Jugendsprache in Frankreich. Eine Krise oder Bereicherung für das Französische?


Hausarbeit, 2012

13 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Einführung zur Jugendsprache
2.1 De nition von Jugendsprache
2.2 Funktion von Jugendsprache
2.3 Jugendsprachen im Raum Europa

3 Heutige Jugendsprache in Frankreich
3.1 Entwicklung der französischen Jugendsprache
3.2 Formen und Charakteristika der französischen Jugendsprache
3.2.1 Morphologie
3.2.2 Lexik
3.2.3 Syntax

4 Analyse der französischen Jugendsprache anhand eines Textbeispiels
4.1 Morphologie
4.2 Lexik
4.3 Syntax
4.4 Vergleich mit Charakteristika der Jugendsprache

5 Fazit

Literatur

1 Einleitung

T'as vu toutes ces vitamines; c'est chelou; si personne n'a craché d'dans, j'suis pas contre, moi; j'le bou e! (Goudaillier 2001:95, zitiert nach [Hel01])

Dies ist der Werbeslogan der Joghurt-Firma Yoplait aus dem Jahre 1996. Au ällig ist das Wort chelou, welches die verlansierte Form von louche ist. Dies ist nur ein Fall, in dem sich die Werbung in den Medien der Jugendsprache bedient und ihr so zu einer gewissen Popularität in Frankreich verholfen hat.

Woher kommt die heutige Jugendsprache in Frankreich? Wie sieht sie aus und welchen Ein uss hat sie auf die Standardsprache?

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit der Frage auseinander, ob die heutige franzö- sische Jugendsprache eine Krise oder eine Bereicherung für das Französische darstellt. Interessant ist die Fragestellung vor allem, da sie - wie oben gezeigt - längst nicht mehr nur auf die Jugendlichen beschränkt ist, sondern auch in den Medien und zum Teil in der Alltagssprache zu nden ist. Jedoch wird die Jugendsprache nicht immer mit so po- sitiven Wertungen wie einer Joghurtwerbung assoziiert: Als Sprache der banlieues und der sozialen Unterschicht wird sie kritisiert und abgelehnt, wie auch das folgende Zitat zeigt:

Ils ne parlent pas de français ; ils n'expriment que de la violence, leur violence ; il n'y a que des mots grossiers dans ces parlers ; un malaise social est re été par cette manière de s'exprimer ; on se sait plus parler français dans les banlieues (S.6 [Gou97])

Untersucht werden zunächst die Herkunft, die Funktion und die Merkmale der französischen Jugendsprache. Dazu werden zwei Gedichte des verlan analysiert und ausgewertet. Eine Schwierigkeit hierbei war, geeignete Texte zu nden, da die Jugendsprache typischerweise mündlich verbreitet ist. Ein kurzer Vergleich soll zeigen, inwieweit sich die Charakteristika der Jugendsprache in den Gedichten nden lassen. Das abschlieÿende Fazit versucht, die Ausgangsfrage zu klären.

2 Einführung zur Jugendsprache

Bevor die Jugendsprache als solche de niert wird, muss zunächst Sprache als Kommu- nikationsmittel näher betrachtet werden. Sprache dient der Kommunikation zwischen zwei oder mehreren Individuen innerhalb verschiedener sozialer Schichten. Üblicherwei- se werden unterschiedliche Kommunikationsmittel zwischen unterschiedlichen sozialen Schichten verwandt. Die verschiedenen Stilebenen können beispielsweise der Amtssprache, Berufs- oder Fachsprache, individuellen Sprache (z.B. persönliche Briefe), Freizeitsprache, journalistischen Sprache oder der Jugendsprache zugeordnet werden. Sprache kann auch im interkulturellen Zusammenhang wechseln (beispielsweise Französisch - Arabisch). Dieser Wechsel ist durch unterschiedliche Gesprächssituationen gekennzeichnet: o ziell in Schule/Beruf oder zu Hause bzw. zwischen Freunden.

2.1 De nition von Jugendsprache

Jugendsprache bezeichnet die Kommunikationsform von Jugendlichen in einer bestimm- ten Gruppe, in einem bestimmen Zeitraum, einem bestimmten Alter und/oder in un- terschiedlichen Kommunikationssituationen. Es gibt hierbei nicht eine de nierte Form von Jugendsprache, sondern sie kann bereits von Sprecher zu Sprecher variieren.

Jugendsprache kann sowohl diatopisch markiert (d.h. von regionalen Begrenzungen abhängig) als auch diastratisch (d.h. von sozialen Schichten abhängig) sein. Hierbei sollte betont werden, dass es sich bei Jugendsprache nicht explizit um ein Phänomen der sozialen Unterschichten handelt, sondern dass sie in allen sozialen Schichten auftreten kann.

Bei Jugendsprache handelt es sich demnach nicht um eine Sondersprache, sondern um eine Varietät der Standardsprache. Merkmale sind vor allem Expressivität und Emotionalität, die u.a. durch Übertreibungen und Wortspiele ausgedrückt werden. Kennzeichnend ist vor allem, dass sie von Auÿenstehenden auf Grund anderer Lexeme oder Bedeutungsverschiebungen nicht verstanden wird.

Es gab bereits mehrere Versuche, Szenewörterbücher anzufertigen (beispielsweise Wörterbuch der Jugendsprache - Deutsch-Englisch-Französisch-Spanisch von PONS, 2005), die jedoch wegen der Schnelllebigkeit der Wörter und der fehlenden Authentizität selten von den Jugendlichen akzeptiert wurden (vgl. [Jug12]).

2.2 Funktion von Jugendsprache

Die Funktion von Jugendsprache ist bis heute nicht empirisch untersucht und belegt worden und Aussagen werden meist aus dem Einfühlungsvermögen heraus getätigt (S. 209 [Zim08]). Dennoch vertreten Sprachwissenschaftler die Meinung, dass Jugendsprache aus der Abgrenzungsmotivation zur Erwachsenenwelt entsteht. Zimmermann bezeichnet Jugendsprache auch als Kontrasprache (S. 205 [Zim08]).

Damit einher geht die Verschlüsselung der Sprache. Abkürzungen, Neuwortbildungen oder neue Lexeme werden beispielsweise eingeführt, damit Nicht-Eingeweihte sie nicht mehr verstehen können.

Zudem fördert Jugendsprache die Identitätsentwicklung. Jugendsprache ist nicht homogen, sondern von Sprechergemeinschaft zu Sprechergemeinschaft unterschiedlich. Verschiedene Formen der Jugendsprache können auf soziale, geschlechtliche, ethnische oder regionale Unterschiede zurückgeführt werden. Durch die Abgrenzung nach auÿen entsteht so eine Gruppenidentität.

Jugendsprache hat also abgrenzende, identitätsstiftende, kryptische und sprachspielerische Funktionen.

2.3 Jugendsprachen im Raum Europa

Jugendsprache ndet sich nicht nur in Frankreich, sondern wird von allen Jugendlichen in unterschiedlicher Form auf der ganzen Welt gebraucht.

Deutschland Die Jugendsprache in Deutschland ist sehr dynamisch und schnelllebig und kann regional nicht eingegrenzt werden. Sie ist vor allem durch die zu dem jeweiligen Zeitpunkt aktuelle Musik (wie z.B. Rap) und beispielsweise im Raum Berlin durch die Migranten, wie die türkischen Migranten ( Türkischsprech ), ge- prägt. Häu g werden Anglizismen gebraucht. Viele Wörter wie z.B. cool nden sich längst auch in anderen als der ursprünglichen Bedeutung in der Alltagssprache wieder.

Türkischsprech ist gekennzeichnet von grammatikalischen Verkürzungen (Is voll krass. - Was geht? - Ich hol mein Brudhern. - Hastu Problem? [kan12]), Expressivität (fett, krass, obern korreckt, pervers [kan12]) und sich wiederholenden Phrasen (isch schwör - alder - oder was? - weisstu was ich mein [kan12]).

Spanien Auch in Spanien gibt es keine einheitliche Jugendsprache und Sprachwissen- schaftler haben sie unterschiedlich de niert und bezeichnet (u.a. lenguaje juvenil, argot juvenil oder gergo juvenil ). Die spanische Jugendsprache ist u.a. gekenn- zeichnet durch semantische Verschiebungen [basca - Leute (statt Tollwut), camello - Drogenhändler (statt Kamel), mono - Polizeibeamter (statt A e) (Casado 1989: 174-175, zitiert nach [Sch08])], Wortspiele [ losofía - lofobía (Philosophobie - Angst vor der Philosophie) (Patry 2007: 10, zitiert nach [Sch08])] und Anglizis- men bzw. Lehnübersetzungen [(joint - yoin, to be high - estar alto (Zimmermann 2002: 248, zitiert nach [Sch08])]. Die meisten Veränderungen nden in der Lexik und im Wortschatz statt.

3 Heutige Jugendsprache in Frankreich

Da Jugendsprache in Frankreich in sich sehr heterogen und auch als Sprachvarietät nicht isoliert ist, ist eine klare Zuordnung von Elementen und Charakteristika kaum möglich. Jugendsprache wird nicht nur mehr von Jugendlichen, sondern auch von Erwachsenen benutzt oder hat Eingang in die Alltagssprache gefunden. Zimmermann spricht von Varietäten-Switching (S. 204 [Zim08]).

Dennoch wird in den folgenden Kapiteln versucht, die französische Jugendsprache zu erläutern und Charakteristika aufzuzeigen.

3.1 Entwicklung der französischen Jugendsprache

Die heutige Jugendsprache in Frankreich entwickelte sich aus dem argot, einer französischen Gauner- und Bettlersprache aus dem 12. Jahrhundert. Das argot entstand aus dem Wunsch der Sprecher heraus, sich sprachlich von Nicht-Dazugehörigen abzugrenzen (vgl. S. 204 [Zim08]). Mit den gesellschaftlichen Veränderungen wurden Elemente des argot u.a. in die französische Jugendsprache übernommen und prägen diese heute weiterhin mit. Das argot besitzt zwar ein niedriges Prestige, wird aber von nahezu allen Schichten gekannt und genutzt (vgl. S. 204 f. [Zim08]).

Das argot ndet sich auch in den Werken von bedeutenden Literaten wie Honoré de Balazc oder Victor Hugo.

3.2 Formen und Charakteristika der französischen Jugendsprache

Das häu gste Verfahren des argot, aber auch das typischste Mittel der heutigen Jugendsprache, ist das verlan (von l'envers ).

Das verlan beschreibt das Verfahren der Silbenvertauschung. Beispiele hierfür sind: mec > keum, école > kolé, femme > meuf, ic > keuf, arabe > beur (vgl. S. 208 [Zim08]). Einsilbige Wörter folgen hierbei komplexen Regeln, während zweisilbige Wörter einfach zu verlanisieren sind und es bei dreisilbigen Wörter gar keine festen Regeln gibt. Das Grundwort zu erkennen, wird nach einer Reverlanisierung (arabe > beur > reubeu) oder nach einer Reduplikation nach Abkürzungen (enfant > fan > fanfan) noch schwieriger (vgl. S. 208 [Zim08]).

Stilistisch au ällig sind zudem der häu ge Gebrauch von Ausdrücken und die Verwendung des Verneinungsartikels als positive Verstärkung von Adjektiven (pas sale > excellent statt 'sauber') (vgl. S. 208 [Zim08]).

Es gibt jedoch noch weitere strukturelle Merkmale der französischen Jugendsprache, die im Folgenden erläutert werden.

3.2.1 Morphologie

Die Wortbildungsverfahren der Jugendlichen sind gekennzeichnet durch Verkürzungen, aber vor allem durch Prä xe und Suffxe.

Abkürzung Das häu gste Mittel zur Wortbildung ist das Abkürzungverfahren. Dies kann am Wortende auftreten (Apokope), wie bei sympa, ciné, prof, ado, max oder am Wortanfang (Aphärese), wobei das Grundwort schwerer zu identi zieren ist, wie bei américain > ricain, cryptique > tique, enfant > fan, controleur > leur (vgl. S. 205, 208 [Zim08]).

Suffx -os Der Gebrauch des Suffxes -os ndet sich bei abgekürzten Substantiven (matériel > matos ) oder bei Adjektiven (cool > coolos ). Es gibt jedoch keinen Wortklassenwechsel und keinen semantischen Unterschied, da die Grundbedeu- tung beibehalten wird (nul > nullos - 'uninteressant') und lediglich einen ju- gendlichen Touch erhält (S. 207 [Zim08]).

Suffx -erie Das Suffx -erie bezeichnet negativ bewertete Eigenschaften und Gewohn- heiten wie beispielsweise micketterie oder new waverie (vgl. S. 207 [Zim08]).

weitere Suffxe Weitere Suffxe sind -ette, -tude und -eux. Das Suffx -ette ndet nicht nur Anwendung bei Instrumenten (sonette ) oder bei Ortsbezeichnungen (cachet- te ), sondern auch bei Personenbezeichnungen (punkette - 'Punkerin'). Das Suffx - tude bezeichnet Lebensstile- und einstellungen, wie bei feminitude oder punkitude. Das häu g bei Anglizismen angewandte Suffx -eux bezeichnet Personen, die einen Vorgang gewohnheitsmäÿig machen (folkeux, théatreux ) (vgl. S. 207 [Zim08]).

Graduierungsprä xe Typische Graduierungsprä xe sind -hyper (hypergénial ) und die Abkürzung giga. Hierbei zeigt sich der Ausdruckswunsch des Extremen bei Ju- gendlichen (vgl. S. 208 [Zim08]).

3.2.2 Lexik

Die veränderte Lexik ist gekennzeichnet durch Entlehnungen aus dem Argot, dem Englischen, dem Arabischen des Maghreb und dem Berberischen. Des Weiteren nden sich Bedeutungsverschiebungen durch Methaphorisierung und Metonymisierung.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Jugendsprache in Frankreich. Eine Krise oder Bereicherung für das Französische?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Sprachgeschichte
Note
1,7
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V319770
ISBN (eBook)
9783668190566
ISBN (Buch)
9783668190573
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugendsprache, Französisch, Merkmale, Alltagssprache.
Arbeit zitieren
Anonym, 2012, Jugendsprache in Frankreich. Eine Krise oder Bereicherung für das Französische?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319770

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