Der Einfluss von Korporatismus auf das Wirtschaftswachstum


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
18 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Literaturüberblick

3. Theorie
3.1. Politikausarbeitung
3.2. Interessenrepräsentation / Zentralisierung
3.3. Hypothesen

4. Analyse
4.1. Fallauswahl und Zeitraum
4.2. Kontrollvariablen
4.3. Operationalisierung
4.4. Deskriptive Statistiken
4.5. Lineares Regressionsmodell

5. Schlussfolgerung

6. Literaturverzeichnis

7. Abstract

1. Einleitung

Das Konzept des Korporatismus fand schon in vielen Bereichen der Sozialwissenschaft ihren Platz als wichtiger Erklärungsfaktor. Hauptsächlich beschäftigte man sich damit in der politischen Ökonomie, insbesondere in Versuchen, damit die makroökonomische Performanz zu erklären. Relevante Arbeiten, die einen positiven Einfluss von Korporatismus auf die Performanz feststellen, waren unter anderem Alvarez et al. (1991), Crepaz (1996), Cameron (1984), Lange und Garrett (1989) oder Hicks und Kenworthy (1998). Diese nutzten jedoch Indizes zur Messung Korporatismus, für die es heutzutage jedoch keine aktuellen Daten der letzten zwei Jahrzehnte mehr gibt. Unter anderem deshalb entstand auch der 2014 veröffentliche Index für Korporatismus von Detlef Jahn (2014)͘ Er bietet einen „time-variant index of corporatism that covers 42 countries over several decades” (Jahn 2014, S. 4). Er löst zudem Schwächen des Siaroff- Indizes, die darauf basieren, dass „his concept [..] some weaknesses in construct validity“ hat (Jahn 2014, S. 5).

Diesen neuen Index für Korporatismus möchte ich nun nutzen um, um den Einfluss von Korporatismus allein auf das Wirtschaftswachstum von 18 hochentwickelten OECD- Ländern zu untersuchen. Die Hypothese lautet, dass Korporatismus einen positiven Einfluss auf das Wirtschaftswachstum hat. Das theoretische Gerüst fußt auf Interessenrepräsentation und Politikausarbeitung, zwei Unterscheidungen die Schmitter (1982) im Konzept des Korporatismus identifiziert hat. Die Beteiligung von Dritten an der Politikausarbeitung bietet dem Staat die Möglichkeit, effektiver und besser seine Politik in der Wirtschafts- und Sozialpolitik zu gestalten und zu implementieren. Korporatismus als System der koordinierten Interessenvermittlung und Beteiligung von Interessenverbänden sorgt für eine politische und wirtschaftliche stabile Umgebung, so meine Argumentation. Der Zentralisierungsgrad von Interessenvertretern kann eine zurückhaltende, nicht mehr egoistische Strategieverfolgung von Interessenverbänden hervorbringen. Spitzengewerkschaften, die hochzentralisiert sind, werden Forderungen zurückstecken oder minimieren, weil man sich bewusst wird, welche makroökonomische Effekte (Rückgang des Wirtschaftswachstums) überproportional hohe Lohnforderungen haben können, wenn sie dann auch durchgesetzt werden. Ein lineares Regressionsmodell wird im Analyseteil zeigen, dass ein positiver Einfluss auf das Wirtschaftswachstum festzustellen ist.

Gegliedert ist diese Arbeit folgendermaßen: zuerst folgt ein Literaturüberblick über Erklärungsmodelle für wirtschaftliches Wachstum in der Politikwissenschaft. Spezieller wird es um korporatistische Modelle gehen. Anschließend beschreibe ich die Theorie, die hinter meinem Regressionsmodell steht. Das Regressionsmodell wird dann im Analyseteil zusammen mit den Kontrollvariablen beschrieben und statistisch analysieren, ob ein Einfluss von Korporatismus aufs Wirtschaftswachstum festzustellen ist. Die Diskussion der Ergebnisse und ihrer Robustheit wird die Arbeit beenden.

2. Literaturüberblick

Die Literatur zu politikwissenschaftlichen Erklärungen des Wirtschaftswachstums lässt sich so kategorisieren. Der Einfluss von Demokratieformen und institutionellen Arrangements soll makroökonomische Performanz erklären. Crepaz (1996) argumentiert, dass Konkordanzdemokratien mehr Wirtschaftswachstum als Mehrheitsdemokratien bringen. Konkordanzdemokratien generieren „more stable, steady, continous and more predictable forms of government than than majoritarian systems with alternating governmental responsibilities. The more voices are heard, the more options will be entertained and a greater range of information will be taken into consideration ensuring a steady, long-term, and predictable policy style” (Crepaz 1996, S. 8). Dies lässt ein politisches stabiles Klima entstehen, das die makroökonomische Performanz positiv beeinflussen kann.

Lange und Garrett (1989) und Alvarez et al. (1991) beschreiben das parteipolitische Zusammenspiel von Regierung mit Gewerkschaften. Sozialdemokratische Regierungen würden mit schwach zentralisierten Gewerkschaften besser Wachstum generieren können. Beide Akteure können ihrer Meinung nach in Kooperation Wachstumspolitik betreiben. Die Gewerkschaften würden sich bei Lohnforderungen zurückhalten, dafür würden sozialdemokratische Regierungen öffentliche Investitionen mit dem Ziel des Wirtschaftswachstums tätigen.

Im nächsten Abschnitt folgt die Darstellung des theoretischen Modells dieser Arbeit: wie kann Korporatismus positiv das Wirtschaftswachstum beeinflussen?

3. Theorie

In diesem Abschnitt der Arbeit werde ich mein theoretisches Modell beschreiben und erläutern, mit dem ich den Einfluss von Korporatismus auf das Wirtschaftswachstum erklären werde. Konzentrieren werde ich mich dabei auf zwei Punkte, die meiner Meinung nach sich positiv auswirken können auf die wirtschaftliche Performanz eines Staates. Zum einen ist es das System der Politikausarbeitung mit der Beteiligung von weiteren Akteuren (Interessenverbände, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände). Zum anderen ist es der Grad des Ausbaus der Interessenrepräsentation: wie zentralisiert sind Interessenvertretungen und welchen makroökonomischen Einfluss haben sie. Beide Punkte dienen bei Schmitter (1982) der Unterscheidung von Korporatismus.

Zunächst werde ich aber das Konzept von Korporatismus erläutern. Der Korporatismus beschreibt ein System der koordinierten Interessenvermittlung im Staat. Die Interessenvertretungen sind zentralisiert, in hierarchischer Form organisiert. Die Interessenvertretungen werden in den Prozess der Politikausarbeitung eingebunden (Lijphart und Crepaz 1991, S. 235). Wie vorhin schon gesagt, unterscheidet hier Schmitter (1982) zwischen Neokorporatismus als eine „Struktur der Interessenrepräsentation“ und als ein „System der Politikausarbeitung“.

3.1. Politikausarbeitung

Bei der Unterscheidung Schmitters „System der Politikausarbeitung“ (1982) gehe ich davon aus, dass es Strukturen gibt, in denen der Staat Akteure am Prozess der Politikausarbeitung („policy making“) beteiligt͘ Eine Regierung formuliert eine Policy, die er realisieren möchte. Möglich sind niedrige Inflation, Senkung der Arbeitslosenquote oder positives Wirtschaftswachstum. Sie kann versuchen, das alleine zu erreichen, ohne dabei die Interessen der möglicherweise betroffenen Akteure zu beachten. Jedoch kann dies für die Regierung ein schwerer Prozess hin zur Ausarbeitung und Implementierung werden, bei dem er häufig auf Widerspruch vonseiten betroffener Akteure treffen wird. Deshalb wird sie versuchen, Interessenverbände in den Prozess der Politikausarbeitung einzubeziehen. Dadurch kann die Beteiligung solcher Gruppen eine erfolgreiche Ausarbeitung und Implementierung von Politik ermöglichen, da man wichtige Interessengruppen schon im Boot hat (Jahn 2014, S. 12). Nach Hicks und Kenworthy (1998, S. 1637) steigert die Kooperation zwischen Staat und Interessenverbänden das Potenzial „for productive, coherent government policies“͘ Eine Regierung wird durch „political incentives and sanctions” Interessengruppen zur Kooperation für ein öffentliches Ziel (z.B. Wirtschaftswachstum, niedrige Arbeitslosenquote) bewegen. Interessenvertretungen kooperieren dann untereinander und mit dem Staat (Streeck und Kenworthy 2005, S. 448). Das Risiko von Widerspruch durch Interessensverbände kann somit gesenkt werden. Befinden sich insbesondere Unternehmen in einer stabilen politischen Umgebung, sind sie dann eher dazu bereit zu investieren, als wenn sie in einer politisch volatilen Situation sich befinden (Alvarez, Garrett & Lange 1991).

Denn so wie das System der Politikausarbeitung als System der Konsensbildung aufgebaut ist, bringt er ein Klima des Verhandelns und der Einigung hervor (Crepaz 1996, S. 13). Davon ausgehend nehme ich an, dass es eine positive und stabilisierende Auswirkung auf das wirtschaftliche Wachstum hat. Auch Gewerkschaftsvertreter sind dann eher bereit, den Prozess der Politikausarbeitung nicht zu behindern, da sie auch auf „political incentives and sanctions” (Streeck und Kenworthy 2005, S. 448) der Regierung gestoßen sind. Sie bewegen sich dadurch wie die Unternehmen und Arbeitgeberverbände in Richtung Kooperation.

3.2. Interessenrepräsentation / Zentralisierung

Ein wichtiger Faktor im System der Interessenrepräsentation Schmitters (1982) ist der Grad Zentralisierung von Interessenvertretungen. Im Korporatismus sind Interessengruppen in „national, specialized, hierarchical and monopolistic peak organizations“ organisiert (Lijphart und Crepaz 1991, S. 235).

Olson (1982) spricht von „encompassing organizations”, also „the density of unionism and the centralization of peak associations”, wenn es darum geht, die Interessenrepräsentation in einem korporatistischem System zu skizzieren. Er beschreibt, wie umgreifend Organisationen (hier: Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände) sein können und welche Auswirkung dies auf die makroökonomische Performanz hat. Sind die Organisationen klein, ist ihr Einfluss gering bis gar nicht festzustellen͘ Steigt jedoch das „encompassment“, d͘h͘ es werden in unserem Beispiel die Gewerkschaften umgreifender, steigt somit auch die Stärke der Auswirkung auf die makroökonomische Performanz. Setzen sich Spitzenverbände der Gewerkschaften mit überproportional hohen Lohnforderungen durch, zieht das negative Effekte auf die makroökonomische Performanz mit sich. Hohe Lohnforderung für Arbeitnehmer einer Wirtschaftsbranche oder -unternehmen führen möglicherweise zu einer Preiserhöhung des von ihnen hergestellten und angebotenen Produktes. Der Absatz des Produktes sinkt. Dies senkt die Konkurrenzfähigkeit des Unternehmens oder Branche. Das Unternehmen kann die kürzlich durchgesetzten Löhne nicht bezahlen und sieht sich dadurch gezwungen, Teile der Belegschaft zu kündigen. Im schlimmsten Falle geht das Unternehmen Pleite. Diese Kette an Ereignissen führt zu einer Senkung der makroökonomischen Performanz. Die Arbeitslosenquote steigt, das Wirtschaftswachstum geht zurück.

Dies ist Gewerkschaftsführern bekannt und hat zur Folge, dass sie einsehen, dass ihre Lohnforderungen möglicherweise hohe makroökonomische Kosten tragen können und sie deshalb ihre Strategie in Lohnverhandlungen anpassen, um möglichst wenig die makroökonomische Performanz zu beeinträchtigen (Alvarez et al. 1991, S. 541).

Zudem kommt ein weiterer Aspekt hinzu, wenn über die Lohnverhandlungen gesprochen wird. Auf welcher Ebene geschieht sie? Wie weit oben ist die Interessenrepräsentation - oder konkret die Lohnverhandlung - angesetzt? Korporatistische Systeme weisen die Eigenschaft auf, dass ihre Lohnverhandlung und - findung auf einer möglichst hohen Ebene stattfindet, d.h. auf der Ebene einer ganzen Wirtschaftsbranche oder der ganzen Volkswirtschaft. Hier haben wieder Olsons „encompassing organizations“ ihre wirtschaftlichen Auswirkungen. Je höher die Ebene ist, auf der Verhandlungen stattfinden, desto stärker ist die Auswirkung erfolgreich abgeschlossener Verhandlungen.

Zuletzt ist auch die Logik des Verhandelns ein wichtiger Punkt. Denn wenn Gewerkschaften und Arbeitgeber in Verhandlung treten, werden diese nicht immer erfolgreich abgeschlossen. Beide Seiten verfolgen nämlich konkurrierende Ziele. Kann keine Einigung erzielt werden, besteht weiterhin ein Konflikt. Beispielsweise können dann Gewerkschaften über Streiks Druck aufbauen, etc.

Crepaz (1992, S. 144) betrachtet diesen Zwist und das Verhandeln und Kooperieren aus dem Blickfeld der Spieltheorie. Beide Akteure begeben sich eher auf den Pfad der Kooperation, da sie mehr Nutzen daraus ziehen können, als dass sie nicht kooperieren und an den daraus resultierenden negativen Effekten leiden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss von Korporatismus auf das Wirtschaftswachstum
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaft)
Note
2,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V317063
ISBN (eBook)
9783668206625
ISBN (Buch)
9783668206632
Dateigröße
965 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
korporatismus, wirtschaftswachstum, politikische ökonomie, ökonomie, quantitativ, vergleichend, vergleichende regierungslehre, vergleichende politikwissenschaft, pluralismus
Arbeit zitieren
Kacper Nyka (Autor), 2015, Der Einfluss von Korporatismus auf das Wirtschaftswachstum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317063

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