Deutsche Schreibschrift in den Formen Kurrent und Sütterlin

Lehr- und Lernhilfe


Ausarbeitung, 2016

27 Seiten


Leseprobe

Unsere Schrift gestern und heute

Lebenslang begleitet uns das Wort als geschriebene Information. Wir werden in ein Geburtsregister eingetragen, lernen lesen und schreiben, schreiben uns fur die Weiterbildung ein, um dort wieder viel zu schreiben, bekommen Neuigkeiten und Mitteilungen in geschriebener Form, helfende Medikamente werden verschrieben, wir bekommen vom Amt ein Schreiben oderwir wurden aufgeschrieben und erhalten ein Einschreiben. Wir schreiben uns Adressen und Kochrezepte auf und teilen schreibend lieben Menschen mit, wie gern wir ihnen naherwaren. Das war schon immer so und wird auch so bleiben, nur die Ausdrucksweise und die Form unterliegen standigem Wandel und z.T. auch vereinfachenderVeranderung. Auch fur den Ahnenforscher, den Freund der Wappenkunde und den Sammler alter Dokumente ist eine grundliche Beschaftigung mit der deutschen Schrift unerlasslich. Fur das gedruckte Wort legte die technische Entwicklung einen gewaltigen Weg vom holzernen Druckmodel bis zur modernen Druck- und Kopiertechnik zuruck. Bei der Handschrift gab es zwar auch manche Veranderungen vom Federkiel zum Fullhalter, aber die individuelle Ausdruckskraft als Eigenart der Handschrift ist geblieben.

Es kann und soll nicht Aufgabe dieser kleinen Zusammenfassung sein, die Bedeutung und Entwicklung der Schrift innerhalb dervergangenen Jahrhunderte vom Mittelalter bis heute mit Fakten und Daten zu belegen. Es ware auch schwierig, wenn man diese Betrachtung mit Blick auf den heute mit fast einheitlichem und reformiertem Regelwerk versehenen deutschen Sprachraum ubertragen wollte. Neben derWeiterentwicklung der handgeschriebenen gebrochenen Einzelbuchstaben des Mittelalters mit kunstvoll gestalteten Initialen entwickelte sich eine Laufschrift (Kurrent) fur die private, geschaftliche und behordliche Korrespondenz. Die beiden Formen der Schriftgestaltung mit Einzelbuchstaben unterschieden sich im Verlaufe derZeit nochmals in die altdeutschen Schriften (Fraktur) und die lateinische Schrift (Antiqua). Die lateinische Schriftwurde ursprunglich uberwiegend von den dem Latein verbundenen Wissenschaftlern (Gelehrtenschrift) benutzt. Um die Jahrhundertwende finden wir bereits in den Schullesebuchern gedruckte Texte in Fraktur und Antiqua nebeneinander. Dagegen war die altdeutsche Handschrift noch ca. 40 Jahre des 20. Jahrhunderts eine in den allgemein bildenden Schulen unterwiesene Schreibschrift. In diesen, sowie auch im offentlichen Leben, gab es neben dem Inhalt eine Bewertung der Schonschrift. Die Handschrift diente doch nicht nur den eigenen Notizen und dem privaten Schriftverkehr, sondern stellte auch die eigene Personlichkeit dar und war Ausdruck des Bildungsgrades beim Verfassen eines Lebenslaufes sowie des Bewerbungsschreibens um eine Anstellung oder gar einem Schreiben an die Obrigkeit. Ab ca. 1940 kam es auch bei der Handschrift immer haufigerzu Vermischungen der altendeutschen und lateinischen Formen. DieserVorgang fuhrte

im Verlaufe der folgenden 20 Jahre zu einer fast volligen Verdrangung der altendeutschen Handschrift bzw. deren Reste. Aus dem bisher Genannten ist abzulesen, dass Stil und Schreibtechnik sowie auch die Ausdrucksform einem standigen Wandel unterliegen. Diese zum Teil anpassenden oder auch vereinfachenden Veranderungen unserer Schrift sind aber auch unverkennbarer Hinweis darauf, dass unsere Schrift und Sprache etwas Lebendes darstellt, dem der Keim zurVeranderung innewohnt. Nur birgt diese standige Anpassung an veranderte Anforderungen auch die Gefahr, dass Schones, Vollkommenes und historisch Wertvolles aus vergangenen Zeiten weder bewahrt, noch gepflegt, sondern einfach vergessen wird. Wer kann sie heute noch lesen oder gar schreiben die altdeutsche Handschrift in der Form einer Kurrent oder Sutterlin? In verstaubten Archiven lagern unzahlige dieser handgeschriebenen Kunstwerke und werden damit dem Interessierten als Belege fur ein Kulturgut ganzer Generationen sogar vorbehalten. Im bemerkenswerten Gegensatz dazu steht, dass die Werke der Meister vergangener Jahrhunderte, sofern sie denn Werke z.B. der Malerei, Musik oder Baukunst sind, mit groftem Aufwand gepflegt, restauriert und prasentiert werden. Sind wir denn mit soviel Kulturpflege uberfordert, dass wir einfach die Schrift von Generationen unserer Vorfahren vernachlassigen oder vergessen durfen. Haben wir im Zeitalter der elektronischen Datenverarbeitung bereits vergessen, dass es bis vor gar nicht allzu langer Zeit erst die auftere Gestaltung und die Sorgfalt in der Handschriftwaren, mitdenen ein offizielles Schreiben Beachtung erlangen konnte. Sind wir es den vergangenen Generationen nicht schuldig, das zu bewahren, was ihnen anerzogen und zum Wertbegriff

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Handschrift

Die Handschrift ist gepragt von den Schreibgewohnheiten des Schreibers und weist unverwechselbare Merkmale auf. Schriftsachverstandige versuchten zu allen Zeiten aus der Handschrift eines Menschen Erkenntnisse zu seiner Person und seinen wesentlichen Eigenschaften, auch seinen Eigenheiten, abzuleiten. Die individualisierten Formen der Schrift lassen injedem Fall Ruckschlusse aufden Bildungsstand und die Ausdrucksgewohnheiten des Schreibers zu, sofern er auch geistiger Urheber des Geschriebenen ist. Zu fast allen Zeiten wurde auch versucht, der Gestaltung der Schrift eine Normung zu geben. Fast vergessen sind die Hilfslinien, die das gleichmaGige Schreiben der Buchstabenkorper sowie ihrer Ober- und Unterlangen erlernbarer machen sollten. Auch der Gesamteindruck einer Handschrift sollte wenigstens noch in der Schulzeit vergleichbar sein. Deshalb schuf Herr Ludwig Sutterlin aus Berlin eine Schulausgangsschrift, die als Deutsche Schrift bis etwa 1940 als Grundschrift gelehrtwurde. Sie zeichnete sich durch ubersichtliche und klare Formen aus. Trotzdem gaben die meisten Menschen nach dem Verlassen der Schule im weiteren Verlauf ihres Lebens der so genannten Kurrentschrift den Vorzug. Diese Schrift ist gefalliger und lasst sich schoner schreiben. Es wurde allgemein die Umgangsschrift mit vielfaltigen Moglichkeiten der individuellen Gestaltung und Ausschmuckung. Die Existenz der alten deutschen Schreibschrift ist eng mit der Fraktur-Druckschrift verknupft. Besser sollte man feststellen: Den vielen schonen Frakturschriftformen. Trotz derverschiedenen Erscheinungsformen war furalle Schriften z.B. die einheitliche Rechtschreibung gultig. Dann erfolgte von den damaligen politischen Machthabern ein verunglimpfendes Verbot der gebrochenen Schriften (Fraktur = Judenlettern) und in der Folge wich auch die deutsche Schreibschrift der mit den lateinischen Buchstaben. Aus der Antiqua wurde perAnordnung die Deutsche Normalschrift. An dieser Stelle muss bemerktwerden, dass Herr Sutterlin auch ein Schriftvorbild furdie lateinischen Buchstaben geschaffen hat.

Aus der zeitlichen Entwicklung ist abzulesen, dass es ,,Funf vor Zwolf“ fur den Erhalt der deutschen Schrift ist, denn wer vor 1940 die Schule besuchte, gehortzu den alteren Herrschaften, die haufig nicht mehr genug motiviert sind, ihre diesbezuglichen Kenntnisse an die folgenden Generationen weiterzureichen. Und wer nach 1940 geboren ist, dem wurden diese Kenntnisse nicht mehr vermittelt und er musste sie sich zusatzlich aneignen, unabhangig davon, ob er bereits 60 Jahre, schon 40 Jahre oder erst 20 Jahre alt ist. Nur auf diesem Wege ware es noch moglich, lesen zu lernen, was GroGmutter ihrem Haushalts- oder ihrem Tagebuch anvertraute oder GroGvater an sie schrieb, als er um sie warb, oder auch welche Hoffnungen und Wunsche er seinen Feldpostbriefen mit auf den Weg gab. Wer daruber hinaus auch noch erlernt, in der altdeutschen Schrift zu schreiben und zwar wie es der Stil, die Form und der Wortgebrauch seinerzeit geboten, der wird vielleicht auch die Zeit seinerVorfahren besserverstehen.

Warum 1940 aufAnordnung derdamaligen Machthaber im Deutschen Reich die Frakturschrift und damit auch die alte deutsche Schreibschrift verschwinden musste, wird wohl nie vollig geklartwerden. Einmal sagen die Quellen, dass die lateinische Schrift zur Normalschrift erklart wurde, um es damit den einverleibten Volkern einfacher zu machen die kunftige Weltsprache Deutsch zu erlernen. Anderseits ging man der verunglimpfenden Bezeichnung Schwabacher-Judenlettern nach und stellte fest, dass es wahrscheinlich gar nicht um die Schwabacher Schriftzeichen, sondern um die Frakturschrift ging, mitwelcher der ,,Volkische Beobachter“ gedruckt wurde. Der Schopfer dieser Schriftzeichen, der Bernhard-Fraktur, soll Jude gewesen sein. Verwerflich ist jedenfalls, dass man sich bis heute an dieses Verbot halt und damit die immer schwacher werdende Pflege der alten deutschen Schreibschrift duldet.

Einige Schreib- und Rechtschreibregeln

Bevor Sie nun mit den Lese- oder Schreibubungen beginnen und zu diesem Zwecke bereits den Linienbogen vorbereitend mehrfach kopiert haben, muss ich Sie darum bitten, einige grundsatzliche Regelungen zurzeitgemaGen und somit richtigen Anwendung der deutschen Schrift zu beachten. Da ware vorrangig auf die Verwendung von f (lang-s) und s (rund-s) hinzuweisen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das _ss_ in der lateinischen Schrift unter Berucksichtigung der neuen Rechtschreibung kann also in der deutschen Schrift s, ff oder auch G bedeuten. An dieser Stelle muss bemerktwerden, dass G die Zusammensetzung von f und s ist und nicht die von s und z.

Das C kommt ( auGer bei einigen Fremdworten ) am kleingeschriebenen Wortanfang fast immer nur mit h als ch vor. Fur die intensivere Beschaftigung mit der altdeutschen Schrift und dem zugehorigen Regelwerk sollte sich der Interessierte bemuhen, einen DUDEN aus dieser Zeit zu bekommen. Das ist zwar muhsam, aber das Antiquariat oder ein guter Flohmarkt konnen durchaus hilfreich sein. Mit etwas Gluck ist man auch bei der Suche innerhalb des Angebotes eines Auktionshauses im Internet erfolgreich. Aufden im Anhang befindlichen Linienbogen werden die beiden Grundformen Sutterlin und Kurrent vorgestellt. Beim Vergleichen der Schriftformen fallen besonders zwei Unterschiede auf. Die Sutterlin wird sehrsteil geschrieben. Die Kurrent hat eine in Schreibrichtung geneigte Schriftform und sieht damit gefalliger aus. Der zentrale Buchstabenkorper ist bei der Sutterlin grower ausgepragt als bei der Kurrent. Die Ober- und Unterlangen sind bei der Kurrent auffallig grower als bei der Sutterlin. Wurde man Hilfslinien ziehen, so ware bei der Sutterlin von Reihe zu Reihe ein Abstandsverhaltnis von 1:1:1 (oder2:3:2) erforderlich. Bei der Kurrent ware 2:1:2 (oder 3:2:3) angebracht.

Linienbogen im Anhang. Bitte vor dem Beschreiben in ausreichender Anzahl durch Kopieren vervielfaltigen.

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde aus dem Schreibenkonnen ein Schreibenmussen. Beginn der Schulpflicht in deutschen Landen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Schullesebuch der Provinz Pommern von 1884 12.08.1902 in Giersdorf fur Zeichen personlichkeitstypische Eigenheiten verschwinden. Interessant ist auch, dass bereits vor 100 Jahren in den Worten Spassvogel und Gruss das Doppel-s an die Stelle des derzeit ublichen ft gesetzt wurde.

Gestern eine Partie nach Petersdorf auf die Dachsbaude der neuen Bahnstrecke Schweiberhau unternommen, dortwar es herrlich. Laft doch bitte mal etwas aus Breslau horen. Viele Grufte sendet Dir sowie Deinen Lieben Allen Elfriede Liebig.

Randtext: Wenn doch nur die Karte grofter ware das mehr drauf ginge.

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DerAuszug aus einerAmtsakte ist eine Verlangerung der Gewerbegenehmigung und hat folgende wortliche Ubersetzung:

Behufsfortsetzung der Krugwirtschaft der Kruge Tourbier und Rollin fur das Jahr 1868 wird pflichtmaGig hierdurch attestiert, dass die Nutzlichkeit der Krugwirtschaften durch das Ortsbedurfnis im Allgemeinen erfordert wird, dass Tourbier sowohl als auch der Rollin einen moralisch guten Wandel gefuhrt und zu Beschwerden keine Veranlassung gegeben haben, auch deren Verhaltnisse es gestatten, dass ein ordnungsgemaGer Gewerbebetrieb im Sinne der allerhochsten Kabinetsordervom 7. Februar 1835 unbedenklich zu erwarten steht und daG die zum Gaststattenbetriebe in den Hausern des Tourbier und Rollin bestimmten Localien dazu vollkommen geeignet sind.

Bergholz, den 20. September 1867 Wolf Schulz

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Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Deutsche Schreibschrift in den Formen Kurrent und Sütterlin
Untertitel
Lehr- und Lernhilfe
Autor
Jahr
2016
Seiten
27
Katalognummer
V318259
ISBN (eBook)
9783668176843
ISBN (Buch)
9783668176850
Dateigröße
5456 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
deutsche, schreibschrift, formen, kurrent, sütterlin, lehr-, lernhilfe
Arbeit zitieren
Klaus Beyer (Autor), 2016, Deutsche Schreibschrift in den Formen Kurrent und Sütterlin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318259

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