Buen Vivir als lateinamerikanische Utopie? Grundlagen und handlungspraktische Bedeutung


Hausarbeit, 2015
14 Seiten, Note: 1,7
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Buen Vivir – Reform oder „neue“ Lebensweise?

2. Indigene Grundlagen
2.1 Wachstumsparadigma
2.2 Kollektivistische Vorstellungen
2.3 Rolle der Natur –Ausdruck einer neuen Ethik

3. Politische Handlungsoptionen
3.1 Natur als Rechtssubjekt
3.2 Plurinationaler Staat – Multikulturelle Gesellschaft
3.3 Grundlagen der Ökonomie

Abschließende Bemerkungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Wirtschaftwachstum und technologischer Fortschritt scheinen endlich und nicht unbegrenzt zur Verfügung stehende Ressourcen zeigen Grenzen auf. Doch seit den 80er Jahren scheint der Vormarsch des Neoliberalismus und das damit verbundene Wachstumsparadigma als alternativlos. Trotz ernstzunehmender Kritik, man denke an den 1972 veröffentlichten Bericht des Club of Rome und die generelle Einigkeit über eine bevorstehenden Krise, beinhaltet neoliberales Wirtschaften weiterhin kaum Zugeständnisse an die Umwelt, ordnet die Natur dem Menschen unter und materialisiert diese im Zeichen ökonomischer Interessen.

Doch wie kann eine mögliche Alternative aussehen? Müssen sich Umweltschutz und Wirtschaften ausschließen und inwieweit sind Fortschritt und Wirtschaftswachstum überhaupt Notwendigkeiten eines „guten“ Lebens?

Antworten hierauf sucht das in Lateinamerika entstandene Konzept des Buen Vivir. Dieser neue Diskurs versucht den Antagonismus zwischen Mensch und Natur aufzulösen und beruft sich dazu auf die Lebensphilosophie indigener Völker. Im Mittelpunkt stehen eine solidarische und gerechte Welt, Glück und ein Leben jenseits sozialer Ungerechtigkeiten. Mit Hilfe indigener Kosmovisionen und Traditionen sollen die ontologischen Überzeugungen der Moderne, sowie traditionelle Entwicklungskonzepte gebrochen und der Bezug zur Natur in den Mittelpunkt gestellt werden.

Im Folgenden soll das Konzept des Buen Vivir vorgestellt, dessen Grundlagen herausgearbeitet, dabei die im Andenraum verbreiteten indigenen Weltvorstellungen mit einbezogen, sowie dessen dekoloniale Wirkung berücksichtigt werden. Im Anschluss wird der handlungspraktische Beitrag in Form konkreter politischer Manifestationen, welcher sich in den Verfassungen Boliviens und Ecuadors ausdrückt, beleuchtet. Bevor ich ein paar abschließende Worte finde, werde ich hierzu die Rolle der Natur in den Verfassungen, das Konzept der plurikulturellen Nation, sowie die Grundlagen der Ökonomie in den Blick nehmen.

1.Buen Vivir – Reform oder „neue“ Lebensweise?

Basierend auf der Notwendigkeit traditionelle Entwicklungskonzepte zu hinterfragen steht das Buen Vivir für eine gesamtgesellschaftliche Antwort auf das Scheitern neoliberaler Politiken[1]. Im Mittelpunkt stehen das Bekenntnis zum guten Leben als Verfassungsziel, sowie die Anerkennung der Natur als Rechtssubjekt[2].

Jenseits vom Sozialismus des 21. Jhd. oder einer „andinen“ Form des Kapitalismus steht das Buen Vivir laut Soto Santiesteban für einen vollkommen neuen Diskurs[3]. Die weit verbreitete Analogie zwischen Buen Vivir und Sozialismus, auf Grundlage der Forderung nach sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit, werde der neuen Konzeptualisierung nicht gerecht. Steht es, als Ausdruck dekolonialer Bestrebungen, doch gerade für den Bruch mit westlichen Denktraditionen und Ideologien[4].

Geeint durch die kritische Distanz zur Moderne ist das Konzept vielmehr Ausdruck verschiedener Denkrichtungen und Kulturen[5] und keineswegs ein homogener auf die Gesamtheit Lateinamerikas übertragbarer Ausdruck. So könnten hier zahlreiche dem Buen Vivir nahestehende Konzepte indigener, sowie multiethnischer Gruppierungen Lateinamerikas angeführt werden. Diese Konzeptualisierungen gelten als spezifische Antworten auf einen konkreten gesellschaftlichen, politischen und ökologischen Kontext[6]. Obwohl oftmals mit dem aus dem ecuadorianischen Quichua stammenden Begriff Sumak Kawsay assoziert[7], ist Buen Vivir keineswegs hiermit gleichzusetzen. Die Mapuche im Süden Chiles beispielsweise sprechen von küme mongen als Bezeichnung für ein den Buen Vivir nahestehendes Konzept[8].

Auch Gudynas betont die Anpassungsfähigkeit des Buen Vivir und verweist auf die gemeinsame Grundlage der verschiedenen Denkansätze[9]. Im Zentrum stehen nach Fatheuer das Gleichgewicht und die Harmonie zwischen Mensch und Natur, sowie die Rückkehr zu Seinsformen, die durch den Kolonialismus unterdrückt wurden[10].

Generell weist das Buen Vivir zentrale westliche Kategorien wie Moderne, Fortschritt, Wachstum und Entwicklung zurück[11] und ersetzt diese durch eine differente Ethik der An- und Zuerkennung von Werten[12]. Betont wird dabei der indigene und somit nicht koloniale Ursprung des Konzepts[13], welcher ancestrales andines Wissen mit einbezieht. Die damit einhergehende Veränderung in der Art und Weise der Wahrnehmung der Welt[14], stellt nicht mehr das individuell gute Leben, sondern ein vollkommen neues Verhältnis zur Umwelt in den Mittelpunkt[15]. Das Leben in Harmonie mit der Natur verbietet die übermäßige Ausbeutung[16], steht für die Entkopplung von Ressourcenverbrauch und Wachstum[17] und sperrt sich einer Gleichsetzung von Wohlstand und Einkommen[18]. So stehe das Buen Vivir, so Gudynas, nicht für die Reform des „Alten“, sondern die Schaffung von etwas vollkommen Neuem[19].

Neben der Etablierung einer neuen Hegemonie, betont Fatheuer die Abgrenzung vom europäischen Denken und die Dekolonialisierung von Wissen und Erkenntnis. Durch die Anerkennung einer Vielfalt verschiedener Wissensformen soll mit den herrschenden Machtverhältnissen gebrochen werden[20]. Der hegemoniale Blick des Fortschritts ignoriere den Reichtum und die Vielfalt der subalternen Sektoren und klammere alles nicht ins Konzept passende aus[21]. Im Rahmen dieser Dekolonialisierung des Wissens bilden die neuen Verfassungen den aktiven Versuch die europäische Moderne zu verlassen und das neoliberale Modell von privater Kapitalakkumulation und quantitativem Wirtschaftswachstum zu überwinden[22].

Auf politischer Ebene ist die Debatte gegenwärtig in einer Vielzahl lateinamerikanischer Länder lebendig[23]. So soll staatliches Handeln jetzt primär der Befriedigung der Grundbedürfnisse menschlichen Lebens dienen[24]. Im Rahmen dieser soldarischen Ökonomie ist das individuelle gute Leben nur im sozialen Zusammenhang denkbar[25]. Akkumulation wird ersetzt durch die Pro- und Reproduktion eines Gleichgewichtszustandes[26] und ungleiche Handelsbeziehungen zwischen Norden und Süden aufgebrochen. Schlussfolgernd sieht Alberto Acosta im Buen Vivir einen „[…]wichtige[n] qualitative[n] Schritt von der „nachhaltigen“ Entwicklung hin zu einer anderen Vision, die viel reicher und komplexer in ihrem Inhalt ist“[27].

2. Indigene Grundlagen

„Die Kategorie des Buen Vivir erscheint als eine Kategorie in der Lebensphilosophie der indigenen Gesellschaften, die aufgrund der Auswirkungen der Praktiken und Botschaften der okzidentalen Rationalität an Raum verloren hat. Dennoch leistet sie, ohne den Fehler einer falschen Idealisierung zu begehen, einen wichtigen Beitrag, indem sie dazu einlädt, andere Praktiken und Weisheiten anzunehmen“[28].

Wie Acosta betont auch Gudynas die außerhalb der westlichen Moderne stehende Sphäre indigenen Wissens, welches hierzu eine umfassende Alternative liefern kann[29]. Die Gesamtheit der Ausprägungen beruft sich auf indigene Traditionen und Wertvorstellungen des Andenraums und verstehe sich dabei als vollkommen neues Entwicklungskonzept[30].

So versteht der bolivianische Außenminister Choquehuanca unter Buen Vivir[...] die Wiederaufnahme der Lebensweise unserer Völker, die Zurückgewinnung einer Kultur des Lebens, eines Lebens in vollständiger Harmonie und in gegenseitigem Respekt mit der Mutter Natur, der Göttin Pachamama, bei der alles Leben ist, bei der wir alle uywas, Wesen der Natur und des Kosmos, sind“[31] und veranschaulicht so, dass es dem westlichen Denken grundverschiedene Ontologien gibt, die anderen Gesetzmäßigkeiten folgen, worauf aufbauend die Welt vollkommen anders bewertet und verstanden wird[32].

Im Folgenden sollen einzelne Elemente dieser indigenen Wissens- und Erfahrungswelten herausgearbeitet und anschließend im Diskurs des Buen Vivir verortet werden. Vorweg ist jedoch auf die Wechselwirkungen zwischen Kolonialisierten und Kolonialherren im Laufe der Kolonialzeit hinzuweisen, wodurch ein vollkommen unbeeinflusstes indigenes Wissen anzuzweifeln ist.[33]

2.1 Wachstumsparadigma

Auf Grundlage eines unilinearen Verständnisses von Entwicklung[34], werden Diskurse, Praktiken und Institutionen des westlichen Wachstumsparadigmas in Frage gestellt[35]. Eine Vielzahl der indigenen Kulturen des Andenraums setzt unserem linearen, an industriellem Fortschritt gemessenen Verständnis von Zeit, ein spiralförmiges entgegen. Hierbei liegt die Zukunft in der Vergangenheit, ist bekannt und dient so als Grundlage der Gegenwart[36]. Ein Konzept von Unterentwicklung, die überwunden werden müsste[37], sowie die daraus abgeleitete politische Praxis, die weltweite Armut zu bekämpfen, bestehen so nicht[38]. In der Ablehnung der Vorstellung von unterentwickelten Ländern, fordert das Buen Vivir die Konzepte der Industriestaaten heraus und steht erneut für die Dekolonialisierung des Wissens.

2.2 Kollektivistische Vorstellungen

Im Gegensatz zur abendländischen Perspektive des Individuums, ist der Mensch im Buen Vivir Teil einer allumfassenden Gemeinschaft[39] und in seinem Denken dem kollektiven „Wir“ anstelle des individuellen „Ichs“ verpflichtet[40].

Der Mensch, als Part eines Ganzen, das nicht in seinen Teilen verstanden werden kann, bedarf zur Verwirklichung seiner Selbst eines spezifischen sozialen, ökologischen und räumlichen Umfeldes, wie es das ayllu, die andine Dorfgemeinschaft darstellt: „Ein Raum, in dem Menschen, Tiere und Pflanzen so zusammenleben, dass Natur und Kultur nicht in Opposition zueinander stehen, sondern sich gegenseitig ergänzen, das eine das andere beinhaltet und untrennbar miteinander verbunden ist“[41]. Im Ayllu, welches gegenwärtig im bolivianischen Altiplano anzutreffen ist[42], finde die Verwirklichung des kollektiven Subjekts ihren Ausdruck[43]. Dieser Mikroebene entnommene Impulse sollen auf der staatlichen Markoebene aufgenommen und an das politische Geschehen angepasst werden.

Außerdem schließt eine holistische Weltsicht, so Gudynas, neben der Natur, ebenfalls weitere nichtmenschliche Wesen in die Gemeinschaft mit ein und steht so für die vollkommene Harmonie zwischen Mensch und Umwelt[44].

[...]


[1] Vgl. Gudynas 2012: 3.

[2] Vgl. Fatheuer 2011: 16.

[3] Vgl. Soto Santiesteban/Helfrich 2010.

[4] Vgl. Gudynas 2012: 16.

[5] Vgl. Ebd.: 21.

[6] Vgl. Ebd.: 14.

[7] Vgl. Ebd.: 1.

[8] Vgl. Ebd.: 14.

[9] Vgl. Ebd.: 5.

[10] Vgl. Fatheuer 2011: 20.

[11] Vgl. Gudynas 2012: 3.

[12] Vgl. Ebd.: 25.

[13] Vgl. Fatheuer 2011: 9.

[14] Vgl. Gudynas 2012: 5 f.

[15] Vgl. Ebd.: 3.

[16] Vgl. Fatheuer 2011: 20.

[17] Vgl. Ebd.: 7.

[18] Vgl. Gudynas 2012: 7.

[19] Vgl. Ebd.: 17.

[20] Vgl. Gudynas 2012: 25

[21] Vgl. Larrea 2010: 2.

[22] Vgl. Kuppe 2009: 195.

[23] Vgl. Fatheuer 2011: 11.

[24] Vgl. Ebd.: 30.

[25] Vgl. Fatheuer 2011: 20.

[26] Vgl. Ebd.: 17.

[27] Acosta 2009: 220.

[28] Ebd.: 219 f.

[29] Vgl. Gudynas 2012: 17 f.

[30] Vgl. Fatheuer 2011: 7.

[31] Vgl. Gudynas 2012: 6.

[32] Vgl. Ebd.: 23.

[33] Vgl. Gudynas 2012: 18.

[34] Vgl. Acosta 2009: 219.

[35] Vgl. Gudynas 2012: 23.

[36] Vgl. Larrea 2010: 5.

[37] Vgl. Acosta 2009: 219.

[38] Vgl. Gudynas 2012: 6.

[39] Vgl. Larrea 2010: 5.

[40] Vgl. Soto Santiesteban/Helfrich 2010.

[41] Vgl. Gudynas 2012: 13.

[42] Vgl. Soto Santiesteban/Helfrich 2010.

[43] Vgl. Ebd.

[44] Vgl. Gudynas 2012: 23.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Buen Vivir als lateinamerikanische Utopie? Grundlagen und handlungspraktische Bedeutung
Note
1,7
Jahr
2015
Seiten
14
Katalognummer
V320225
ISBN (eBook)
9783668194625
ISBN (Buch)
9783668194632
Dateigröße
778 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
buen, vivir, utopie, grundlagen, handlungspraktische, bedeutung
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Buen Vivir als lateinamerikanische Utopie? Grundlagen und handlungspraktische Bedeutung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320225

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