Ist die Manipulation von KIndern und Jugendlichen in der pädagogischen Arbeit moralisch vertretbar? Eine Antwortsuche mit Hilfe von Kant


Essay, 2016
7 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

1a) Betrachtet man Menschen in ihrem alltäglichen Leben, so stellt man schnell fest, dass fast alle von ihnen versuchen, ihre Interessen gegenüber anderen durchzusetzen und so ihre Ziele zu erreichen. Dies ist kann in unterschiedlich starker Ausprägung geschehen, abhängig von der individuellen Persönlichkeit des einzelnen und vom situativen Kontext: Für den einen ist es wichtiger, anderen keine Probleme zu bereiten, während es für den Kollegen vertretbar erscheint, sich früh ins Wochenende zu verabschieden und den anderen mit der Arbeit allein zu lassen. Eine Mutter nimmt es vielleicht achselzuckend hin, wenn der Nachbar zum mehrfach die Kehrwoche vergisst, diskutiert jedoch mit der Lehrerin ihres Kindes erbittert über eine als ungerecht empfundene Note. Unabhängig von der Ausprägung scheint das Durchsetzen der Eigeninteressen eine natürliche menschliche Handlung zu sein. Dies tritt bereits im frühen Kindesalter zutage, denkt man beispielsweise an das Süßigkeitenregal im Supermarkt, vor welchem Kinder ihren Willen mittels Quengeln und Geschrei durchsetzen wollen. Beinahe jeder greift bei dem Versuch, seine Interessen durchzusetzen, auch zu Mitteln, die zwar zielführend sind, aber negative Begleiterscheinungen mit sich bringen: Die Mutter erreicht vielleicht bei der Lehrerin eine Verbesserung der Note, gilt aber fortan im Lehrerkollegium als Störenfried, während das Kind glaubt, die Mutter werde schon immer „die Kohlen aus dem Feuer holen“. Auch wenn dieses Beispiel nur eine Mutmaßung ist, verdeutlicht es, dass beim Durchsetzen von Eigeninteressen zumeist im Vordergrund steht, einen Zweck zu erreichen, welcher dann die Mittel heiligt. Da es sich hierbei um ein zutiefst menschliches Phänomen handelt, sind nicht demnach auch alle Menschen davon betroffen.

1b) Im Besonderen gilt dies aber für die Arbeit mit Menschen, also die pädagogische Arbeit. Was anderem dient denn z.B. eine Verhaltensmodifikation nach Skinner als dem Erreichen eines gewünschten Verhaltens, also auch dem Eigeninteresse? In pädagogischen Berufen stellt man sich häufig die Frage, wie ein gewünschtes Verhalten beim Gegenüber erreicht werden kann. Dies dient sicherlich nicht immer nur dem Gegenüber, sondern, und hier kommen wir an einen problematischen Punkt, auch dem/der pädagogisch Tätigen. Der Grat zur Manipulation anderer, um sein pädagogisches Ziel zu erreichen - welches zudem nicht immer aus moralisch einwandfreien Gründen zum Ziel wird - ist, dies soll weiter unten gezeigt werden, schmal. Dennoch ist dabei auch die Frage zu stellen, ob eine moralisch bedenkliche Handlung nicht doch zu rechtfertigen ist, wenn das durch die erreichte Ziel großen Nutzen bringt?

Um das der Überschrift bereits angedeutete Beispiel aus dem sozialpädagogischen Berufsalltag zu konkretisieren: Darf ich ein Kind aus der Gruppe, das von den anderen als Leitfigur angesehen wird, so manipulieren, dass es sich für unsere Angebote begeistert und damit die anderen Kinder ansteckt, die sich von uns SozialarbeiterInnen allein nicht begeistern lassen? Darf ich dieses Kind zu meinem Zweck gebrauchen, damit es mir und meinen KollegInnen die Arbeit erleichtert, auch wenn ich weiß oder zumindest glaube, dass es ihm und auch den anderen Kindern am Ende zum Besten gereicht, wenn es das Angebot mit Spaß und Interesse annimmt?

Im vorliegenden Essay soll nun versucht werden, diese Fragen mithilfe von Kants Überlegungen zum Kategorischen Imperativ zu beantworten, welchen er in seiner „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ 17851 entwickelt hat. Wie oben dargelegt, handelt es sich bei der Beeinflussung Anderer zur Durchsetzung und Wahrung der Eigeninteressen um ein allgemein menschliches Problem, auf welches auch durch einen allgemeinen moralischen Leitfaden geantwortet werden kann, der von Kant unter Berücksichtigung der menschlichen Verfassung, ihrer Probleme und ihres Potenzials, entwickelt wurde.

2a) Kant beginnt seine Überlegungen zunächst damit, dass einzig und allein die Absicht zu einer Handlung gänzlich gut sein kann (und soll), jedoch das, was das davon realisiert wird, nie uneingeschränkt gut ist. Er schlussfolgert daraus, dass eine gute Absicht - oder ein guter Wille, um seine Wortwahl beizubehalten - auch dann eine gute Absicht ist, wenn dessen Ergebnis nicht wie gewünscht, also gut, ausfällt. Oder, um es kürzer zu formulieren: Der gute Wille ist für ihn wichtiger und wertvoller als das Ergebnis. Mit dieser Priorisierung des guten Willens geht für Kant einher, dass eine Handlung nur dann wertvoll und moralisch einwandfrei ist, wenn sie gänzlich ohne Berücksichtigung eines möglichen Ergebnisses geschieht. Damit ist hierbei nicht nur ein fassbares Resultat gemeint, sondern auch die daraus resultierenden Gefühle für den Handelnden. Kant kritisiert jegliche Form der Wohltätigkeit aus Neigung: Hofft der Handelnde, bei seiner Wohltätigkeit Freude zu empfinden, sei es, weil er gerne gebraucht wird oder die damit einhergehende Anerkennung von außen bezweckt, so ist diese Wohltätigkeit für Kant von deutlich geringerem moralischen Wert als eine Wohltätigkeit, die nach dem biblischen Gebot, seine Feinde zu lieben, handelt. Zu Letzterer ist eine größere Überwindung nötig, welche nur durch Pflichtgefühl und dem unbedingten Willen, zu helfen, geleistet werden kann, da keinerlei positive Wirkung für den Handelnden selbst davon erwartet werden kann. Um den Menschen eine Richtschnur an die Hand zu geben, sich ihrem Willen gemäß gut zu verhalten, versucht Kant, ein Gesetz zu formulieren, nach welchem der Wille, obwohl es der individuelle Wille eines jeden einzelnen ist, immer die Absicht haben muss, wohltätig gegenüber anderen zu handeln. Unsere Mitmenschen, so Kant, haben dabei immer ihren Zweck in sich selbst und dürfen niemals dazu gebraucht werden, unsere Neigungen durch sie zu befriedigen oder unsere Ziele durch sie zu erreichen. Das Gesetz, das Kant zu finden bzw. zu formulieren versucht, hat den menschlichen Willen im Fokus, da auf diese Art und Weise alle weiteren Gesetze hinfällig wären. Menschen handeln für gewöhnlich deshalb gut und richtig, weil sie es müssen, um die Grenzen der Legalität nicht zu übertreten. Kants Bestreben ist aber, ein einziges allumfassendes Gesetz zu formulieren, nach welchem Menschen automatisch gut handeln, weil sie es aus sich selbst heraus (und nicht aufgrund äußerer Einflüsse) wollen. Nur so kann der Mensch zu freiem und eigenständigem Denken, zum „Sapere aude!“ der Aufklärung, fähig sein, welches die Basis der menschlichen Würde bildet. Das aus diesen Überlegungen abgeleitete Gesetz, das uns bis heute als Kants Kategorischer Imperativ bekannt ist, lautet schließlich folgendermaßen: „handle so, als ob deine Maxime zugleich zum allgemeinen Gesetze […] dienen sollte.“ (Kant: Grundlegung, S. 6). Dies ist im Grunde eine Reformulierung und Weiterführung der aus der biblischen Bergpredigt bekannten Goldenen Regel: „Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch.“2 Andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte, wird also schon in der Bibel als moralischer Leitfaden den Menschen an die Hand gegeben. Kant macht daraus nun ein noch allgemeineres Gesetz, das nicht den Menschen und seine Neigungen, sondern den Willen als einzigen Kompass ins Zentrum rückt. Wenn ich mich nur bei jeder Handlung frage, ob ich wollen kann, dass ein jeder genau so handelt, dann genügt dies als einziges Gesetz, um moralisch zu handeln. Muss ich diese Frage bei einer spezifischen Handlung mit „nein“ beantworten, so ist diese schlecht, kann ich sie hingehen bejahen, also wollen, dass sie ein Gesetz werde, nach welchem jeder handelt, so ist sie gut.

Einen wesentlichen Unterschied, den Kant zum Abschluss seiner Überlegungen noch hervorhebt, ist jener zwischen einer klüglichen und einer pflichtmäßigen Tat: So gibt es viele Handlungen, die zumindest auf den ersten Blick klüglich, also schlau, erscheinen. Doch erstens sind sie dies bei zweitem Hinsehen, nämlich unter Betrachtung der weitreichenden Konsequenzen häufig nicht und zweitens sind sie in vielen Fällen auch keineswegs pflichtmäßig. Was dies für unseren konkreten Fall bedeutet, soll im nächsten Punkt genauer untersucht werden.

2b) Versucht man, die hier zu untersuchende Kernfrage mittels Kants Überlegungen zu beantworten, so zeigen sich bereits zu Beginn Diskrepanzen zwischen Kants Darlegungen und der Verhaltensweise der Manipulation von Kindern und Jugendlichen zur Arbeitserleichterung. Kant unterstreicht die große Bedeutung der richtigen Absicht, die für ihn immer wichtiger ist als das daraus resultierende Ergebnis. Im konkreten Fallbeispiel hingegen steht das Ergebnis im Vordergrund: Bei der Art der Handlung wird nicht primär die Absicht reflektiert, sondern darauf abgezielt, weniger Mühe zu haben, die anderen Kinder zum Mitmachen zu animieren, was dann gewährleistet ist, wenn man sich nur Mühe gibt, dem Anführer der Gruppe das Angebot besonders attraktiv zu machen. Anschließend, so weiß man, wird dieser es den anderen als cool und Spaß bringend vermitteln und so unwissentlich zur Arbeitserleichterung beitragen. Man könnte nun argumentieren, dass hierbei einem Kind doch besonders viel Aufmerksamkeit zuteil wird, es also in einen verstärkten Genuss von Wohltätigkeit kommt und somit lediglich seiner Wichtigkeit in der Gruppe Rechnung getragen wird. Diese Wohltätigkeit aber ist, argumentiert man mit Kant, von eindeutig geringerem moralischen Wert, geschieht sie doch aus niederen Beweggründen wie Neigung. Es gibt keine Pflicht, die mich als Sozialarbeiterin zu dieser vermeintlich wohltätigen Handlung veranlasst, sondern einzig und allein die Freude darüber, mich weniger abmühen zu müssen. Bei genauerer Betrachtung der in 2a) dargelegten Argumente fällt auf, dass in unserem Fallbeispiel genau das passiert, was Kant scharf kritisiert: Eine Person, hier das Kind als Leitfigur, hat bei dieser Handlung keinen Zweck in sich, sondern wird viel mehr als Mittel zum Zweck des Animierens der anderen Kinder gebraucht.

Versucht man, noch bevor man auf Kants Kategorischen Imperativ zu sprechen kommt, das konkrete Beispiel mithilfe der Goldenen Regel zu beantworten, so wird klar, weshalb Kant seine Reflexionen weitergeführt und allgemeiner zu formulieren gesucht hat. Die Goldene Regel besagt, ich solle andere so behandeln, wie ich selbst von ihnen behandelt werden will. Nun ist dies aber eine sehr indivuelle und subjektive Betrachtungsweise. Womöglich findet eine andere Sozialarbeiterin den Gedanken schrecklich, heimlich von ihren Mitmenschen als Hilfsmittel benutzt zu werden, und wird dementsprechend auch mit den Personen, mit denen sie arbeitet, nicht so verfahren. Ich hingegen kann mich möglicherweise gut mit dem Gedanken arrangieren, anderen eine Hilfe zu sein und würde mich wichtig und gebraucht fühlen, wenn mit die Rolle angetragen wird, andere zu begeistern. Dies geht Kant nicht weit genug, weshalb versucht werden soll, die Frage mittels seiner Herangehensweise zu lösen.

[...]


1 Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten [1785]. Werke in zehn Bänden, hrsg. v. Wilhelm Weischedel. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1983, Bd 6, in Ausschnitten. Primärzitate werden im weiteren Verlauf der Arbeit in Klammern im Fließtext unter der Abkürzung Kant: Grundlegung kenntlich gemacht.

2 Die Bibel, Matthäusevangelium 7,12.

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Ist die Manipulation von KIndern und Jugendlichen in der pädagogischen Arbeit moralisch vertretbar? Eine Antwortsuche mit Hilfe von Kant
Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart, früher: Berufsakademie Stuttgart
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
7
Katalognummer
V320824
ISBN (eBook)
9783668200609
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
manipulation, kindern, jugendlichen, arbeit, eine, antwortsuche, hilfe, kant
Arbeit zitieren
Melissa Kollek (Autor), 2016, Ist die Manipulation von KIndern und Jugendlichen in der pädagogischen Arbeit moralisch vertretbar? Eine Antwortsuche mit Hilfe von Kant, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320824

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