eingehalten werden, sind, wie die Erfahrung zeigt, Sanktionen (Tadel, Liebesentzug, Lob) oft unvermeidlich.

3.3 Sanktionen

In seinem Text wird klar, dass für Kron Sanktionen problematisch sind. Dennoch müssen sie aufgrund des Rollenhandelns in Kauf genommen werden. Erzieher haben das Recht, von solchen Sanktionen Gebrauch zu machen, weil sie trotz allem bis zu einem gewissen Grad eine Monopolstellung besitzen. Es herrscht eine hierarchische Beziehungsstruktur.27 Im Zuge des symbolischen Interaktionismus muss diese „anthropologische Differenz“ aufgrund der wechselseitigen Interpretation allerdings relativiert werden. Zumindest zeitweilig wird sie durch eine gleichrangige Beziehung ersetzt. Das Verhältnis muss intersubjektiv verstanden werden, denn es herrscht keine Subjekt-Objekt-Beziehung mehr.28 Für den Lehrer birgt das die Herausforderung, einen „gesunden“ Mittelweg zu finden zwischen der Rolle der Autoritätsperson und gleichrangiger Beziehung von Lehrer und SuS, d.h. der Begegnung auf Augenhöhe. Einerseits sollte die Beziehung intersubjektiv sein, anderseits muss der Lehrer auch eine professionelle Distanz halten.29

[...]


1 Mollenhauer, Klaus (51971): Erziehung und Emanzipation. Polemische Skizzen, München: Juventa Verlag, S. 97.

2 Vgl. ebd., S. 97f.

3 Vgl. ebd., S. 90.

4 Kron, Friedrich, W. (1986): Schülerorientierung in der Didaktik, in: Pädagogik zeitgemäß Heft 2, Bad Kreuznach: Pädagogisches Zentrum des Rheinland-Pfalz, S. 27ff.

5 Vgl. Kron, Friedrich W. (72009): Grundwissen Pädagogik, München: Ernst Reinhardt Verlag, S. 47.

6 Vgl. Koller, Hans-Christoph (42009): Grundbegriff, Theorien und Methoden der Erziehungswissenschaft. Eine Einführung, Stuttgart: Kohlhammer, S. 58.

7 Kron, Friedrich W. (72009): Grundwissen Pädagogik, München: Ernst Reinhardt Verlag, S. 47.

8 Vgl. ebd.

9 Vgl. Mollenhauer, Klaus (1972): Theorien zum Erziehungsprozess. Zur Einführung in erziehungswissenschaftliche Fragestellungen, München: Juventa Verlag, S. 56.

10 Vgl. ebd., S. 51.

11 Vgl. Mollenhauer, Klaus (51971): Erziehung und Emanzipation. Polemische Skizzen, München: Juventa Verlag, S. 79.

12 Vgl. Mollenhauer, Klaus (2002): Ein pädagogisches Porträt, Weinheim und Basel: Beltz Verlag, S. 61.

13 Vgl. Kron, Friedrich W. (72009): Grundwissen Pädagogik, München: Ernst Reinhardt Verlag, S. 46.

14 Vgl. Koller, Hans-Christoph (42009): Grundbegriff, Theorien und Methoden der Erziehungswissenschaft. Eine Einführung, Stuttgart: Kohlhammer, S. 55ff.

15 Vgl. Brezinka, Wolfgang (51990): Grundbegriffe der Erziehungswissenschaft, München: Ernst Reinhard Verlag, S. 79.

16 Vgl. Koller, Hans-Christoph (42009): Grundbegriff, Theorien und Methoden der Erziehungswissenschaft. Eine Einführung, Stuttgart: Kohlhammer, S. 57f.

17 Vgl. Mollenhauer, Klaus (2002): Ein pädagogisches Porträt, Weinheim und Basel: Beltz Verlag, S.64.

18 Vgl. Kurth-Buchholz, Elke (2011): Schülermitbestimmung aus Sicht von Schülern und Lehrern: eine vergleichende Untersuchung an Gymnasien in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen, Münster: Waxmann Verlag, S. 252.

19 Vgl. Koller, Hans-Christoph (42009): Grundbegriff, Theorien und Methoden der Erziehungswissenschaft. Eine Einführung, Stuttgart: Kohlhammer, S.58.

20 Vgl. Mollenhauer, Klaus (1972): Theorien zum Erziehungsprozess. Zur Einführung in erziehungswissenschaftliche Fragestellungen, München: Juventa Verlag, S. 42.

21 Vgl. Koller, Hans-Christoph (42009): Grundbegriff, Theorien und Methoden der Erziehungswissenschaft. Eine Einführung, Stuttgart: Kohlhammer, S. 58.

22 Vgl. ebd., S. 60f.

23 Vgl. Mollenhauer, Klaus (1972): Theorien zum Erziehungsprozess. Zur Einführung in erziehungswissenschaftliche Fragestellungen, München: Juventa Verlag, S. 90f.

24 Vgl. Mollenhauer, Klaus (1972): Theorien zum Erziehungsprozess. Zur Einführung in erziehungswissenschaftliche Fragestellungen, München: Juventa Verlag, S. 91.

25 Vgl. Koller, Hans-Christoph (42009): Grundbegriff, Theorien und Methoden der Erziehungswissenschaft. Eine Einführung, Stuttgart: Kohlhammer, S. 61.

26 Vgl. ebd., S. 62.

27 Vgl. Koller, Hans-Christoph (42009): Grundbegriff, Theorien und Methoden der Erziehungswissenschaft. Eine Einführung, Stuttgart: Kohlhammer, S. 59f.

28 Vgl. ebd., S. 62.

29 Vgl. Helsper, Werner et al. (2007): Autorität und Schule. Die empirische Rekonstruktion der KlassenlehrerSchüler-Beziehung an Waldorfschulen, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, S. 508.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Symbolischer Interaktionismus in der Erziehung. Konsequenzen der Theorie für das Lehrerverhalten
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Erziehungswissenschaftliche Faktultät Nürnberg)
Veranstaltung
Pädagogisches Handeln und pädagogische Kommunikation
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V316687
ISBN (eBook)
9783668156906
ISBN (Buch)
9783668156913
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
symbolischer Interaktionismus, Erziehung, Erziehung als symbolische Interaktion, Lehrerhandeln
Arbeit zitieren
Franziska Homeier (Autor), 2015, Symbolischer Interaktionismus in der Erziehung. Konsequenzen der Theorie für das Lehrerverhalten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316687

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