Die Bedeutung der Resilienz. Zur pädagogischen Praxis mit Kindern im Kontext traumatisierender Erlebnisse


Bachelorarbeit, 2015
94 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Trauma und traumatisierende Erlebnisse
2.1. Welche Symptome zeigen traumatisierte Kinder?
2.2. Führt ein traumatisierendes Erlebnis zu einem Trauma?

3. Resilienz
3.1. Definition
3.1.1. Besonderheiten des Resilienzkonzeptes
3.1.2. Wann kann jemand als „resilient“ bezeichnet werden?
3.2. Forschung: anfängliche Annahmen und aktueller Stand
3.3. Unterschiede in Vulnerabilität und Resilienz bei Jungen und Mädchen
3.3.1. Unterschiede während der ersten zehn Lebensjahre
3.3.2. Unterschiede während der Jugend
3.3.3. Stresserlebnisse und Bewältigungsprobleme in der Jugend
3.3.4. Mögliche Ursachen der Unterschiede
3.4. Risikofaktoren
3.5. Keine Resilienz ohne Krise
3.6. Schutzfaktoren
3.6.1. Schützende Faktoren im Kind
3.6.2. Schützende Faktoren in der Familie
3.6.3. Schützende Faktoren im sozialen Umfeld
3.6.4. Zusammenfassung: Resilienzfördernde Schutzfaktoren

4. Zur pädagogischen Praxis mit Kindern – Resilienz und Prävention
4.1. Zur Präventionsarbeit am Kind
4.2. Zur Präventionsarbeit auf der Beziehungsebene
4.3. Kitas als Ort präventiver Arbeit
4.4. Kinder durch Spielen stärken
4.4.1. Weshalb macht Spielen Kinder stark?
4.4.2. Praktische Anregungen für die Kita
4.5. Kinder durch Partizipation stärken
4.5.1. Weshalb macht Partizipation Kinder stark?
4.5.2. Praktische Anregungen für die Kita
4.6. Jungen stärken
4.7. Mädchen stärken
4.8. Projekt KiGru
4.8.1. Fallbeispiel
4.8.2. Eigene Interpretation des Fallbeispiels
4.9. Können Traumata durch Resilienzförderung verhindert werden?

5. Zur pädagogischen Praxis mit Kindern – Resilienz und Rehabilitation
5.1. Kann Resilienz auch rehabilitativ wirken?
5.2. Grundsätze traumapädagogischer Arbeit
5.2.1. Sichere Bindungen und Traumata
5.2.2. Stabilisierung und Ressourcenorientierung
5.2.3. Ressourcenorientierung in traumapädagogischer Arbeit

6. Kritik

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

9. Anhang

1. Einleitung

In der vorliegenden Bachelorarbeit soll „die pädagogische Arbeit mit Kindern im Kontext traumatisierender Erlebnisse unter Bezugnahme auf Resilienz“ das Thema sein. Gewählt wurde dieses Thema aus unterschiedlichen Gründen, welche an dieser Stelle angeführt werden sollen.

Das Thema Trauma spielt in der pädagogischen Arbeit mit Kindern heutzutage eine große Rolle, was deutlich wird, betrachtet man einige Lebensereignisse, von welchen viele Kinder betroffen sind.

Im Jahr 2013 fanden bundesweit 8.510 Inobhutnahmen durch Jugendämter aufgrund von Vernachlässigung oder Anzeichen für Misshandlung statt.1 Doch dies sind nur die Fälle, die bekannt wurden und ein Einschreiten seitens des Staates unvermeidlich war. Es gibt sicherlich noch eine höhere Dunkelziffer an Kindern, welche unentdeckt in inakzeptablen oder gerade noch akzeptablen Umständen aufwachsen. Im Falle einer Inobhutnahme kann mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass die betroffenen Kinder traumatisierende Erlebnisse zu verarbeiten haben, doch auch in den anderen Fällen ist dies gut möglich.

Ebenfalls im Jahr 2013 gab es nach Auskunft der deutschen Rentenversicherung 29.563 neue Anträge für Waisenrenten für unter 18 jährige. Davon waren 29.374 Halbwaisen und 189 Vollwaisen.2 Im gleichen Jahr wurden an 187.898 Minderjährige Waisenrenten gezahlt (2.761 davon Vollwaisen).3 Auch der Verlust eines Elternteils durch Tod stellt sicherlich ein mögliches traumatisierendes Ereignis dar.

Ein weiteres Beispiel für ein Lebensereignis, welches für viele Kinder traumatisierende Ausmaße annehmen kann, ist die elterliche Scheidung. Allein im Jahr 2013 wurden 84.844 Ehen mit minderjährigen Kindern geschieden.4

Darüber hinaus kann eine Vielzahl weiterer Erlebnisse auf Kinder eine traumatisierende Wirkung haben, wie Mobbing, Naturkatastrophen oder sogar Umzüge.5

Eine amerikanische Studie hat bei 400 Probanden im Alter von bis zu 14 Jahren bei 11,7% das Erleben eines traumatischen Ereignisses festgestellt. Mit 18 Jahren hatten bereits 43% der ursprünglichen Stichprobe ein solches erlebt (Amaya-Jackson/March (1995)).6

Eine deutsche Studie, bei welcher 1.035 Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren untersucht wurden zeigte, dass 22,5% von einer traumatischen Situation berichten konnten. 1,6% dieser Betroffenen zeigten gar die Kriterien einer Posttraumatischen Belastungsstörung (Essau et al., 1999).7

Der Begriff der Resilienz hat als Zielsetzung bereits 2007 in dem sogenannten hessischen Bildungs- und Erziehungsplan Aufnahme gefunden. Resilienz wird hier mit kompetentem Umgang mit Veränderung und Belastung gleichgesetzt und soll auch zur schnellen Erholung von traumatischen Erlebnissen beitragen.8

Auch der ressourcenorientierte Ansatz des Resilienzkonzeptes hat dazu beigetragen Neugier auf das Thema zu wecken, indem es bei diesem Ansatz vielmehr um das „ stärken der Stärken “ als um das „ ausgleichen der Mängel9 geht.

Da „ kein Kind (...) resilient geboren10 wird, interessierte die „Entstehung“ der Resilienz, beziehungsweise die Frage, wie Resilienz-begünstigende Mechanismen auch auf andere Situationen und Kinder übertragen werden können, sodass eine breitere Menge von den Vorteilen der Resilienz profitieren kann.

Auch die im Resilienzkonzept verankerte Erkenntnis, dass Kinder ihre Erziehung nicht passiv erleben, sondern sie ihre Entwicklung aktiv mitgestalten,11 und die damit verbundene Anerkennung der Eigenbestimmung in ihrer Lebensgestaltung von Kindern, sorgte für Neugier und Zustimmung seitens der Verfasserinnen.

Kinder, deren Familien und damit auch pädagogische Fachkräfte sind heutzutage vor immer neue, höhere Anforderungen gestellt, welche es zu bewältigen gilt.

Haug-Schnabel stellt in „Wie man ein Kind stärken kann“ fest, dass die Entwicklung von Kindern heutzutage, speziell durch psychosozial gestiegene Anforderungen, leicht gefährdet werden kann – trotz „ gestiegener medizinischer Absicherung und gehobener Basisversorgung“. 12

Manche Kinder müssen sich schon als Säugling allein unter dem Babybogen beschäftigen können, mit Schmusetier und Schnuller bei Erregung emotional allein klarkommen, vor allem, wenn es noch nicht Zeit für eine neue Flasche ist. Sie müssen im Kinderzimmer allein ein- und durchschlafen, sich bei Reizvielfalt und Überstimulation selbst regulieren, sich bei einem Überangebot lockender Nahrungsmittel zurückhalten, auf Bewegung zu bestimmten Zeiten verzichten, in Bewegungszeiten Leistung zeigen, immer neue gleichaltrige sowie wechselnde erwachsene Sozialpartner im Spielkreis, Babytreff und in der Krippe akzeptieren und nach Möglichkeit nicht mehr als 14 Tage im Jahr krank und somit >elternbedürftig< sein.“ 13

All diese Erwartungen von Eltern und sozialem Umfeld an schon jüngste Kinder machen eine ungestörte Entwicklung schwieriger, gleichzeitig jedoch umso erforderlicher. Im Blick auf all diese möglichen Belastungen erscheint die Resilienz als erstrebenswerte und beinahe schon notwendige Voraussetzung, um im Leben bestehen zu können.

Das Thema der Resilienz ist also von großer Relevanz, da von ihr nicht nur Kinder oder pädagogische Kreise betroffen sind, sondern im Grunde genommen jeder einzelne Mensch. Von den Erkenntnissen kann und sollte jeder profitieren dürfen – Kinder, Familien, Pädagogen, Therapeuten, Privatpersonen.

Als Fragestellung hinter der Themenwahl dieser Bachelorarbeit stand das Interesse daran, wie Resilienz entsteht, was als Pädagoge (oder auch als Familie) aktiv dazu beigetragen werden kann die Entstehung ebenjener zu begünstigen und inwiefern bestimmte Settings nutzbar sind, um die Entstehung von Resilienz für alle Kinder zu ermöglichen und sie wahrscheinlicher zu machen. Desweiteren sollte der Frage nachgegangen werden, wie traumatisierende Erlebnisse und Resilienz zusammenhängen um eventuell eine Möglichkeit zu finden, Kinder vor der Entstehung eines Traumas zu schützen, sowie ihnen im Ernstfall, bei dessen Eintreten so gut und schnell wie möglich helfen zu können.

Um dieses Anliegen um zu setzen soll am Anfang dieser Bachelorarbeit die Begriffsklärung von traumatisierenden Erlebnissen und Trauma stehen, sowie Folgen derer beschrieben werden.

Daraufhin wird allgemein, mit einer Definition von Resilienz eingestiegen, während im weiteren Verlauf des Kapitels konkretere Informationen zum aktuellen Forschungsstand und zur „Entstehung“ von Resilienz – erklärt an Risiko- und Schutzfaktoren – folgen. Auch ein Auszug der Ergebnisse der „Kauai-Studie“ von E. Werner und R. Smith wird hier vorgestellt.

Das nächste Kapitel widmet sich der Frage von Resilienz und Prävention. Den Anfang bilden einige allgemeine Überlegungen zur präventiven pädagogischen Arbeit, sowie zu den Unterschiedlichen möglichen Ebenen: Prävention am Kind und Prävention mit allen am Erziehungsprozess beteiligten. Auch die Frage, inwiefern Resilienzförderung und Prävention ineinander greifen wird thematisiert. Anschließend werden einige Möglichkeiten zur Resilienzförderung im Alltag von Kindertagesstätten aufgeführt, wozu einerseits zwei unterschiedliche Angebote geschildert werden, andererseits zwei verschiedene „Zielgruppen“ (Jungen und Mädchen).

Danach wird exemplarisch ein Projekt zur Präventionsarbeit vorgestellt, welches über die alltäglichen Möglichkeiten hinaus geht. Zum Abschluss dieses Kapitels soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern Resilienz und deren Förderung bei der Vermeidung von Traumata hilfreich ist.

Anschließend an die Fragen der präventiven Nutzungsmöglichkeiten von Resilienz, folgen nun die, nach den Rehabilitativen. Hierzu wurden einige Grundsätze traumapädagogischer Arbeit ausgewählt, bei denen ein Zusammenhang zur Resilienzförderung erkannt werden konnte.

Doch auch kritische Haltungen sollen nicht fehlen, denn diese sind nötig um einen reflektierten Standpunkt zu jedem Thema entwickeln zu können. Darum wurden einige Autoren mit skeptischen Gedanken und deren Meinung zum Thema der Resilienz zusammengefasst.

Abschließend zur dieser Bachelorarbeit soll eine Betrachtung der verschiedenen dargelegten Punkte und Meinungen zur Resilienz erfolgen, erschließend daraus, möchten die Verfasserinnen in einem Fazit ihren persönlichen Lerneffekt und Standpunkt benennen.

2. Trauma und traumatisierende Erlebnisse

In diesem Abschnitt wird zu Anfang der Begriff des Traumas näher erläutert und auf unterschiedliche, zu beachtende Aspekte hingewiesen. Folgend sollen die Begrifflichkeiten „Trauma“ und „traumatisierende Erlebnisse“ differenziert werden.

Später findet sich eine Auflistung traumaspezifischer Symptome und zuletzt soll die Frage beleuchtet werden, ob ein traumatisierendes Erlebnis zwangsläufig zu einem Trauma führt.

Das Wort „Trauma“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Verletzung“.

Was darüber hinaus mit dem Begriff beschrieben wird, ist selbst in der Traumaforschung nicht eindeutig definiert. So schreiben Görges und Hantke „ Lange war umstritten, ob das Wort das Ereignis meint, die Auswirkungen, die Symptome oder das innere Leiden“.14

Dennoch finden sich an unterschiedlichen Stellen Erklärungen zu diesem Begriff, welche sich überschneiden. So wird mit dem Wort „Trauma“ meist ein Ereignis beschrieben, welches die Verarbeitungsmöglichkeiten eines Individuums übersteigt und somit zu einer nicht mehr kontrollierbaren Reizüberflutung führt. Für das Verständnis des Phänomens Trauma sollte beachtet werden, dass „(…)ein Ereignis immer erst in seiner Beziehung zu einem empfindenden Subjekt mit seiner individuellen Reizschwelle traumatisch(.)“ 15 wird. Wenn es um die Auswirkungen einer traumatischen Erfahrung geht, kommt es also vor allem auf die der betreffenden Person zur Verfügung stehenden Bewältigungsmöglichkeiten an.16 (Hierauf wird an späterer Stelle noch genauer eingegangen.)

Bei traumatischen Erlebnissen treten Gefühle der Hilflosigkeit, Verzweiflung und Todesangst auf, sie sind ein „Einschnitt (...), der das bisherige Leben nachhaltig negativ verändert.“ 17

Nach einem traumatisierendem Erlebnis treten häufig vorerst sogenannte Schockreaktionen auf; doch von einem Trauma wird erst gesprochen, wenn Erfahrungen, welche während des Ereignisses nicht integriert wurden, auch über einen längeren Zeitraum unverarbeitet bleiben (wobei dieser „längere Zeitraum“ erneut nicht eindeutig definiert wird).18

Mit Integration ist hier das zeitliche und räumliche Einbetten eines Ereignisses gemeint. Misslingt diese, fühlt es sich für das betreffende Ereignis an, als finde es ganz akut in diesem Moment statt, dies kann adäquate Handlungsweisen unmöglich werden lassen.

Für die vorliegende Bachelorarbeit soll aufgrund der angestellten Recherchen der Begriff „traumatisierendes Erlebnis“ das Ereignis an sich, welches ein Trauma ausgelöst hat, oder welches eventuell auch (nur) das „Potenzial“ besitzt zu einem Trauma zu führen, beschreiben. Mit dem Wort Trauma soll ein nicht integriertes Ereignis gemeint sein.

Es gibt zwei Arten von Traumata. Bei Typ I spielen plötzliche Ereignisse eine Rolle, während es bei einem Trauma Typ II um Vorkommnisse geht, welche sich über einen längeren Zeitraum erstrecken.

Trauma-Typ I

Dies sind kurze, plötzliche Ereignisse, in denen die Angst um das eigene Leben im Vordergrund steht.

Beispiele hierfür sind Zeuge eines Unfalls zu werden, das Miterleben eines Todes oder auch plötzliche Naturkatastrophen.19

Trauma-Typ II

Hier spielen Vorkommnisse, welche sich über einen längeren Zeitraum erstrecken und eventuell sogar wiederholen eine Rolle.

Mobbing, sexueller Missbrauch und auch Umzüge können bei Kindern zu einem solchen Trauma führen.

Desweiteren lässt sich dieser Typ auch noch in 1. Erlebnisse durch andere Menschen, 2. Unfälle, Naturkatastrophen und Kriege, 3. lebensgefährliche Krankheiten und 4. den Verlust eines Angehörigen sowie andere subjektive Bedrohungen einteilen.20

Es gibt also viele verschiedene Ereignisse, welche zu einem Trauma führen können (aber nicht müssen). Wie Eingangs bereits erwähnt, spielt vor allem die subjektiv wahrgenommene Bedrohung und das Gefühl, dass die eigenen Kräfte nicht ausreichend sind, um die Katastrophe zu überwinden, eine große Rolle. Nicht jedes Individuum empfindet die gleichen Situationen als traumatisierend. Wie Eckardt beschreibt kann beispielsweise ein Kind durch einen Umzug der Familie in eine andere Stadt ein Trauma erleiden, da es sich selbst als machtlos dagegen empfindet. Vielleicht wurde sein Wunsch nicht um zu ziehen missachtet und es hat das Gefühl, durch das Fortziehen von Freunden, der bisher bekannten Wohnung, den Verlust der vertrauten Kita oder Schule hätte das eigene Leben nun keinen Bestand mehr. Für ein anderes Kind dagegen hat ein Umzug nichts bedrohliches, auf dieses kann beispielsweise das Miterleben einer Überflutung oder eines Erdbebens traumatisierend wirken.

Neben den psychischen Prozessen, die bei einem Trauma stattfinden, sollte allerdings darauf aufmerksam gemacht werden, dass jenes auch auf biochemischer Ebene Spuren hinterlässt. Friedrich und Scherwarth zitieren dazu Gerald Hüther, welcher laut ihnen in Deutschland zu den führenden Hirnforschern zählt. Jener definiert ein Trauma als „eine plötzlich auftretende Störung der inneren Struktur und Organisation des Gehirns, die so massiv ist, dass es in Folge dieser Störung zu nachhaltigen Veränderungen der von dieser Person bis zu diesem Zeitpunkt entwickelten neuronalen Verschaltung (…) kommt(…)“.[21]

Diese Erkenntnisse betonen die Schwierigkeit biografisch erlebter Traumata, denn diese „gehen nicht einfach vorbei“, sie sind neuronal verankert und hinterlassen so tief und weit Spuren in der persönlichen Entwicklung. [22]

2.1. Welche Symptome zeigen traumatisierte Kinder?

Auch abhängig von der Art des Traumas können traumatisierte Kinder viele unterschiedliche Verhaltensweisen an den Tag legen. Allen gemein ist jedoch eine tiefe Verunsicherung, schließlich haben diese Kinder die Erfahrung gemacht, dass sie sich nicht länger auf eine „an-sich-gute Welt“ verlassen können, auf helfende Menschen, vielleicht nicht einmal mehr auf sich selbst.

Depressionen, verschiedene Phobien, Neurosen, stark gesunkenes Selbstwertgefühl können die Folge sein. Als Reaktion auf diese Gefühle kann häufig ein Anstieg des Aggressionspotenzials, selbstständig herbeigeführte Isolation, Unruhe, Einnässen, Stottern, autoaggressives Verhalten, Lernstörungen, Unkonzentriertheit und abfallende schulische Leistungen, psychosomatische Beschwerden wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlafstörungen - um nur einige von vielen möglichen Äußerungen aufzuzählen - beobachtet werden. Natürlich können auch Kombinationen mit beliebig vielen dieser Symptome auftreten.23

2.2. Führt ein traumatisierendes Erlebnis zu einem Trauma?

Auch wenn ein Mensch einem traumatisierenden Erlebnis ausgesetzt war, kann es gelingen ebenjenes nach einiger Zeit zu überwinden und wieder Vertrauen in sich und die Welt zu finden.

Selbstverständlich geht es nicht darum, das betreffende Ereignis, die Angst, Trauer oder den Schrecken zu vergessen, dennoch kann es gelingen auch an einer traumatisierenden Erfahrung zu wachsen.

Wie schnell eine solche Verarbeitung eines traumatisierenden Erlebnisses erreicht werden kann, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Beispielsweise von der Art und Dauer des Ereignisses, aber auch von der Persönlichkeit des Betroffenen - wie stark die Hilflosigkeit erlebt wurde, Vorhandensein (oder Fehlen) einer zuversichtlichen Lebenseinstellung, welche Bewältigungsmechanismen zur Verfügung standen und vieles mehr. Eckardt weist daraufhin, dass circa ein Drittel aller Personen, welche unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung litten, nach etwa einem Jahr keine Symptome mehr zeigten.24

Dieser Hinweis eignet sich als Überleitung zum nächsten Thema, denn die Ergebnisse der Resilienzforschung zeigen ebenfalls, dass ein Drittel der Kinder, welche gewissen Risikofaktoren in ihrer Entwicklung ausgesetzt waren, dennoch zu physisch und psychisch gesunden Erwachsenen heranwuchsen. Auch zeigen sie, dass das Vorhandensein gewisser Resilienzfördernder Charaktereigenschaften das Überwinden von traumatisierenden Erlebnissen erleichtert.

3. Resilienz

Zunächst soll nun mit einer Definition des Begriffs „Resilienz“ ein Einblick in das Thema gewährt werden, darauf folgen eine Ausführung zum aktuellen Forschungsstand, sowie einige detaillierte Forschungsergebnisse, die exemplarisch angeführt werden. Schließlich wird mit einer Beschreibung von Risiko- und Schutzfaktoren das Konstrukt der Resilienz ausführlich beschrieben und das Kapitel abgeschlossen.

3.1. Definition

Im Duden findet sich unter dem Suchbegriff „Resilienz“ folgendes: „psychische Widerstandskraft; Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen“. 25 Diese Begriffe bieten einen kurzen, prägnanten Überblick auf die wichtigsten Inhalte des Konzepts der Resilienz. Auch die Ableitungen des Wortes aus dem lateinischen „resiliere – abprallen, zurückspringen“26 oder dem englischen „resilience – Spannkraft, Elastizität“27 bieten einen guten Einblick in das Thema Resilienz.

Einige Menschen entwickeln sich trotz widrigster Lebensumstände zu selbstsicheren, gesunden, kompetenten und leistungsfähigen Persönlichkeiten, dieses Phänomen versucht die Resilienzforschung zu ergründen und erklären, im Kern sucht sie also nach Erkenntnissen darüber „ was Menschen stärkt“.28 Resilienz „ bezeichnet die Fähigkeit, selbst in schwierigen Lebenskrisen und nach schweren Schicksalsschlägen wie ein Stehaufmännchen wieder auf die Beine zu kommen.

Resiliente Kinder und Jugendliche besitzen also eine Art „Schutzschirm der Seele“(…)“.[29] Es geht jedoch nicht ausschließlich um das unbeschadete Überstehen von Schicksalsschlägen, sondern ebenfalls um anhaltende negative Einflüsse, sogenannte Risikofaktoren. Was genau unter Risikofaktoren zu verstehen ist, wird ausführlich an späterer Stelle beschrieben, hier nur so viel dazu: es kann um Trennung oder Verlust der Eltern gehen, Armut, geringer Bildungsstand der Eltern, Komplikationen während Schwangerschaft oder Geburt und noch vieles mehr.

Einige geben bei ihrer Definition von Resilienz nicht „nur“ unbeschadetes Überstehen einer Krise, sondern sogar gestärktes Hervorgehen aus ebendieser an (z.B. Walsh).30 Zu dieser Sichtweise des gestärkten Hervorgehens passt auch folgende Definition von Welter-Enderlin und Hildenbrand „ Unter Resilienz wird die Fähigkeit von Menschen verstanden, Krisen im Lebenszyklus unter Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zu meistern und als Anlass für Entwicklung zu nutzen.“31 (Hervorhebung durch Verfasserinnen der Bachelorarbeit.)

3.1.1. Besonderheiten des Resilienzkonzeptes

Laut Corina Wustmann gibt es noch einige zu beachtende Besonderheiten des Resilienzkonzeptes, sie sollen an dieser Stelle kurz hervorgehoben werden.

Dynamischer Prozess

Resilienz ist als ein dynamischer Prozess zu verstehen. Das bedeutet, es handelt sich um eine „ Kapazität, die im Verlauf der Entwicklung im Kontext der Kind-Umwelt-

Interaktion erworben wird“. 32 Wustmann schreibt weiterhin, Resilienz beziehe sich auf einen „ dynamischen, transaktionalen Prozess zwischen Kind und Umwelt “.33

Variable Größe

Resilienz ist auch als eine variable Größe zu sehen. Im Laufe des Lebens können sowohl Risiko- als auch Schutzfaktoren neu gebildet oder gestärkt werden, sodass es „ keine stabile Immunität gegenüber negativen Lebensereignissen“ geben kann.34

Situationsspezifität

Desweiteren gilt es, darauf aufmerksam zu machen, dass Resilienz situationsspezifisch ist. Kinder können zwar in gewissen Lebensbereichen resilient sein, das bedeutet jedoch nicht, dass sie in allen Bereichen ihres Lebens gleichermaßen resilient sind. Wustmann schreibt hierzu „ So können Kinder, welche chronischen elterlichen Konflikten ausgesetzt sind, z.B. hinsichtlich ihrer schulischen Leistungsfähigkeit resilient, hinsichtlich sozialer Kontakte und Beziehungen dagegen nicht resilient sein.“[35]

3.1.2. Wann kann jemand als „resilient“ bezeichnet werden?

Wann jedoch, wird jemand als „resilient“ bezeichnet? Was bedeutet „erfolgreiches Überstehen“? Als Faktoren finden sich hier:

- weniger chronische Krankheiten,
- geringere Todes- und Scheidungsrate,36
- keine Straffälligkeiten,
- erfolgreicher Schulbesuch,
- realistische Zielsetzungen für das Leben,
- keine Arbeitslosigkeit und ähnliches37

der resilienten Kinder gegenüber der nicht resilienten Gruppe mit ähnlichen Startbedingungen. (Ausführlicher wird hierauf im Kapitel „Forschung“ erneut eingegangen.)

Warum einige Menschen resilienter als Andere sind, warum also einige Menschen schwere Schicksalsschläge oder Lebenskrisen ohne dauerhaften Schaden überstehen oder gar gestärkt aus einer solchen Situation hervor gehen (während Andere das Ereignis scheinbar niemals angemessen verarbeiten können), das versucht die Resilienzforschung zu ergründen.

3.2. Forschung: anfängliche Annahmen und aktueller Stand

Als „Beginn“ der Resilienzforschung ist in der Literatur häufig die sogenannte „Kauai-Studie“ von Emmy E. Werner und Ruth Smith benannt.38 Sie gilt bis heute als eine der wichtigsten Studien in diesem – noch relativ jungen – Forschungsgebiet.

In der Kauai-Studie untersuchten die Entwicklungspsychologin Emmy E. Werner und ihre Kollegin Ruth Smith eine Gruppe aus insgesamt 698 Kindern verschiedener Ethnien mit schwierigen Startbedingungen, die 1955 auf der hawaiianischen Insel Kauai geboren wurden.39 Begleitet wurden die Probanden, ihre Familien und weiteres soziale Umfeld über 40 Jahre hinweg, befragt wurden sie und ihr Umfeld im Alter von ein, zwei, zehn, 18,40 32 und 40 Jahren.41 Angeregt zu dieser Studie hatte Werner die Frage, wie sich erschwerte Startbedingungen im frühen Kindesalter auf das weitere Leben eines Menschen auswirken.42

Als schwierige Startbedingungen definiert Werner das Aufwachsen in Armut, Komplikationen vor oder während der Geburt, Familien mit chronischem Unfrieden, Scheidungen oder elterliche Psychopathologien, sowie Mütter, welche weniger als 8 Jahre eine Schule besuchten.43

Werner führt zu den Ergebnissen ihrer Studie aus „Zwei Drittel der Kinder, die bis zum Alter von zwei Jahren vier oder mehr solcher Risikofaktoren ausgesetzt waren, entwickelten bis zum Alter von zehn Jahren Lern- oder Verhaltensprobleme bzw. wurden bis zum Alter von 18 Jahren straffällig und/oder psychisch krank.“ 44

Allerdings fiel auf, dass das letzte Drittel der Kinder sich zu „kompetenten, selbstbewussten und fürsorglichen Erwachsenen“ 45 entwickelte, die in Kindheit und Jugend weder durch Verhaltensprobleme, noch durch Lernschwierigkeiten auffielen. Desweiteren zeichnete sich dieses besagte Drittel aus durch:

- erfolgreichen Schulbesuch (ihre schulischen Leistungen waren vergleichbar oder überlegen zu jenen derer, welche in stabileren ökonomischen und häuslichen Verhältnissen aufgewachsen waren, gleiches gilt für berufliche Leistungen)

- erfolgreiches gesellschaftliches und privates Leben
- realistische Ziele und Erwartungen
- im Alter von vierzig Jahren waren diese Personen weder straffällig geworden, noch auf Fürsorge angewiesen oder arbeitslos
- signifikant niedrigere Anzahl chronischer Krankheiten sowie Sterblichkeits- und Scheidungsrate gegenüber der Vergleichsgruppe nicht resilienter Gleichaltriger.46

Neben der Kauai-Studie gibt es selbstverständlich auch einige andere Studien. Ebendiese, die aktuellen Diskurse und die Komplexität von Resilienz versuchte Kumpfer in seinem Rahmenmodell aufzuzeigen. Dieses bietet so einen guten Überblick, da es alle bislang in der Resilienzforschung diskutierten Grundlagen zusammenfügt. Kumpfers Rahmenmodell des Resilienzkonzepts berücksichtigt zudem auch „ die dynamischen Prozesse zwischen Merkmalen des Kindes, seiner Lebensumwelt und dem Entwicklungsergebnis“.[47]

Kumpfer definiert sechs für die Entwicklung von Resilienz wichtige Bereiche.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Rahmenmodell von Resilienz (Wustmann (2005),S. 201)

(1) Stressor: aktiviert den Resilienzprozess, löst eine Störung des (emotionalen) Gleichgewichts aus
(2) Umweltbedingungen: bezieht sich auf das Vorhandensein und Interaktion von Risiko- und Schutzfaktoren in der Lebensumwelt
(3) Personale Ressourcen/Resilienzfaktoren: Kompetenzen und Fähigkeiten einer Person, lassen sich in die fünf abgebildeten Bereiche einteilen: Motivation/Glaube, kognitive Fähigkeiten, emotionale Stabilität, körperliche Gesundheitsressourcen und soziale Kompetenzen
(4) Anpassung/Fehlanpassung: gemeint ist das Entwicklungsergebnis; Erwerb und Erhalt altersangemessener Kompetenzen, Abwesenheit psychischer Störung; ein positives Entwicklungsergebnis gilt als Voraussetzung für Stressbewältigung
(5) Transaktionaler Prozess zwischen Person und Umwelt: von der Person ausgehend wird dieser beispielsweise durch selektive Wahrnehmung, Attribuierungsmuster, Bindung an soziale Netzwerke oder Umweltselektion; von Bezugspersonen unter anderem durch Modellverhalten, Empathie und emotionale Unterstützung beeinflusst
(6) Resilienzprozess und Anpassungsmechanismen: effektive oder dysfunktionale Bewältigungsstrategien, die sich durch maladaptives Verhalten, gleich bleibendes oder gesteigertes Kompetenzniveau zeigen.48

Auch wenn in einiger Literatur Behauptungen in der Art „entgegen anfänglicher Annahmen handelt es sich bei Resilienz nicht um eine angeborene, sondern um eine im komplexen Zusammenspiel mit der Umwelt entwickelten Fähigkeit“49 zu lesen sind, konnten die Verfasserinnen keine Erstliteratur zur besagten Behauptung der „angeborenen Fähigkeit“ finden. Im Gegenteil, schon Werner schreibt über die Ergebnisse ihrer Studie „Die resilienten Jungen und Mädchen, die ihre widrigen Lebensumstände gut überwunden hatten, unterschieden sich durch drei Bündel von Schutzfaktoren von ihren stark gefährdeten Altersgenossen(…)“.50 Und diese „drei Bündel“ sind 1. Persönliche Schutzfaktoren im Kind, 2. Familiäre Schutzfaktoren und 3. Schutzfaktoren des sozialen Umfelds, also (mehr oder weniger deutlich) sichtbar keine angeborenen Fähigkeiten (insbesondere Punkt zwei und drei).51

Neben den Schutzfaktoren kristallisierten sich in der Studie auch einige spezifische Risikofaktoren (auch Vulnerabilitätsfaktoren genannt) heraus.

Exemplarisch für Vorgehensweise und Ergebnisse der Kauai-Studie wird nun auf einen ausgewählten Abschnitt ebenjener eingegangen, bevor zu den Risiko- und Schutzfaktoren zurückgekehrt wird.

3.3. Unterschiede in Vulnerabilität und Resilienz bei Jungen und Mädchen

In ihrem Buch „Vulnerable but invincible“ präsentieren Emmy E. Werner und Ruth S. Smith detaillierte Ergebnisse der bereits erwähnten Kauai-Studie. Für die vorliegende Arbeit, wurde das Kapitel der Unterschiede der Resilienz von Jungen und Mädchen exemplarisch ausgewählt, um einige Forschungsergebnisse ausführlich darstellen zu können (zu finden auf den Seiten 36-44).

Die Ergebnisse der Studie zeigten einen signifikanten Unterschied am Anteil zwischen Jungen und Mädchen, welcher in den ersten zwei Jahrzehnten des Lebens ernste physische Einschränkungen, Lern- und Verhaltensproblem und ein auffälliges Stressverhalten aufzeigte.

Der Anteil an Mädchen und Jungen, bezüglich der Anfälligkeit bei biologischem und psychologischem Stress, veränderte sich im Laufe der Zeit, aufgrund der wechselnden kognitiven und sozialen Anforderungen während Kindheit und Jugend.

Generell waren, trotz gleicher Voraussetzungen (wie chronische Armut oder disharmonische Familienverhältnisse), mehr Mädchen als Jungen fähig, belastende Lebenssituationen erfolgreich zu bewältigen.

Anschließend soll aufgezeigt werden, welche Unterschiede, im Hinblick des Auftretens von oben genannten Problemen, bei beiden Geschlechtern auftauchen.

Zur Erfassung der Daten wurden während der ersten zwei Jahrzehnte des Lebens von jedem Geschlecht sämtliche Belastungen aufgezeichnet und notiert. Dann wurden Faktoren geprüft, welche das eine Geschlecht zu verschiedenen Zeitpunkten im Leben vulnerabler (oder verletzlicher) machten als das andere.

3.3.1. Unterschiede während der ersten zehn Lebensjahre

Die Auswertung der gesammelten Daten zeigt diese Resultate für die Ausgangssituation der Kinder:

- Zum Zeitpunkt der Geburt der Kinder der Kauai-Studie waren mehr Jungen als Mädchen mittel bis schwerem perinatalem Stress ausgesetzt. (Male (M): 3.6%; Female (F): 2.7%)
- Mehr als die Hälfte der Jungen (8 von 15), aber weniger als 1/5 der Mädchen, welche schwerste perinatale Komplikationen aufwiesen, verstarben im Säuglingsalter; die meisten von ihnen noch in der neonatalen Phase (bis 28 Tage nach der Geburt)
- Ein tendenziell höherer Anteil an Jungen wies Geburtsfehler auf (M: 10,2%; F: 7,9%), jedoch wog ein größerer Anteil an Mädchen bei der Geburt weniger als 2500 Gramm (M: 6,5%; F: 9,5%)
- Von der Geburt an bis zum zweiten Lebensjahr waren mehr Jungen als Mädchen schweren und/oder wiederholten Krankheiten und Unfällen ausgesetzt
- Der Anteil an Jungen und Mädchen, deren physischer Zustand im Alter von zwei Jahren von den Kinderärzten für unter dem Normalwert beurteilt wurde, war ca. gleichgroß (M: 13%; F: 15%).

Ebenfalls im Alter von zwei Jahren wurde bei mehr Jungen als Mädchen ein Intelligenzquotient (IQ) von niedriger als 80 festgestellt. Die psychologischen Untersuchungen zur Feststellung des IQ‘s beinhalteten Tests zu adaptiven, sensomotorischen und sprachlichen Fähigkeiten. Dabei wurden mehr Jungen als Mädchen als unter dem Normalwert eingestuft oder eine verzögerte intellektuelle Entwicklung von mehreren unabhängigen Kinderärzten festgestellt. Außerdem schienen die Jungen über weniger Selbsthilfefähigkeiten und Sozialkompetenzen zu verfügen.

Im Alter von zehn Jahren hatten die Jungen einen wesentlich höheren Anteil (51%) als die Mädchen (37%) an Problemen bezüglich ihrer Schulleistungen.

Signifikant mehr Jungen (46,9%) als Mädchen (33,6%) bekamen schlechte Noten (D oder F – in Deutschland circa 4-6) in den Fächern der Basiskompetenzen, wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Bei beinah zweimal so vielen Jungen (9,2%) wie Mädchen (4,7%) wurden mit Hilfe psychologischer Tests schwere Sprachbehinderungen festgestellt.

Mehr Jungen (30,9%) als Mädchen (22,0%) litten unter Verhaltensauffälligkeiten, die ihre Leistungen in der Grundschule beeinträchtigten. Lehrer beobachteten Symptome von Hyperaktivität (meint hier: Ruhelosigkeit und leichte Ablenkbarkeit) bei doppelt so vielen Jungen (8,7%) wie Mädchen (3,2%). Ebenfalls ein höherer Anteil an Jungen (8,4%) als Mädchen (5,0%) zeigte ein Verhalten von anhaltender Nervosität.

Mehr Jungen als Mädchen benötigten spezielle Hilfeleistungen in der Schule, wie Langzeit-Förderunterricht (länger als sechs Monate) oder einen Platz in einer Klasse für lernbehinderte Schüler und Schülerinnen. Ebenfalls mehr Jungen als Mädchen wurden Klassen oder Institutionen für mental Retardierte zugeteilt (M: 15; F: 10).

Jungen die, aufgrund von mittel- bis schwerem perinatalem Stress oder Geburtsfehlern hoch gefährdet waren, reagierten empfindlicher auf ein instabiles Umfeld, als Mädchen mit denselben Ausgangsbedingungen.

Es waren deutliche Unterschiede, im Hinblick auf die Auswirkungen von Armut, instabilen Familienverhältnissen und einem Mangel an Bildungsanregungen von zu Hause, bezüglich der Geschlechter zu sehen. Diese führten wiederum zu einem höheren Anteil an Jungen mit Problemen in der Kindheit (Langzeit-Förderunterricht und/oder psychologische Betreuung waren erforderlich, wiederholt kriminelles Verhalten wurde deutlich).

3.3.2. Unterschiede während der Jugend

In der Kauai-Studie konnten, mit Ausnahme von zwei durch Unfälle verursachten Sterbefällen (beide männlich), in dem Zeitraum zwischen 10 und 18 Jahren keine signifikanten Geschlechterunterschiede in Bezug auf das Vorkommen von schweren Krankheiten bei Jugendlichen festgestellt werden.

Fast dreimal so viele Jungen wie Mädchen waren im Alter von 18 Jahren bereits mehrfach kriminell geworden (M: 77; F: 26). Der Anteil an Mädchen und Jungen, welcher auffälliges Verhalten zeigte, schichtete sich jedoch um.

War es in der Kindheit noch eine Mehrheit an Jungen, wandelte sich das zum Ende der Jugendphase hin, zu einer Mehrheit an Mädchen. Im Alter von 18 Jahren hatten doppelt so viele Mädchen wie Jungen schwere mentale Gesundheitsprobleme entwickelt (M:23; F: 47).

Mehr Jungen als Mädchen, die in ihrer Kindheit schwere Lernbehinderungen oder Verhaltensauffälligkeiten zeigten, verbesserten sich im Alter von 18 Jahren. Neu auftauchende Probleme im zweiten Jahrzehnt des Lebens zeigten sich häufiger bei den Mädchen.

Die Gesamtanzahl an Jungen mit schweren Problemen in dieser Kohorte fiel von 88 (aus insgesamt 342) in den ersten zehn Jahren auf 66 Jungen in den darauf folgenden zehn Jahren des Lebens. Während die Gesamtanzahl an Mädchen mit schweren Verhaltensauffälligkeiten von 54 (aus insgesamt 356) im ersten Jahrzehnt, auf 69 im zweiten Jahrzehnt anstieg.

Über die Unterschiede der Geschlechter hinaus, beschreibt Werner eine Korrelation zwischen der Anzahl an Belastungen, in primär der Kindheit, und der Schwere an Bewältigungsproblemen in der Jugend. Auch hier wird zwischen Jungen und Mädchen differenziert.

3.3.3. Stresserlebnisse und Bewältigungsprobleme in der Jugend

Es zeigt sich eine signifikante Häufung an belastenden Lebensereignissen unter den Jugendlichen (im Alter von 18 Jahren), welche straffällig geworden waren oder andere Probleme entwickelten, im Gegensatz zu den Gleichaltrigen, die nicht auffällig wurden. Zu den belastenden Lebensereignissen gehören: Schwierigkeiten in der Beziehung zum Vater und/oder zur Mutter im Jugendalter, dies beinhaltet ebenfalls psychische Störungen bei einem Familienmitglied, sowie finanzielle Probleme (Siehe Tabelle 1/Males und 2/Females im Anhang, S.88-90).

Probanden aus der Unterschicht waren häufiger Stressfaktoren ausgesetzt, als diejenigen die der Mittel- oder Oberschicht angehörten.

Schwangerschaft im Jugendalter, chronische familiäre Disharmonie, Eheprobleme der Eltern, Scheidung, permanente oder vorübergehende Trennung eines Elternteils von der Familie und Auszug eines geliebten Geschwisterteils, stellten die Mädchen im Jugendalter vor größere Bewältigungsprobleme als die Jungen.

3.3.4. Mögliche Ursachen der Unterschiede

Die Einzelheiten hinter den Mechanismen, die für diese frühen Unterschiede der Geschlechter verantwortlich sind, werden noch immer von Biologen sowie Soziologen, Pädagogen und Psychologen debattiert.

Zahlreiche Faktoren scheinen das Leben für Jungen schwieriger zu machen als das von Mädchen:

Genetische Faktoren

Das X Chromosom enthält mindestens 100 andere wichtige Gene, als nur diejenigen, die im Zusammenhang mit der Fortpflanzung stehen. Frauen besitzen von jedem Gen zwei und 4-5% mehr Chromosomen-Material, verglichen mit dem Mann.

Es könnte angenommen werden, dass deshalb weibliche Gene widerstandsfähiger gegenüber äußeren Gefahren der Entwicklung sind.

Eine andere Möglichkeit sieht vor, dass die Mutter, welche kein Y Chromosom besitzt, für von Y Chromosomen produzierte Erzeugnisse sensibilisiert ist und deshalb versucht diese abzustoßen. Dadurch würde eine relativ ungesunde pränatale Umwelt für den männlichen Embryo geschaffen. Dies könnte minimale neurologische pränatale Schäden verursachen und dazu beitragen, dass bei so vielen Jungen Verhaltensstörungen und geistige Zurückgebliebenheit, zu beobachten ist.

- Entwicklungsgeschwindigkeit:

Mädchen reifen schneller als Jungen und das in jedem Alter bis hin zum Ende der Jugendphase. Der Unterschied in der körperlichen Entwicklung beträgt bei der Geburt mehrere Wochen, bei der Einschulung etwa ein Jahr und in der Pubertät fast zwei Jahre. Die intellektuelle Entwicklung der Jungen ist ebenfalls langsamer. Mädchen können im Schnitt ihr erstes Wort früher sagen und sich früher besser artikulieren als Jungen. Auch danach entwickeln sie sich sprachlich mit einer viel höheren Geschwindigkeit. Diese Entwicklungsunterschiede lassen annehmen, dass Jungen mehr schwierige Erfahrungen im Grundschulalter machen, als Mädchen.

-Aggression :

Ein weiterer Faktor, der wahrscheinlich Probleme für die Jungen darstellt, ist ihr aggressives Verhaltensrepertoire. Jungen scheinen eine niedrigere Frustrationsgrenze zu haben als Mädchen. Außerdem sind sie impulsiver und geraten öfter in körperliche Auseinandersetzungen. Dadurch haben Jungen häufiger Differenzen mit Eltern und Lehrpersonen, wodurch sie wiederum bei ihnen zu Hause und in der Schule mehr Stresserleben haben.

Erwartungen an die Geschlechterrolle:

Diese Erwartungen scheinen bei den Jungen teilweise strenger als bei den Mädchen. Schon früh wird von den Jungen maskulines Verhalten erwartet. Im Gegensatz dazu wird den Mädchen hier zum Teil mehr Spielraum in ihrer Kindheit gelassen.

Erst im jungendlichem Alter werden feminine Verhaltensweisen zu einer ernsteren Angelegenheit.

Kinder lernen ihr Rollenverhalten in der Interaktion mit Erwachsenen desselben Geschlechts. Jungen haben eine begrenzte Auswahl an solchen Kontakten in unserer Kultur, da sie in den frühen Kindheitsjahren in einer überwiegend femininen Umwelt groß werden, dies zeigt sich sowohl zu Hause, als auch in der Schule.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die körperliche Unreife der Jungen, die Rollenerwartungen an sie und die feminine Umwelt in der sie aufwachsen, für einen Anstieg an Stresserfahrungen in der Kindheit der Jungen verantwortlich sind.

Später, in der jugendlichen Phase, schneiden die Jungen in der Schule besser ab, haben sie die Mädchen in den Sprachfähigkeiten erst einmal eingeholt. Die schulischen Anforderungen beinhalten nun auch Fähigkeiten des analytischen Problemlösens und setzen einen verstärkten Fokus auf die Mathematik und die Naturwissenschaften. In diesen Feldern lassen die Jungen die Mädchen oft hinter sich.

Auf der anderen Seite verspüren jugendliche Mädchen einen starken Druck, die Rolle einer traditionellen, femininen Frau, anzunehmen und nicht mit der männlichen Welt zu konkurrieren. Somit durchlaufen junge Frauen einen Prozess, den die Jungen schon früher durchliefen. In diesem Prozess versuchen die Mädchen jegliche, zum Teil widersprüchliche, Rollenerwartungen zu erfüllen, was wiederum zu einer Beeinträchtigung ihres Verhaltens und dem Ausüben ihrer Kompetenzen führen kann.

Im Gegensatz zu den Männern, neigen Frauen nun dazu, ihr Schicksal mehr in Abhängigkeit von Handlungen anderer wahrzunehmen. Das Gefühl mangelnder Kontrolle kann sich auf die Mädchen sehr frustrierend auswirken.

Wie die Aggressionen der Jungen in ihrer Kindheit, sie immer wieder in Schwierigkeiten brachte, scheint für Mädchen die Abhängigkeit im Jugendalter, zu einem größeren Problem geworden zu sein.52

[...]


1 www.destatis.de

2 Tabelle Rentenzugänge 2013, Anhang, S.87

3 Tabelle Rentenbestand 2013, Anhang, S.86

4 www.destatis.de

5 Eckardt (2005), S.9

6 www.t-i-z.de

7 Ebd.

8 Fthenakis (Leitung) (2014), S.44

9 Friedrich/Scherwarth (2014), S.98

10 Wyrobnik (2012), S.9

11 Wyrobnik (2012), S.10, Wustmann (2005), S.203

12 Wyrobnik (2012), S.9

13 Ebd., S.10f.

14 Görges/Hantke (2012), S.53

15 Lexikon der Psychologie (2013), S.1575

16 Görges/Hantke (2012), S.54

17 Eckardt (2005), S.9

18 Görges/Hantke (2012), S.53

19 Eckardt (2005), S.9

20 Eckardt (2005), S.10

21 Friedrich/Scherwarth (2014), S.18

22 Friedrich/Scherwarth (2014), S.18-19

23 Eckardt (2005), S.14

24 Eckardt (2005), S.15

25 www.duden.de

26 Wyrobnik (2012), S.20

27 Wustmann (2005), S.192

28 Friedrich/Scherwarth (2014), S.96

29 Sit (2012), S.11

30 Wyrobnik (2012), S.20

31 Hildenbrand/Welter-Enderlin, (2010), S.13

32 Wustmann (2005), S.193

33 Ebd., S.193

34 Wustmann (2005), S.194

35 Ebd., S.194

36 Wyrobnik (2012), S.22

37 Werner (Hrsg. Hildenbrand/Welter-Enderlin) (2006), S.31

38 Vgl. unter anderem: Sit (2012), S.12 / Werner (Hrsg. Welter-Enderlin), (2006), S.30

39 Smith/Werner (1989), S.2

40 Ebd., S.15-22

41 Wyrobnik(2012), S.20

42 Sit (2012), S.12

43 Werner (Hrsg. Hildenbrand/Welter-Enderlin), (2006), S.30

44 Werner (Hrsg. Hildenbrand/Welter-Enderlin), (2006), S.30

45 Ebd., S.30

46 Ebd., S.31

47 Wustmann (2005), S.200

48 Wustmann (2005), S.200ff

49 Siehe hierzu unter anderem: Krause (Hrsg. Wyrobnik) (2012), S.19/Sit (2012), S.12

50 Werner (Hrsg. Hildenbrand/Welter-Enderlin) (2006), S.31

51 Ebd., S.31-32

52 Smith/Werner (1982), S.36-44

Ende der Leseprobe aus 94 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung der Resilienz. Zur pädagogischen Praxis mit Kindern im Kontext traumatisierender Erlebnisse
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2,0
Autoren
Jahr
2015
Seiten
94
Katalognummer
V318247
ISBN (eBook)
9783668209855
ISBN (Buch)
9783668209862
Dateigröße
1034 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Resilienz, Trauma, Traumata, traumatische Erlebnisse, Prävention, Rehabilitation, Stress
Arbeit zitieren
Yannah Holzderber (Autor)G. Ackermann (Autor), 2015, Die Bedeutung der Resilienz. Zur pädagogischen Praxis mit Kindern im Kontext traumatisierender Erlebnisse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318247

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