Die Rolle von Biogas in der Energiewende. Wie wirkt sich die Erdgaspreisentwicklung auf die Biogasbranche aus?


Bachelorarbeit, 2013
55 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Ausgangssituation
1.2 Zielstellung und Abgrenzung der Arbeit

2. Ziele und Instrumente der Energiewende
2.1 Die Gestaltung der Energiewende durch die Politik

3. Der deutsche Gasmarkt
3.1 Entwicklung in Deutschland
3.2 Der liberalisierte Gasmarkt
3.3 Die gegenwärtige Bepreisung von Erdgas

4. Der deutsche Biogasmarkt
4.1 Entstehung der Biogasbranche und Kapazitätsentwicklung
4.2 Anwendungsgebiete von Biogas in der Energiewende
4.3 Die Einspeisung von Bioerdgas in das Erdgasnetz
4.4 Die Rolle von Biogas gegenüber anderen Energieträgern
4.5 Politische Rahmenbedingungen
4.5.1 Das Gesetz über den Vorrang erneuerbarer Energien
4.5.2 Die Gasnetzzugangsverordnung
4.5.3 Gasnetzentgeltverordnung
4.5.4 Der gemeinsame Marktrahmen von Bioerdgas und Erdgas

5. Einflussfaktoren auf die Preisentwicklung von Erdgas und deren Auswirkungen auf den Biogassektor

6. Szenarioanalyse
6.1 Das Szenario der Subventionskürzungen
6.1.1 Wirtschaftlichkeit
6.1.2 Umweltverträglichkeit
6.1.3 Versorgungssicherheit
6.2 Anstieg des Erdgaspreises
6.2.1 Wirtschaftliche Betrachtung
6.2.2 Umweltverträglichkeit
6.2.3 Versorgungssicherheit
6.3 Rückläufige Gaspreise
6.3.1 Wirtschaftlichkeit
6.3.2 Umweltverträglichkeit
6.3.3 Versorgungssicherheit

7. Die Zukunftschancen von Biogas

8. Fazit

Literaturverzeichnis
BUCH / DRUCKWERKE
INTERNET

Anhang: Der Prozess der Biogaserzeugung
Vorgrube und Vorbereitung auf die Vergärung
Der Gärprozess in den Fermentern
Gasaufbereitung und Gasspeicherung
Endlager und Verwertung der Reststoffe
Gasverwertung – die Nutzungsmöglichkeiten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Energiepolitisches Dreieck

Abbildung 2: Anwendungsgebiete von Biogas

Abbildung 3: Von Biomasse zu Biomethan

Abbildung 4: Kostenverteilung der Biogaserzeugung

Abbildung 5: Gaserträge nach Einsatzstoffen

Abbildung 6: Vergütung der Biogaserzeugung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1 Ausgangssituation

Eine sichere Versorgung mit Energie ist eine unverzichtbare Voraussetzung für das Wohl einer Gesellschaft sowie die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Staates. Mit Blick auf das vergangene Jahrhundert wurde die Energieversorgung hauptsächlich durch fossile Energieträger und Kernenergie abgesichert. Beide Wege stellen für die Zukunft keine dauerhafte Lösung dar. Die Ressourcen der fossilen Energieträger sind endlich und die Erschließung neuer Quellen mit erhöhtem Aufwand und Risiken für Natur und Mensch verbunden.

Es ist daher notwendig, andere Wege einzuschlagen. Die Zukunft liegt in einem modernen Mix verschiedener Energie- und Technologieformen. Der Ausbau erneuerbarer Energien stellt hierbei einen wichtigen Grundpfeiler dar und wird unter dem Begriff Energiewende zusammengefasst.1

Die einzelnen Säulen hierfür sind die erneuerbaren Energieträger (EE) Windenergie, Biomasse, Wasserkraft, Sonnenenergie, Geothermie und Meeresenergie.

Das aus Biomasse gewonnene Biogas nimmt hierbei eine Schlüsselposition in der Energiewende ein. Biogas ist derzeitig der einzige EE, der auf allen vier Energiesektoren Wärme, Strom, Kraftstoff und Gas vertreten ist. Er lässt sich speichern und stellt das derzeit einzige Substitut zum fossilen Energieträger Erdgas dar.

1.2 Zielstellung und Abgrenzung der Arbeit

Ziel dieser Arbeit ist es, die Rolle von Biogas in der Energiewende unter zu unter- suchen. Durch Annahme bestimmter Preisentwicklungen wird in drei Szenarien untersucht, wie sich die Biogasbranche entwickeln kann. Die Eckpunkte Wirtschaftlichkeit, Umweltverträglichkeit sowie Versorgungssicherheit dienen dabei als Untersuchungsparameter.

Die Arbeit ist in acht Kapitel gegliedert. Nach der Eingrenzung der Arbeit werden in Kapitel zwei die Ziele und Instrumente der Energiewende dargestellt. Die Kapitel drei und vier widmen sich vornehmlich der Erdgas- sowie Biogasbranche mit ihren geschichtlich-ökonomischen Hintergründen. Diese werden dann in Kapitel vier in der Szenarioanalyse zusammen geführt. Zentraler Analysegegenstand bleibt die Biogasbranche.

Im ersten Szenario werden Subventionskürzungen und die daraus resultierenden Schwierigkeiten erörtert. Das zweite Szenario widmet sich dem Anstieg des Erdgaspreises. Dabei wird untersucht, wie sich die Biogasbranche mit dieser Marktrahmenänderung entwickeln kann und welche Auswirkungen auf die Umwelt sowie die Versorgungssicherheit damit verbunden sind.

Der Anstieg des Erdgaspreises wird im dritten Szenario untersucht. Die Argumentationsführung knüpft erneut an die Parameter Wirtschaftlichkeit, Umweltwirkung sowie die Versorgungssicherheit an.

Das der Szenarioanalyse anschließende Kapitel sieben beinhaltet die möglichen Zukunftschancen des Biogasmarktes. Hier werden derzeitige Forschungsfelder vorgestellt.

Eingrenzungen sind in dieser Arbeit so vorgenommen worden, dass der Fokus auf dem Wärmemarkt sowie der Einspeisung in das Erdgasnetz liegt. Biogas kann auch als Kraftstoff und zur Stromerzeugung eingesetzt werden, dies soll jedoch nicht Gegenstand der vorliegenden Arbeit sein.

Die Arbeit zielt nicht darauf ab, die Notwendigkeit der Energiewende in Frage zu stellen. Es geht vielmehr darum, am Beispiel von Biogas herauszuarbeiten, wie viel Zukunftspotential dieser EE besitzt und wie er auf Marktrahmenänderungen reagiert.

2. Ziele und Instrumente der Energiewende

In Deutschland gibt es unterschiedliche Gründe, die für einen Umbau der Energieversorgung sprechen. Dazu gehören: Die Reduktion von Treibhausgasen, der Aus- stieg aus der Kernenergie, die Verminderung der Abhängigkeit von Energieimporten sowie die Endlichkeit fossiler Energieträger. Diese Hintergründe haben die Energiewende hervorgerufen und werden nachfolgend erläutert:

- Die Reduktion von Treibhausgasen: Eine der zentralen Motive für die Energie- wende sind die Klimaschutzziele und die damit verbundene Bekämpfung des Klimawandels. Die Wissenschaft ist sich mittlerweile einig, dass ein Klimawandel stattfindet, der auf überhöhte Treibhausgasemissionen, verursacht durch den Menschen, zurückgeht.2 Diese Emissionen sind die Kohlenstoffdioxide (CO2), die durch das Verbrennen fossiler Energieträger wie Erdöl, Erdgas oder Kohle ausgestoßen werden.

In Deutschland machen die energiebedingten CO2-Emissionen etwa 80 % der Treibhausgase (THG) aus.3

Um dem Effekt des Klimawandels entgegen zu wirken, wurde am 9. März 2007 vom Deutschen Bundestag beschlossen, die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2020 um 40 % gegenüber dem Basisjahr 1990 zu senken und den Anteil der Erneuerbaren Energien am Primärenergieverbrauch4 auf 20% zu verdreifachen.5 Insgesamt müssen bis 2020 circa 270 Mio. Tonnen CO2 eingespart werden, um eine 40 %-ige Minimierung zu erreichen.6

- Der Ausstieg aus der Kernenergie: Die Auswirkungen von Naturkatastrophen auf hoch entwickelte Technik und menschliches Unvermögen haben die Katastrophe von Fukushima hervorgerufen. Dieses Ereignis hat die Politiker in Deutschland alarmiert und den Ausstieg aus der Kernenergie endgültig proklamiert. Deutsche Kernkraftwerke erzeugten im Jahr 2012 insgesamt 99,46 Mrd. Kilowattstunden (kWh) Strom (brutto). [7] Diese Energie muss zukünftig auf anderem Weg bereitgestellt werden. Die Bundesregierung setzt hier auf das Potential der erneuerbaren Energien, auf die Einsparung von Energie und auf eine Erhöhung der Energieeffizienz durch technischen Fortschritt.
- Die Verminderung der Abhängigkeit von Importen: Erdgas ist nach Erdöl und Kohle der wichtigste Energieträger Deutschlands. Im Jahr 2011 betrug sein Anteil am Primärenergieverbrauch 20,4 %8, wobei der Bedarf größtenteils durch Importe gedeckt wurde. Im Jahr 2011 bezog Deutschland 39,8 % Erdgas aus Russland, 34,4 % aus Norwegen, 22,1 % aus den Niederlanden und 4 % aus sonstigen Ländern.9
- Die Endlichkeit fossiler Energieträger: Die heute genutzten fossilen Energieträger sind weitestgehend Kohle, Erdgas und Erdöl. Schätzungen über die Reserven und Reichweiten sind schwierig, da diese auch von der Entwicklung der Nachfrage so- wie der Entdeckung weiterer Lagerstätten abhängen. Dennoch wird davon ausgegangen, dass die Reichweite des Erdöls bei konstantem Verbrauch noch circa 40-50 Jahre, Erdgas rund 70 Jahre und Kohle mehr als 200 Jahre beträgt.10

Schnell wachsende Volkswirtschaften wie China sowie Indien erhöhen die Nach- frage nach Energie und erlauben die Vermutung, dass der Weltenergieverbrauch weiter steigen wird. Dieser Nachfrageanstieg kann dauerhaft nicht mehr nur durch fossile Energieträger befriedigt werden. Hier ist die Unterstützung durch erneuerbaren Energien notwendig.

Mit der Energiewende wurde in Deutschland eine Vielzahl von Instrumenten entwickelt, die den Prozess einer nachhaltigen Energiepolitik im Sinne der EE forcieren sollen. Im Strom- und Wärmesektor stellen das Gesetz für den Vorrang Erneuerbarer Energien (EEG), das Gesetz zum Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung (KWKG) so- wie das Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) die wesentlichen Instrumente dar. Im Sektor der Mobilität kann das Biokraftstoffquotengesetz zum Erreichen der Energieziele beitragen.

Das EEG ist von allen Gesetzen das umfassendste Förderinstrument. Seit Inkrafttreten im Jahr 2000 hat sich der Anteil der EE am Stromverbrauch von 5 % auf insgesamt über 17 % im Jahr 2010 gesteigert.11 Dieser Anteil erhöhte sich im Jahr 2011 weiter auf 20 %.12

Auf dieses Gesetz wird in dieser Arbeit bei der Darstellung des Biogassektors näher eingegangen.

2.1 Die Gestaltung der Energiewende durch die Politik

Die Energiewende wird in Deutschland durch den Staat, unter Berücksichtigung europäischer Vorgaben, gesteuert. Zu seinen Aufgaben gehört die Versorgung der Allgemeinheit mit einer sicheren und nachhaltigen Energie.

Eine nachhaltige Entwicklung der Energieversorgung ist „eine Energiepolitik im Sinne der Staatszielbestimmung des Art. 20a GG, also zum Schutze der natürlichen Lebensgrundlagen.“13 „Der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen umfasst auch den Schutz des Klimas sowie den der endlichen Energieressourcen und da- mit den Kerngehalt einer nachhaltigen Energiepolitik.“14 Damit wird die Energie- wende sowohl durch das Grundgesetz als auch durch die Klimaschutzziele genährt.

Eine weitere wichtige Verankerung der Energieziele ist aus dem §1 des EnWG ab- zuleiten. „Zweck des Gesetzes ist eine möglichst sichere, preisgünstige, verbraucherfreundliche, effiziente und umweltverträgliche leitungsgebundene Versorgung der Allgemeinheit mit Elektrizität und Gas, die zunehmend auf Erneuerbaren Energien beruht.“15

In der Energieökonomie wird aus diesen Leitzielen das Energiepolitische Zieldrei- eck mit seinen Eckpunkten Wirtschaftlichkeit, Umweltverträglichkeit und Versorgungssicherheit gebildet. Diese drei Eckpunkte können als Demarkation verstanden werden, an denen sich der Sinn und Inhalt von Gesetzen sowie Richtlinien in der Energiewende orientiert.

Abbildung 1: Energiepolitisches Dreieck

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung

Eine gleichzeitige und gleichmäßige Erreichung aller drei Ziele ist nicht möglich. Die Eckpunkte im Zieldreieck beeinflussen sich gegenseitig und stehen in Zielkonflikten zueinander.

So minimiert sich bspw. durch die EE der Ausstoß an THG. Der Ausbau der EE verursacht jedoch hohe Kosten, welche von der Allgemeinheit zu tragen sind.

Daraus ableitend ist vor allem der Staat in der Lage, durch Gesetze und Verordnungen die Eckpunkte im Zieldreieck zu verändern – sowohl in positive als auch in negative Richtung. Der Staat verfügt über die Möglichkeit der strategischen Ausrichtung einzelner Energieträger, ihrer Entwicklung und Vermarktung.

Je mehr der Ausbau erneuerbarer Energien durch den Staat gezielt forciert wird, desto weniger fossile Brennstoffe werden zukünftig benötigt.

Derzeitig erfolgt die Energieversorgung Deutschlands noch zu einem großen Teil durch fossile Energien. Demzufolge sind die politischen Rahmenbedingungen bedeutend. Bei der Regulierung des deutschen Gasmarkts wird der deutsche Staat wesentlich durch die Rechtssetzung auf Ebene der Europäischen Union (EU) beeinflusst.

Nachfolgend wird der deutsche Gasmarkt, von der Ölpreisbindung bis hin zur Liberalisierung, abstrahiert. Dies stellt die Grundlage dar, um eine spätere Verknüpfung mit dem EE Biogas durchzuführen.

3. Der deutsche Gasmarkt

3.1 Entwicklung in Deutschland

Der deutsche Gasmarkt bildete sich mit der Gründung von Gaswerken in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hierbei übernahm zunächst das Stadtgas die Beleuchtung von öffentlichen Plätzen und Einrichtungen.

Von Bedeutung wurde die Energieversorgung mit Erdgas erst mit der Entdeckung des größten europäischen Erdgasfeldes bei Groningen in den Niederlanden. Die ersten Lieferungen aus den Niederlanden nach Deutschland begannen ab den frühen 1960-er Jahren. Wenig später traten Russland und Norwegen als weitere Lieferanten auf. Parallel hierzu begann auch die Förderung der inländischen Erdgasproduktion.

In die damals durch die Versorgung von Stadtgas vorhandenen Leitungen konnte Erdgas aufgrund des höheren Betriebsdrucks teilweise nicht eingespeist werden. So begann in Deutschland der kontinuierliche Ausbau des Erdgasleitungsnetzes. Gleichzeitig wurden auch Untergrundspeicher geschaffen, die zur Einlagerung von Erdgas dienten.

Durch den Ausbau verdoppelte sich seit circa 1970 die Länge des deutschen Gasversorgungsnetzes innerhalb von 20 Jahren.16

Heute ist das Erdgasnetz über 370.000 km lang und transportiert jährlich etwa doppelt so viel Energie wie das Stromnetz.17

Der Auf- und Ausbau dieser flächendeckenden Transportinfrastruktur war mit hohen Investitionskosten verbunden, denen hohe Risiken gegenüberstanden.

Zur Sicherung der Investitionsfinanzierung wurden daher langfristige Verträge zwischen den deutschen Importeuren und den Erdgaslieferanten geschlossen. Deren Inhalt bildete eine Mengenvereinbarung, deren „Ziel die Sicherstellung großer, möglichst konstant fließender Vertragsvolumina (..) [war], um für beide Vertragspartner eine sichere und planbare Amortisation der getätigten spezifischen Investitionen zu gewährleisten.“18

Diese Mengenvereinbarung war für beide Vertragsseiten bindend und ist es bei den derzeitigen Verträgen noch immer. Auf der einen Seite besteht eine Lieferverpflichtung, auf der anderen Seite eine Abnahmeverpflichtung.

Aufgrund dieser festgeschriebenen Abnahmemengen gab es lange Zeit für Erdgas keinen freien Markt, an dem sich ein Preis für Erdgas auf natürlichem Wege durch Angebot und Nachfrage bilden konnte. Es wurde daher erforderlich, anhand einer Referenzenergie einen marktgerechten Preis für Erdgas festzulegen. Da Heizöl die zu Erdgas in Konkurrenz stehende Energie darstellte, wurde der Gaspreis an den Erdölpreis gekoppelt. Dies wird noch heute als anlegbarer Gaspreis, oder auch als anlegbares Prinzip bezeichnet.19

Über vierzig Jahre später ist Erdgas neben Öl und Kohle zum wichtigsten Energieträger in Deutschland geworden. Ein Fortbestand der Ölpreisbindung, gestützt auf dem Grundsatz des anlegbaren Prinzips, wird heute aus verschiedenen Gründen in Frage gestellt, die nachfolgend dargelegt werden.

Der Preis für ein Barrel (159 Liter) Rohöl ist in den letzten Jahrzehnten stark angestiegen. Da es weltweit nur einen Markt für Erdöl gibt, kann es durch bestimmte Ereignisse, wie z. B. politische Entwicklungen oder Naturkatastrophen, zu einer nach oben gerichteten Verschiebung des Preises führen. Der Erdgaspreis wird innerhalb eines bestimmten Zeitpunktes angepasst.

Je global erfolgreicher und eigenständiger der Energieträger Erdgas wurde, desto weniger wurde eine Bindung an den Ölpreis begründbar.

Die Ölpreisbindung ist auch aus Sicht der Transportkosten zweifelhaft geworden: Es gibt für Rohöl nur einen weltweiten Preis, da trotz unterschiedlicher Förderbedingungen die Transportkosten im Vergleich zum Rohölpreis gering sind. Erdöl kann mittels Tankschiffe, LKW oder Züge an nahezu jeden Standort der Welt befördert werden, während Erdgas meist mittels Pipelines über lange Strecken befördert wird. Der Aufwand hierfür ist weitaus größer und unterscheidet sich je nach Transportstrecke vom Ort des Angebots zum Ort der Nachfrage. Erdgas wird in Fördernähe oder entlang einer Pipeline verbraucht. Hierdurch entstehen voneinander getrennte Märkte mit teilweise hohen Preisdifferenzen.20

Gas kann auch verflüssigt als liquified natural gas (LNG) bei Temperaturen von -162 °C in Tankern über große Seestrecken transportiert werden, wobei die Trans- portkosten – bezogen auf die Energieeinheit je km Transportleistung – um bis zu 10 mal höher sind als bei Erdöl.21

Nach einem kontinuierlichen Anstieg des Ölpreises und der entsprechenden Anpassung des Gaspreises stieg der Legitimationsdruck seitens der Politik und forderte Reaktionen in Form von Gesetzen, die zur Liberalisierung des Gasmarktes führten und in den nachstehenden Kapiteln erläutert werden.

3.2 Der liberalisierte Gasmarkt

Bis 2004 waren in Deutschland die Handels- und Transportfunktion in wenigen großen Gesellschaften integriert. „Die Gesellschaft, die ein Netz betrieb, kaufte Erdgas ein und suchte sich in ihrem Gebiet Kunden, die nur bei ihr kaufen konnten, solange nur dieses eine Netz zur Verfügung stand.“22

Auf diese Weise war das Energierecht in der leitungsgebundenen Energiewirtschaft jahrzehntelang von der Marktbeherrschung einiger weniger Unternehmen geprägt, die natürliche Monopole bildeten. „Ein natürliches Monopol ist gegeben, wenn die Nachfrage nach einem Gut am kostengünstigsten durch nur einen Anbieter bedient werden kann.“23

Mit der monopolistischen Marktmacht geht Gewinnmaximierung seitens des Monopolisten und damit ein gesamtgesellschaftlich zu geringes Angebot einher, was zu Wohlfahrtsverlusten führt. Das Aufbrechen einer Monopolsituation kann durch sinkende Preise die Konsumentenrente erhöhen und damit zu steigender Wohlfahrt führen.24

Durch die EU wurden daher Gesetze erlassen, die den Zerfall der Gebietsmonopole bewirkten und heute als Liberalisierung des Erdgasmarktes verstanden werden. Diese Gesetze waren die Elektrizitätsbinnenmarktrichtlinie von 1996 sowie die Erdgasbinnenmarktrichtlinie von 1998. In Deutschland brachte 2003 das EnWG eine Neuordnung der Märkte und setzte das Europäische Recht in nationales Recht um.25 Zusammen mit der Entflechtung, dem sogenannten Unbundling, von Netzbetrieb und Gashandel kam es mit dem EnWG 2005 in Deutschland zu einem regulierten Netzzugang.26

Durch die Marktöffnung wurde die Monopolsituation zerschlagen und ein „freier Verkehr mit Waren und Dienstleistungen zügig und vollständig“27 ermöglicht. Zahoransky beschreibt die Liberalisierung als „Ziel (…), über den durch den Wettbewerb hervorgerufenen Preisdruck Kostenvorteile für die Kunden und eine insgesamt höhere Effizienz der Leistungserbringung der jeweiligen Dienstleistung zu erhalten [ist].“28

Zur Überwachung wurde eine eigenständige Regulierungsbehörde, die Bundesnetzagentur geschaffen. Diese hat zur Aufgabe, Preise für die Netznutzung und technische Sicherheit zu kontrollieren sowie den Wettbewerb in den Netzmärkten zu fördern.

Durch die Entflechtung ist in Deutschland ein Erdgassektor entstanden, der jede Diskriminierung von Seiten der Netzinhaber gegenüber seinen Netzzugangspetenten unmöglich macht. Der Handel mit Erdgas erlaubt nun eine freie Preisbildung auf dem Markt. Dadurch wurden auch die Grundvoraussetzungen geschaffen, dass alle Gashändler die verfügbaren Netzkapazitäten der Energieversorgungsunter- nehmen (EVU) nutzen können.

3.3 Die gegenwärtige Bepreisung von Erdgas

Die Bepreisung von Erdgas erfolgt heute entweder an Handelsplätzen oder durch langfristig ölpreisgebundene Verträge.

Bei den Handelsplätzen wird zwischen dem Börsenhandel und dem Handel außer- halb der Börse unterschieden. Der Börsenhandel für Deutschland findet in Leipzig an der European Energy Exchange (EEX) statt. Die Bepreisung erfolgt anhand des Entry-Exit-Systems. Hierbei wird beim Entry-Vertrag der Einspeisepunkt definiert, und beim Exit-Vertrag der Ausspeisepunkt festgelegt.

Over-the-Counter-Geschäfte sind meist langfristige Direktverträge zwischen Produzenten und Abnehmern, die außerhalb der Börse vereinbart werden.

Bei langfristigen Gaslieferverträgen werden die Liefermengen sowie der Basispreis für Erdgas individuell ausgehandelt. Hierbei setzt sich der Preis aus dem Arbeits- und einem Leistungspreis zusammen.

Die Grundlage für den Leistungspreis bildet die maximal bestellte Leistung pro Tag, wogegen sich der Arbeitspreis auf Basis der Substitutionsenergie, z. B. dem Rohölpreis, zusammensetzt.29 Durch Preisgleitklauseln wird der Arbeitspreis innerhalb kurzer Zeitabstände an den Rohölpreis angepasst. Der Leistungspreis wird in längeren Zeitabständen in Abhängigkeit vom Investitionsgüterindex angepasst.30 Im Jahr 2004 waren mehr als 80 % der langfristigen Gaslieferverträge an die Preisentwicklungen von leichtem und schwerem Heizöl gebunden.31

Die Preisentwicklung ölgebundener Verträge kann über das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle eingesehen werden. Der hierbei veröffentlichte Preis stellt den Grenzübergangspreis32 mit ölgebundenen Konditionen dar.

Die heutige Ausgestaltung eines liberalen Erdgas-Netzzugangs lässt Konkurrenzprodukte zu, die durch das Leitungsnetz transportiert werden können. Eine dieser Möglichkeiten stellt die Einspeisung von Bioerdgas dar. Die aus Biomasse gewonnene Energie wurde in der Vergangenheit in nur geringem Maß genutzt, da effiziente Techniken erst entwickelt werden mussten und sich die Produktion bis zum heutigen Tag wirtschaftlich nur schwer gestalten lässt.

Im folgenden Abschnitt wird auf die Entwicklung des Biogases als Teil der Erneuerbaren Energien näher eingegangen werden. Es werden die Verwendungsmöglichkeiten sowie die politischen Rahmenbedingen vorgestellt.

4. Der deutsche Biogasmarkt

4.1 Entstehung der Biogasbranche und Kapazitätsentwicklung

Die Biomasse stellt eine der ältesten von der Menschheit verwendeten Energie- quellen dar.33

In Deutschland fand ein erster Versuch, Biogas in der Landwirtschaft aus forstwirtschaftlichen Reststoffen zu nutzen, in der Nachkriegszeit statt. Diese landwirtschaftlichen, vorwiegend von Kleinbauern errichteten Biogasanlagen (BGA), konnten sich zu dieser Zeit gegenüber dem günstigeren Heizöl jedoch nicht durchsetzen.

Bis zur Energiewende und der Überarbeitung des EnWG besaß die Biogaserzeugung in Deutschland eine wirtschaftlich eher unbedeutende Rolle.

Erst aufgrund der Gesetzgebung und förderpolitischer Maßnahmen hat die Biogasproduktion einen erkennbaren Anstieg erfahren. Nach Berechnungen des Unternehmens Statistika GmbH gab es im Jahr 2012 in Deutschland 7.521 BGA. Aus dem Basisjahr 1992 ist eine Anzahl von 139 Anlagen bekannt.34

Biogas entsteht beim bakteriellen Abbau von organischem Material wie beispiels- weise pflanzlichen und tierischen Abfällen. Als Ausgangsmaterial werden haupt- sächlich Gülle, Festmist sowie Nachwachsende Rohstoffe (NawaRo) eingesetzt, die zusammengefasst als Substrate bezeichnet werden. Unter Ausschluss von Sauerstoff durchlaufen diese Substrate einen Vergärungsprozess, der in den so genannten Fermentern stattfindet.

Aufgrund der Komplexität der Biogasproduktion und der nur indirekten Bedeutung für die vorliegende Arbeit erfolgt an dieser Stelle keine ausführliche Beschreibung. Der Biogasentstehungsprozess soll jedoch nicht unbeachtet bleiben und wird daher im Anhang anhand der BGA in Satuelle, Sachsen-Anhalt, vorgestellt.

4.2 Anwendungsgebiete von Biogas in der Energiewende

Biogas ist ein EE, der in vierfacher Weise genutzt werden kann:

- Er kann in Blockheizkraftwerken (BHKW) verbrannt und damit zur Stromerzeugung genutzt werden.
- In den BHKW kann Biogas auch zur Erzeugung von Wärme genutzt werden.
- Mit Biogas als Kraftstoff kann ein Erdgasfahrzeug mit dem Produkt aus 1 ha Mais rund 70.000 km fahren.35
- Biogas kann zu Erdgasqualität aufbereitet und anschließend in das Erdgasnetz eingespeist werden.

[...]


1 Vgl. Hennicke, P., Müller, M. (2005), S. 217

2 Vgl. Deutsche IPCC-Koordinierungsstelle Projektträger im DLR Umwelt, Kultur, Nachhaltigkeit (kein Datum), Abruf am 21.08.2013.

3 Vgl. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) (2007), Abruf am 27.04.2013.

4 Als Primärenergie wird jene Energie bezeichnet, die noch keinen Umwandlungsprozess durchlaufen hat.

5 Vgl. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) (2007), Abruf am 27.04.2013.

6 Vgl. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) (2007), Abruf am 27.04.2013.

7 Vgl. INFORUM Verlags- und Verwaltungsgesellschaft mbH Informationskreis Kernenergie (2013), Abruf am 18.05.2013.

8 Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (kein Datum), Abruf am 05.07.2013.

9 Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (kein Datum), Abruf am 05.07.2013.

10 Vgl. Bundesamt für Energie (BFE) (2012), Abruf am 18.05.2013.

11 Vgl. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (Hrsg.) (2012), S. 8.

12 Vgl. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (Hrsg.) (2012), S. 3.

13 Gerstner, S. (2013), S. 11.

14 Gerstner, S. (2013), S. 11.

15 Energiewirtschaftsgesetz vom 7. Juli 2005 (BGBl. I S. 1970, 3621), das durch Artikel 2 Absatz 97 des Gesetzes vom 7. August 2013 (BGBl. I S. 3154) geändert worden ist.

16 Vgl. Leuschner, U. (kein Datum), Abruf am 22.08.2013.

17 Vgl. NBB Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg mbH & Co. KG (2010), Abruf am 18.08.2013.

18 Ströbele, W., Pfaffenberger, W., Heuterkes, M. (2012), S. 173.

19 Vgl. Konstantin, P. (2009), S. 21.

20 Vgl. Schröer, S. (2013), Abruf am 04.06.2013.

21 Vgl. Ströbele, W., Pfaffenberger, W., Heuterkes, M. (2012), S. 149.

22 Ströbele, W., Pfaffenberger, W., Heuterkes, M. (2012), S. 155.

23 Herold, S. (2012), S. 49.

24 Vgl. Börsch-Supan, A., Schnabel, R. (1998), S. 168.

25 Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2003 (2003/54/EG für den Elektrizitätsbinnenmarkt und 2003/55/EG für den Erdgasbinnenmarkt).

26 Vgl. Klag, N.-D. (2003), S. 247 ff..

27 PriceWaterhouseCoopers (2007), S. 1.

28 Allelein, H.-J.; Bollin, E.; Oehler, H.; Schelling, U.; Schwarz, H.; Zahoransky, R. (2012), S. 446.

29 Vgl. Erdmann, G.; Zweifel, P. (2010), S. 244.

30 Vgl. Konstantin, P. (2009), S. 22.

31 Vgl. Schiffer, H.-W. (2008), S. 367.

32 Als Grenzübergangspreis wird jener Preis bezeichnet, zu dem das Gas an der deutschen Grenze eintrifft.

33 Vgl. Fischer, R. (2009), S. 323.

34 Vgl. Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (2013), Abruf am 08.08.2013.

35 Vgl. Multitalent Biogas (2013), Abruf am 22.08.2013.

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Details

Titel
Die Rolle von Biogas in der Energiewende. Wie wirkt sich die Erdgaspreisentwicklung auf die Biogasbranche aus?
Hochschule
FOM Hochschule für Oekonomie & Management gemeinnützige GmbH, Berlin früher Fachhochschule
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
55
Katalognummer
V318641
ISBN (eBook)
9783668183797
ISBN (Buch)
9783668183803
Dateigröße
1569 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Energiewende, Erdgas, Energieträger, Biogas, Methan, Energiepolitisches Dreieck, Erneuerbare Energien, Biogasanlage, Gasmarkt
Arbeit zitieren
Sandra Böttcher (Autor), 2013, Die Rolle von Biogas in der Energiewende. Wie wirkt sich die Erdgaspreisentwicklung auf die Biogasbranche aus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318641

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