Transsexualität. Stabilisierung oder Subversion der dichotomen Geschlechterordnung?


Bachelorarbeit, 2015

55 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung an die Forschungsfrage

2. Zum Begriff, den soziologischen Zugängen und den zentralen Themen der Transsexualität
2.1 Genese des Begriffs vom 18. bis zum 20. Jahrhundert
2.2 Soziologische Forschung zu einem interdisziplinären Projekt
2.3 Passing und die „Schnittmuster" der plastischen Chirurgie
2.4 Wissenschaft und Emanzipation: Transgender Studies und Trans*Activism

3. Zur Theorie Judith Butlers
3.1 Theoretische Verortung: Poststrukturalismus und Queer Theory
3.2 Diskursive Performativität
3.3 Subjektivation und „postsouveräne" Subjekte
3.4 Subversion und Handlungsfähigkeit

4. Transsexualität: Stabilisierung oder Subversion der dichotomen Geschlechterordnung?
4.1 Stabilisierung im medizinischen Diskurs und durch das Passing
4.2 Destabilisierung durch politische Handlungsfähigkeit und Subversion

5. Fazit: Die Ambivalenz des Phänomens und dessen Zukunft

Quellenverzeichnis

1. Hinführung an die Forschungsfrage

„Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem geistigen Auge zuerst siehest dein Bild. Dann fördere zutage, was du im Dunkeln gesehen, daß es zurückwirke von außen nach innen." (Caspar David Friedrich, zit. n. Weigert 1963: 208)

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, die vorliegende Arbeit mit einem Zitat des bedeutendsten Malers der deutschen Frühromantik zu beginnen. Denn gerade diese Epoche der Kunst um das Jahr 1800 herum betrachtete den Menschen als untrennbar verwoben mit der Natur und diese wiederum als durch und durch beseelt mit etwas Essentiellem, einer ihr immanenten Wahrheit (Kammerlohr 1987: 92). Die binär angelegte Geschlechterordnung war ebenfalls „naturgegeben" - eine unumstößliche Tatsache. Der Körper galt als unveränderlich, die Hierarchie zwischen Mann und Frau als „metaphysisch-ontologische" Selbstverständlichkeit (Bublitz 1998: 16). Zur gleichen Zeit jedoch fand mit dem Zeitalter der Aufklärung eine schrittweise „Entzauberung der Welt" statt: die Erkenntnisse der Naturwissenschaften lösten die „metaphysisch-ontologische" Begründung der Geschlechterdifferenz ab und ersetzten sie durch eine neue, biologische (ebd.).

Etwa zweihundert Jahre später, im ausgehenden 20. Jahrhundert, etablierten sich akademische Disziplinen wie die Gender oder Queer Studies , deren Protagonistjnnen es sich zur Aufgabe machten, die essentialistischen Konzepte des „biologischen" Unterschieds zwischen den Geschlechtern zu „entromantisieren" - sprich: zu de-naturalisieren (Kraß 2003: 17). Die „Wahrheiten" über eine nunmehr naturwissenschaftlich begründete Ge-schlechterdichotomie begannen unter den Fragen besagter Protagonistjnnen zu bröckeln, das Infragestellen jener „Wahrheiten" selbst eröffnete einen neuen „[...] Weg zu einer Rückkehr zum Körper [...], dem Körper als einem gelebten Ort der Möglichkeit, dem Körper als einem Ort für eine Reihe sich kulturellerweiternderMöglichkeiten“ (Butler 1997:10f., Herv. i. 0.).

Die Ironie in der Wahl des obigen Zitates liegt nun darin, dass es sich diese Arbeit zum Ziel gesetzt hat, gerade die Dekonstruktion der biologisch fundierten Geschlechterordnung ganz im Sinne der Queer Theory nachzuvollziehen - und dies ab Kapitel 3 unter Bezugnahme auf die einschlägigen Werke Judith Butlers - um diese Erkenntnisse an einem Phänomen durchzuspielen, dem auf eine eigentümlich ambivalente Weise etwas anhaftet, das mal die ontologische Annahme der „irreduziblen Wahrheit“ (Villa 2012: 40) einer Geschlechtsidentität pro Person zu unterstützen und mal subversiv dagegen vorzugehen scheint: das Phänomen der Transsexualität.

In eben dieser beinahe launischen Wankelmütigkeit, die dem Phänomen anhaftet und die es so schwer greifbar macht, liegt das Forschungsinteresse dieser Arbeit begründet. Hier soll der Frage nachgegangen werden, wie über das Phänomen der Transsexualität eine Stabilisierung oder eine Destabilisierung der hegemonialen, binären Geschlechterordnung stattfindet. So richtet sie sich einerseits gegen „ontologisches bzw. (naiv) essentialistisches Denken“ (ebd.), dem bis heute der Geist der Romantik anzuhaften scheint, und andererseits kommt sie nicht umhin jene ernst zu nehmen, die sich sicher sind, dass ihnen in Bezug auf das eigene Geschlecht „[...] eine immanente Wesenheit [...] eine ihnen gegebene irreduzible Wahrheit [...]“ (ebd.) innewohnt.

Umschrieb Caspar David Friedrich einst mit seinen Worten den psychologischen Aspekt der romantischen Malerei (Schulz 2008: 91), so lassen sich diese auch - zugegebenermaßen zweckentfremdet - anwenden auf jenen Prozess den ein Mensch durchläuft, wenn er sein „leibliches Auge“ verschließt und das „Bild“ seiner „wahren“ Geschlechtsidentität aus dem „Dunkeln zutage fördert“, um als das anerkannt zu werden was er „ist“, auf „dass es zurückwirke von außen nach innen“. Wenn es gelingt, die eigene Transsexualität unsichtbar zu machen, das „falsche“ Geschlecht zu verbergen um als das „richtige“ anerkannt zu werden, dann ist das sogenannte passing im Sinne eines „Durchgehens als“ Frau oder Mann gelungen. Der Prozess der Geschlechtsangleichung an die binäre Ordnung istvollendet.

„The work of achieving and making secure their rights to live in the elected sex status while providing for the possibility of detection and ruin carried out within the socially structured conditions in which this work occurred I shall call ,passing’." (Garfinkel 1967: 137)

Der hier beschriebene normative und damit die Geschlechterdichotomie stabilisierende Aspekt der Transsexualität, das passing und die ebenso normalisierende chirurgische Praxis werden in Kapitel 2.3 der Arbeit erläutert. Die Chirurgie trägt mit ihren „geschlechtsangleichenden" Operationen einen wesentlichen Teil zu einem gelungenen passing bei. Dabei verwendet sie die „Schnittmuster" (Hirschauer 1993: 247), die ihr vor der Folie einer zweigeschlechtlichen Norm bezüglich der Anatomie eines Menschen als angemessen erscheinen. Doch was geschieht, wenn ein Individuum etwas „zutage fördert", das weder weiblich noch männlich ist?

„I know I'm not a man - about that much I'm very clear, and I've come to the conclusion that I'm probably not a woman either, at least not according to a lot of people's rules on this sort of thing. The trouble is, we're living in a world that insists we be one or the other - a world that doesn't bother to tell us exactly what one or the other is." (Bornstein 1994: 8, Herv. i. O.)

Dieser Akt des Infragestellens der binären Geschlechterordnung, der damit einhergehende trouble und dessen destabilisierende Effekte darauf werden in Kapitel 2.4 erörtert. In den 1980er Jahren löste dieser trouble ein Aufbegehren gegen diese Ordnung seitens der Betroffenen aus und in den 1990ern erwuchs aus ihm in akademischer Nachbarschaft zu den Queer Studies eine neue wissenschaftliche Forschungsrichtung: die Transgender Studies (Stryker 2006: 7). Der frühe Trans*Activism3, der diese Entwicklung be- günstigt hat, soll an dieser Stelle ebenfalls zur Sprache kommen. Die Wissenschaft und die emanzipatorische Bewegung der Transsexuellen stehen in der vorliegenden Arbeit für die destabilisierende Wirkung des Phänomens im Hinblick auf die Geschlechterdichotomie.

Im unmittelbar anschließenden Teil dieser Literaturarbeit findet zunächst die Suche nach der ,,[...] Macht in der Produktion des binären Rahmens, der das Denken über die Geschlechtsidentität bestimmt [...]" (Butler 1991 [2012a]: 8) statt. In einem historischen Überblick (Kapitel 2.1) werden die Genese des Begriffs „Transsexualität" in Anlehnung an Stefan Hirschauers Arbeit „Die soziale Konstruktion der Transsexualität" (1993) und die soziologischen Zugänge zum Thema im Sinne eines Forschungsstandes (2.2) dargestellt.

Der dritte Teil der Arbeit umfasst eine knappe Einführung in die Theorie Judith Butlers und in die für diese Arbeit relevanten Begrifflichkei- ten. Nach einer wissenschaftlichen Einordnung ihrer Erkenntnisse (Kapitel 3.1) werden die Begriffe „diskursive Performativität" (3.2), „Subjektivierung" und „postsouveräne Subjekte" (3.3) und „Subversion und Handlungsfähigkeit" (3.4) geklärt. Hier soll das Phänomen der Transsexualität mit den Erkenntnissen Butlers „zusammen gedacht" werden.

Im vierten Teil der Arbeit beginnt die eigentliche Diskussion der Forschungsfrage. Hier werden die Überlegungen, die in Kapitel 2 und 3 angestellt wurden, zur Beantwortung derselben genutzt. Die stabilisierenden werden den subversiven, sprich: destabilisierenden Zügen der Transsexualität bezüglich der Geschlechterdichotomie gegenübergestellt. Zu den stabilisierenden Anteilen zählen die Effekte des medizinischen Diskurses im Allgemeinen, das passing im Besonderen (4.1). Die destabilisierenden Kräfte des Phänomens gehen von den Protagonistjnnen der Transgender Studies und dem damit verbundenen Trans*Activism (4.2) aus.

Im fünften und letzten Teil der Arbeit erfolgt eine kurze Bilanzierung der Ergebnisse im Hinblick auf die Forschungsfrage. Wie sieht die Zukunft der Transgender Studies aus? Wie hat sich der frühe Trans*Activism weiterentwickelt? Wenn aus Forschungsobjekten selbst Forschende werden, stehen sie dann vor einem Ende der Pathologisierung? Sind damit die Bemühungen um die Auflösung der starren Geschlechterordnung dem Erfolg einen Schritt näher gekommen?

Um dieses einleitende Kapitel abzuschließen sind an dieser Stelle noch einige Bemerkungen zur Identitätskategorie der „Transsexuellen" an sich vonnöten. Wie jede Kategorie kommt auch diese nicht aus ohne eine normative Struktur. Dieser Umstand hat unmittelbare Konsequenzen für das betroffene Individuum: Einerseits gewährleistet die Kategorie einen regulativen Rahmen zum Schutz derer, die beispielsweise auf juristische, psychologische oder medizinische Hilfe angewiesen sind und auf der anderen Seite birgt sie die Gefahr einer Verdrängung „[...] in die Zone der Verworfenheit, Perversion, Monstrosität, Prekarität" (Villa 2012: 138). In der vorliegenden Arbeit, die Abstand nehmen möchte von jedweder Form der Essentialisierung - und doch nicht ganz ohne dieselbe auskommt - gilt es, den ethischen Umgang mit jenen, die sich dieser Kategorie zugehörig fühlen (müssen), zu berücksichtigen. Auch soll damit umgangen werden, sich im Zuge dieser Arbeit womöglich „[...] der Komplizenschaft mit Identitätspolitik und Machtpraktiken, die sich auf die Konstruktion von Identitäten stützen [...]" verdächtig zu machen (Sökefeld 2007: 34). Denn jede Kategorie - und deren Anwendung - hat ihre Historie, ihren Ort und ist verflochten mit hegemonialen Strukturen. In diesem Sinne wird die Konstruktion einer „[...] Gruppe als .anders', die dazu dient, die Identität einer Wir-Gruppe davon abzugrenzen und so zu konstituieren und somit politische Ansprüche und Ausschlüsse zu rechtfertigen [...]" (Ziai 2012: 241) als othering bezeichnet. Dies soll in dieser Arbeit vermieden werden.

Nun folgt zunächst ein Blick auf die Geschichte des Begriffs der „Transsexualität" und auf jene Machtstrukturen, welche die Kategorie hervor gebracht haben.

2. Zum Begriff, den soziologischen Zugängen und den zentralen Themen der Transsexualität

„Die Einschreibung der Geschlechterdifferenz als bipolare Zweigeschlechtlichkeit in eine historische Erzählung, die diese als ontologisch-wesensmäßige und biologisch begründete Natur-Differenz betrachtet, stellt einen der wesentlichen Machteffekte dieser Geschichtsschreibung dar." (Bublitz 1998:14)

Welche Geschichte, welchen Ort hat die Identitätskategorie der „Transsexualität"? Dieser Frage vorgeschaltet scheint die Frage nach dem Ursprung der Geschlechterdichotomie an sich zu sein. Die Geschichte der Zweigeschlechtlichkeit ist nun nicht vordergründig Gegenstand dieser Arbeit, jedoch ist sie untrennbar mit jener der Transsexualität verwoben. Von soziologischer Relevanz ist das Phänomen (und jede andere Form der „Geschlechtsanomalie") für den Nachweis der „kulturellen Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit" (Hirschauer 1993: 347). Im Folgenden soll ein kurzer historischer Überblick über die Genese des Begriffs unter Bezugnahme auf Hirschauers Werk „Die soziale Konstruktion der Transsexualität" (1993) genügen, um einen Einblick in die Zeit und den Ort der von hegemonialen Diskursen befeuerten Entstehung des Begriffs zu gewinnen.

2.1 Genese des Begriffs vom 18. bis zum 20. Jahrhundert

„Das Geschlecht, nicht die Religion, ist das Opium des Volkes." (Goffman 1994 [2001]: 131)

In seiner kultursoziologischen Analyse der Transsexualität aus dem Jahr 1993 geht Hirschauer der These nach, „[...] dass die medizinische Konstruktion der Transsexualität ein immanenter Bestandteil der zeitgenössischen Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit ist" (Hirschauer 1993: 9). Weiter vermutet er, dass sie ein Produkt des medizinischen Diskurses und die Ge-schlechtszugehörigkeit eines jeden Menschen eine „durch und durch soziale Konstruktion" (ebd.) sei. Vor diesem Hintergrund ist es nur schlüssig, dass seine Beobachtungen bezüglich der historischen Entstehung des Begriffs aus einer medizinischen Perspektive heraus stattfinden. In Anlehnung an Hir- schauer unterteilt sich der folgende Überblick über die Genese des medizinischen Begriffs der Transsexualität in drei markante Schritte vom Hermaphroditismus über die Homosexualität bis hin zur Travestie, er beschränkt sich auf einen Zeitraum vom 18. Jahrhundert bis in die 1950er Jahre und verlässt dabei niemals den okzidentalen Kulturkreis. Jedes der drei Phänomene steht für einen historischen Augenblick der Suche nach einer „sinnvollen" Differenzierung der Geschlechter (ebd.: 78).

Das 18. Jahrhundert stellt einen strategischen Wendepunkt in der Begründung der Zweigeschlechtlichkeit dar: die ehemals metaphysischontologische Argumentation wird zu diesem Zeitpunkt abgelöst durch die bis heute populäre naturwissenschaftlich-biologische Rechtfertigung derselben (Bublitz 1998: 16). Der „Geist der Romantik" unterliegt der Ratio der Aufklärung - ein Machtwechsel im Sinne einer „Entzauberung der Welt".

Zu jener Zeit unternahm die Medizin den Versuch, der geschlechtlichen Uneindeutigkeit von sogenannten „Zwittern" oder Hermaphroditen beizukommen, indem das „wahre" Geschlecht der Betroffenen über den Phänotyp (hier im Speziellen die jeweilige Ausprägung primärer und sekundärer Geschlechtsmerkmale), der Menstruationsfähigkeit und des sexuellen Begehrens entziffert wurde (Hirschauer 1993: 72). Überwogen die weiblichen oder die männlichen Ausprägungen, ist das Individuum zeugungsfähig und wen begehrt es? Letztere Frage wurde stets vor dem Imperativ der Heterosexualität gestellt. Die Medizin übernimmt in diesem Zeitraum die Kontrolle als „Geschlechtsbestimmungsautorität" und löst damit das vormals geltende „Selbstbestimmungsrecht" des „Zwitters" ab (ebd.: 73). Im 18. Jahrhundert abgelöst wurde ebenfalls die Homologieannahme zugunsten eines strikten Zweigeschlechtermodells, welches etabliert wurde um einer Verteidigung der bestehenden Geschlechterhierarchie in die Hände zu spielen (Bublitz 1998: 16).

Die Existenz der Hermaphroditen hingegen konnte dieses Modell des eindeutigen und „natürlich-biologischen Unterschieds" zwischen Mann und Frau ins Wanken bringen, indem sie die „[...] latente Doppelgeschlechtlichkeit aller Individuen [...]" (Hirschauer 1993: 76, Herv. i. 0.) in sich barg. Die Medizin eliminierte die potentielle Gefahr durch eine weitere Ausdifferenzierung des Hermaphroditismus in Anlehnung an die neue, binäre Matrix in „Zwitter männlichen", „Zwitter weiblichen" oder „Zwitter zweideutigen" und durch die damit verbundene Abschaffung des ambivalenten „doppelten" Geschlechts (ebd.: 72).

Am Anfang des 19. Jahrhunderts entstand in der Medizin und der Juristerei dennoch eine dritte Geschlechtskategorie neben jenen der Frauen und Männer: die der Homosexuellen (ebd.: 79). Der „Sodomie" verdächtigt wurde allerdings jede sexuell aktive Person, die dies nicht um der Fortpflanzung willen war. Die Naturwissenschaften bemühten sich fortan, gleichgeschlechtliches Begehren zu pathologisieren und ab der Mitte des 19. Jahrhunderts trug die Medizin entscheidend dazu bei, Homosexuellen eine „Zwitterähnlichkeit" zu attestieren (ebd.: 80). Der sexualpathologische Diskurs jener Zeit brachte das bis heute nicht in Vergessenheit geratene Bild einer „weiblichen Seele in einem männlichen Körper" (seltener umgekehrt) hervor, ein Satz geprägt vom Amtsassessor Karl Heinrich Ulrichs (Müller 1998: 145). Die damals medizinisch neue und seither viel beforschte „Spezies" der Homosexuellen (Foucault 1977: 58) bedrohte nun mit ihrem gleichgeschlechtlichen Begehren das eben erst etablierte Modell der Zweigeschlechtlichkeit und dem damit einhergehenden „sittlichen Gebot" der Heterosexualität.

„Die heterosexuelle Fixierung des Begehrens erfordert und instituiert die Produktion von diskreten, asymmetrischen Gegensätzen zwischen .weiblich’ und .männlich’, die als expressive Attribute des biologischen .Männchen’ (male) und .Weibchen’ (female) verstanden werden." (Butler 1991 [2012a]: 38, Herv. i. 0.)

Ergo mussten jene die der Kategorie der Homosexuellen zuzurechnen waren sich täuschen - waren sie doch „seelisch" gefangen im „falschen Körper", mit dem Begehren des „konträren" Geschlechts (Hirschauer 1993: 85). Folgt man Butler so werden jene, die dem „Irrtum" einer fehlgeleiteten sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität aufgesessen sind - beispielsweise über eine Pathologisierung oder Kriminalisierung - von der „kulturellen Matrix" (Butler 1991 [2012a]: 38f.) ausgeschlossen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jedoch löste eine weitere Kategorie das intensive Forschungsinteresse der Medizin und der Psychologie aus: nachdem dem Credo der „naturgegebenen" Differenzen zwischen Mann und Frau durch die sogenannten „Konträrsexuellen" mit ihren „pathologischen" Präferenzen schon einiges zugemutet wurde, schien die binäre Ordnung zusätzlich gefährdet zu werden von Menschen, die sich die Garde-robe und den Habitus des „anderen" Geschlechts aneigneten (Hirschauer 1993: 88). Die „Travestie" wurde von juristischer Seite ebenso verfolgt wie die „Sodomie". Die unterstellten Motive für den „Geschlechtswechsel" wurden in einer Verbesserung des sozialen Status von Frauen, die damals nur über ein Leben als „Mann" eine (z.B. universitäre) Karriere einschlagen, einen Adelstitel erwerben oder eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft eingehen konnten, vermutet (ebd.: 90). Interessanterweise gibt es in den kriminalistischen und medizinischen Kasuistiken jener Zeit einen deutlich erhöhten Frauenanteil diesbezüglich (ebd.) - was wiederum Rückschlüsse auf deren benachteiligte Position in der etablierten Geschlechterhierarchie zulässt.

Über die Jahrhunderte sammelte die Medizin einen ansehnlichen Bestand an Fallgeschichten, Zeitungsartikeln, Autobiographien und juristischen Aufzeichnungen über die Prozesse an, die jenen „Delinquentinnen" gemacht wurden, deren Begehren oder Kleidungsstil als abnorm galt. Auf der Basis dieser Sammlung entwickelte sie im 20. Jahrhundert ein Konzept von Sym- ptomen - ein „diagnostisches Begriffsraster" (ebd.: 94) - das einen krankhaften Zustand der Zwischengeschlechtlichkeit und der Gefangenschaft im „falschen Körper" beschreiben sollte. Mit Butler gesprochen wird - nicht nur - am medizinischen Diskurs über die Entstehung der Identitätskategorie der „Transsexuellen" vom 18. bis hin zum 20. Jahrhundert deutlich, „[...] dass die Macht in der Produktion des binären Rahmens, der das Denken über die Geschlechtsidentitätbestimmt, amWerke ist" (Butler 1991 [2012a]: 8). Denn:

„Diskurse bilden [...] systematisch die Gegenstände, von denen sie sprechen. Sie haben selbst eine materielle Existenz d.h., sie etablieren einen Gegenstand materiell, sozial und politisch." (Bublitz 1998: 10) Mitte des 20. Jahrhunderts schließlich begann sich der im Jahr 1923 von Magnus Hirschfeld geprägte und noch auf den Transvestitismus bezogene Begriff des „seelischen Transsexualismus" (Hirschfeld, zit. n. Schmidt 1984: 15) zu etablieren. Er wurde 1949 von David Cauldwell in seinem Aufsatz „Psychopathia Transsexualis" weiter entwickelt und bezeichnete fortan das Phänomen, sich körperlich dem „anderen" Geschlecht zugehörig zu fühlen (Hirschauer 1993: 96). Vier Jahre später gelingt mit Harry Benjamins deskriptiver Trennung der Transsexualität vom Transvestitismus der endgültige Sprung derselben als eigenständige Kategorie in den Fokus medizinischen Interesses (ebd.: 97). Nun, da das Phänomen nicht mehr mit einem homosexuellem Begehren oder einem „fetischistischen Sexualverhalten" über die Praxis des Kleidertausches assoziiert wurde (ebd.), ist „[...] der körperliche Geschlechtswechsel unter medizinischer Regie so stark geworden, dass nach neuen Begriffen für ein altes Phänomen gesucht werden muss" (ebd.: 98).

2.2 Soziologische Forschung zu einem interdisziplinären Projekt

Die Suche nach „neuen Begriffen für ein altes Phänomen" erreichte in der Soziologie mit der ethnomethodologischen Fallstudie über die Mann-zu- Frau-Transsexuelle „Agnes", durchgeführt von Harold Garfinkel und 1967 veröffentlicht, ein neues wissenschaftliches Niveau. Zunächst jedoch sei aus Gründen der Chronologie die Arbeit des Wiener Psychiaters Richard von Krafft-Ebbing aus dem Jahre 1886, „Psychopathia Sexualis" (die Cauldwell als Vorlage diente) genannt, die bis heute Einfluss auf die im Zusammenhang mit der Transsexualität verwendeten Terminologie ausübt (Stryker & Whittle, 2006: 21). Von ebenfalls eher historischem Wert sind die oben bereits erwähnten Autoren Hirschfeld (1923), Cauldwell (1949) und Benjamin (1953), die im Bereich der Transsexuellen-Forschung Pionierarbeit leisteten. Allesamt zwar Mediziner und Sexualforscher, sollen sie hier dennoch aus eben diesem Grund genannt werden. Die soziologische Transsexuellen-Forschung befand sich in ihren Anfängen in einer grundlegenden Verstrickung mit den Erkenntnissen der Medizin, „[...] weil sie das Thema des Geschlechtswechsels miterzeugte, bevor eine soziologische Bearbeitung dieses Themas die Transsexualität als eine spezifische Form von Geschlechtswechsel erscheinen lassen kann" (Hirschauer 1993:18, Herv. i. 0.).

Die Studie von Suzanne Kessler & Wendy McKenna „Gender - An Ethnomethodological Approach" aus dem Jahr 1978, die gender als soziales Konstrukt entlarvt, gilt als wegweisend. Diese Veröffentlichung und jene von Garfinkel zählen zu den prominentesten Arbeiten in einem enormen Fundus an Literatur zum Phänomen der Transsexualität in der soziologischen Forschung des 20. Jahrhunderts. Deren ethnomethodologische Herangehensweise hat sich für die Entzifferung alltäglicher Konstruktion von Geschlechtszugehörigkeit in der Interaktion als überaus fruchtbar erwiesen (ebd.: 10). Als Pionierarbeiten zum Thema der sozialen Konstruktion von Geschlecht (Trei- bel 2004: 103) sind sie die entschiedenen Wegbereiter für den doing gender - Ansatz , der etwa eine Dekade später durch die Veröffentlichungen von Candace West & Don Zimmerman begrifflich etabliert wurde.

„Ohne diese beiden Studien wären die weiteren soziologischen Untersuchungen zur Transsexualität einerseits und zur Konstruktion von Geschlechtlichkeit andererseits nichtzu denken." (ebd.: 111) Gesa Lindemann veröffentlichte 1993 ihre Arbeit „Das paradoxe Geschlecht. Transsexualität im Spannungsfeld von Körper, Leib und Gefühl", Stefan Hirschauer im selben Jahr „Die soziale Konstruktion der Transsexualität" - beides Arbeiten aus dem Bereich der mikrotheoretischen Geschlechtersoziologie (ebd.). Für den deutschsprachigen Raum soll auch der Aufsatz „Geschlechtliche Differenzierung und Geschlechterklassifikation" (1986) von Hartmut Tyrell nicht unerwähnt bleiben, der auf kulturanthropologische und ethnologische Forschungsergebnisse zurückgreift, um die Geschlechterdifferenz zu erklären und ebenfalls auf das Phänomen Bezug nimmt.

Das Essay „The Socio-Medical Construction of Transsexualism: An Interpretation and Critique" aus dem Jahr 1982 von Dwight B. Billings & Thomas Urban, die Arbeit des kanadischen Soziologen Aaron Devor "FTM: Fema- le-to-Male Transsexuals in Society" (1999) und Patricia Gagnés & Richard Tewksburys 1998 publizierte Arbeit "Rethinking Binary Conceptions and Social Constructions: Transgender Experiences of Gender and Sexuality" zählen zu den wichtigen Veröffentlichungen auf dem Gebiet. Darüber hinaus gel-ten der Artikel „Transsexuals' Narrative Construction of the ,True Self'" von Douglas Mason-Schrock (1996) und Henry Rubins 2003 publiziertes Buch „Self-Made Men: Identity and Embodiment among Transsexual Men" zu den einflussreicheren Werken im Bereich der soziologischen Transsexuellen- Forschung. Ferner trug der Artikel „Towards a sociology of transgendered bodies" von Richard Ekins & Dave King aus dem Jahr 2001 zu einem Ver-ständnis der Vielfalt bei, die sich hinter dem Begriff transgender verbirgt. Vor der Umweltsoziologin Myra J. Hird („For a Sociology of Transsexualism", 2002) analysierte die Anthropologin und Gesellschaftstheoretikerin Gayle Rubin („Thinking Sex: Notes for a Radical Theory of the Politics of Sexuality", 1984) den shift in der Wahrnehmung Transsexueller in den 1980er und 90er Jahren: von „psychisch Kranken" hin zu mündigen Teilnehmerinnen des alltäglichen sozialen Lebens.

[...]

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Details

Titel
Transsexualität. Stabilisierung oder Subversion der dichotomen Geschlechterordnung?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Gender Studies
Autor
Jahr
2015
Seiten
55
Katalognummer
V321599
ISBN (eBook)
9783668209213
ISBN (Buch)
9783668209220
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Transsexuality, Queer Studies, Gender Studies, Transgender Studies, Trans Activism, Subversion, Gender Performativity, Passing, Subjectivation, Judith Butler, Stefan Hirschauer, Susan Stryker, Transgender
Arbeit zitieren
Claudia Arcuri (Autor), 2015, Transsexualität. Stabilisierung oder Subversion der dichotomen Geschlechterordnung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321599

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