Einführung in den Kalām. Definition und geschichtliche sowie theologische Hintergründe


Hausarbeit, 2015

34 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Definitionen

Woher stammt die Bezeichnung kalām?

Koranverse und aḥadīṯ

Im Zeitalter der Glückseligkeit

Die Ära der ersten Denkströmung

Die Geburt der kalām-Wissenschaften durch die Muʿtazilah

Die Mutakallimūn der Ahlu s-Sunnah

Theologische Schulen

Der neuzeitige ʿilmu l-kalām

Literaturverzeichnis

Vorwort

Die vorliegende Arbeit soll einen historischen sowie grob theologischen Einblick in den kalām darbieten. Zu Anfang begnügen wir uns mit einer dreistufigen Definition: linguistisch, thematisch und intensional. Danach folgt die historische Entstehung und Entwicklung des ʿilmu l-kalām in intensiver Anlehnung an die Geschichte der Muʿtazilah. Wichtig war dabei zu klären, welche Themen den Diskurs dieser Wissenschaft beherrschten und noch beherrschen und auch, weshalb diese ganz zu Anfang Eingang fanden. Hiermit wurde gleichwegs auch die Existenzberechtigung derselben bewiesen. Da der historische Hintergrund aber meist markante Ideen einzelner Schulen zur Folge hatte, schien es sinnvoll beide, sowohl die Entstehung der jeweiligen Schule als auch ihre Lehren, gemeinsam aufzuführen. Bei den orthodoxen Schulen finden sich Tabellen mit wichtigen Persönlichkeiten und ihren zu dieser Wissenschaft verfassten Werke. Abschließend werden im Lichte der Abhandlung „Muḥaṣṣal“, jene, die dem osmanischen Großgelehrten Ibrāhīm Ḥaqqi Izmirli zugeschrieben wird, die neuen Herausforderungen des ʿilmu l-kalām festgestellt.

Möge Allāh diese Arbeit nützlich für all ihre Leser machen.

Definitionen

Was ist kalām? Woher stammt die Wissenschaft? Warum wurde sie so genannt? Alle diese Fragen sind wichtig und können zweifelsohne für eine Einführung mit dem Terminus kalām selbst geklärt werden. Denn der Begriff verrät viel über die Intention dieser Wissenschaft, und auch über deren Entstehen. Im Folgenden sollen die verschiedenen Fasetten dieser Wissenschaft aufgeführt werden:

1. Linguistische Bedeutung
Rein sprachwissenschaftlich bedeutet kalām soviel wie Rede, Wort, Gespräch, Erklärung, Unterhaltung, Debatte, Disput.[1] Es kann aber auch verletzen oder beeinflussen bedeuten.[2]

2. Thematische Bedeutung

Imām al-Gazzālī (gest. 505/1111) und seine Gefolgsleute[3] formulierten ʿilmu l-kalām entsprechend seines Inhalts wie folgt: (ʿilmu l-kalām) thematisiert das Sein im Zusammenhang mit (seiner) Existenz.[4]

Imām Sayyid Šarīf Ǧurǧānī (gest. 816/1413) hingegen preferiert folgende Definition: „Kalām ist die Wissenschaft, die sich mit dem Wesen und den Attributen Allāhs und mit den diesseitigen und jenseitigen Zuständen der Geschöpfe auf Grundlage des islamischen Gesetzes (Offenbarung) beschäftigt.“[5]
Der letzte Aspekt, und zwar […] auf Grundlage des islamischen Gesetzes, ist ein Charakteristikum, das diese Wissenschaft von der Philosophie unterscheidet. Denn thematisiere letztere auch die Existenz des Schöpfers und spreche über die diesseitigen und jenseitigen Zustände der Geschöpfe, so doch nicht auf Grundlage der Offenbarung, sondern vielmehr auf der der Vernunft. Der kalām hingegen erklärt die Zustände der Geschöpfe durch das islamische Gesetz, d.h. durch absolut feststehende Grundlagen des Islāms wie die Sendung von Propheten und Büchern und die Wiederauferstehung nach dem Tode etc. Die Gesetze des waḥy (Offenbarung) schützen den Verstand vor (möglichen) Fehlern. ʿilmu l-kalām dient dazu alle Diskussionen auf den Prinzipien der Religion zu vollziehen. Während die Philosophie, welche durchdrungen ist von der begrenzten Reichweite der Ratio, eindeutige Urteile der Religion verwirft, ist der kalām nicht oppositionell gestimmt, vielmehr in Harmonie mit den Urteilen vereinbar.[6]

3. Intensionale Bedeutung

Nach ibn Ḫaldūn (gest. 808/1406) hat ʿilm al-kalām zur Aufgabe, die vom īmān stammende ʿaqīdah mit rationalen Beweisen zu belegen und die (herätischen) Ideen der vom Weg der ersten Muslime und dem der Ahlu s-Sunnah wa l-ǧamāʿah Abgekommenen, zu widerlegen.[7] Kürzer und prägnanter ausgdrückt können wir sagen, wie auch Imām at-Taftazānī (gest. 791/1388) erklärt: „(Kalām ist,) mit klaren Beweisen die religiösen Glaubensgrundlagen zu wissen.“[8]

Aus den Definitionen geht hervor, dass es sich in dieser Wissenschaft stets um das Beweisen der Glaubensgrundlagen, die zu erlernen die Pflicht eines jeden Gläubigen ist, handelt. Der Drang und das Bemühen den eigenen Glauben apriori[9] zu belegen, kann den folgenden fünf Zwecken entnommen werden:

1. Durch ʿilm al-kalām soll der Mensch nach (der Stufe des) taqlīd (Nachahmung), einen unerschütterlichen īmān erlangen.
2. Jene, die die Wahrheit suchen, sollen mit unzweifelhaften Beweisen überzeugt und die Obstinaten mundtot gemacht werden.
3. Die ʿaqīdah soll vor Erschütterung verteidigt werden, die durch Zweifel der Ahlu bāṭil verursacht wird.
4. Alle islamischen Wissenschaften berufen sich auf den kalām, denn dieser fungiert für alle anderen als Fundament. Würde Allāhs Existenz, die Wahrhaftigkeit des Prophetentums und die göttlichen Bücher nicht als wahr erwiesen werden, so hätten alle anderen Wissenschaften wie tafsīr, ḥadīṯ, fiqh etc. keine Legitimation.
5. Sie berichtigt die Intention der Menschen in ihren Taten und stärkt ihren Glauben.[10]

Woher stammt die Bezeichnung kalām?

Da sich die Wissenschaft des kalām mit glaubenbezüglichen Aspekten beschäftigt, wurde sie zuweilen auch al-fiqhu l-akbar (das größte Wissen), ʿilmu uṣūlu d-dīn (die Wissenschaft der Prinzipien der Religion), ʿilmu t-tawḥīd wa ṣ-ṣifāt (die Wissenschaft über die Einheit Allāhs und über seine Attribute), ʿilmu l-ʿaqāʾid (die Wissenschaft der Glaubensgrundlagen) genannt.

Es gibt eine Vielzahl an Deutungsansätzen, die ergründen, weshalb ʿilmu l-kalām ausgerechnet diesen Namen trägt:

1. Aufgrund dessen, dass die alten kalām-Gelehrten ihre Themen mit der Überschrift (al-kalām fī kaḏā) einleiteten, wurde ihr dieser Name zugeteilt. Ungeachtet dessen, dass das Thema nicht mehr auf diese Weise eingeleitet wird, blieb der Name dennoch unverändert.
2. Das wichtigste und berühmteste Thema des ʿilmu l-kalām war kalām Allāh. Die berühmtesten Themen dabei waren, ob der Koran erschaffen sei und ob die Angelegenheit der Urewigkeit und des Erschaffen-Seins. In dieser Angelegenheit wurden viele Diskussionen geführt. Es wird überliefert, dass Maʾmūn und einige andere abbasitischen Kalifen, die der muʿtazilitischen maḏhab angehörten, viele Gelehrten deshalb folterten, da diese die Meinung von der Erschaffenheit des Korans nicht signierten. Und weil das Thema des kalām Allah die berühmteste Streitfrage darstellte, wurde der Begriff kalām zum Namen dieser Wissenschaft.
3. Während andere Wissenschaften durch das Lesen von Büchern und Kontemplation funktionieren können, braucht diese Wissenschaft das Sprechen, d. h. zwei Parteien, die miteinander im verbalen Autausch stehen. Aus diesem Grund wurde sie kalām (Rede) genannt.
4. Viele Belege aus der Offenbarung (naklî deliller) werden durch klare, rationale Beweise gestärkt und erzeugen im Herzen so eine starke Wirkung, dass dieses diese aufnimmt. Aus diesem Grund wurde sie kalām genannt, denn sie vom Wort kalm stammt, was verletzen bedeutet. Kalām stammt vom Begriff kalm ab, was verletzen bedeutet, und erhielt aus diesem seinen heutigen Namen.
5. Möglicherweise erhielt diese Wissenschaft auch deshalb ihren Namen, weil die Anhänger derselben dort kalām betrieben (sprachen), wo die die salaf-Gelehrten schwiegen.[11]

Koranverse und aḥadīṯ

Die Wissenschaft des kalām beschäftigt sich fast ausschließlich mit Allāh und seinen Attributen. Wie oben aufgeführt, ist dies auch der Grund für einen seiner vielen Bezeichnung gewesen, ʿ ilmu t-tawḥīd wa ṣ-ṣifāt. Um ihn also zu legitimieren bedarf es verschiedener Belege aus den Primärquellen des Islām. Da der kalām an die Offenbarungstexte gebunden ist und diese den Theozentrismus im Menschen postulieren, scheint es angebracht zuerst entsprechende Verse über die natürliche Fähigkeit des Gottglaubens als Beweise anzuführen. Danach werden Verse, die aposteriorische[12] Methoden anführen, aufgezeigt, um zu beweisen, dass der Mensch mithilfe der äußeren Sinnenwelt und durch aufrichtige Kontemplation auf die göttliche Existenz schließen kann. Bereits der Koran fordert ihn auf, Naturphänomene als Zeichen für Gottes Existenz anzuerkennen und in die eigene Argumentation einfließen zu lassen. Darüber hinaus gibt der Koran aufschluss darüber, wie diskutiert werden soll, mit Weisheit nämlich. Die weise Diskussion im Islām bedeutet aber eine wahre und konsistente Aussage über eine bestehende Frage zu formulieren. Im Koran treten vermehrt Stellen auf, die der Leser, wenn er sie ohne umfassenden Blick betrachtet, als vermeintliche Gegensätze versteht und der göttlichen Gerechtigkeit unrecht tut. Diese und viele andere sind Argumente für die Wissenschaft des kalām. Um letzteren Aspekt auszuführen kann gesagt werden, dass der kalām-Gelehrte mit den Offenabrungstexten operiert und mithilfe seines Verstandes und der Prämissen der Religion zu folgerichtigen Erkenntnissen gelangt. Im Folgenden können mehrere Verse zur Einsicht der erwähnten Legitimationsgründe konsultiert werden:

1. Intuitiver, potenzieller Gottesglaube:

- Und wenn euch auf dem Meer ein Unheil trifft: entschwunden sind euch (dann auf einmal) jene (Götzen), die ihr (zuvor) an Seiner Statt angerufen habt. (17:67)
- Wer antwortet denn dem Bedrängten, wenn er Ihn anruft, und nimmt das Übel hinweg und macht euch zu Nachfolgern auf Erden? Existiert wohl ein Gott neben Allāh? Geringfügig ist das, was ihr (davon) bedenkt. (27:62)
- So richte dein Antlitz in aufrichtiger Weise auf den Glauben; (dies entspricht) der natürlichen Veranlagung, mit der Allāh die Menschen erschaffen hat… (30:30)
- Und wenn die Menschen ein Schaden trifft, dann rufen sie ihren Herrn an und wenden sich reumütig zu Ihm; (30:33)
- Und wenn du sie fragst: ”Wer erschuf die Himmel und die Erde?“ - dann werden sie gewiss sagen: ”Allāh.“ Sprich: ”Alles Lob gebührt Allāh.“ Jedoch die meisten von ihnen wissen es nicht. (31:25)

2. Einige posteriorische Methoden

- Und auf Erden existieren Zeichen für jene, die fest im Glauben sind (51:20), und in euch selber. Wollt ihr es denn nicht sehen? (51:21)
- Schauen sie denn nicht zu den Kamelen, wie sie erschaffen sind; und zu dem Himmel, wie er emporgehoben ist; und zu den Bergen, wie sie aufgerichtet sind; und zu der Erde, wie sie ausgebreitet worden ist? (88:17-20)
- Wenn es in ihnen beiden (Himmel und Erde) andere Götter als Allah gäbe, gerieten sie (beide) wahrlich ins Verderben. Preis sei Allah, dem Herrn des Thrones! (Erhaben ist Er) über das, was sie (Ihm) zuschreiben. (Koran, 21:22)[13]

3. Die Methode der Weisheit und der Disputation

- Rufe zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung, und streite mit ihnen in bester Weise... (16:125)

4. Prädistination, Willensfreiheit oder etwas dazwischen?

- Weder trifft ein Unglück auf Erden, noch euch selbst, ohne dass es in einer Schrift ist, bevor Wir es erschufen. Dies ist für ALLAH etwas Leichtes. Damit ihr nicht trauert um das, was euch entgangen ist, und euch nicht übermäßig freut über das, was euch gewährt wurde. (57:22-23)
- Und ihr wollt nicht, außer dass ALLAH will, Der Herr aller Schöpfung. (81:29)
- Und was die Ṯamūd anbelangt, so wiesen Wir ihnen den Weg, sie aber zogen die Blindheit dem rechten Weg vor… (41:17)

5. Wird es die Gottesschau geben?

- An jenem Tage wird es strahlende Gesichter geben (75:22), die zu ihrem Herrn schauen. (75:23)
- Nein, sie werden an jenem Tage gewiss keinen Zugang zu ihrem Herrn haben. (83:15)

6. Was ist die Seele und woraus besteht sie?

- Und sie fragen dich nach der Seele… (17:85)

7. Taḥaddī-Verse (Herausforderung)

8. Und wenn ihr im Zweifel seid über das, was Wir auf Unseren Diener herabgesandt haben, so bringt doch eine Sura gleicher Art herbei und beruft euch auf eure Zeugen außer Allāh, … (2:23)

9. Sprich: ”So bringt doch zehn ebenbürtig erdichtete Suren hervor und ruft an, wen ihr vermögt außer Allāh, wenn ihr wahrhaftig seid!“ (11:13)

10. Sprich: ”Wenn sich auch die Menschen und die Ǧinn vereinigten, um etwas Gleiches wie diesen Qur’ān hervorzubringen, brächten sie doch nichts Gleiches hervor, selbst wenn sie einander beistünden.“ (17:88)

11. Oder sagen sie etwa: ”Er hat ihn (den Qur’ān) aus der Luft gegriffen.“? Nein, aber sie wollen es nicht glauben. Lass sie denn eine Verkündigung gleicher Art herbeibringen, wenn sie die Wahrheit sagen! (52:33-34)

Der kalām befasst sich ebenfalls mit dem Wundercharakter des Korans. Aus den Erkenntnissen der Sprachwissenschaftler, sofern der mutakallim nicht selbst einer ist, folgen die starken Argumente für die Religion.

Im Zeitalter der Glückseligkeit

Zu Lebzeiten des Propheten Muḥammad, auf dem Frieden und Segen seien, existierten noch keine islamischen Wissenschaften. Der Koran wurde noch schrittweise offenbart und setzte sich bis zum Ableben des Gesandten Allāhs fort. Er wurde nicht in der Reihenfolge, wie er uns in den Exemplaren erscheint, offenbart, sondern aus bestimmten Bedürfnissen (Asbāb an-Nuzūl) heraus und dem Lebensfluss entsprechend. Wie es in anderen Bereichen der Fall war, konnte ein Gefährter des Propheten, seine Fragen zu den Glaubensgrundsätzen direkt an die Quelle des waḥy (der Offenbarung) stellen, also den ehrenwerten Gesandten, um seine Seele zu beruhigen.
Es wäre schlicht und ergreifend falsch, würde behauptet, dass die Anhänger des Propheten zu seinen Lebzeiten, nicht bzgl. des Īmāns nachdachten, nachsinnten und hierzu keine (eigenen) Beweise suchten. Es erreichen uns manche authentischen Überlieferungen, in denen die Gefährten in einem (harten) Widerstreit (mit sich selbst) ihren Glauben mit (äußeren) Beweisen zu bekräftigen suchten. Einer Überlieferung, die auf Abū Hurayrah zurückzuführen ist, ging eine Gruppe von den Gefährten zum Propheten und sagten:

- ص: „Wir fühlen in uns solches Empfinden, dass ein jeder von uns meint, es sei bereits eine große Sünde, es auch nur auszusprechen.“
- م: „Habt ihr dies wahrlich so vernommen?“
- ص: „Ja.“
- م: „Dies ist der Glaube höchstpersönlich.“ (ḏāka ṣarīḥ al-Īmān)

Die Überlieferung ʿAbdullād b. Masʿūds, Allāh sei zufrieden mit ihm, lautet wie folgt: Der Prophet wurde über die Einflüsterung (waswasa) befragt. Er antwortete: „Es ist der reine Īmān.“[14]

Und Ibn ʿAbbās überliefert folgenden ḥadīṯ: Jemand kam zum ehrenwerten Propheten und sagte: „In mir befindet sich solch ein Gedanke, anstatt ihn auszusprechen, würde ich es vorziehen brennend zu Asche zu werden. Der Prophet anwortete hierauf: „ Gelobt sei Allāh, der seinen Diener aus der Nachahmung (des Glaubens) auf (die Stufe) des waswasa (Einflüsterung) erhebt.“[15]

Die Ära der ersten Denkströmung

Im Zeitalter der Glückseligkeit und in der Zeit, in der von den edlen Gefährten die meisten noch am Leben waren, gab es im Bereich des Glaubens (ʿaqāʾid) keine Meinungsverschiedenheiten und kein ungelöstes Problem. Denn der īmān der Menschen war arglos, die Intentionen rein und das Licht der Prophetie wirkte, (obwohl seines Schwindens), noch immer auf sie. Trotz der Meinungsverschiedenheiten in Angelegenheiten der islamischen Jurisprudenz (fiqh) unter den Gelehrten, gab es noch immer Einigkeit (ittifāq) über den Glaubensgrundsätzen. Zum Ende der Zeit der Gefährten hin aber begannen andere, neuartige Ansichten bzgl. des Glaubens aufzutreten. Der Überlieferung Muslims zufolge, soll die Qadarīyah (Die Qadar-Ablehnenden) entstanden sein, als ʿAbdullāh b. ʿUmar noch am Leben war (gest. 73/693). Ihm wurde berichtet, dass Maʿbad al-Ǧuhanī den qadar leugne, worauf er sagte, dass er mit solchen und solche mit ihm nichts tun hättn. Es wäre vonnöten neben dem qadar, der im Bereich des ʿaqāʾid die islamische Welt das erste Mal in Konflikt geraten ließ, auch den Attributen-Streit aufzuführen. Laut der Aufzeichnung ibn Taymīyahs (gest. 728/1328), war der erste, der die Attribute Allāhs (ṣifāt al-Kalām) negierte, Ǧaʿd b. Dirham (gest. 124/742). Diese Ansicht habe Ǧahm b. Safwān (gest. 128/745) übernommen und letztlich wurde sie ihm auch namentlich zugeschrieben (Ǧahmīyah).

a.) Es wäre wahr, wenn behauptet würde, dass die erste Ideenbewegung nach dem Tod des Propheten und im ersten Jahrhundert der islamischen Zeitrechnung aufgetreten ist. Bekanntermaßen traten direkt nach dem Tode des Gesandten Allāhs Meinungsverschiedenheiten auf, wer sein Nachfolger (ḫalīfah) sein solle. Und obwohl die Wahl des Staatsoberhauptes eine fiqh-technische Angelegenheit zu sein schien, würde die Šīʿah aus ihr eine īmān-relevante Sache machen und zu den fundamentealen Themen des Islāms einreihen.

b.) Ein anderer Grund, der die erste Ideenbewegung auslöste, war die Ermordung des dritten Kalifen ʿUṯmān (gest. 35/656) und die darauffolgende Kamelschlacht und die Schlacht bei Ṣiffīn. Diese tiefgreifenden Schlachten, welche bei den Muslimen starken Nachhall verursachten und traurige Erinnerungen hinterließen, verursachten manche schwer lösbaren glaubensbezüglichen Probleme. Der Mörder und der Ermordete, beide sind Muslime gewesen. Wobei doch im Islām Mord als eine der schwerwiegenden Sünden gilt (kabīrah, pl. kabāʾir). Wie steht es nun also um des Muʾmins Glauben, wenn er große Sünden begeht (murtakib al-kabāʾir). Daraus erwächst die Frage, was der Glaube (īmān) überhaupt sei und wie weit seine weitesten Grenzen reichen würden? Danach stellt sich die Frage, besitzt der Mörder einen freien Willen oder führt er nur aus, was ihm ohnehin bestimmt wurde? Wie nun ersichtlich, beeinflussen die sozialen und politischen Ereignisse in der islamischen Welt, letztendlich als Ursachen den Bereich der Glaubensgrundlagen.

c.) Wenn von der ersten Denkströmung gesprochen wird, muss ein weiterer wichtiger Punkt aufgegriffen werden. Bis zum Zeitalter der Glückseligkeit verließ der Islām die arabische Halbinsel nicht. Es ist so, dass große Länder, wie Syrien, Iran, Irak und Ägypten zum Ende des ersten Jahrhunderts in den Islām Einkehr fanden. War die arabische Halbinsel zunächst noch ein Ort, bewohnt von ruhigen Menschen, die ein schlichtes Leben führten und ein unkompliziertes Religionsverständnis besaßen, sahen sich die Muslime nunmehr mit uralten Religionen, neuen Kulturen und Zivilisationen, vielen verschiedenen Glaubensrichtungen und Philosophien, der von ihnen eroberten neuen Länder, konfrontiert. Es war natürlich, dass die neuen Menschen, die in den Raum des Islāms eintraten, unter dem Einfluss ihrer alten Religionen und Kulturen unterschiedliche Ansichten vertraten und neue (zuvor unberücksichtigte) Meinungen im Bereich der ʿaqāʾid aufwarfen.

d.) Es muss aber auch von der Meinungsfreiheit im Islām gesprochen werden, wenn wir begreifen wollen, weshalb Ideenströme in der islamischen Welt überhaupt erst entstehen konnten. Der Koran befiehlt (an dieversen Stellen) eindeutig oder indirekt das Lesen und das Nachsinnen, um somit die Wahrheit zu finden und diese dann schließlich anzunehmen. Nach dem Ableben des ehrenwerten Gesandten und die daraus resultierende Einstellung der Offenbarung, sahen sich Muslime dazu veranlasst, die koranischen und prophetischen Texte zu erläutern und zu interpretieren. Da die Menschen untereinander oftmals andere Ansichten vertraten und häufig ein anderes Verständnis ( zu den diskutierten Themen) besaßen, wurde im Grunde eine Plattform für Meinungsverschiedenheiten geschaffen.[16]

So haben also nach dem Tode des Propheten, auf dem Frieden und Segen seien, innere Faktoren, wie die Wahl der Staatschefs, Schlachten, die stete Entfernung des prophetischen Lichts, die Meinungsfreiheit im Islām und als äußerliche Faktoren, Menschen, die verschiedene Sprachen und Religionen besaßen, anderen Rassen und Kulturen angehörten, den Nährboden für die ersten Ideenbewegungen in der islamischen Welt vorbereitet.

Die Geburt der kalām-Wissenschaften durch die Muʿtazilah

Es kann beobachtet werden, dass nach einem Jahrhundert Ideenwallungen und der Vorbereitungsphase einzelne Theologieschulen in der islamischen Welt auftraten. Die Historiker sind sich darin eins, dass die Muʿtazilah aus einem Ereignis im Lehrzirkel des Großtābiʿī[17] Ḥasan al-Baṣrī entstand und mit ihr die Wissenschaft des kalām erstmalig in Erscheinung trat. Ein Mann stieß eines Tages zum Zirkel Ḥasan al-Baṣrīs (110/728) und erklärte, dass manche behaupteten, wenn ein Gläubiger eine große Sünde begehen würde, er hiernach ein kāfir sei (Ḫāriǧīyah), während andere die fatwa gaben, dass der īmān ewig anhaftend sei (Murǧiʾah), wonach er die Meinung des Meisters erfahren wollte. Bevor aber Ḥasan al-Baṣrī seine Meinung hierzu äußerte, kam ihm sein damaliger Schüler Wāṣil b. ʿAṭāʾ (131/748) zuvor und behauptete: „Der stark Versündigte ist weder gläubig noch ungläubig, vielmehr ist er ein Frevler (fāsiq), der zwischen kufr und īmān schwebt (al-manzilah bayna l-manzilatayn). Wo doch nach Ḥasan al-Baṣrī der starke Sünder ein Heuchler (munāfiq) sei. Auf die Aussage Ḥasan al-Baṣrīs, Qad iʿtazala ʿannā Wāṣil, also „Waṣil hat uns verlassen“, wurden er und seine Anhänger al-Muʿtazilah genannt.[18] (Neben dieser Erklärung) gibt es noch weitere, die erklären, warum Wāṣil b. ʿAṭāʾ und seine Gefolgsleute Muʿtazilah genannt wurden.[19]

[...]


[1] Hans Wehr, Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart, S. 1117.

[2] Vgl. Yusuf Şevki Yavuz, Kelâm, in: Türkiye Diyanet Vakf ı Islam Ansiklopedisi, Bd. 25, S. 196.

[3] Darunter fallen z. B. al-Ǧurǧānī und at-Taftazānī.

[4] Emrullah Yüksel, Sistematik kelâm, S.15.

[5] Şerafeddin Gölcük/Süleyman Toprak, Kelâm, S. 20.

[6] Ismail Hakkı Izmirli, Muhassal, S. 41.

[7] Emrullah Yüksel, Sistematik kelâm, S. 16.

[8] Şerafeddin Gölcük/Süleyman Toprak, Kelâm, S.22

[9] Der Vernunft entnommene und ohne jegliche Erfahrung ergründete/s Erkenntnis/Wissen.

[10] Emrullah Yüksel, Sistematik kelâm, S. 17; Şerafeddin Gölcük, Kelâm tarihi, S. 17.

[11] Ulvi Murat Kılavuz/Ahmet Saim Kılavuz, Kelâma Giriş, S. 13.

[12] Aposteriori: Urteile und Wissen, die auf der Grundlage der Sinne erworben werden.

[13] Nicht unbegründet heißt es im Volksmunde: „Viele Köche verderben den Brei.“

[14] Aḥmad b. Ḥanbal, al-Musnad, II, 456; VI, 166; Muslim, „Īmān”, 209-211, Nr. 340-342.

[15] Ein Muslim, der den Islām nicht mehr nachahmt, sondern wirklich für sich entdeckt und erforscht, wird manchmal mit schwierigen Fragen konfrontiert werden. In diesem Falle beginnt der Satan ihm negatives einzuflüstern, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Das bedeutet aber nichts Schlechtes, sondern ist eher ein Zeichen dafür, dass er sich auf dem rechten Weg befindet. Er würde nicht an den Einflüsterungen verzweifeln, wenn ihm diese Religion nicht wichtig wäre. Folglich wird er nach Antworten suchen, um die negativen Einflüsse zu verbannen.

[16] Bemerkt sei hier, dass Meinungsverschiedenheiten im Islām nicht zwangsläufig negativ betrachtet werden. Es ist unvermeidbar auf verschiedene gar auf gegensätzliche Meinungen zu stoßen, wenn ein Text ohne sein Autor analysiert wird. Hierin liegt jedoch, solange sich der islamische Gelehrte an die Grundzüge des Islām hält, Gnade und Erbarmen von Allāh. Schließlich heißt es in einer bedeutungsrichtigen Überlieferung des Propheten: „Die Meinungsverschiedenheit meiner Gemeinschaft (ummah) ist Segen (raḥmah).“

[17] Jene Generation von Gläubigen, die den Propheten nicht sah, jedoch seine Gefährten. Sie erwarben einen hohen Rang durch prophetische Aussagen, wie: „Die beste Generation ist meine Generation und dann diejenigen, die ihnen folgen und danach diejenigen, die ihnen folgen.“ (al-Buḫārī. Nr. 2652).

[18] Ašʿarī, al-Lumaʿ, S. 76.

[19] Vgl. Bekir Topaloğlu, Kelâm İlminde Giriş, S. 28 (Übers. N. Cakilkum).

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Einführung in den Kalām. Definition und geschichtliche sowie theologische Hintergründe
Hochschule
Universität Osnabrück  (Institut für Islamische Theologie)
Veranstaltung
Vertiefungsmodul kalām
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
34
Katalognummer
V321352
ISBN (eBook)
9783668208391
ISBN (Buch)
9783668208407
Dateigröße
863 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kalam, al-Gazzali, al-Ghazzali, al-Gazali, al-Ghazali, Theologie, Islamische Theologie, Mutazila, Maturidiya, maturidi, ashari, al-ashari, ashariya, madhab, Schule, modern
Arbeit zitieren
Ahmet Numan Cakilkum (Autor), 2015, Einführung in den Kalām. Definition und geschichtliche sowie theologische Hintergründe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321352

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