Dostojewski und die Vatertötung. Wie Sigmund Freud den Autor des Romans "Die Brüder Karamasow" analysiert


Hausarbeit, 2015

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Einführung in die Thematik
1.2 Der Roman
1.2.1 Handlung
1.2.2 Die Protagonisten
1.2.2.1 Fjodor Pawlowitsch Karamasow
1.2.2.2 Dmitrij Fjodorowitsch Karamasow
1.2.2.3 Iwan Fjodorowitsch Karamasow
1.2.2.4 Alexej Fjodorowitsch Karamasow
1.2.2.5 Pawel Fjodorowitsch Smerdjakow
1.3 Zur Entstehungsgeschichte von „Dostojewski und die Vatertötung“
1.4 Wie Freud interpretiert

2. Psychoanalyse des Autors
2.1 Der Dichter Dostojewski
2.2 Der Ethiker Dostojewski
2.3 Der Sünder Dostojewski
2.4 Der Neurotiker Dostojewski

3. Auswertung
3.1 Die Vatertötung
3.2 Schuldsprechung

4. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1.Einleitung

1.1 Einführung in die Thematik

„Wer wünscht nicht den Tod des Vaters!“

(Iwan Fjodorowitsch Karamasow in „Die Brüder Karamasow“ )1

Der Wunsch am Tode des eigenen Vaters als Motiv in Literatur, bildender Kunst, Soziologie, der Psychoanalyse ist ein Diskurs, an den beständig angeknüpft wird. Da liegt es nahe, die Thesen von einem der Diskursteilnehmer, der die genannten Disziplinen zusammenführte und mit der Psychoanalyse sogar eine Wissenschaft begründete, (erneut) zu überprüfen - die The- sen von Sigmund Freud.

Freud hat den Grundstein der Psychoanalyse mit theoretischen Abhandlungen zur Psychologie des Unbewussten, dem Sexualleben, dem Phänomen Hysterie und Angst und Schriften über Zwang, Paranoia und Perversion sowie zu bildender Kunst und Literatur gelegt. Im Folgenden werden uns in erster Linie Freuds Aufsätze zu letztgenanntem Themenkomplex interessieren.

Diese Arbeit ist ein Versuch am Beispiel des Werks „Die Brüder Karamasow“ von Fjodor Michailowitsch Dostojewski (geb. 1821, Moskau; gest. 1881, St. Petersburg)2 das literarische Motiv der Vatertötung psychoanalytisch zu deuten. Die Grundlage bildet dabei Freuds Text „Dostojewski und die Vatertötung“ von 1928, der sich konkret auf das Dostojewschke Vater- Sohn-Verhältnis und dessen literarische Verarbeitung bezieht. Freuds Aufsatz wiederum gründet auf Überlegungen seines Schülers Jolan Neufeld. Freud fasst Neufelds Erkenntnisse zusammen. In „Dostojewski und die Vatertötung“ gibt es keine These, die nicht auch in dem im Jahr 1923 erschienenen Neufeldschen Werk „Dostojewski - Skizze zu seiner Psy- choanalyse“ auftaucht. Neufeld zitiert und paraphrasiert an einigen Stellen aus den bis dato veröffentlichten Abhandlungen seines Lehrers.

Ferner werden die Argumente Freuds geprüft und ausgewertet. Die meisten Russisten kriti- sieren die Studie, bemängeln Freuds schwache Argumentation, die vielmehr auf Annahmen, denn auf biographischen Belegen gründe. Es ist gar die Rede von „Freuds Phantasien über Dostojewski“.3

1.2 Der Roman

Der russische Schriftsteller Fjodor M. Dostojewski verfasste in den Jahren 1878 bis 1880 den Roman „Brat’ja Karamazovy“. Die erste Ausgabe erschien 1881 in Petersburg. Die Handlung spielt im August und im November 1866 in der fiktiven Kleinstadt Skotoprigonevsk, Russ- land. Die erzählte Zeit beträgt sechs Tage. „Die Brüder Karamasow“ ist sein letztes großes Werk, in dem er die in vorangegangen Romanen behandelten existenziellen Themen zusam- menfasst - Tod, Verbrechen, Schuld, Sühne, Familie, das Christentum, den (russischen) Men- schen im 19. Jahrhundert und seine Zukunft. Dudek nennt es „die ideelle und künstlerische Synthese von Dostojewskis gesamten Lebenswerk“4. Bemerkenswert ist, dass in „Die Brüder Karamasow“ offenbar zwei parallel verlaufende Geschichten miteinander verknüpft werden. Im Fokus der einen steht der junge Aljoscha, der zunächst in der geistlichen Welt eine Heimat findet, sie dann jedoch zugunsten der weltlichen wieder verlässt. Sie handelt von einem Mann, der seinen Platz zwischen Gott und dessen Schöpfung sucht. Die zweite Geschichte behandelt ein Urverbrechen - den Mord am eigen Fleisch und Blut.

Die Exposition der Erzählung vom Vatermord findet in Kapitel 1-3 des Ersten Buches und Kapitel 1-2 sowie 5-8 des zweiten Buches statt, die Erregung steigert sich im dritten, fünften und findet im achten und neunten Buch mit der Bluttat und der darauffolgenden Anklage des Sohnes ihren Höhepunkt, wobei die eigentliche Katastrophe erst im elften und zwölften Buch mit der Verurteilung des Unschuldigen, dem Suizid des Schuldigen und der Geisteskrankheit des Anstifters einsetzt.5

Die Vaterfigur verknüpft beide Handlungsstränge. Aljoscha findet in einem Geistlichen, also einer moralischen Instanz, seinen geistlichen Vater, sein leiblicher hingegen ist Sinnbild für weltliche Amoral.

1.2.1 Handlung

Der Streit ums Geld führt die drei Brüder Dimitrij, Iwan und Alexej Karamasow in der Hei- matstadt ihres Vaters, Skotoprigonevsk, zusammen. Dimitrij wirft Fjodor Karamasow vor, dass ihm dieser noch seinen mütterlichen Erbanteil schuldig sei, was der Patriarch bestreitet. Darüber hinaus buhlen Vater und Sohn um dieselbe Frau - Agrafena Swetlowa, „Gruschen- ka“ genannt. Aljoscha (Alexej) ist der Lieblingssohn von Fjodor Karamasow, obwohl sie grundverschiedene Lebensstile führen. Aljoscha ist Novize und findet in seinem geistlichen Führer, dem Starez6 Sosima, eine Art Vaterersatz. Alle wünschen dem tyrannischen Alten den Tod. Die drei Brüder äußern diesen Wunsch jedoch ihren charakterlichen Eigenschaften ge- mäß auf sehr unterschiedliche Weise. Dimitrij ist derjenige der den Mordgedanken direkt formuliert und bis zuletzt auch in die Tat umzusetzen gedenkt. Ausführen tut ihn dann aller- dings ein anderer - Smerdjakow, der Sohn von Lisaweta „der Stinkenden“, einer stadtbekann- ten psychisch Kranken.

Während Alexej und Iwan dieselbe Mutter haben, stammt Dimitrij aus der ersten Ehe Fjodor Pawlowitsch Karamasows. Es wird angedeutet, dass Fjodor Karamasow auch Smerdjakows Erzeuger ist. Des Mordes verdächtigt, angeklagt und verurteilt wird Dimitrij Karamasow, Iwan wird geisteskrank und Aljoscha wendet sich auf Geheiß des sterbenden Starez wieder dem weltlichen Leben zu.

1.2.2 Die Protagonisten

1.2.2.1 Fjodor Pawlowitsch Karamasow

Der Gutsbesitzer, verkörpert eine Vielzahl der allgemeinhin als negativ aufgefassten Eigen- schaften. Er ist geizig, trunk- und sexsüchtig, brutal und zynisch. Er verachtet das Christen- tum und so kommt es bereits im sechsten Kapitel des zweiten Buches („Wozu lebt solch ein Mensch?“) zu einem ersten Eklat als Fjodor Karamasow den Starez Sosima, seines Zeichens Ordensführer der Staren und geistiger Vater seines Sohnes, verhöhnt. Er weigert sich den von Dimitrij eingeforderten Erbanteil von dreitausend Rubel seinem Sohn und Rivalen auszuzah- len. Der Vater will das Geld lieber der jungen „Gruschenka“, die er sexuell begehrt, schenken.

1.2.2.2 Dmitrij Fjodorowitsch Karamasow

Adelaida Iwanowa war die erste Frau von Fjodor Pawlowitsch Karamasow. Sie verließ den Karamasow-Patriarchen und Mitja, als letzterer drei Jahre alt war. So wuchs das Kind bei verschiedenen Freunden der Familie und Verwandten auf, da der Vater die Existenz seines Sohnes ignorierte. Dimitrij führt einen ausschweifenden Lebensstil, tritt meist hitzköpfig und impulsiv auf - ganz im Gegensatz zu seinem Bruder Iwan. Er ist mit Katerina verlobt, löst diese Verbindung jedoch, da er - genau wie sein Vater - Gruschenka für sich gewinnen will. Besonders pikant: Katerina vertraut ihm 3000 Rubel an. Der vergnügungssüchtige Dimitrij verjubelt das Geld jedoch mit Gruschenka. Um die offene Schuld bei seiner Ex-Verlobten zu begleichen, kündigt er an, seinen Vater zu ermorden, falls dieser nicht bereit sei, ihm sein Erbe auszuzahlen.

1.2.2.3 Iwan Fjodorowitsch Karamasow

Iwan ist der erste Sohn aus Fjodor Karamasows Ehe mit Sofja Iwanowna. Er ist der intellek- tuelle, eher abstrakt denkende Gegenpart zu seinem temperamentvollen, älteren Bruder Dimit- rij. So erzählt er Aljoscha die Legende vom Großinquisitor, die sich als Anklagerede gegen die katholische Kirche interpretieren lässt. Iwan propagiert die Lebenshaltung „alles ist er- laubt“7. Diese Maxime verpflanzt er in die Seele seines Bewunderers und vermeintlichen Halbbruders Smerdjakows, der sich ihm mit geradezu maliziöser Gewieftheit als Werkzeug anbietet, den Vatermord auszuführen. Iwans „Alles ist erlaubt“-These impliziert, dass der Wunsch den Vater tot zu sehen, legitim sei, auch wenn er alles daran setzen würde seinen Vater zu schützen.

1.2.2.4 Alexej Fjodorowitsch Karamasow

Der jüngste Sohn von Fjodor Pawlowitsch stammt ebenfalls aus zweiter Ehe. Kaum einer der Romanfiguren hegt einen Groll gegen Alexej. Dies liegt augenscheinlich daran, dass Aljoscha seinen Mitmenschen gegenüber mit Milde und Nachsicht auftritt. Aljoschas Menschenbild steht in direktem Kontrast zu dem seines vandalischen Vaters. Oft wird er von seiner Familie für seine Frömmigkeit belächelt. Dennoch ist er der Lieblingssohn von Fjodor Karamasow und pflegt zu Dimitrij und Iwan ein vertrauensvolles Verhältnis.

1.2.2.5 Pawel Fjodorowitsch Smerdjakow

In Skotoprigonevsk geht das Gerücht, dass Fjodor Karamasow sich an der hilflosen, weil im- bezilen, Lisaweta Smerdjastschaja verging. Diese gebärt einen Sohn in Karamasows Wasch- küche, stirbt jedoch an den Folgen der Niederkunft. Der Kammerdiener Grigorij findet das Kind - er und seine Frau Marfa Ignatjewna taufen es auf den Namen ‚Pawel’ und ziehen es auf. Aufgrund der Vermutung der Karamasowschen Vaterschaft geben ihm die Bewohner von Skotoprigonevsk wie selbstverständlich den Nachnamen ‚Fjodorowitsch’. Fjodor selbst gibt ihm einen Nachnamen, der sich aus dem Vornamen Pawels Mutter herleitet - ‚Smerdjakow’. Schon früh zeichnet sich sein hochmütiger, destruktiver, geradezu bösartiger Charakter ab. Zudem leidet er an Epilepsie. Seine misslungene Existenz scheint ihn geradezu stereotyp zum Verbrechertum und Selbstmord zu prädestinieren.

1.3 Zur Entstehungsgeschichte von „Dostojewski und die Vatertötung“

Fülop-Miller und Eckstein haben zu Beginn des Jahres 1926 Freud darum gebeten, einen Bei- trag für den Band „Die Urgestalt der Brüder Karamasoff“8 zu verfassen. Im Juni 1926 begann er mit der Niederschrift, unterbrach diese jedoch, da für ihn zum einen andere Arbeiten priori- tär waren und ihm zum anderen laut Ernest Jones das Werk von Jolan Neufeld zugetragen wurde. Jones vermutet, dass Freud die Arbeit Anfang 1927 abgeschlossen hat. Die Editoren der Ausgabe, auf die sich in dieser Hausarbeit bezogen wird,9 widersprechen dieser Annah- me, da, Stefan Zweigs Novelle „Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau“10, auf die sich Freud in „Dostojewski und die Vatertötung“ bezieht, frühestens 1927 erschien.11

Mithilfe dieser Novelle begründet Freud im zweiten Teil des Textes die Spielerleidenschaft Dostojewskis. Diese krankhafte Abhängigkeit, die für die Gesamtinterpretation des Dostojewskischen Werkes durchaus eine Rolle spielt, soll hier nicht Gegenstand sein, da sie nicht unmittelbar zu der psychoanalytischen Deutung des Motivs der Vatert ö tung beiträgt. Vielmehr ist der erste Teil von Freuds Essay an dieser Stelle entscheidend. In diesem ersten Teil erörtert Freud den Charakter Dostojewskis, seinen Masochismus, seine Schuldgefühle, seine epileptoiden Anfälle und die Bipolarität des Ödipuskomplexes.12

In „Der Dichter und das Phantasieren“ schreibt Freud, dass der Verfasser des „psychologischen Romans (...) sein Ich durch Selbstbeobachtung in Partial-Ichs“ spaltet und „demzufolge die Konfliktströmungen seines Seelenlebens in mehrere[n] Helden“ personifiziert.13 Diesem Genre werden auch Literaten wie Conrad Ferdinand Meyer und Arthur Schnitzler zugeordnet, jedoch trifft die Aufspaltung der Ichs auf fiktive Figuren im Besonderen auf Dostojewski zu. Dem Werk „Die Brüder Karamasow“ jedoch den Genrestempel “psychologischer Roman” aufzudrücken, würde das Werk eindimensionaler darstellen als es ist.

Freud stellt vier dostojewskische Identitätsfacetten fest: „den {sic} Dichter, den Neurotiker, den Ethiker und den Sünder“.

1.4. Wie Freud interpretiert

Sigmund Freud hat ebenso wie sein Vater eine medizinische Hochschulbildung genossen. Sein privates Interesse galt jedoch in starkem Maße den Geisteswissenschaften. Ihm gelang es in beiden Wissenschaften neue Impulse zu setzen. Beide Wissenschaften profitierten von den Beobachtungen, die er in der jeweils anderen machte. Diese stark interdisziplinär geprägten Erkenntnisse müssen zwangsläufig auf objektiv nur schwer unterscheidbare Interpretationsar- ten gewonnen worden sein. Freud ist also als Mediziner, der Krankheitsbilder anhand von sichtbaren Symptomen schafft, an die Kunst herangetreten und hat als Kunst- und Literatur- liebhaber versucht, kreative Prozesse medizinisch(-psychoanalytisch) zu deuten. Das bei einer solch unscharf differenzierten Herangehensweise oberflächliche oder waghalsig konstruierte Schlüsse gezogen werden mussten, liegt auf der Hand. „In Dostojewski und die Vatertö- tung“ bildet Freud die Analyse ausgehend von der Krankheit Dostojewskis - seiner Epilepsie. Des weiteren verfolgte Freud das Prinzip, dass die Semantik des Textes die Autorintention übersteigt14, dass dem Autor selbst die wahre Bedeutung seines Textes verschleiert bleibt, denn allein schon die Auswahl des Stoffes ist das Resultat des unbewussten Zugriffs auf un- bewusste Seelenvorgänge.

2. Psychoanalyse des Autors

2.1 Der Dichter Dostojewski

Hinsichtlich des ästhetischen Wertes hält Freud Dostojewski für nahezu ebenbürtig mit dem Weltliteraten Shakespeare.15 Dostojewski sei bezüglich seiner (dichterischen) Schaffenskraft unangreifbar.

Nachstehend setzt Freud Dostojewskis Fiktion mit Dostojewskis Realität in Beziehung.

Dostojewskis charakterliche Schwäche äußere sich darin, dass sein Werk zwar eine Moral- ethik auf höchster Stufe kennzeichne, er diese jedoch nicht im eigenen Leben umgesetzt ha- be.16

2.2 Der Ethiker Dostojewski

Freud wirft dem Ethiker Dostojewski Bequemlichkeit vor, da er anstelle der Verwirklichung des von ihm geschaffenen ethischen Ideals, das in dem Verzicht auf Triebansprüche gipfelt, sich lieber als reuiger Sünder einer weltlichen und einer geistlichen Autorität unterwirft. Der aufklärerische Gehalt seines Werkes werde von ihm selbst missachtet, da er sich den Herr- schaften von Väterchen Russland und Gottvater, den „Kerkermeistern“ der Menschen, erge- be.17 Freud schreibt:

„Er hat das Wesentliche an der Sittlichkeit, den Verzicht nicht geleistet, denn die sittliche Lebensführung ist ein praktisches Menschheitsinteresse.“18

Nicht eindeutig ist, ob sich Freud bei dem Vorwurf des fehlenden Verzichts auf die von dem Werk unabhängige Privatperson Dostojewski oder auf das in der Literatur verwirklichte Ideal bezieht.

Wenn davon ausgegangen wird, dass Freud Dostojewski vorwirft, die von ihm in seinem Werk lancierte Ethik, also den Verzicht (auf die Sünde) nicht bei sich selbst auszuüben, kann folgender Schluss gezogen werden:

Freud vermengt hier Identitäten, von denen er selbst anmerkte, dass man sie unterscheiden müsse. Seine Kritik resultiert aus einer Hermeneutik, die die Autorintention zu rekonstruieren versucht. Warum muss denn der Autor Dostojewski denselben Maßstab an sich anlegen wie sein Erzähler? Muss er nicht - und dass er es nicht muss, zeugt erstens von der Eindimensionalität der Freud’schen Kritik, einer Eindimensionalität, die sich Freud in Bezug auf seine gesamte Theorie vorwerfen lassen muss. Doch selbst wenn sich der Dichter und der Ethiker nicht nur derselben Identität zuordnen lassen müssten, sondern qua besagter Hermeneutik dasselbe Weltbild realisieren würden, wäre ein solcher Widerspruch zweitens nur ein Zeugnis von Menschlichkeit, im Sinne von Fehlbarkeit.

Freud begründet die dostojew’schke Inkonsequenz mit dem Vorliegen einer Neurose.19

Doch wäre Freuds Vorwurf des Mangels an Verzicht und der daraus resultierenden Inkonsequenz berechtigt, wenn er sich mit seiner Behauptung nur auf die in der Literatur beschriebene Moralvorstellung bezieht, die Biografie Dostojewskis also nicht inkludiert? Die Charaktere in „Die Brüder Karamasow“ kämpfen wie Dostojewski mit menschlichen Trieben, stellen dabei gleichzeitig höchste sittliche Forderungen auf, doch scheitern sie schlussendlich. Erstens geben sie ihren Trieben nach und zweitens sind sie kollektiv schuldig an dem Tod von Fjodor Pawlowitsch Karamasow. Und am Ende steht, wie Freud zu recht bemerkt, die Inthronisation weltlicher und geistlicher Entitäten.20

Nun kann man als Ursache dafür, dass der literarische Dostojewski die Rolle als „Lehrer und Befreier der Menschen“21 laut Freud versäumt habe einzunehmen, tatsächlich den Vorwurf der Bequemlichkeit anführen. Doch fraglich ist, ob es sich bei dem Mangel an Verzicht um ein Versäumnis handelt. Womöglich war es vielmehr das Bewusstsein Dostojewskis um die angelegte Fehlbarkeit des Menschen, um seine Triebe und um das Bedürfnis bzw. die Not- wendigkeit diesen nachzugeben, und dass daher statt einem menschlichen Idealtypus für Sitt- lichkeit eine sittliche höhere, geistliche oder weltliche Autorität einen Ausweg böte, indem sie vom Sünder zur Wiederherstellung seiner Sittlichkeit Buße fordert. So hätte der Mensch die Wahl sich entweder für die Sittlichkeit zu entscheiden, oder für die Rechtfertigung vor den sittlichen Autoritäten. Seine literarischen Figuren entscheiden sich für letzteres. Ob Buße - wie zum Beispiel nach dem Fehlurteil über Mitja - nun tatsächlich bequemer als absolute Sitt- lichkeit ist, ist Ermessenssache. In jedem Fall ist die Unfähigkeit Verzicht auszuüben und die damit verbundene Fehlbarkeit - menschlich.

Dadurch, dass Dostojewski dem Menschen den Spiegel vorhält, erreicht er mehr Bewusstsein dafür, was der Mensch stets wählt und in welcher Widersprüchlichkeit höchste sittliche Forderungen gegenüber dem letztendlichen Mensch-Sein stehen.

Um ein Versäumnis handelt es sich, weil Dostojewski trotz aller Negativpunkte in Nationa- lismus und Religiosität das höchste Sittlichkeitsideal sah, anstatt im Sinne der Aufklärung seine Literatur eben von solchen Instanzen loszusagen. Aus der Perspektive des Rezipienten kann dieser Punkt mit dem Abstand zu russischem Nationalismus und tiefer Frömmigkeit positiv als Anerkennung der menschlichen, von Natur aus gegebenen Fehlbarkeit gewertet werden.

2.3 Der Sünder Dostojewski

Die These, dass Dostojewski sündhafte bzw. verbrecherische Charakterzüge habe, begründet Freud wie folgt: Ein Verbrecher sei egomanisch und stark destruktiv, was aus seiner Unfähig- keit zu lieben resultiere. Eben diese Eigenschaften kennzeichneten auch die Romanfigu- ren22.23

Fjodor Karamasow ist trinksüchtig, gewalttätig, tyrannisch und eigensüchtig. Er wird ver- dächtigt Lisaweta „Die Stinkende“ Smerdjastschaja vergewaltigt zu haben.

[...]


1 Dostojewskij, S.1093

2 vgl. Arnold, S.728

3 vgl. Lohmann, S.209

4 Dudek, S. 6

5 vgl. auch Dudek: S. 9-10

6 höchstrangiger ostkirchlicher Mönch ( vgl. Arnold, S. 742)

7 Dostojewskij, S. 425

8 Hrsg. Von R. Fülop-Miller und F. Eckstein, München, 1928

9 Editorisches Material der vorliegenden Ausgabe: The Institute of Psycho-Analysis, London und Alix Strachey: Standard Edition of the Complete Psychological Works of Sigmund Freud. Marlow. 1969

10 Vgl. Freud, S. 284

11 editorische Vorbemerkung, Freud, S.269

12 editorische Vorbemerkung, Freud, S. 269

13 Freud, S.177

14 vgl. Kurz in Alt, S.38

15 vgl. Freud, S. 271

16 ebd.

17 vgl. Freud, S. 271

18 Freud, S. 271

19 vgl. Freud, S. 272

20 vgl. Freud, S.

21 Freud, S. 271

22...nicht aber so ihren Schöpfer. Freud rekurriert auf überaus affektgeladene Reaktionen auf biografische Ereignisse als Beleg für Dostojewskijs „große Liebesbedürftigkeit und seine enorme Liebesfähigkeit“.

23 Vgl. Freud, S. 272

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Dostojewski und die Vatertötung. Wie Sigmund Freud den Autor des Romans "Die Brüder Karamasow" analysiert
Veranstaltung
Psychoanalyse und Literatur
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V320249
ISBN (eBook)
9783668194892
ISBN (Buch)
9783668194908
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dostojewski, Dostojewskij, Karamasow, Freud, Russisch, Literatur, Psychoanalyse, Vater
Arbeit zitieren
Carola Tunk (Autor), 2015, Dostojewski und die Vatertötung. Wie Sigmund Freud den Autor des Romans "Die Brüder Karamasow" analysiert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320249

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