Politik und Sport im Nationalsozialismus. Sport als politisches Mittel der Exklusion


Seminararbeit, 2014
18 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen
2.1 Totalitäres Regime
2.2 Exklusion

3. Politik und Sport im Nationalsozialismus
3.1 Das Parteiprogramm der NSDAP
3.2 Die Hitlerjugend
3.3 Das Verbandswesen
3.3.1 Die Beziehungen zwischen dem Verbandswesen und der NSDAP
3.3.2 Der Nationalsozialistische Deutsche Sportverband

4. Die Olympischen Spiele von 1936
4.1 Die Wiener Unterwerfungserklärung
4.2 Die Olympiadiskussion im Frühjahr von 1933
4.3 Die Konzeption der Olympischen Sommerspiele von 1936
4.4 Die Hochspringerin Gretel Bergmann
4.5 Die internationale mediale Berichterstattung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Aktuell wird die Berichterstattung der Medien durch die anstehenden Olympischen Spiele in Brasilien dominiert. Tiefgründige Debatten sind sportpolitisch motiviert. Während der ärmere Teil der Bevölkerung gegen die mehrere Millionen teure Sportveranstaltung protestiert, werden die Arenen in Brasilien errichtet. Auch zum Zeitpunkt der Olympischen Spiele werden politische Proteste erwartet. Die letzten Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi wurden von einer politischen Debatte um Julia Timoschenko begleitet. Demnach lässt sich aus aktuellen Berichten, beispielsweise um die Olympischen Spiele verschiedener Jahre, eine Verflechtung von Sport und Politik erkennen.

Bereits in der Vergangenheit gingen Sportveranstaltungen und Politik einher. Als ein Beispiel sind die Olympischen Spiele in Berlin aus dem Jahr 1936 zu nennen. Das politische System der Bundesrepublik Deutschland war zu diesem Zeitpunkt eine Diktatur unter dem Diktator Adolf Hitler. Zu dieser Zeit wurde politisch eine antisemitische Weltanschauung verbreitet, welche in einer Judenverfolgung mündete. Demnach wird in dieser Arbeit ein politisches System hinsichtlich dessen Verflechtung zum Sport untersucht.

Um die Diktatur außenpolitisch demokratisch zu inszenieren, setzten die Nationalsozialisten die Olympischen Spiele 1936 in Berlin gezielt als politisches Instrument ein. Gleichzeitig diente der Sport im Dritten Reich ebenfalls den Vorhaben des Machthabers Hitler, indem jüdische Sportler und Sportlerinnen auch aus dem Sport, ergo aus dem gesellschaftlichen Leben, exkludiert wurden.

In dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern Politik und Sport miteinander verknüpft waren. Weiterhin soll die Fragestellung untersucht werden, inwiefern der Sport als politisches Instrument manipulativ eingesetzt wurde. Insgesamt kann die These aufgestellt werden, dass der Sport im Nationalsozialismus als politisches Mittel zur Exklusion der jüdischen Bevölkerung zweckentfremdet wurde.

Um dieser These und den Fragestellungen nachgehen zu können, werden zunächst die Begriffe „Totalitäres Regime“ und „Exklusion“ definiert. Weiterhin wird auf die Verflechtung von Politik und Sport in der Bundesrepublik Deutschland allgemein eingegangen, um die erhaltenen Ergebnisse auf die politische Epoche des Dritten Reiches anzuwenden. Im Zuge dessen werden die Hitlerjugend, das Verbandswesen und das Militär auf sportpolitische Aspekte untersucht. Folglich werden die Olympischen Spiele als Fallbeispiel für die Verknüpfung von Politik und Sport thematisiert. Diese Großveranstaltung des Sports wird unter politischen Gesichtspunkten analysiert. Insgesamt soll in dieser Arbeit aufgezeigt werden, wie ein gesellschaftliches Phänomen, in diesem Fall der Sport, als politisches Instrument der Macht missbraucht werden kann.

2. Definitionen

2.1 Totalitäres Regime

Um das politische System eines totalitären Regimes beschreiben zu können, wird die Typologie politischer Systeme von Wolfgang Merkel herangezogen. Merkel unterscheidet diesbezüglich sechs verschiedene Merkmale; die Herrschaftslegitimation, den Herrschaftszugang, das Herrschaftsmonopol, die Herrschaftsstruktur, den Herrschaftsanspruch und die Herrschaftsweise.1 Die Herrschaftslegitimation thematisiert, wie und in welchem Umfang die Herrschaft legitimiert ist. Der Herrschaftszugang beschreibt das Verhältnis, inwiefern der Zugang zu politischer Macht geregelt ist und ob ein universelles Wahlrecht existent ist. Wer die politisch verbindlichen Entscheidungen trifft und ob dies von demokratisch legitimierten Personen vollzogen wird, fasst Merkel unter dem Herrschaftsmonopol zusammen. Hinsichtlich des Herrschaftsmonopols ist ebenfalls relevant, ob die in der Verfassung legitimierten staatlichen Instanzen die verbindlichen Entscheidungen treffen.2 Die Herrschaftsstruktur bezieht sich auf die Frage, ob die staatliche Macht auf mehrere Herrschaftsträger verteilt ist oder ob diese sich in der Hand eines einzelnen Machthabers befindet. Der Herrschaftsanspruch geht darauf ein, ob der staatliche Herrschaftsanspruch gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern eindeutig oder tendenziell unbegrenzt ist. Ob die Ausübung staatlicher Herrschaft nach rechtsstaatlichen Grundsätzen ausgeübt wird, oder die Ausübung willkürlich oder gar terroristisch ausgeübt wird, wird nach Merkel unter dem Oberbegriff der Herrschaftsweise thematisiert.3

In einem totalitärem Regime wie zu Zeiten des Nationalsozialismus erfolgt die Herrschaftslegitimation durch eine ideologische Weltanschauung. Der Zugang zur Herrschaft ist in einem totalitärem Regime geschlossen. Der Herrschaftsanspruch ist unendlich, beziehungsweise unbegrenzt. Das Herrschaftsmonopol konzentriert sich auf eine Partei und einen Führer. Im Nationalsozialismus beschränkte sich das Herrschaftsmonopol auf die NSDAP und dem Führer Adolf Hitler. Die Herrschaftsstruktur ist monistisch und die Herrschaftsweise terroristisch und repressiv.4 Wie bereits thematisiert, stellt das NS-Regime ein Beispiel für ein totalitäres Regime dar.

2.2 Exklusion

Der Begriff der Exklusion stellt den Gegenbegriff zur Inklusion dar. Im Allgemeinen bedeutet der Begriff der Inklusion eine „Adressierung von bestimmten Personen im Gesellschaftssystem oder in anderen Sozialsystemen.“5 Daraus folgt, dass die Exklusion eine Nicht-Adressierung von bestimmten Personen, Gruppen oder Subkulturen beschreibt.

Demnach handelt es sich um den Ausschluss von bestimmten Menschen, Personengruppen oder Subkulturen in einem Gesellschaftssystem: „Inklusion ist ein in allen gesellschaftlichen Teilbereichen interdependent verlaufender Transformationsprozess, der darauf abzielt, jedem Menschen auf Grundlage seiner individuellen Bedarfe Zugang und Teilhabe zu und an allen Lebensbereichen zu verschaffen.“ 6 In der Phase der Exklusion wird ausgewählten Menschen der Zugang und die Teilhabe zu bestimmten Lebensbereichen verwehrt. Somit handelt es sich bei einer Exklusion um einen gezielten sozialen Ausschluss einer ausgewählten Person oder einer Personengruppe.

3. Politik und Sport im Nationalsozialismus

3.1 Das Parteiprogramm der NSDAP

Die erste Aussage von Adolf Hitler über den Sport wurde im Zuge des 25-Punkte- Programms der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) im Hofbräuhaus getätigt: „Der Staat hat für die Hebung der Volksgesundheit zu sorgen durch den Schutz der Mutter und des Kindes, durch Verbot der Jugendarbeit, durch Herbeiführung einer Turn- und Sportpflicht, durch größte Unterstützung aller sich mit körperlicher Jugend-Ausbildung beschäftigten Vereine.“ 7 Mit der Veröffentlichung des Parteiprogramms der NSDAP wurde somit eine körperliche Pflichterziehung für die jugendliche Bevölkerung bekannt gegeben, die „Turn- und Sportpflicht“.8 Die Integration von Sport im Parteiprogramm geht auf den Sportjournalisten der Münchener Neuesten Nachrichten, Karl Harrer zurück. Karl Harrer fungierte als Propagandaleiter der DAP und wurde später durch Adolf Hitler abgelöst.9 Somit ist der bereits thematisierte Punkt 21 aus dem 25-Punkte- Programm auf Harrer zurückzuführen, ebenso wie die gesamten ersten sportpolitischen Einflüsse in der Zeit des Dritten Reiches.

In Form einer „Sieben-Punkte-Denkschrift“10 wurde die Forderung nach der Turn-und Sportpflicht erhoben. Punkt 22 aus dem 25-Punkte-Programm belegt, das die Turn- und Sportpflicht als Ersatz für den Wehrdienst betrachtet worden sind: „Der völkische Staat wird … die körperliche Ausbildung der Nachschulzeit als staatliche Aufgabe betrachten müssen und durch staatliche Einrichtungen in großen Zügen schon die Vorbildung für den späteren Heeresdienst sein. Das Heer … wird auch nicht Rekruten im heutigen Sinne zugeführt erhalten, es soll vielmehr den körperlichen bereits tadellos vorgebildeten jungen Menschen nur mehr in den Soldaten verwandeln.“11

Aus den aufgeführten Punkten des Parteiprogramms der NSDAP geht hervor, dass die sportliche Erziehung einem politischem Zweck, der „Heeresbildung“12, dient. Somit sind die ersten Verflechtungen von Politik und Sport im Nationalsozialismus bereits auf die Gründungsphase der NSDAP zurückzudatieren.

3.2 Die Hitlerjugend

Die Hitlerjugend hatte die Bestrebung, den Bereich des Sports, in die eigenen Tätigkeiten vollständig zu integrieren. Dies wurde zunächst zu einem Problem, da dieser in das Vereinswesen fest inkludiert war. 13 Somit kam es zu einem Abkommen zwischen der Hitlerjugend und dem Verbandswesen. Aus diesem Abkommen geht hervor, dass die Jugendsporterziehung innerhalb des Vereinswesens bestehen bleibt. Zusätzlich erklärte ein Gesetz vom 1. Dezember 1936 Tschammer zum „Beauftragten für die Leibeserziehung der gesamten deutschen Jugend“.14 Aus dem Abkommen zwischen der Hitlerjugend und dem Vereinswesen resultierte ebenfalls eine Eingliederung des Vereinswesens in die Hitlerjugend. Demnach verschoben sich die Zuständigkeiten. Ab diesem Zeitpunkt war die Hitlerjugend für die körperliche Erziehung zuständig. In den Aufgabenbereich der Vereine fielen alle weiteren sportlichen Aktivitäten. 15 Dennoch sah Hitler nicht vor, die Übungen für Wettkämpfe gänzlich der Hitlerjugend zu übertragen. Dies hat den Hintergrund, dass in zwei Jahren die Olympischen Spiele in Berlin stattfinden sollten. Da die Spiele stark durch das nationalsozialistische Regime inszeniert worden sind, hätte dies eine zu spontane und riskante Veränderung dargestellt.16 Dennoch hatte das Vereinswesen durch den Hintergrund der Eröffnung der Olympischen Spiele in zwei Jahren, starken Auflagen zu folgen: „Untersagt waren […] Heimabende, Wanderungen, kulturelle Veranstaltungen, Elternabende […].“ 17 Aus diesen strengen Vorgaben für das Vereinswesen lässt sich ableiten, dass bereits zwei Jahre vor Beginn der Olympischen Spiele erste Ansätze der nationalsozialistischen Inszenierung in den alltäglichen Betrieb integriert worden sind. Besonders die Tatsache, dass dies bereits zwei Jahre vor den Spielen in diesem Maße kontrolliert wird beweist einerseits die hohe Relevanz für das nationalsozialistische Regime, andererseits den hohen Aufwand, der in die Inszenierung der Spiele investiert wurde.

Der Pflichtdienst der Hitlerjugend sah eine Stunde Turnerziehung am Tag vor. Die Stundenanzahl konnte jedoch durch das Recht auf den freiwilligen Sportdienst erweitert werden.18 Zusätzlich wurden 12-15 Wochenstunden für die körperliche Ertüchtigung als Grundvoraussetzung betrachtet, um den neuen Bildungszielen gerecht zu werden. 19 Insgesamt sollten die durch Adolf Hitler vorgeschriebenen Leibesübungen in der Hitler Jugend ein „stärkeres Gegengewicht gegen die bisher vorherrschende, einseitig übertriebene Geistesschulung“20 darstellen. Mit den festgesetzten Vorgaben für die körperliche Ertüchtigung verfolgt Hitler antisemitische Ziele: „Darüber hinaus sollten im Turnunterricht durch die eigene Erfahrung der körperlichen Ausbildung und Leistungsfähigkeit, „rassenbiologische Erkenntnisse und Verständnis für deren Forderungen“ geweckt und gefördert werden.“ 21 Anhand dieser Zitate ist zu belegen, dass Hitler mit der Turn- und Sportpflicht die Wehrfähigkeit in die schulische Erziehung integrierte.

[...]


1 vgl., Merkel, Wolfgang, Systemtransformation. Eine Einführung in die Theorie und Empirie der Transformationsforschung, Wiesbaden, 2010, S. 22.

2 vgl., ebd..

3 vgl., ebd., S. 23.

4 vgl., a.a.O., Merkel, S. 24.

5 Stichweh, Rudolf, Inklusion und Exklusion, in: Guys, Christoph; Haupt, Heinz-Gerhard (Hg.), Inklusion und Partizipation, Frankfurt am Main 2005, S. 35-48, hier: 35.

6 Besand, Anja, Inklusive Didaktik der politischen Bildung?, Bundeszentrale für politische Bildung, http://www.bpb.de/lernen/180745/a-besand-inklusive-didaktik-der-politischen-bildung (11.05.2014).

7 Teichler, Hans Joachim, Internationale Sportpolitik im Dritten Reich, Schorndorf, 1991, S. 21.

8 vgl. a.a.O., Teichler.

9 vgl. ebd., S. 22.

10 vgl., ebd.

11 ebd., S. 25.

12 vgl., ebd.

13 vgl., Diem, Carl, Der deutsche Sport in der Zeit des Nationalsozialismus, Köln, 1980, S. 21.

14 vgl., ebd.

15 vgl., ebd.

16 vgl., von Mengden, Guido, Umgang mit der Geschichte und mit Menschen. Ein Beitrag zur Geschichte der Machtübernahme im deutschen Sport durch die NSDAP, Berlin, 1980, S: 94.

17 ebd.

18 vgl., a.a.O., Diem, S. 21.

19 vgl., Pfeiffer, Lorenz, Turnunterricht im Dritten Reich. Erziehung für den Krieg?, Köln, 1987, S. 34.

20 ebd.

21 ebd., S. 35.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Politik und Sport im Nationalsozialismus. Sport als politisches Mittel der Exklusion
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Politik und Sport
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V322157
ISBN (eBook)
9783668213142
ISBN (Buch)
9783668213159
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sport, NS, Nationalsozialismus, jüdische Bevölkerung, Juden, Politik, Ideologie
Arbeit zitieren
Sabrina Voigt (Autor), 2014, Politik und Sport im Nationalsozialismus. Sport als politisches Mittel der Exklusion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322157

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