Der "Gender Wage Gap" in ehemaligen sowjetischen Ländern. Zum geschlechtsspezifischen Lohngefälle in Deutschland und Russland


Hausarbeit, 2016

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Gender Wage Gap in Deutschland
2.1.1. Ausmaße und Gründe des (west-)deutschen Gender Wage Gap
2.1.2. DDR
2.2. Gender Wage Gap im heutigen Russland
2.3. Die Frau in der Sowjetunion
2.3.1. Das Idealbild der sowjetischen Frau
2.3.2. Die faktische Frau in der Sowjetunion
2.3.3. Übergang nach dem Fall den Sowjetunion

3. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit will ich die These aufstellen, dass das geschlechtsspezifische Lohngefälle (sogenannter Gender Wage Gap) in der Russischen Föderation auf Grund ihrer besonderen historischen Entwicklung einen vergleichsweise niedrigen Prozentsatz aufweisen muss, so wie es in etwa in den ehemaligen Gebieten der Deutschen Demokratischen Republik der Fall ist. Bedingt durch die kommunistische Ideologie der damaligen Sowjetunion (UdSSR) war die Frau dem Mann in jeder gesellschaftlicher und somit auch arbeitsmarkttechnischer Hinsicht gleichgestellt. Hinzu kam der Arbeitszwang, denn jeder sowjetische Bürger war gem. Artikel 17 der Verfassung der UdSSR (1977) verpflichtet, einer Arbeit nachzugehen. Um dies sicherzustellen, wurde, abgesehen von einer Strafverfolgung der Arbeitsunwilligen (Artikel 209 Strafgesetzbuch der RSFSR 1960), aktiv dafür geworben, dass für jedes Kind ein KiTa Platz zur Verfügung stehen würde. Die Reproduktionsarbeit lag somit theoretisch nicht mehr nur auf der Frau, sie wurde zu einer Staatsangelegenheit. Auch gab es theoretisch keine Hausfrauen mehr, die Hausarbeit wurde geteilt. Die sowjetische Frau war eine arbeitende Frau.

Die UdSSR mag 1991 zwar gefallen sein, doch sitzt die Ideologie noch immer fest in den Köpfen ihrer ehemaligen Einwohner. Somit wäre es durchaus möglich, dass der Gender Wage Gap im heutigen Russland aufgrund dieser Entwicklung tatsächlich geringer ausfallen könnte, als auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik. Sollte dies jedoch nicht zutreffen, dann versuche ich, auch dieses Phänomen zu erläutern und so weit wie möglich erklären.

Doch zunächst werde ich den Gender Wage Gap, seine Ursachen und Gründe anhand des Beispiels Deutschland betrachten, wobei im Vordergrund der ehemalig sozialistische Osten im Mittelpunkt stehen soll. Im Weiteren wird das Lohngefälle im heutigen Russland erläutert. Untermauert werden sollen diese Erläuterungen mit Statistiken des Föderalen Dienstes für Staatliche Statistiken (ROSSTAT), unter anderem eine Darstellung der weiblichen Arbeitslosigkeit und der branchenspezifischen Verdiensthöhe für Frauen in der Russischen Föderation. Daran anschließen wird eine historisch angehauchte Erörterung über die sowjetische Frau im Gegensatz des von der staatlichen Ideologie gewollten Bildes zu der faktischen geschichtlichen Gegebenheit.

In der Sozialwissenschaft ist das Thema zum Gender Wage Gap sehr gut erforscht und es gibt eine Reihe von Monographien, die sich mit dem Thema der Geschlechterdiskriminierung, im speziellen mit den Lohnunterschieden, beschäftigen. Auch das geschichtswissenschaftliche Thema der Sowjetunion ist über die Maßen gut erörtert in allen möglichen Einzelheiten, wie auch die Frau in dem sozialistischen Staat gesehen und was von ihr gefordert wurde.

Wie groß der Wahrheitsgehalt dieser offiziellen Statistiken ist, lässt sich leider nicht überprüfen aufgrund von fehlenden Alternativen zu den russischen Statistiken. Um die Hausarbeit trotz dessen zu schreiben und die Thesen zu erläutern, werde ich von dem Standpunkt ihrer völligen Korrektheit ausgehen.

2. Hauptteil

2.1. Gender Wage Gap in Deutschland

2.1.1. Ausmaße und Gründe des (west-)deutschen Gender Wage Gap

Die Diskriminierung der Frau in Deutschland ist bis heute immer noch ein großes und gesellschaftlich relevantes Thema. Deutlich wird das vor allem am Gender Wage Gap, dessen Wert auch noch heute bei 22% (Statistisches Bundesamt Pressemitteilung 099 16.03.2015) liegt. Dabei handelt es sich um den sogenannten unbereinigten Verdienstunterschied, bei welchem der prozentuale Unterschied zwischen dem durchschnittlichen Bruttostundenlohn der Frauen und dem der Männer unabhängig von den jeweiligen strukturellen Differenzen (beispielsweise unterschiedliche Bildungsstruktur) miteinander verglichen wird (Statistisches Bundesamt 2006: 5). Der bereinigte Gender Pay Gap, bei welchem eben diese strukturellen Unterschiede herausgerechnet werden, beträgt hingegen nur noch 7%. Dieser Prozentsatz bedeutet im Ergebnis, dass eine Frau noch immer im Schnitt 7% weniger Gehalt bekommt als ein Mann in ein und derselben Stellung mit der exakt gleichen Stundenzahl.

Der unbereinigte Wert zeigt hingegen ein gänzlich anderes, aber nicht weniger schwerwiegendes Problem auf: demnach verdient eine Frau im Schnitt deutlich weniger Geld als ein Mann. Beeinflusst wird dieser Wert von den verschiedensten Faktoren. So zeigen die 22% unter anderem die Ungleichheit bei der Verteilung von hoch bezahlten Arbeitsplätzen. Insgesamt sind nur 7% der Frauen in leitenden Positionen, während bei den Männern es annähernd doppelt so viele sind (13%). Diese Ungleichheit setzt sich innerhalb der unterschiedlichen Berufsbranchen fort, wo die geschlechtsspezifische Verteilung in manchen Berufsfeldern teilweise erschreckend hoch ist. Gut darstellen lässt sich dies am Beispiel der Berufsfelder Erziehung und IT-Wesen. So sind im Erziehungswesen die ArbeitnehmerInnen zu deutlich mehr als der Hälfte Frauen, während Datenverarbeitungsfachleute zu 82% männlichen Geschlechts sind (Statistisches Bundesamt 19.03.2013). Diese ungleichmäßige Verteilung würde jedoch zunächst rein rechnerisch keinen großen Einfluss auf den Gender Wage Gap haben, wären die verschiedenen Sparten nicht so über die Maßen unterschiedlich vergütet. Der Lohn von Berufsgruppen die sich um die Reproduktion kümmern, also erzieherische und pflegende Berufe, werden in der Regel deutlich schlechter bezahlt als Datenverarbeitungsfachleute, welche Brutto 24,17€ die Stunde verdienen und denen nur 18% Frauen angehören, während KrankenpflegerInnen bei einem Frauenanteil von 85,1% Brutto 15,18€ die Stunde verdienen, (Statistisches Bundesamt 2006).

Ein weiterer und nicht zu unterschätzender Faktor ist die doppelte Verantwortung einer Frau, die zum einen den beruflichen Alltag meistern muss und gleichzeitig noch die Reproduktionsarbeit zu Hause zu erledigen hat, also alltägliche Haushaltsdinge wie Wäsche waschen, Kochen, oder die Kindererziehung (Federici 1974: 1-8). Durch diese doppelte Belastung kommt es oft dazu, dass Frauen nur halbtags arbeiten können und somit automatisch deutlich weniger Gehalt bekommen als ein Mann in der gleichen Stellung (Kreimer 2009: 57). Frauen, die aufgrund der Kinder zu Hause bleiben um diese zu erziehen, ziehen damit automatisch den Wert des Gender Pay Gaps nach oben, da ihnen kein eigenes Einkommen anzurechnen ist.

Noch vor ein paar Jahrzehnten war die Abhängigkeit der Frau vom Mann gesetzlich verankert. So bedurfte eine Frau die Erlaubnis ihres Ehemannes oder Vaters um ein Arbeitsverhältnis anzufangen, ihr Vormund konnte aber auch ohne ihrer Einwilligung dieses Arbeitsverhältnis beenden. (BGB bis 1976: § 1356 f.) Erst seit Mitte der 70er Jahre wandelt sich dieses Gedankenbild zu einer immer mehr gleichberechtigteren Gesellschaft. Doch trotz dieser vermeintlichen Entwicklung hin zur Gleichberechtigung, so zum Beispiel durch die Elternzeit, die auch vom Vater immer weiter in Anspruch genommen werden soll und deswegen staatlich gefördert wird (BEEG: § 15 (1)) waren im Jahre 2000 47,6% (Statistisches Jahrbuch 2002: 109) der Frauen mit Kindern, die noch nicht schulpflichtig waren, nicht erwerbstätig, bis zum Jahre 2004 ist die Anzahl sogar, wenn auch nur minimal, angestiegen auf 48,0% (Statistisches Jahrbuch 2005: 86). Dieser Wert zeigt deutlich, dass in Deutschland die Tradition der Hausfrau noch nicht überwunden und die Entwicklung der Gleichberechtigung noch weit von ihrem Endziel ist.

2.1.2. DDR

Bei der Betrachtung des Gender Gaps in Deutschland ist es unmöglich nicht aufmerksam zu werden auf den beträchtlichen Unterschied zwischen den alten und neuen Bundesländern. So hat der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen in Westdeutschland im Jahr 2014 23% erreicht, während in den alten DDR-Gebieten dieser Wert nur bei 9% (Statistisches Bundesamt Pressemitteilung 099 16.03.2015) lag. Dieser wirklich sehr große Unterschied wirft natürlich die Frage auf, wie er sich so unterschiedlich entwickeln konnte in den nur einundvierzig Jahren, die die DDR als souveräner Staat bestand.

Die Gründe für diese Entwicklung sind genauso vielfältig, wie die Faktoren, die überhaupt zu dieser Differenz führen konnten. Ein Grund könnte beispielsweise die unterschiedliche Aufteilung der verschiedenen Geschlechter auf kleinen und großen Arbeitgeber in den jeweiligen Gebieten sein. In Ostdeutschland sind Männer und Frauen gleichmäßiger verteilt und weil kleinere Unternehmen im Durchschnitt deutlich weniger bezahlen können, ist auch das Einkommen deutlich gerechter verteilt, was wiederum zu einem niedrigeren Gender Wage Gap führt.

Verantwortlich für den geringeren Unterschied des Einkommens kann die durch die kommunistische Vergangenheit geprägte besser ausgebaute Familienpolitik sein, die durch die Politik der DDR noch immer verstärkt ist. Ein Hauptmerkmal dieser Frauen- und Familienpolitik war die Erwerbszentriertheit, ein durchgängiges Hauptanliegen war die Erwerbsarbeit der Frau. Dies führte zu einer Rekorderwerbsquote von hiesigen Frauen im Vergleich zum Rest Europas: in der DDR hatten 85-90% aller erwerbsfähigen Frauen einen Beruf, das heißt dass nahezu alle Frauen einer Arbeit nachgingen, mit Ausnahme von SchülerInnen auf weiterführenden Schulen, StudentInnen und Müttern von Kleinkindern. Im extremen Gegensatz dazu lag die benachbarte BRD weit hinten mit einem Wert von 55%. Hinzu kamen die weitaus längeren Arbeitszeiten (Middendorf 2000: 303).

Später kam noch das Ziel der Bevölkerungspolitik und das erklärte Bestreben der Vereinbarkeit von Beruf und Familie hinzu. Dies führte zu Versuchen des Staates und Partei, die Geburtenrate zu erhöhen und um dies zu erreichen, wurde die Mutterrolle positiv konnotiert und weitere Unterstützungen zugesichert (Trappe 1995: 87 und Baerwolf 2014: 43). Dies wurde unter anderem durch gesicherte Krippen- und Kindertagesplätze geschafft. Dadurch war es für Mütter einfacher, nach der Geburt wieder in das Berufsleben einzusteigen und in diesem auch Vollzeit zu arbeiten, da die Reproduktionsarbeit zwischen der Familie und dem Staat besser verteilt wurde. Dies äußerte sich zudem in den Versorgungquoten von Krippen-/Kindergärten- und Hortplätzen vor der Wiedervereinigung im Jahre 1990: da die Sozialstruktur der DDR darauf ausgelegt war, auch die Frau voll zu beschäftigen, führte dies dazu, dass 80% der Kinder der DDR in einer Krippe waren, im großen Gegensatz zur BRD, in der es nur 1,6% und meist Kinder von Alleinerziehenden waren. Die Kindergärten im Osten nahmen 95% aller Kinder auf, in der BRD gerade mal 62%. Auch die Hortplätze weisen ähnliche Zahlen und Differenzen auf (81% beziehungsweise 4,4%) (Trappe 1995: 44). Diese extreme Unterstützung der Familie führte somit zwangsläufig zu einer „Vergesellschaftung der Kindheit“ (Baerwolf 2014: 168-209).

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der "Gender Wage Gap" in ehemaligen sowjetischen Ländern. Zum geschlechtsspezifischen Lohngefälle in Deutschland und Russland
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Soziologie)
Veranstaltung
Arbeit und Geschlecht
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V321357
ISBN (eBook)
9783668206311
ISBN (Buch)
9783668206328
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gender Wage Gap, Sowjetunion, Russland
Arbeit zitieren
Johanna Hollesch (Autor), 2016, Der "Gender Wage Gap" in ehemaligen sowjetischen Ländern. Zum geschlechtsspezifischen Lohngefälle in Deutschland und Russland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321357

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