Wie entsteht Theateratmosphäre? Eine Aufführungsanalyse zu „Idyll“


Essay, 2013
5 Seiten, Note: 1,3
Anonym

Leseprobe

Analyse zu Idyll

Sonntag 01.12.2013, 20:00 Uhr Tafelhalle Nürnberg

Nicht selten sind Räume und ihre Gestaltung innerhalb einer Inszenierung Gegenstand von Kritiken und Diskussionen nach einer Theateraufführung. Doch auch Atmosphären können zum Inhalt solcher Diskussionen werden, wenn sie auf außergewöhnliche und prägende Art und Weise in den Vordergrund treten, den eigentlichen Raum verdrängen und das Geschehen zu umhüllen scheinen.

In Sabine Schoutens Text Sinnliches Spüren. Wahrnehmung und Erzeugung von Atmosphären im Theater wird definiert, dass die Atmosphäre in der Theaterwissenschaft

„[...] etwas randlos im Raum Ergossenes [ist], das sich zwischen den Personen befindet und diese von außen einhüllt.“[1]

Weiterhin wird gesagt, dass Atmosphären

„ [...] die gemeinsame Wirklichkeit des Wahrnehmenden und des Wahrgenommenen [sind]. “[2]

Atmosphären sind demnach nicht zu Beginn festgelegt, sondern entstehen durch die ständige Verflechtung von äußerem Wirken und eigenem Fühlen. Sie sind also sowohl an den uns umgebenden Raum gebunden, als auch an die subjektive Wahrnehmung jedes einzelnen Zuschauers.

Es ist folglich also nicht möglich, sich als Theaterbesucher der sich in der Inszenierung ausbreitenden Atmosphäre zu entziehen, denn der Zuschauer selber fungiert als Mitschöpfer und wird gleichsam in seinem Fühlen von der Atmosphäre geprägt und beeinflusst.

Übertragen auf das Stück „Idyll“, das am 01.12.2013 in Nürnberg aufgeführt wurde, heißt dies also: Ich als Theater- und Medienwissenschaftsstudentin bin mit meiner bloßen Anwesenheit Mitgestalter der Atmosphäre der Aufführung und werde zugleich durch diese angeregt, ergriffen und geprägt.

Bei „Idyll“ stehen die ruhigen, idyllischen Momente, die Harmonisierung des Menschen mit seiner Umgebung im Zentrum. Es handelte sich also um eine harmonische Atmosphäre. So stellt sich die Frage: Woran lag es, dass in „Idyll“ diese harmonische Atmosphäre erzeugt wurde und inwiefern fühlte ich mich selbst als Zuschauer daran beteiligt?

Diese Fragen möchte ich in der folgenden Analyse aufgreifen und anhand zweier Merkmale, dem Erscheinungsbild des Darstellers und dessen Tätigkeit, das Zustandekommen der harmonischen Stimmung aufzeigen. Ziel ist demnach, durch die Beschreibung der beiden Merkmale einen Vergleich ziehen zu können und diesen in den Kontext der subjektiven Wahrnehmung des Zuschauers zu stellen.

Das erste Merkmal ist die Erscheinung des Darstellers. Dieser stand einfach nur da. Er stand schon da, als die Zuschauer den Raum betraten. Ein Mann, normal groß, weiß gekleidet, die schwarzen Haare verstrubbelt. Er wirkte als wäre er gerade aus dem Bett aufgestanden. Dieser Eindruck entstand nicht nur durch seine unordentliche Frisur, sondern zusätzlich dadurch, dass seine Kleidung sehr weit geschnitten war und wie ein Schlafanzug aussah. Unterstrichen wurde dieses Bild des „gerade Erwachten“ noch durch seine nackten Füße. Seine Arme hingen regungslos herunter bis er anfing sich langsam zu bewegen. Seine Gestik war sanft, seine Bewegungen geschmeidig und kaum vernehmbar. Man könnte sagen er schwebte, ja er tänzelte, so anmutig bewegte er sich. Er tat dies so präzise, dass seine Bewegungen an eine Zeitlupenaufnahme aus dem Fernsehen erinnerten. Überrascht hat mich hier, dass durch die Gelassenheit und Unbeschwertheit, die der Darsteller durch seine friedliche Ausstrahlung erzeugte, ich selber immer ruhiger wurde. Durch das Betrachten der Haltungen des Darstellers reflektierte ich meine eigene Sitzposition und merkte, dass ich nicht mehr wie zu Beginn meine Arme verschränkt und die Beine übereinandergeschlagen hatte, sondern, dass meine Hände ganz ruhig in meinem Schoß lagen und mein Mund leicht geöffnet war und ich nicht wie sonst die Lippen kräftig aufeinander presste.

Das zweite Merkmal ist die Tätigkeit, die der Darsteller ausübt. Vor dem Mann auf dem Boden lagen wild verstreut Zweige und Äste unterschiedlicher Größe. Sie waren abgeblüht und trocken und standen in einem störenden Kontrast zu der reinen Erscheinung des Darstellers. Behutsam fing der Darsteller an, die Äste nach und nach aufzuheben und zusammenzutragen. Er tat dies wieder sorgsam und mit unglaublichem Feingefühl, als wären die Äste etwas sehr Kostbares, was er beschützen müsste. Dies wurde dadurch hervorgehoben, dass er behutsam und fürsorglich mit seinen Fingern über die Äste strich, bevor er sie ablegte. Erstaunlich daran war, dass er dabei keineswegs gelangweilt wirkte, sondern es wurde der Eindruck vermittelt, dass er diese Tätigkeit gerne macht. Von meinem Sitzplatz aus war es mir gut möglich, den Darsteller in all seiner Mimik einzufangen und ich glaubte bei ihm einmal ein Lächeln zu erkennen während er seiner Beschäftigung weiter nachging. Dieser Moment veränderte etwas, denn durch das kurze Lächeln wurde der sonst so leere Blick des Darstellers unterbrochen und sein kompletter Ausdruck wurde anders. Mit einem Mal wirkte er hellwach und lebendig, seine Augen leuchteten kurz auf und er blickte für einige Sekunden in den Zuschauersaal, so als wollte er die Zuschauer an seiner plötzlich aufkommenden Freude teilhaben lassen. Ab diesem Augenblick war es für mich unmöglich, meinen Blick für die nächste Zeit von seinem Gesicht zu lösen. Allerdings setzte er, zu meiner Enttäuschung, seine Arbeit fort ohne noch einmal zu lächeln. Die ganze Zeit stellte sich mir die Frage, was wohl passieren würde, wenn der Darsteller fertig war mit dem Zusammentragen und Aufeinanderschichten der Zweige und Äste und gleichzeitig wurde mir dabei bewusst, dass ich überhaupt nicht wollte, dass dieser damit aufhörte beziehungsweise damit fertig wurde. Durch seine gleichmäßigen, monotonen Bewegungen war ich in eine Art Dämmerzustand, Träumerei, versetzt worden aus der ich ungern herausgerissen werden wollte. Nach einer gefühlten Ewigkeit legte der Darsteller den letzten Zweig auf das Bündel auf dem Boden, bückte sich und trug die Äste nach rechts davon zum anderen Ende der Bühne.

[...]


[1] Sabine Schouten, Sinnliches Spüren. Wahrnehmung und Erzeugung von Atmosphären im Theater, Berlin 2007, S. 23

[2] a.a.O., S. 29

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Wie entsteht Theateratmosphäre? Eine Aufführungsanalyse zu „Idyll“
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Theater und Medien)
Veranstaltung
Theateranalyse
Note
1,3
Jahr
2013
Seiten
5
Katalognummer
V321767
ISBN (eBook)
9783668211438
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
theateratmosphäre, eine, aufführungsanalyse, idyll
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Wie entsteht Theateratmosphäre? Eine Aufführungsanalyse zu „Idyll“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321767

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wie entsteht Theateratmosphäre? Eine Aufführungsanalyse zu „Idyll“


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden