Machterhaltung um jeden Preis? Gründe für die fehlende Unterstützung europäischer Mächte im polnischen Aufstand von 1830/31


Hausarbeit, 2015

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gründe für die fehlende Intervention in der polnischen Frage
2.1. Wiener Kongress
2.2. Angst um eigene Gebiete
2.3. Belgische Frage
2.4. Entspannung für Frankreich

3. Schluss

Verwendete Forschungsliteratur

Quellensammlungen

Lexika

1. Einleitung:

Beschäftigt man sich mit der Literatur aus der Zeit des Deutschen Vormärz, so wird man fast unausweichlich in Berührung mit sogenannten Polenliedern kommen. Dabei handelt es sich um Gedichte und Volkslieder, in dessen thematischen Mittelpunkt der Polnische Aufstand 1830/31 steht. Ihr Inhalt war Ausdruck der Polenschwärmerei und der Unterstützung, welche die damalige deutsche Bevölkerung den polnischen Aufständischen gegenüber verspürte. Polen, das seit 1772 nicht mehr vollständig souverän war, wollte nach jahrelanger Fremdherrschaft wieder unabhängig werden, um einen eigenen König auf ihren Thron setzen zu können.

Jedoch konnte das damals durch die vielen Teilungen immer weiter verkleinerte und so in jeder Hinsicht geschwächte Polen nicht alleine gegenüber der großen Weltmacht Russland bestehen, denn „militärisch war [der Aufstand] ohne die Hilfe der Westmächte […] aussichtslos“[1]. Und so hoffte Polen auf Unterstützung aus Europa um auf diese Weise die Eigenherrschaft wieder zu erlangen. Von europäischen Völkern bekamen die Polen dafür viel Sympathie und Interesse, dennoch war kein Land bereit, sich mit und für die Polen gegenüber Russland zu behaupten.

Wie lässt sich also dieser Unterschied zwischen der Meinung des allgemeinen Volkes und der diplomatischen Handlungen erklären? Ich habe mich bei der Gestaltung meiner Arbeit dazu entschlossen, auf die verschiedenen Länder und deren Umgang mit der polnischen Frage einzugehen und so werde ich die verschiedenen Beweggründe zu der fehlenden Partizipation einzeln betrachten.

In meiner weiteren Arbeit habe ich versucht mich auf die offiziellen und inoffiziellen Briefe und Schriften von Politikern in den Revolutionsjahren zu stützen, um so direkten Einblick in die Meinungen und Begründungen der verschiedenen Länder zu gewinnen und diese nachvollziehen zu können. Dies war leider in manchen Fällen erheblich erschwert worden, aufgrund von beispielsweise abgebrannter Archive in Österreich, deren Inhalt nur noch durch einzelne Zitate in Monografien entdeckt werden können. Des Weiteren habe ich mich auf vier verschiedene Länder und deren Regierungen und Herrscher besonders konzentriert: England, Frankreich, Österreich und Preußen, da entweder von polnischer Seite auf die Hilfe dieser Länder gehofft wurde oder sie einen den größten Einfluss auf das Geschehen in Polen hatten.

2. Gründe für die fehlende Intervention in der polnischen Frage

2.1. Wiener Kongress:

Vom September 1814 bis Juni 1811 trafen sich die Delegierten aller bedeutender europäischer Monarchien in Wien zusammen, um den weiteren Verlauf Europas nach den napoleonischen Kriegen zu ordnen. Nach der Idee seines Organisators, des österreichischen Außenministers Fürst von Metternich, war der Wiener Vertrag „ [une] idée fondamentale du répos, c‘est la sécurité dans la Possession“[2]. Das Ziel bestand also darin, eine geopolitische Neuordnung zu schaffen um somit ein friedliches Miteinandersein der europäischen Staaten zu schaffen. Erreicht werden sollte dies mittels diplomatischer Lösungen für jegliche untereinander bestehende Ansprüche und Konflikte der Staaten. Dieses Vorhaben wurde auch im Nachhinein gut erfüllt, da das lange 19. Jahrhundert zwar Revolutionen sah, doch sollte es bis zum Ersten Weltkrieg also an die hundert Jahre keine größeren europäische Kriege mehr geben, „Kriege konnten zwar nicht verhindert werden, aber sie blieben lokalisiert“[3]. Durch dieses Vorhaben stellte sich der Wiener Kongress, vor allem für Großbritannien, als Grund für die fehlende Unterstützung Polens heraus[4].

Die Ordnung der Welt sollte auf dem Machtgleichgewicht der fünf großen Staaten Europas, Preußen, Österreich, Frankreich, Russland und Großbritannien, beruhen und dies auch oft auf Kosten der Interessen kleinerer Staaten, zu denen wiederum Polen gehörte, denn „die Kontrolle des Status quo sollte den Akteuren selbst überlassen bleiben“[5]. Unterstützung bei Aufständen war also im Allgemeinen eher eine Ausnahme im 19. Jahrhundert. Viele europäische Staaten, wie auch Großbritannien, trieben diesen Grundsatz voran. Interventionspolitik wurde eher selten betrieben, um Kriege zwischen den Großmächten zu verhindern. Eingegriffen und unterstützt wurde somit nur, wenn die Gefahr bestand, dass ohne eine solche Maßnahme der Machtzuwachs für eine Seite unverhältnismäßig hoch wäre[6]. „Solange die Aufstände in Polen […] nicht die internationale Sicherheit gefährde[ten] und solange sie von den jeweiligen Hegemonialmächten kontrolliert und eingedämmt werden konnten, waren sie dem Einfluss des Konzerts weitgehend entzogen“[7]. Im Fall Polen war dies deutlich nicht der Fall, Russland wollte nur weiterhin seine Gebiete, die ihm laut der Wiener Kongress-Ordnung zustanden, behalten. Somit war aufgrund dessen schon das mögliche Eingreifen anderer Staaten ein klarer Verstoß gegen diese Ordnung. England stützte sich immer wieder auf diese Argumentation als Begründung dafür, dass es nicht Polens Seite ergreifen könne, obwohl auch die britische Whig-Regierung unter Premierminister Charles Grey den Wunsch nach Unabhängigkeit durchaus unterstützte. Laut den Einigungen nach dem Wiener Kongress durfte also kein Land Europas in Polen eingreifen ohne mit den anderen Ländern zu brechen.

Großbritannien sah durch den Wiener Kongress ein Einschreiten in die Handlungen Russlands in den polnischen Novemberaufstand für die Mächte Europas als nicht möglich an, wie der damalige britische Außenminister Lord Palmerston auch mehrfach in seinen Briefen erwähnt. „one scarcely sees how that can be accomplished without breaking the Treaty of Vienna“[8]. Für viele Länder war die Wiener Vertragsordnung wohl eher eine Ausrede Polen nicht zu unterstützen und so ihre eigenen Ziele verfolgen zu können, denn wie man in dem Fall von Belgien sieht, konnte man dieser Vertragsordnung durchaus anders auslegen um seine Interessen voranzutreiben.

2.2. Angst um eigene Gebiete:

Im Jahre 1772 erfolgte die erste Teilung Polens unter den Großmächten Österreich, Preußen und Russland. Innerhalb der nächsten dreißig Jahre erfolgten zwei weitere Teilungen, bis im Jahre 1815 der Wiener Kongress einberufen wurde, welcher unter anderen als Ziel hatte, die territorialen Ansprüche der Länder bezüglich Polen auf lange Sicht zu klären. Polen wurde wieder mal zwischen Russland Österreich und Preußen aufgeteilt. Nach dieser, mittlerweile schon vierter Teilung, durch den Wiener Kongress blieb nur noch Krakau als einzige unabhängige Stadt übrig. Der Novemberaufstand in den polnischen Gebieten, die dem russischen Zaren unterstellt waren, und die dieser als polnischer König regierte, waren so natürlich auch für die anderen Mächte, die über Polen herrschten, ein Problem. Falls die Selbständigkeit in Kongresspolen errungen werden würde, würden seine Nachbarstaaten wohl auch bald gegen ihre Herrscher aufgebehren.

Für das Königreich Preußen wäre ein Verlust ihrer polnischen Gebiete ein großer Schlag gewesen, denn diese Gebiete stellten eine Machtabsicherung der preußischen Hohenzollernmonarchie dar[9]. Dies wird besonders deutlich anhand der Einwohnerzahlen und der Fläche des preußischen Staates: nach der zweiten Teilung Polens war nur noch die Hälfte des Landes ursprünglich preußisch, die andere bestand dagegen aus den ehemaligen Provinzen Polens. Für 3 von der 8 Millionen in Preußen lebenden Menschen war die Muttersprache polnisch. Zwar sank diese Zahl nach dem Wiener Kongress stark, so waren noch immer 15 Prozent der Einwohner Preußens von Geburt an Polen[10]. Für Preußen war Polen somit offensichtlich ein essentieller Faktor um die Hohenzollernmonarchie noch weiter innerhalb Europas an der Machtspitze zu erhalten. Die polnischen Gebiete durften nicht durch einen erfolgreichen Aufstand in Kongresspolen dazu animiert werden, die Unabhängigkeit von Preußen erreichen zu wollen. Deshalb schickte Preußen nach Bestätigung des Revolutionsausbruches seine Truppen zu den östlichen Grenzen ihrer polnischen Gebieten, durch die trotz Sperrung bis zu 3.000 Mann nach Warschau flüchten konnten um ihre Landsleute beim Aufstand zu unterstützen[11]. Preußen behielt also keine neutrale Position, im Gegenteil: Russland wurde zwar nicht direkt militärisch unterstützt, doch öffnete Preußen seine Grenzen für die russischen Truppen, sodass diese durchmarschieren und ihr Proviant und Munition aufstocken konnten[12].

[...]


[1] Puttkamer, Joachim von: Ostmitteleuropa im 19. Und 20. Jahrhundert. München 2010, S.25.

[2] Rapport du 17 août 1817 [an Kaiser Franz I.], in: siehe Foto; zitiert nach: Schulz: Normen und Praxis. Das europäische Konzert der Großmächte als Sicherheitsrat, 1815 - 1860, München 2009, S.74.

[3] Langewiesche, Dieter: Europa zwischen Restauration und Revolution, 1815-1849, 5. Auflage, München 2007, S.6.

[4] Bourne, Kenneth: The foreign policy of Victorian England 1830-1902, Oxford 1970, S.218f.

[5] Lentz, Thierry: 1815. Der Wiener Kongress und die Neugründung Europas. Aus dem französischen von Frank Sievers, Berlin 2014, S.48.

[6] Langewiesche: Europa, 2007, S.14.

[7] Schulz: Normen und Praxis, 2009, S.105.

[8] Bourne: Victorian England, 1970, S.219.

[9] Trzeciakowski, Lech: Preussische Polenpolitik im Zeitalter der Aufstände (1830-1864), in: Polen und die polnische Frage in der Geschichte der Hohenzollernmonarchie, Hrsg.: Klaus Zernack, Berlin 1982, S. 99.

[10] Broszat, Martin: Zweihundert Jahre deutsche Polenpolitik, Frankfurt am Main 1972, S.68, 86.

[11] Angaben nach Dzieje Wielkopolski S.161 zitiert nach: Streiter, Karl Heink: Die nationalen Beziehungen im Grossherzugtum Posen (1815-1848), Bern 1986, S.54.

[12] Petrie, Charles: Diplomatie und Macht. Eine Geschichte der internationalen Beziehungen 1717-1933, Zürich 1950, S.246f.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Machterhaltung um jeden Preis? Gründe für die fehlende Unterstützung europäischer Mächte im polnischen Aufstand von 1830/31
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Neueste Geschichte und Zeitgeschichte)
Veranstaltung
Die Monarchien Europas zwischen Restauration und Revolution, 1815-1849
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V321359
ISBN (eBook)
9783668206335
ISBN (Buch)
9783668206342
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
machterhaltung, preis, gründe, unterstützung, mächte, aufstand
Arbeit zitieren
Johanna Hollesch (Autor), 2015, Machterhaltung um jeden Preis? Gründe für die fehlende Unterstützung europäischer Mächte im polnischen Aufstand von 1830/31, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321359

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