Pragmatik des Vorwurfs in medial inszenierten politischen Debatten. Analyse der Talkshow "Anne Will" vom 25. September 2013


Hausarbeit, 2016

25 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zur Argumentation

3. Zur Logik des Vorwurfs

4. Zur Dramaturgie

5. Publizität und PR

6. Zur emotionalen Beeinflussung
6.1 Zur Böse-Jungs-PR

7. Zur Narration
7.1 Lucke als Held
7.2 Image-Übertragung

8. Fazit und Ausblick

9. Bibliografie
9.1 Primärquellen
9.2 Sekundärliteratur

1, Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich im weitesten Sinn mit der Aufarbeitung von Politik im öffentlich-rechtlichen Fernsehen in Deutschland, einem Ort also, an dem eine gewisse traditionelle Pädagogik der Republik zu erwarten wäre. Anne Will ist eine Sendung im sog. Ersten öffentlich-rechtlichen Kanal. Mit der gleichnamigen Moderatorin wird in einem Sitzkreis auf bequemen Sofas vor Publikum über gesellschaftspolitische Fragen mit tagespolitischem Einschlag diskutiert. Die Titel der Sendungen können mit Populismen spielen, wie etwa 50 Jahre Ali in Almanya. Immer noch nix deutsch?1 und die Themen auch sehr allgemein werden, etwa Alle auf Sinnsuche. Hat die Kirche noch Antworten?2

Die vorliegende Arbeit bezieht sich auf das Beispiel einer unmittelbar auf die Bundestagswahlen im Jahr 2013 folgende Sendung mit dem Titel Euro-Kritiker auf dem Vormarsch. Kann Merkel sie kleinhalten?3 Bernd Lucke, dem Sprecher der Alternative für Deutschland (AfD), - diese Partei konnte 4,7 % der Stimmen bei den Wahlen gewinnen und verpasste so nur knapp den Einzug ins Parlament, - wird darin Populismus von Rechts vorgeworfen. Dieser Vorwurf wird in unterschiedlichen Weisen wiederholt und scheint doch nur abzuprallen. Man hat das Gefühl, so etwas schon mal gesehen und/oder gehört zu haben: Keines der Argumente scheint ein nahezu hermetisches System zu durchdringen; das Gespräch verläuft in gewohnter Weise konfliktreich und endet ohne Lösung. Wiederum im weitesten Sinn fragt die vorliegende Arbeit: Wozu noch der Vorwurf?

Der Vorwurf ist ohne Zweifel ein beinahe allgegenwärtiges rhetorisches Mittel in der öffentlichen politischen Debatte. Nachdem in der besagten Sendung in gewohnter Weise kein wirkliches Gespräch zustande kommt, verweist der Einsatz des Vorwurfes offensichtlich auf eine zweite Kommunikationsebene, nämlich zwischen dem im TV insgesamt Dargestellten und den ZuschauerInnen. Die Arbeit untersucht jedoch trotzdem zunächst die Debatte als solche, und zwar nach einer Darstellung der Argumentation (Kap. 2), im Hinblick auf die pragmatische Gesprächslogik des Vorwurfs (Kap. 3). Sie bezieht sich dabei insbesondere auf zwei Aufsätze der beiden Philosophen Smart4 4 und Kenner5 Kann eine pragmatische Logik der Kommunikation den Einsatz des Vorwurfs in irgendeiner Weise noch rechtfertigen, oder handelt es sich bereits um einen irrationalen Akt der Verzweiflung, da der Gesprächspartner blockt? Wäre letzteres aber nicht bei der Einladung Hrn. Luckes zu erwarten gewesen? Sind Vorwurf und Pattstellung von vorneherein kalkuliert?

In einem zweiten Schritt bezieht sich die Arbeit daher primär auf den Kommunikationszusammenhang zwischen Inszenierung und Publikum. Es wird sich zeigen, dass Dramaturgie und Regie der Sendung den Vorwurf so geschickt in Szene setzen, dass in unterschwelliger Weise Lucke gegen Ende der Diskussion nur in einem denkbar schlechten Licht erscheinen kann (Kap.4). Durch eine Zusammenschau der Vorwürfe insgesamt im Sinne dieser Inszenierung wird so zwar deutlich werden, inwiefern der Vorwurf doch noch Sinn machen könnte, es kann dies aber auch nur teilweise überzeugen.

Die Arbeit stellt sich dann in einer Zwischenbemerkung der Frage nach der Interessenlage, die sich in der Sendung spiegeln könnte. Diese Frage ist schwierig, es wäre jedoch kaum legitim, von Pragmatismus zu sprechen und die Frage völlig außen vor zu lassen. Drittens fragt die Arbeit schließlich, ob der Vorwurf vielleicht erst auf einer Ebene in seiner vollen Pragmatik erscheint, auf der etwa auch Produkte unter dem Stichwort Neuromarketing6 in den Medien an die Verbraucher herangetragen werden und auf der allgemein davon ausgegangen werden kann, dass instinktive Impulse die Sachlage entsprechend emotional einfärben (Kap. 6). Behielte selbst hier lediglich der Gemeinplatz Gültigkeit, dass es gar keine schlechte PR geben kann, oder gewinnt der Vorwurf unter diesem Gesichtspunkt nun eine weitreichendere Brisanz und Wirkung als gewählte

Gesprächsform?

In diesem Sinn fragt die vorliegende Arbeit also nach dem Pragmatismus des Vorwurfs in der medial inszenierten politischen Debatte. Folgt der Vorwurf noch einer rational nachvollziehbaren Logik? Falls ja, worin besteht dann seine eigentliche Intention und auf welcher der beiden Kommunikationsebenen kann sie wirksam werden?

2. Zur Argumentation

Der Rechtspopulismus Luckes wird in besagter Sendung7 an zwei Dingen festgemacht: Zum einen an den Worten „Entartungen von Demokratie und Parlamentarismus“, die Lucke bei den Feierlichkeiten des Wahlabends verwendete, und zum anderen an einem Wahlplakat mit dem Slogan: Einwanderung ja. Aber nicht in unsere Sozialsysteme! Im ersten Punkt wird Lucke von Gesine Schwan, einer Politologin und SPD- Angehörigen, auf einer rein rationalen Ebene ziemlich in die Enge getrieben. Lucke argumentiert zunächst, dass entartet doch zum Beispiel in der Medizin im Zusammenhang mit Krebszellen normal und gebräuchlich sei. Schwan kontert, die biologistische Metapher sei aber gerade das Problem und Lucke mache es nur noch schlimmer, worauf Lucke ausweicht, indem er feststellt, er habe doch über Demokratie und Parlamentarismus gesprochen, was jedoch durch den Vorwurf der Verwendung einer Metapher keineswegs in Abrede gestellt wurde; m.a.W.: Lucke kann dem Vorwurf nichts entgegen setzen, erzeugt aber mit Hilfe einer gewissen Breite an Ausführungen über die „Degeneration“ von Demokratie und Parlamentarismus den Eindruck einer Entgegnung. Schwan setzt nach, dass ein „Assoziationshof“ geöffnet werde und erntet Applaus. Dass hier eine Art Sieg nach rationalen Gesichtspunkten zu verzeichnen wäre, wird von der Gesprächsrunde jedoch an keiner späteren Stelle mehr aufgegriffen werden. Lucke räsoniert, dass die politischen Gegner der AfD jene, obwohl durch ihren Mix an Marktorientierung, Bankenkritik, wertkonservative Familienpolitik usw. nicht im klassischen Rechts-Links-Spektrum zu verorten, durch „irgendwelche kleinteiligste Kritik“ diskreditieren wollten und sie deshalb an den rechten Rand drängten. Auch Lucke erntet an dieser Stelle Applaus.

Das Wahlplakat, so der Kabarettist Serdar Somuncu, ebenso wie ein kurzer Blick ins Parteiprogramm der AfD, erzeugten bei ihm den Eindruck einer gewissen Panikmache:

„Deutschland steht kurz davor, von Horden von Einwanderern überrannt zu werden, die alle sofort in die Sozialsysteme wollen. “Horden“ stünde aber nicht im Parteiprogramm, ist hier die Entgegnung und Somuncu solle doch das Parteiprogramm wörtlicher nehmen, anstatt Dinge zu „suggerieren“, die einfach nicht zutreffen. Somuncu beharrt jedoch darauf, dass dieser Eindruck bei ihm bestehen bleibe, und kritisiert insgesamt die populistische Sprache, die auch die Kritik der AfD an der EU-Mitgliedschaft Deutschlands präge und ausmache.

Der Journalist und Autor Ulf Poschardt wiederum wendet den Vorwurf gegen die CDU/CSU und damit auch gegen den anwesenden Edmund Stoiber: Merkel habe die Partei zu sehr „sozialdemokratisiert“, sodass sie nun rechts von sich einen Platz für Populismen wie die der AfD ließe. Dass die AfD illiberal und populistisch sei, steht für Poschardt ohnehin außer Frage.

3. Zur Logik des Vorwurfs

Wie oben (Kap. 1) dargestellt, soll zunächst die Logik des Vorwurfs befragt werden. Für Lionel Kenner ist der Vorwurf eine relativ universal angewandte Aussageform. Es ist etwa möglich, dem Wetter vorzuwerfen, für das Misslingen von etwas verantwortlich zu sein. Erst die englische Konstruktion to blame for verbindet die Bedeutungsfelder von vorwerfen und verantwortlich sein eindeutig in einem Ausdruck; trotzdem ist in to blame immer schon eine stärkere Konnotation von Ursache und Wirkung als im deutschen vorwerfen impliziert; man wirft mit to blame jemandem vor, die Ursache für etwas Bestimmtes zu sein.6 Das deutsche Vorwurf scheint hingegen auch abstrakter und ohne Ursache und Wirkung möglich zu sein. Umgekehrt drückt to blame in sehr ähnlicher Weise wie das deutsche Vorwerfen eine moralische Bewertung aus, wie J.J.C. Smart herausstreicht.7 Man würde in diesem Sinne übersetzen: Serdar Somuncu is blaming Gerd Lucke for being a populist. Der Vorwurf ist nach Smart eine Zuschreibung von Verantwortung. Sie kann einem Schüler beispielsweise sinnvollerweise nur gemacht werden, wenn dieser eine Möglichkeit hat, sich zu ändern: einem faulen Schüler also, nicht aber einem dummen.8 Die Vorwürfe der Gesprächspartner Gerd Luckes implizieren also, dass jener auch anders könne, falls sie sinnvoll sein sollten. Für Smart sind Vorwürfe gerade deswegen letztendlich sinnlos, weil sie eben den freien Willen implizieren9 gegenüber dem faulen Schüler lassen sie sich nur deshalb sinnvoller Weise trotzdem machen, weil sie mit der Androhung von Konsequenzen, Strafen usw. flankiert sind.12 Letzteres ist im Fall der Fernsehsendung irrelevant. Smart stellt uns also vor die Alternative, dass die Gesprächspartner Luckes entweder sinnlos agieren oder annehmen, Lucke könne sich verändern. Es bleibt natürlich auch die dritte Möglichkeit, dass sie jenes nicht wirklich glauben, sondern nur in Hinblick auf das Publikum vortäuschen (s. Kap. 4).

Nach Lionel Kenner bleibt bleibt10 der Vorwurf auch ohne besagte Änderung des im Vorwurf angesprochenen Sachverhaltes sinnvoll; gewissermaßen als Feststellung, wie etwa der implizite Vorwurf bei Feststellung von menschlichem Versagen: nicht die Technik war Schuld an dem Unfall, sondern ein Fehlverhalten dessen, der sie bediente. Es ist hier schon eine gewisse Bewertung impliziert, von der Art jedoch wie: man wird versuchen, einen Anderen mit mehr Kompetenz an der bewussten Stelle zu positionieren. Es handelt sich hier um ein betont fachliches und weniger moralisches Urteil. Schließlich weist, so Kenner, der Sprachgebrauch auch noch solche Bewertungen auf, die explizit wertfrei sein wollen, wie der Vorwurf, dem man dem Wetter macht, dass speziell für den eigenen Geschmack nicht geeignet sei. In letzterem Fall wäre Rechtspopulismus, im in der vorliegenden Arbeit bearbeiteten Beispiel eine Möglichkeit, die man nicht im Allgemeinen verurteilen dürfe. Eine Bewertung bliebe beim Vorwurf aber auch hier immer impliziert.

Die von Kenner dargestellte Struktur verschafft dem Vorwurf des Rechtspopulismus (s. Kap. 2) in der Diskussion bei Anne Will11 etwas größere Kohärenz, was dessen Logik betrifft, insbesondere in jener Form, in der ihn Ulf Poschardt vorträgt. Poschardt behauptet keine Wertfreiheit, aber bietet Lucke eine Diskussionsbasis im Namen des Politischen an und fordert ihn gleichzeitig auf, sich dazu zu bekennen, politisch rechts zu stehen: „Ich hab damit kein Problem; ich finde die Ausdifferenzierung der Parteilandschaft wichtig.“ Porschardt deklariert sich hierbei auch jedoch als Liberaler und politischer Gegner. Er wendet den Vorwurf zudem gegen die CDU/CSU, zu viel Platz rechts von sich gelassen zu haben; m.a.W.: Poschardt sähe lieber jemand Anderen die rechts-populistische Rolle spielen, jemanden von der CDU/CSU.

Poschardt impliziert weniger eine moralische Bewertung Luckes als eher eine ästhetische oder politische: Er solle sich positionieren; gewissermaßen bietet er rhetorisch Lucke an, der Position des Populisten abzuschwören; selbstverständlich wird jener auch das nicht machen. Der Vorwurf beinhaltet die Schärfe der geforderten Veränderung nur mehr in Form einer rhetorischen Bloßstellung und Degradierung Luckes. Es ist jedoch als solches immer noch sinnvoll festzustellen, dass Lucke rechts stehe, um ein zweifelsfreies Faktum darzustellen, das man ändern würde, wenn man denn könnte, wie mit Kenner oben dargestellt, und in diesem Duktus ist Poschardts Gesprächsbeitrag sicher überzeugend; insofern ist Letzterer auch sinnvoll.

Mit der Anwesenheit Edmund Stoibers ist insbesondere der Vorwurf an die CDU/CSU auch sinnvoll, als dass hierbei nun lediglich eine politische Strategie vorgeschlagen wurde, die diese Partei in vergangenen Jahren offensichtlich verfolgt hat. Stoiber macht nur einmal kurz den Versuch eines Dementi, den er nicht wirklich ausführt; m.a.W.: eine Änderung scheint tatsächlich nicht ausgeschlossen. Umso sinnvoller war es, die Funktion Luckes als Rechtspopulisten festzustellen, um mehr Populismus von der CDU/CSU fordern zu können. Gesine Schwans Vorwurf lässt sich jedoch auch mit Kenner im Rahmen des Gesprächs der Sendung15 nur bedingt als sinnvoll begreifen, denn - angesichts der moralischen Bewertung, die hier offensichtlich impliziert wird, - müsste man gleichsam prüfen, inwiefern das Kriterium oder das Verbot ,Assoziationsräume“ zu öffnen (s. Kap. 2), juristisch greifen könnte, um es wohl denn auch gleich beim Verfassungsgerichtshof einzuklagen. Man wird also der noch näher zu untersuchenden Kommunikationsachse zwischen Inszenierung und Publikum (s. Kap. 4) hier auch ein pädagogisches Kalkül mit unterstellen dürfen, das ein Moment von politischer Bildung annimmt.

[...]


1 Will Media (Prod.): Anne Will: 50 Jahre Ali in Almanya. Immer noch nix deutsch? Im Auftrag des Norddeutschen Rundfunks, ausgestrahlt am 12.10.2011.

2 Will Media (Prod): Anne Will: Alle auf Sinnsuche. Hat die Kirche noch Antworten? Im Auftrag des Norddeutschen Rundfunks, ausgestrahlt am 04. April 2012

3 Will Media (Prod.): Anne Will: Euro-Kritiker auf dem Vormarsch. Kann Merkel sie kleinhalten? Im Auftrag des Norddeutschen Rundfunks, ausgestrahlt am 25.9.2013.

4 Smart, John J.C.: Free-Will, Praise and Blame. In: Mind 70:279 (1961), S. 291-306.

5 Kenner, Lionel: On Blaming. In: Mind 76:302 (1967), S. 238-249.

6 Kenner, Blaming, 239

7 Vgl. Smart, Free-Will, 302-305.

8 Vgl. ebd., 302f.

9 Ebd., 305f.

10 Vgl. Kenner, Blaming, 239-243.

11 Ebd., 302f.

12 vgl.Trampert, Rainer: Europa zwischen Weltmacht und Zerfall, Stuttgart 2014.

13 Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Frankfurt/Main 1990, S. 282f.23Habermas, Strukturwandel, 288-299.

14 Habermas, S. 285

15 Vgl. Berger, Jonah, Alan T. Sorensen und Scott J. Rasmussen: Positive Effects of Negative Publicity. When Negative Reviews Increase Sales,. In: Marketing Science 29:5 (2010), S. 815-827.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Pragmatik des Vorwurfs in medial inszenierten politischen Debatten. Analyse der Talkshow "Anne Will" vom 25. September 2013
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Autor
Jahr
2016
Seiten
25
Katalognummer
V318875
ISBN (eBook)
9783656988120
ISBN (Buch)
9783656988137
Dateigröße
824 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
pragmatik, vorwurfs, debatten, analyse, talkshow, anne, will, september
Arbeit zitieren
Christian Rütten (Autor), 2016, Pragmatik des Vorwurfs in medial inszenierten politischen Debatten. Analyse der Talkshow "Anne Will" vom 25. September 2013, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318875

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