Jürgen Habermas im Kontext des heutigen Mediensystems. Die Funktion der Medien im Strukturwandel der Öffentlichkeit


Bachelorarbeit, 2015
51 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Hauptteil: Die Funktion der Medien bei Habermas
2.1) Zu Jürgen Habermas – eine kurze Biographie
2.2) Die Funktion der Medien bei Habermas
2.2.1) Der Strukturwandel der Öffentlichkeit
2.2.2) Funktion der Medien im Strukturwandel der Öffentlichkeit Der Strukturwandel der Öffentlichkeit in Bezug auf die heutige Medienlandschaft
2.3) Öffentlichkeit im Internet
2.3.1) Öffentlichkeit bei Habermas
2.3.2) Das Internet und der öffentliche Diskurs
2.3.3) Gegenöffentlichkeiten im Internet

3) Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Quellen

1) Einleitung

Jürgen Habermas verfasste mit seinem Werk Strukturwandel der Öffentlichkeit[1] ein Buch, das in der Soziologie, der Philosophie, der Politikwissenschaft, und auch in der Kommunikationswissenschaft weltweite Anerkennung und Aufmerksamkeit zugesprochen bekam. Die Art und Weise wie Habermas seine eigenen Theorien in Abgrenzung und Auseinandersetzung mit anderen Autoren erarbeitet, lässt ein komplexes tiefgründiges Werk entstehen, das nicht immer leicht verständlich ist.

Darüber hinaus ist das behandelte Thema ebenso komplex, wie die Art und Weise der Niederschrift.

Jürgen Habermas versucht dem selbst erlebten Bild von Gesellschaft in den 1960-er Jahren näher zu kommen, indem er anhand einer historischen Abhandlung den Wandel der Öffentlichkeit nachvollzieht. Ziel ist es eine Theorie der modernen Gesellschaft vorzulegen, die die Grundfrage der kritischen Theorie in einer neuen Art und Weise beantworten soll. Die kritische Theorie ging im Wesentlichen davon aus, dass die moderne Rationalität sich als eine verselbstständigte Zweckrationalität darstellt, die den Menschen nicht weiter frei werden lässt. Dabei muss sich der Bürger Machtinteressen fügen und wird in seinem Denken und Handeln beschränkt. Habermas geht hingegen von einer kommunikativen Vernunft aus, die durch den Austausch von z.B. Meinungen erreicht wird. Daraus hervor geht der Diskurs, den Habermas als Legitimationsgrundlage für die Demokratie sieht. Nur aufgrund der Existenz eines Diskurses wird nach Habermas eine Öffentlichkeit geschaffen.

Die Funktion der Medien innerhalb dieser Theorie möchte ich mit folgender Abhandlung näher untersuchen und darauf aufbauend das Internet als neues Medium, das Habermas in seiner Abhandlung noch nicht bespricht, analysieren. Habermas verwendet den Begriff der Medien in seinen Werken in unterschiedlicher Art und Weise, sodass ich mich auf das Werk Strukturwandel der Öffentlichkeit beschränken werde.

Der Bestand an Literatur, die sich mit den Theorien von Habermas auseinandersetzt oder diese als Grundlage hat, ist seit den 1960-er Jahren umfangreich gewachsen. Viele Wissenschaftler unterschiedlicher Richtungen haben sich mit dem Soziologen auseinandergesetzt und neben viel Lob wurde auch einiges an Kritik um seine Schriften laut. So ist ein häufiger Einwand gegen seine Arbeiten, dass er die Welt beschreiben würde, wie sie sein soll, aber nicht wie sie ist. Der Nutzen einer solchen Schrift sei nicht besonders groß und zudem verfehle er dadurch die Aufgabe eines empirischen Wissenschaftlers. Diese lautet festzustellen, wie Realität ist und nicht wie sie sein könnte.

Dennoch fand der Strukturwandel der Öffentlichkeit international großen Anklang und wird auch heute noch oft zitiert. Besonders viele freie Online-Magazine oder Blogger sehen in Habermas einen Wissenschaftler, der ihren Ansatz Nachrichten und Texte zu publizieren, versteht. Zu den neueren Medien, wie dem Internet hielt Habermas sich lange bedeckt, machte jedoch in seinen neueren Werken bzw. Zeitungsartikeln, Reden oder Interviews immer wieder Aussagen zum Stellenwert des Internets für seine Theorien.

Dies war ein Grund, warum ich mir neben der Analyse der Funktion der Medien im Strukturwandel der Öffentlichkeit die Frage nach der Beurteilung des Internets für die Theorien von Habermas stellte. Was für Möglichkeiten zur Ausgestaltung eines Diskurses und der Konstituierung von Öffentlichkeit hält das Netz heutzutage für uns bereit und wie wird es genutzt? Ist das Nutzungsverhalten und sind die Angebote des Internets mit den Forderungen von Habermas kompatibel? In Zeiten, in denen die Bundesregierung einen eigenen Facebook-Account betreibt und Angela Merkel sich mit Youtubern trifft, um Interviews aufzuzeichnen, die über soziale Medien und Videoplattformen verbreitet werden, scheint diese Frage interessant zu untersuchen.[2]

Die Etablierung von Gegenöffentlichkeiten im Internet ist ebenfalls ein Thema, das bei Habermas eine Rolle spielt. Auch in der Literatur, die über ihn selbst bzw. die Öffentlichkeitsgestaltung in der heutigen Zeit verfasst wurde, erhält das Thema der Gegenöffentlichkeit einen Platz. Hier bekommt das Internet ebenfalls eine wichtige Rolle zugesprochen in Bezug auf die Kommunikationsfähigkeit und das Aktionspotential der Gegenöffentlichkeit. Politische Aktionen erfolgen hier z.T. direkt durch das Medium in Form von Hackerangriffen, wodurch sich neue Dimensionen des Protestes eröffnen. Das Internet bestimmt also die politische Ausgestaltung unser heute erlebten Demokratie in besonderer Form und entwickelt sich schneller weiter, als andere Medien. Hier finden sich also die drei Grundpfeiler dieses Textes wieder: Die Medien, die Demokratie und der Soziologe Jürgen Habermas, der hier die Verbindung zwischen den erstgenannten herstellt:

„Die sozialstaatlichen Massendemokratien dürfen sich, ihrem normativen Selbstverständnis zufolge, nur solange in einer Kontinuität mit den Grundsätzen des liberalen Rechtsstaates sehen, wie sie das Gebot einer politisch fungierenden Öffentlichkeit ernst nehmen.“[3]

2) Hauptteil: Die Funktion der Medien bei Habermas

Die Funktion der Medien in den Werken von Jürgen Habermas allgemein gültig zu umschreiben und zu definieren ist nicht möglich. Habermas verwendet in verschiedenen Werken unterschiedliche Definitionen von Medien und stellt diese in unterschiedliche Zusammenhänge, die sich mitunter nicht kombinieren lassen. Habermas Art und Weise seine Texte zu verfassen und sich seine Meinung zu bilden kommt in der Regel dadurch zustande, dass er sich mit wissenschaftlichen Positionen auseinandersetzt und im Ausschlussverfahren seine für sich gültige Theorie entwickelt. Er wiederlegt verschiedene Theorien oder zeigt ihre Schwächen und Stärken auf und leitet aus diesen Ergebnissen seine eigenen Positionen ab. Er selbst beschreibt seine Arbeit wie folgt:

„Wenn ich eine interessante Blume oder ein Kraut gefunden habe, schaue ich, wie sie mit anderen zusammenpassen, ob es daraus einen Strauß, ein Muster geben kann. Das ist konstruierende Puzzlearbeit.“[4]

Aufgrund dieser sich daraus ergebenden analytischen Tiefe und den komplexen Gedankengängen ist Habermas nicht immer leicht zu verstehen und klar zu fassen. Eine Biographie des Soziologen kann daher hilfreich sein seine Texte einzuordnen und die Positionen zu anderen Denkern abzugrenzen. Auch können einige persönliche Hintergründe erklären, warum Jürgen Habermas den allgegenwärtigen, mächtigen Einfluss der modernen Medien auf unseren Alltag und ihre Wirkung auf die Zuhörer und Zuschauer als Hauptgegenstand seiner Forschung entwickelte. Habermas zeigt sich facettenreich in Bezug auf die Medien und ihre Funktion, weshalb im Folgenden die Funktion der Medien im Strukturwandel der Öffentlichkeit und die daraus abzuleitenden Schlussfolgerungen für heutige Öffentlichkeitssysteme im Vordergrund dieser Arbeit stehen werden.

In anderen Werken, wie der Theorie des kommunikativen Handelns[5] bekommen die Medien eine gänzlich andere Funktion zugesprochen. Die Definition bewegt sich hier auf einer ganz anderen Ebene, die mit der Funktion der Medien im Strukturwandel der Öffentlichkeit nicht viel gemeinsam hat.

2.1) Zu Jürgen Habermas – eine kurze Biographie

Die Biographie Jürgen Habermas nachzuzeichnen und diese in einigen Punkten auf seine Werke zu beziehen, kann für das bessere Verständnis der Person Habermas und seiner Gedanken sinnvoll sein. Daher folgt dieser kurze Überblick über den Lebenslauf von Jürgen Habermas mit wichtigen einschneidenden Erlebnissen und seine Begegnungen mit verschiedenen anderen bedeutenden Wissenschaftlern.

Jürgen Habermas wird am 18. Juni 1929 in Düsseldorf geboren und wächst unweit davon in Gummersbach auf. Sein Vater Ernst Habermas ist der Leiter einer Nebenstelle der Bergischen Industrie- und Handelskammer in Gummersbach und seine Mutter, die aus Düsseldorf stammt, übernimmt den Haushalt und kümmert sich um den gemeinsamen Sohn.[6] Für alle Jungen ab zehn Jahren war die Mitgliedschaft in der Hitlerjugend verpflichtend, weshalb sich Habermas 1944 nicht dem Dienst an der Westfront entziehen konnte. Sein Vater war Mitglied der NSDAP, wird aber später als Mitläufer eingestuft. Der Wissenschaftler sagt über das Elternhaus und seine Entwicklung nach dem Krieg, dass er ein Produkt der „reeducation“[7] sei und ohne die Zäsur von 1945 kaum zur Philosophie und zur Gesellschaftstheorie gelangt wäre.[8] Neben der politisch turbulenten Zeit der 30-ger du 40-er Jahre der deutschen Geschichte trug die Beeinträchtigung seiner Gesundheit durch eine Gaumenoperation dazu bei, dass sich Habermas Gedanken um Kommunikation ihre Medien und deren Bedeutung für die Gesellschaft machte. In Folge dieser Operation hatte Habermas Schwierigkeiten zu sprechen und berichtet von Kränkungen in seiner Jungendzeit. Hier sei ihm die Bedeutung von Gesellschaft und die damit verbundene Abhängigkeit zwischen Bürger und Staat, sowie Gesellschaft und Individuum deutlich geworden.[9] Habermas fängt nach seinem Abitur an Philosophie zu studieren und kommt über Göttingen und Zürich nach Bonn, wo er unter Erich Rothacker studiert und bei diesem 1954 mit dem Thema „Das Absolute und die Geschichte. Von der Zwiespältigkeit in Schellings Denken“ promoviert.[10] Politik und Philosophie vereint Habermas in seinen Denkansätzen erst, nachdem er sich von Martin Heidegger distanzierte, der in einer Rede von der inneren Wahrheit und Größe der nationalsozialistischen Bewegung spricht.[11] Heidegger bestimmte Habermas Denkansätze aus der Ferne mit und neben Arnold Gehlen und Martin Heidegger war sonst noch kein anderer bedeutsamer Philosoph auf die Bühne getreten: „Von Marx war ebenso wenig die Rede wie von analytische Philosophie, von Freud, von Soziologie und von Gesellschaftstheorie.“[12] Habermas verfasste einen im Folgenden einen Zeitungsartikel, der in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien[13] und mit dem Tabu der Thematisierung oder der kritischen Erörterung von Auswirkungen und Verbindungen zum Nationalsozialismus brach.[14]

Die nächsten Jahre seines Lebens sind geprägt von der Zusammenarbeit mit Theodor W. Adorno, der in dieser Zeit der geschäftsführende Direktor des Instituts für Sozialforschung und als Professor an der Universität in Frankfurt tätig ist. Habermas beschäftigt sich in dieser Zeit eingehend mit der Soziologie und erkennt in ihr einen größeren Wert für die Aufklärung als in der Philosophie.[15] Er arbeitet an verschiedenen Projekten in Zusammenarbeit mit Adorno (Student und Politik)[16] und verfasste weiterhin Texte für die Philosophische Rundschau und die Frankfurter Allgemeine Zeitung. 1959 will Habermas sich seiner Habilitationsschrift (später: Der Strukturwandel der Öffentlichkeit)[17] widmen, wird jedoch von Max Horkheimer am Institut in ein Projekt eingebunden, weshalb es später zu Habermas Bruch mit dem Frankfurter Institut kommt. Darüber hinaus verweigerte Horkheimer die Veröffentlichung von Student und Politik im Rahmen des Instituts und Horkheimer kritisiert Habermas in einem Brief an Adorno.

Habermas kündigt am Institut und sein Weg führt ihn zu Wolfgang Abendroth, der sich einverstanden erklärt Habermas zu habilitieren, woraufhin er kurze Zeit später Professor für Philosophie in Heidelberg wird.[18]

Ein weiteres prägendes Ereignis für Habermas, seine Texte und seine Denkweise sind die Studentenproteste gegen Ende der 1960-er Jahre. Habermas beerbte Max Horkheimer in Frankfurt und übernimmt in dieser Zeit den Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie, was die Veröffentlichung von einigen neuen Werken wie Erkenntnis und Interesse[19] oder Technik und Wissenschaft als Ideologie[20] zur Folge hat. Habermas setzt sich aber auch intensiv mit den Studentenprotesten auseinander und stimmt diesen in einigen Punkten zu: Er steht ebenfalls für eine Umstrukturierung der Hochschulen und des Lehrsystems (Demokratisierung), empfindet den Protest aber als „linken Faschismus.“[21] In späteren Werken arbeitet er die Einstellung heraus, dass der Studentenprotest lediglich ein Ausdruck einer Motivationskrise ist und Folge dessen, dass der Kapitalismus traditionelle Werte untergräbt und an diese Stelle im Endeffekt nur höhere Kompensationsforderungen treten (höheres Einkommen/Statusgewinne etc.).[22]

Nach einem Aufenthalt in Princeton 1971 sieht Habermas die Grundlagen der Gesellschaftstheorie in der Sprachtheorie begründet, da mit dieser die Schwächen der Bewusstseinsphilosophie überwunden werden können und fokussiert seine Forschungsweise weithin auf dieses Themengebiet.[23]

In den nächsten zehn Jahren veröffentlicht Habermas mit dem Legitimationsproblem im Spätkapitalismus[24] und der Geschichtstheorie Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus[25] zwei Werke, die wegbereitend für das 1981 erscheinende Werk Theorie des kommunikativen Handelns [26] sind.

In dieser Zeit ist er in Starnberg Leiter des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der wissenschaftlich-technischen Welt. Oftmals wird die Theorie des kommunikativen Handelns auch als das Hauptwerk von Jürgen Habermas betitelt, das ausführlich das Konzept des kommunikativen Handelns im Rahmen der Gesellschaftstheorie erläutert. Er führt aus, warum die Gesellschaft in seinen Augen ambivalent erscheint und wo die Ursachen für die moderne Gesellschaftsentwicklung zu finden sind.[27] 1983 kommt Habermas wieder nach Frankfurt zurück, um sich weiterhin der Philosophie und dem Themenfeld der Moderne zu widmen. Hierbei beschäftigt er sich umfassend mit vielen verschiedenen Feldern, wie z.B. der Bioethik (Die Zukunft der menschlichen Natur)[28], der Religion (Zwischen Naturalismus und Religion)[29] oder der Vernunft und der Wahrheit (Wahrheit und Rechtfertigung, Kommunikatives Handeln und Detranszendentalisierte Vernunft).[30] Weiterhin publiziert Habermas Zeitungsartikel und äußert sich zu aktuellen Diskussionen. Er erhielt darüber hinaus eine Reihe an national, wie international bedeutsamen Preisen für seine Werke und seine kulturprägenden Aktivitäten.[31]

Aufgrund der Fülle an verschiedenen Werken und der großen Bedeutung dieser für einige Wissenschaftsfelder gilt Habermas als einer der bedeuteten Philosophen, wie Soziologen der heutigen Zeit. Habermas hat drei Kinder, wovon zwei ebenfalls als Professoren für Psychoanalyse und Geschichte tätig sind und lebt zusammen mit seiner Frau Ute Wesselhoeft.

2.2) Die Funktion der Medien bei Habermas

2.2.1) Der Strukturwandel der Öffentlichkeit

Der Strukturwandel der Öffentlichkeit ist die Habilitationsschrift von Jürgen Habermas aus dem Jahr 1962, die das Entstehen und die Veränderung von bürgerlicher Öffentlichkeit behandelt. Er setzt sich mit den Begriffen Öffentlichkeit und Privatheit auseinander und erklärt in welcher Art und Weise hier Meinungen ausgebildet werden.[32] Habermas nähert sich dem Begriff der Öffentlichkeit historisch und sieht Öffentlichkeit nicht raumbezogen, sondern als ein Produkt von privaten Individuen, die zusammen über Angelegenheiten diskutieren, die als öffentlich eingestuft werden.[33] Er skizziert eine sehr produktive Wandlung der Gesellschaft bzw. der politischen Öffentlichkeit, die in einem kritischen Diskurs der Bevölkerung gipfelt und letztlich aber lediglich 100 Jahre Bestand hatte.

Zu dem Titel des Werkes kommt Habermas, da er den Begriff der Öffentlichkeit mit dem bürgerlichen Verfassungsstaat so eng verknüpft, dass an ihm der strukturelle Wandel der Gesellschaft nachvollzogen werden kann.[34] Anschaulich wird dies, wenn man den Ursprung der Kategorien öffentlich und privat näher betrachtet. Im antiken Griechenland entstand durch die Polis ein öffentlicher Raum, der jedem Bürger frei zugänglich war und dem entgegengesetzt der „oikos“, die Hausgemeinschaft stand.[35] Neben dieser Unterscheidung stellten die Griechen dem Reich den Staat entgegen und schufen somit zwei Institutionen, die bis heute in der europäischen Geschichte bestehen geblieben sind.

Nach Habermas ist diese Form der Öffentlichkeit die repräsentative Öffentlichkeit. Diese ist durch die Darstellung der Herrschaft gekennzeichnet und im Gegensatz zu der bürgerlichen Öffentlichkeit ausschließlich politischer Natur.[36] Die öffentliche Repräsentation des Herrschaftsstatus im feudalen System in Europa durch den Inhaber passierte in Form von Attributen, wie Insignien, Auftreten, Rhetorik und Verhalten. Die Repräsentation von Herrschaft hat sich bis in die heutige Zeit erhalten, nur bezieht diese sich heute nicht auf einzelne Personen sondern auf einen ganzen Staat.[37] Diese höfisch repräsentative Öffentlichkeit veränderte sich aufgrund von höherem Selbstbewusstsein des städtischen Bürgertums durch Handel und Reichtum und durch die Schaffung von öffentlichen Ämtern und öffentlicher Gewalt. Aus der Privatsphäre, die der Sphäre der Staatsbürgerschaft gegenüberstand, entstand die bürgerliche Öffentlichkeit.[38]

Die bürgerliche Öffentlichkeit kennzeichnet sich dadurch, dass es hierbei nicht um die Repräsentation einer herrschenden Klasse geht und, dass diese auch nicht von dieser getragen wird. Vielmehr formiert sich das Bürgertum zur Zeit der Entstehung der bürgerlichen Öffentlichkeit gerade selbst als Klasse.[39] Hierbei ist besonders, dass die Zugehörigkeit zu der neuen Klasse sich nicht durch Statusmerkmale wie Besitztümer, Macht oder Einfluss kennzeichnet.[40] Aus diesem Grund sind auch die Themen vielfältig und das Private wird durch Diskussion zum Öffentlichen gemacht. Habermas beschreibt die bürgerliche Öffentlichkeit als eine „öffentlich relevant gewordene Privatsphäre der Gesellschaft[41] Zeitlich legt Habermas die Entstehung der bürgerlichen Öffentlichkeit auf das Ende des 17. Jahrhunderts bzw. Anfang der 18. Jahrhunderts fest und sieht für verschiedenen Länder in Europa unterschiedliche Entwicklungszeiträume und Geschwindigkeiten.[42] Auch die Orte und ihre Bezeichnungen sind unterschiedlich: In England und in den Niederlanden entwickelt sich zuerst ein öffentlicher Diskurs in Kaffeehäusern, etwas später in Frankreich in den Salons und dann in Deutschland mit den gelehrten Tischgesellschaften.[43]

Wichtig für die Herausbildung der bürgerlichen Öffentlichkeit ist die Entwicklung der Presse und das Verlangen nach verlässlichen Nachrichten in Bezug auf die wirtschaftliche und politische Lage des Heimatlandes.[44] Diese Nachrichten wurden in Folge dessen an die niederen Gesellschaftsschichten weitergetragen und recht bald publizierten Zeitungen die Meinungen und Kritik der Bürger, sodass die Auflagenzahl sich in 25 Jahren verdoppelte.[45] Habermas spricht von einer literarischen Öffentlichkeit, die öffentliche Gewalt korrigiert und die Politiker auffordert sich zu rechtfertigen und sich von der geheimen Politik abzuwenden. Das Publikum ist also aktiver Teilhaber der Öffentlichkeit und begründet damit auch die Herrschaft.[46] Es werden verschiedenen Modelle diskutiert, (Jean-Jacques Rousseau und Immanuel Kant), die die Legitimität der Gesetze mit öffentlicher Zustimmung begründen.[47] Habermas führt an, dass die Legitimität von Normen durch die Zustimmung aller Beteiligten erreicht wird, was dem Grundgedanken der bürgerlichen Öffentlichkeit entspricht.[48] In der Realität war jedoch auch diese Teilhabe beschränkt da, Frauen oder Besitzlose, sowie andere Menschen, die aufgrund ihrer sozialen Lage nicht imstande waren an den Diskursen teilzunehmen und somit nicht zu dem Publikum dazugezählt werden können.[49]

Habermas sieht die Aufgabe der Öffentlichkeit idealer Weise darin, das staatliche Handeln zu kontrollieren und zwischen den Bedürfnissen der Gesellschaft und der öffentlichen Gewalt zu vermitteln.[50] Hierzu soll über gemeinsame Belange verhandelt werden und eine permanente Diskussion unter den Individuen stattfinden, wobei das bessere und rationale Argument unabhängig von demjenigen der es hervorbringt, zählt.[51] Bereiche die vorher von einer öffentlichen Diskussion ausgeschlossen waren, sollen thematisiert werden und mitunter der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden (z.B. Kunstwerke). Der Zugang soll idealerweise jedem Bürger offen sein und das Publikum soll sich als Teil eines noch größeren Publikums verstehen.[52]

Wie bereits erwähnt war diese Offenheit nicht gänzlich gegeben und nur ein kleiner Teil des Volkes fand sich in den Kaffeehäusern oder den Salons wieder.[53]

Mit dem Aufkommen der Massenmedien veränderte sich diese Öffentlichkeit wiederrum, was Habermas in seinen Werken thematisiert. Er beschreibt den Zerfall der bürgerlichen Öffentlichkeit zum Ende des 19. Jahrhunderts und begründet diesen mit der Angleichung von Staat und Gesellschaft. Hierbei ist wichtig zu bemerken, dass er damit nicht die These aufstellen will, dass das Bürgertum seine Bedeutung verliert, sondern, dass sich wieder Anzeichen einer repräsentativen Öffentlichkeit finden lassen. Habermas spricht von der „Refeudalisierung der Öffentlichkeit“.[54] Zum Ende seines Werkes führt Habermas vier verschiedene Punkte dafür an, dass die bürgerliche Öffentlichkeit wieder zerfällt:

Zuerst wird beschrieben, dass die Öffentlichkeit äußeren Machteinflüssen unterliegt, die dadurch gekennzeichnet sind, dass private und öffentliche Zuständigkeitsbereiche verschwimmen.[55] Staatliche Stellen greifen zusehends in die private Wirtschaft ein und regeln Bereiche wie Erziehung oder Versicherung. Hierfür sind die Schulpflicht oder die Renten- und Unfallversicherung als Beispiele zu nennen.[56] Dieses Eingreifen in bürgerliche oder staatliche Systeme lässt sich auch auf der anderen Seite feststellen. Auch übernehmen z.B. Handwerkskammern politische Funktionen, sind aber eigentlich unternehmerisch organsiert und werden offiziell mit staatlichen Aufgaben vertraut gemacht.[57]

Machteinflüsse führen nach Habermas jedoch auch im Medienbereich dazu, dass die bürgerliche Öffentlichkeit sich zurückbildet: Der Konsum von Medien verändert sich in dieser Zeit stark, sodass Nachrichten nicht nur noch der Informationsübermittlung dienen, sondern einen Unterhaltungswert bekommen und sich später anfänglich über diesen definieren.[58] Kulturelle Inhalte werden publikumswirksam aufbereitet und das pädagogische Interesse, sowie der rein informative Grundgedanke der Nachrichten verschwinde zunehmest. Darüber hinaus entwickelt sich der literarische Diskurs zurück und durch die Medien soll eine Massenloyalität geschaffen werden.[59] Das Zusammenkommen und Diskutieren weicht einer von großen Medien bestimmten künstlich hervorgerufenen Gemeinschaftlichkeit.[60] Aus diesem Grund verliert die bürgerliche Öffentlichkeit ihren politischen Charakter und die politische Funktion der Öffentlichkeit wird etwas später bloß noch in Parteien oder Verbänden ausgedrückt. [61] Habermas beschreibt, dass dadurch auch in den Parlamenten nicht mehr von einem Diskurs die Rede sein kann.[62]

Weiterhin erhält die Werbung Einzug in das Mediensystem und fängt an Information in Kontexte zu setzten und finanzierte Aufmerksamkeit zu legitimeren.[63] Zum Trotz dessen lebt die Tendenz zum öffentlichen Räsonnement am Anfang des 20. Jahrhundert weiter, obwohl sich die Strukturen des öffentlichen Diskurses auflösen. Die Konsumgesellschaft der Nachkriegsjahre in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts zeichnet sich jedoch mehr durch Veröffentlichung privater Lebensgeschichten und deren Verbreitung durch die Medien aus. Habermas bezeichnet sie als „Zerfallsgestalt bürgerlicher Öffentlichkeit“.[64] Das Individuum nimmt den Platz des Publikums ein und tritt als Verbraucher und Wähler auf. Durch die Privatisierung der Öffentlichkeit durch die Medien kommen Phänomene wie Propaganda auf und laut Habermas verliert die Öffentlichkeit dadurch an politischer Substanz. Habermas beschreibt dies als einen erneuten Strukturwandel der bürgerlichen Öffentlichkeit, die fortan von den elektronischen Massenmedien beherrscht wird und von Bildern und einer virtuellen Öffentlichkeit geprägt ist.[65] Die Kommunikation erfolgt einseitig und die Rezipienten hören lediglich noch zu, finden aber keine Möglichkeit zur direkten Reaktion.[66] Durch Radio, Film und Fernsehen wird die Information bloß einseitig transportiert und das Verlangen sich für seine politischen Interessen und seine Meinung einzusetzen erlischt.[67] Habermas bescheinigt dieser neu strukturierten Öffentlichkeit eine Unanwendbarkeit und spricht von einer Forderungshaltung der Bürger, ohne eigentlich Entscheidungen durchsetzen zu wollen: „Die durch die Massenmedien erzeugte Welt ist Öffentlichkeit nur noch dem Scheine nach; aber auch die Integrität der Privatsphäre, deren sie anderseits ihre Konsumenten versichert, ist illusionär.“[68]

2.2.2) Funktion der Medien im Strukturwandel der Öffentlichkeit

Welchen Stellenwert und welche Funktionen die Medien in Habermas Werk der „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ einnehmen, soll im Folgenden näher untersucht werden. Das Werk erschien im Jahr 1990 in Form einer überarbeiteten Auflage, in der Habermas seine Aussagen auf die Zeit vor ca. 25 Jahren bezieht. Das Internet erfreute sich zu dieser Zeit noch keiner großen Beliebtheit bzw. war noch nicht in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen und somit nicht Untersuchungsgegenstand von Habermas. Im Folgenden werde ich also auch darauf eingehen, wie Habermas Theorien auf das neuste und stetig wachsende Medium anzuwenden sind und welche Funktion das Internet einnimmt. Dieser Teil wird allerdings im letzte Abschnitt der Arbeit noch ausgeweitet.

Habermas Theorie und seine Systemkritik, die er mit dem 1962 erschienen Werk aufstellt, basiert auf der Entwicklung der Medien und ihrem Gebrauch durch das Publikum. Habermas formuliert ausgehend von einem einsetzenden Wandel der Medien und einem stärkeren Gebrauch dieser den Zerfall einer in seinen Augen nahezu idealisierten Öffentlichkeit. In verschiedenen Phasen der Herausbildung der Öffentlichkeit nehmen die Medien unterschiedlich wichtige Funktionen und Bedeutungen ein. So beschreibt Habermas die Medien als Ursache für die Entwicklung einer politischen sowie bürgerlichen Öffentlichkeit, macht sie jedoch auch für den Untergang eben dieser verantwortlich.[69]

Als Ursprung und Wurzel der Medien führt Habermas den Wille zur Mitbestimmung und die Unzufriedenheit der Bevölkerung etwa mit politischen Entscheidungen der Regierung an. Er erklärt dies am Beispiel der politischen Entwicklung in England zum Ende des 18. Jahrhunderts.[70] Hier entstand eine Öffentlichkeit, die später durch das Aufkommen der Presse, Rundschreiben, Zeitungen und Zeitschriften zu einem Medium der Bürger wurde, sich mitzuteilen und zu urteilen. Angefangen hat dies in Form von Gesellschaften, die sich in Kaffeehäusern zum Debattieren trafen. Durch die sich schaffenden Medien wird der Öffentlichkeit der Raum entzogen und sie kann universell und zudem zeitlich unabhängig existieren. Ein Flugblatt transportiert auch noch am Folgetag des Drucks die selben Informationen und kann in gleichem Umfang die Bürger informieren. Die Medien tragen in der Zeit ihrer Entstehung also maßgeblich zur Aufklärung der Gesellschaft bei und darüber hinaus können sie Meinungen oder Sachverhalte festigen oder diese wiederlegen. Sie verstehen sich als frei und sind an keine großen Konzerne mit vorgegebener Struktur gebunden. Auch wenn in einigen europäischen Ländern später die Zensur einige der Blätter versuchte schwarz zu färben, zeichneten sich ihre Autoren durch ihren Willen und ihre Arbeitsweise aus.

Sie hatten die Informationsfunktion im Vordergrund ihrer Arbeit und schufen damit die Grundlage für einen öffentlichen Diskurs. Dies lässt sich jedoch lediglich auf einen frühen Entwicklungsstand der Zeitungen o.ä. beziehen, denn Habermas schreibt in seiner Originalauflage seines Werkes davon, dass er die aufkommende Geschäftspresse der 1830-er Jahre als einen Rückschritt und Einschnitt des öffentlich organisierten Publikums ansieht. Hier schreibt er, dass sich durch das Aufkommen dieser kommerzialisierten und geschäftlich organisierten Presse der Konsum von Unterhaltung an die Stelle der Information schiebt und sich das Publikum vom kulturräsonierenden zum kulturkonsumierenden Publikum wandelt.[71] Es lassen sich demnach verschiedene Funktionen der Medien im „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ feststellten:

Zum einen werden frühe Versammlungen und öffentlich geführte Debatten mediatisiert und somit für ein breiteres Publikum festgehalten und öffentlich gemacht. Später tragen eben diese weiterentwickelten Medien dazu bei, dass sich das Publikum seine Rezeptionsweise ändert und Kultur lediglich noch konsumiert. In seiner 1990 veröffentlichten Neuauflage von „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ gesteht Habermas sich jedoch ein, dass er Kritikunfähigkeit des Unterhaltung konsumierenden Publikums ein wenig überzeichnet hat.[72] Er schreibt, dass er das Massenpublikum zu undifferenziert betrachtet habe, bleibt jedoch bei der negativen Beurteilung der Wirkung, die die Massen- und Geschäftspresse auf die bürgerliche Öffentlichkeit hat.[73]

Habermas beschreib darüber hinaus den Verlust der Privatsphäre, durch den Verlust der Schutz der Familie.[74] Durch die Medien wird eine Intimsphäre aufgebaut, die nur noch scheinbar existiert und dazu führt, dass die Familie ihre Bedeutung verliert. Gesellschaftliche Verpflichtungen lösen sich zunehmende auf und es wird nicht mehr über Meinungen im Kreis der Familie diskutiert und eine Meinung gebildet. Die Meinung wird übernommen aus der Massenpresse.[75]

Angetrieben wurde die Entwicklung der Presse einige Zeit später durch die Entwicklung verschiedener Druckverfahren, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Ende kamen. Die durch das Schnelldruckverfahren neu entstandene Presse führte Ende des 19. Jahrhunderts schlussendlich zu einer vollständigen Politisierung des gesellschaftlichen Lebens.[76] Dadurch wird nach Habermas das Eindringen kapitalistischer Marktgesetze in die privaten Bereiche der Öffentlichkeit deutlich.[77] Die Entwicklung der Medien bis hin zu ihrer heutigen Erscheinungsweise lassen demnach das Räsonnement durch das Publikum vollends verloren gehen und sind letztlich durch geschäftsorientierte Selektion des Nachrichtenmaterials gekennzeichnet.[78] Habermas führt dazu eine Studie der DIVO an (1958)[79], die belegt, dass lediglich 40% der Tageszeitungsleser den Leitartikel und nur 52% der Leser sich über die aktuellen politischen Nachrichten informieren. Deutlich mehr Aufmerksamkeit erhält der Lokalteil der Zeitung und Berichte über Unglücksfälle, Lebensgeschichten und Verbrechen (etwa 86%). Zu dieser Zeit bemängelt Habermas bereits die Reichweite der Zeitung und der Zeitschriften.

Medien mit Bild-und Toninhalten verdrängen die klassischen Medien zunehmend und neben der Aufbereitungsform der Nachrichten ist auch die Auswahl dieser eine andere, als die der Zeitungen und Zeitschriften. „Das Räsonnement verschwindet hinter dem Schleier der intern getroffenen Entscheidungen über Selektion und Präsentation des Materials.“[80], lautet der Originalwortlaut von Habermas. Im weiteren Verlauf kritisiert Habermas, dass sich besonders viele Menschen von dem neuen Medium Fernsehen oder dem Rundfunk beeinflussen lassen und, dass eine Initialgruppe die Etablierung der neuen Medien in der westlichen Gesellschaft besonders schnell vorantreibt. Er spricht hier nicht von einer bildungsfernen Unterschicht und auch nicht von der etablierten Bildungsschicht. Er beschreibt die Gruppe an Menschen, als eine „im Aufstieg begriffenen Gruppe, deren Status noch der kulturellen Legitimierung bedarf.“[81] Er stellt heraus, dass durch die Etablierung des Mediums in der eben skizzierten Gesellschaftsschicht ein Übergriff des Mediums in höhere soziale Schichten zur Folge hat.[82] Von dort aus bahnt es sich seinen Weg in die niederen Schichten. Habermas erklärt auch diesen Sachverhalt mit einem historischen Vergleich. Sein Schluss ist, dass das Publikum seine spezifische Kommunikationsform einbüßt, da sich gewisse Gesellschaftsklassen zwischen dem Bürgertum und den ungebildeten Schichten isoliert und ohne gesellschaftliche Aufgabe und Relevanz fühlen.[83]

Die Veränderung des Publikums von einem kulturräsonierenden zu einem kulturkonsumierenden brachte laut Habermas auch eine größere Integrationskultur hervor. Er beschriebt damit, die Integration von politischen Inhalten oder Meinungen in Form von Werbung und schreibt der Öffentlichkeit die Funktion der Werbung zu.[84] Dies wirkt sich, wie im Folgenden in besonderer Weise auf die Gestaltung von Politik und Gesellschaft aus.

Die Verbindung von Medien und Staat

Habermas setzt die Medien auch in Verbindung mit dem Staatswesen und schreibt ihnen in Bezug auf das gesellschaftliche Zusammenleben und die Ausgestaltung des politischen Systems besondere Funktionen zu:

Durch öffentlichkeitswirksame Darstellungen in Form von politischer Werbung entziehen die Medien dem Staat in gewisser Weise seine Legitimationsgrundlage. Durch eine massenmediale Aufbereitung politischer Sachverhalte, kommt es zu einer verzerrten Wahrnehmung des Publikums. Die Medien, die sich anfangs aus dem räsonierenden Publikum formierten, um einen Staat zu erschaffen, der von dem Volk gewollt und durch die Medien publik gemacht wurde, stehen heute z.T. unter staatlicher Aufsicht oder werden aber durch ökonomische Faktoren von der Wirtschaft stark beeinflusst.[85] Dadurch wird eine Trennung von Staat und Gesellschaft vollzogen, die an dem Wort Öffentlichkeitsarbeit gut nachvollzogen werden kann: Laut Habermas muss hier erst eine Öffentlichkeit geschaffen werden und somit eine Zustimmungsbereitschaft produziert werden.[86]

Parteien sprechen Wahlversprechen aus, die von den hauptberuflichen Politikern bzw. Parteien umgesetzt werden müssen und nicht wie früher von oftmals ehrenamtlich aktiven Politikern in eigenem Interesse umgesetzt wurden. Durch das Zusammenbrechen der bürgerlichen Öffentlichkeit und das Aufkommen der Massenpresse, änderten sich auch die Strukturen der Parteien. Bis heute haben sich die Parteien zu national organisierten Institutionen mit eigenem Bürokratisierungsapparat entwickelt, die es sich als Hauptaufgabe gemacht haben, die breite Masse der Wählerschaft abzugreifen. Hier entstand erste Propaganda und die Medien waren von wichtiger Funktion in Bezug auf die politische Meinungsbildung.[87] Die Parteien sind Instrumente der Willensbildung, aber nicht in der Hand derer, die sie wählen, sondern von denen die sie leiten.[88] Aus diesem Grund sind die Abgeordneten auch fraktionsgebunden und durch Verhandlungen hinter verschlossenen Türen verliert die Publizität ihre kritische Funktion. Das Parlament wird durch Rundfunk und Fernsehen zwar zur politischen Bühne eines ganzen Landes, ist aber nur scheinbar so öffentlich und jedem Bürger zugänglich und verständlich.[89] Habermas schreibt dazu: „Der neue Status des Abgeordneten ist nicht länger durch die Teilhabe an einem allgemein räsonierenden Publikum charakterisiert.“[90] Die Medien haben hier nach Habermas eine wichtige Funktion bezogen auf den Funktionswandel des Parlaments. Die Publizität, die kritisch sein sollte ist auch hier zu einer konsumorientierten Publizität verkommen. Einer der Gründe und Bestandteile des Funktionswandels des Parlaments ist hierbei, dass die bürgerliche Mitte die Politiker nicht mehr in sich trägt oder diese hervorbringt, und das Parlament somit auch nicht mehr Teil der gesellschaftlichen Mitte ist.[91]

Sichtbar wird dies z.B. anhand von Gerichtsurteilen oder anderen juristischen Vorgängen: Es wird hierbei lediglich auf die Brisanz des diskutierten Falls Wert gelegt, nicht aber auf eine bloße Dokumentation des Falls für die breite Öffentlichkeit.[92] Zu beobachten ist das dies auch bei Debatten im Parlament, die für die Öffentlichkeit übertragen werden und somit laut Habermas zur Show stilisiert werden.[93]

Ein weiterer Faktor, der damit einhergeht, ist die Entwicklung einer unmittelbaren Öffentlichkeit. Habermas beschreibt das Phänomen wie folgt: Dadurch, dass dem Bürger ein öffentlicher Zugang z.B. zu einer Gerichtsverhandlung gewährt wird, wird die Verhandlung als öffentlich deklariert. Medienvertreter werden jedoch immer öfter ausgeschlossen, womit der Voyeurismus, der die konsumorientierte Presse charakterisiert, unterbunden werden soll. Gesichter und Menschen hinter den Taten sollen nicht im Vordergrund der Berichterstattung stehen. Diese Reaktion zur Wiedereinsetzung der Öffentlichkeit in ihrer früheren Funktion, bei der das reine Informationsbedürfnis im Vordergrund stand, führt dazu, dass ihre weiteren Restfunktionen jedoch nur noch geschwächt werden.[94] Hier beschneidet der Staat die Medien in ihrer Funktion, die in der Verfassung eines Sozialstaats festgeschrieben ist: eine Meinungs- und Willensbildung frei zu ermöglichen und zu fördern.[95] Die Korrektiv- und Kritikfunktion der Medien kann so nur in dem ihr gelassenen Umfang stattfinden.

[...]


[1] Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Frankfurt a.M. 1990

[2] Interview mit dem Youtuber Le-Floid vom 13.07.2015: https://www.youtube.com/watch?v=5OemiOryt3c und https://www.facebook.com/Bundesregierung

[3] Zitat nach: Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Frankfurt a.M. 1990. Klappentext

[4] Zitat nach: Habermas, Jürgen: Die neue Unübersichtlichkeit. Frankfurt a.M. 1985 S.207

[5] Habermas, Jürgen: Theorie des kommunikativen Handelns. Frankfurt am Main. 1981

[6] Vgl.: Wiggershaus, Rolf: Jürgen Habermas. Hamburg. 2004. S. 7

[7] Vgl.: Habermas, Jürgen: Kleine politische Schriften. (I-IV). Frankfurt a.M. 1981

[8] Vgl.: Habermas, Jürgen: Zwischen Naturalismus und Religion. Philosophische Aufsätze. Frankfurt a.M. 2005. S. 21

[9] Vgl.: Ebd.: S. 17

[10] Vgl.: Greve, Jens: Jürgen Habermas. Eine Einführung. Stuttgart. 2009. S. 10

[11] Heidegger, Martin: Einführung in die Metaphysik. München. 1935, S. 152.

[12] Zitat nach: Habermas, Jürgen. 1981. S. 469

[13] Habermas, Jürgen: Mit Heidegger gegen Heidegger denken: In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 170, 25 Juli 1953

[14] Vgl.: Wiggershaus, Rolf: 2004. S. 30

[15] Vgl.: Ebd.: S. 33

[16] Habermas, Jürgen; Friedeburg, Ludwig von; u.a.: Student und Politik. Eine soziologische Untersuchung zum politischen Bewusstsein Frankfurter Studenten. Frankfurt. 1961.

[17] Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt a. M. 1962.

[18] Vgl.: Greve, Jens: 2009. S. 14

[19] Habermas, Jürgen: Erkenntnis und Interesse. Frankfurt a.M. 1968

[20] Habermas, Jürgen: Technik und Wissenschaft als Ideologie. Frankfurt a.M. 1969

[21] Vgl.: Habermas, Jürgen: Protestbewegung und Hochschulreform. Frankfurt a.M. 1969. S. 8 / 11 / 131

[22] Vgl.: Ebd.: S. 15

[23] Vgl.: Greve, Jens: 2009. S. 17

[24] Habermas, Jürgen: Legitimationsproblem im Spätkapitalismus. Frankfurt a.M. 1973

[25] Habermas, Jürgen: Zur Rekonstruktion des Historische Materialismus. Frankfurt a.M. 1976

[26] Habermas, Jürgen: Theorie des Kommunikativen Handelns. Frankfurt a.M. 1981

[27] Vgl.: Greve Jens: 2009. S. 17

[28] Habermas, Jürgen: Die Zukunft der menschlichen Natur. Frankfurt a.M. 2001

[29] Habermas, Jürgen: Zwischen Naturalismus und Religion. Philosophische Aufsätze. Frankfurt a.M. 2005.

[30] Habermas, Jürgen: Wahrheit und Rechtfertigung, kommunikatives Handeln und Detranszendentalisierte Vernunft. Frankfurt a.M. 2001

[31] Vgl.: Greve, Jens: 2009. S.19

[32] Vgl.: Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Frankfurt a.M. 1990. S. 225

[33] Vgl.: Habermas, Jürgen: Öffentlichkeit. Ein Lexikonartikel in: der. Kultur und Kritik. Verstreute Aufsätze Frankfurt a.M. 1964. S. 61 – 69 (hier S. 61)

[34] Vgl.: Habermas, Jürgen: 1962. S. 54-55

[35] Vgl.: Ebd.: S. 56

[36] Vgl.: Ebd.: S. 60

[37] Vgl.: Habermas, Jürgen: 1964. S. 60

[38] Vgl.: Habermas, Jürgen: 1990. S.86

[39] Vgl.: Ebd.: S.87

[40] Vgl.: Ebd. S. 98

[41] Vgl.: Ebd.: S. 76

[42] Vgl.: Ebd. S. 90

[43] Vgl.: Ebd.: S. 93 / 95 / 96

[44] Vgl.: Ebd. S. 77

[45] Vgl.: Ebd. S. 116

[46] Vgl.: Ebd. S. 306 ff.

[47] Vgl.: 171 ff.

[48] Vgl.: Ebd. 323

[49] Vgl.: Ebd. S. 121

[50] Vgl.: Ebd. S. 86 / 323

[51] Vgl.: Ebd. 119 f.

[52] Vgl.: Ebd. S. 323

[53] Prokop, Dieter: Der Kampf um die Medien. Das Geschichtsbuch der neuen kritischen Medienforschung. Hamburg. 2001. S.140

[54] Vgl.: Habermas, Jürgen: 1990. S. 225

[55] Vgl.: Ebd. S. 226

[56] Vgl.: Ebd. S.242

[57] Vgl.: Ebd. S. 241

[58] Vgl.: Ebd. S .250

[59] Vgl.: Ebd. S. 45

[60] Vgl.: Ebd. S. 246

[61] Vgl.: Ebd. S. 268

[62] Vgl.: Ebd. S. 272 / 295

[63] Vgl.: Ebd. 290

[64] Vgl.: Ebd. S. 337

[65] Vgl.: Ebd. S.300

[66] Vgl.: Ebd. 261

[67] Vgl.: Ebd. S.226

[68] Vgl.: Ebd. S. 261

[69] Vgl.: Ebd. S. 28

[70] Vgl.: Ebd. S. 122

[71] Vgl.: Ebd. S.246

[72] Vgl.: Ebd. S.30

[73] Vgl.: Ebd. S.30

[74] Vgl.: Ebd. 262

[75] Vgl.: Ebd. S. 251 ff.

[76] Vgl.: Ebd. S. 14

[77] Vgl.: Ebd. S. 258 - 259

[78] Vgl.: Ebd. S. 248

[79] DIVO: Der westdeutsche Markt in Zahlen, Frankfurt 1958. S. 145 ff.)

[80] Zitat nach: Ebd. S. 259

[81] Zitat nach: Ebd. S. 265

[82] Vgl.: Ebd. S. 265

[83] Vgl.: Ebd. S.265-266

[84] Vgl.: Ebd. 267

[85] Vgl.: Habermas, Jürgen: 1990. S. 274 ff. und 297 ff.

[86] Vgl.: Ebd. S. 300

[87] Vgl.: Ebd. S. 302

[88] Vgl.: Ebd. S. 303

[89] Vgl.: Ebd. S. 305 ff.

[90] Vgl.: Ebd. S. 305

[91] Vgl. Ebd. S. 306

[92] Vgl.: Ebd. S. 307

[93] Vgl.: Ebd. S. 307

[94] Vgl.: Ebd. S. 309

[95] Vgl.: Ebd. S. 309 ff.

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Jürgen Habermas im Kontext des heutigen Mediensystems. Die Funktion der Medien im Strukturwandel der Öffentlichkeit
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Autor
Jahr
2015
Seiten
51
Katalognummer
V320285
ISBN (eBook)
9783668195035
ISBN (Buch)
9783668195042
Dateigröße
640 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jürgen Habermas, Funktion der Medien im Strukturwandel der Öffentlichkeit, Öffentlichkeit, Strukturwandel, Soziologie, Philosoph, Frankfurter Schule, Medien, Medienlandschaft
Arbeit zitieren
Jannik Nitz (Autor), 2015, Jürgen Habermas im Kontext des heutigen Mediensystems. Die Funktion der Medien im Strukturwandel der Öffentlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320285

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