Beeinflussen intermediale Strukturen eines Theaterstücks die Medienwirkung? Das Multimediaprojekt "SUPERNERDS – EIN ÜBERWACHUNGSABEND"


Seminararbeit, 2015

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Supernerds – Ein Überwachungsabend: Multimediales Theater

2.Intermedialität und Multimedialität in Supernerds
2.1.Supernerds im Theater und im Fernsehen
2.2.Die Supernerds im Internet

3. Medienwirkung von Die Supernerds

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1.Supernerds – Ein Überwachungsabend: Multimediales Theater

Hi Anne-Marie, I am back from China, meeting Ai Weiwei was kind of crazy. Are you ok? We are getting nervous, we´re in a critical stage with v6, and time is running out. Please get back to me asap. thx. Jake Eines Morgens erreichte mich oben zitierte Kurznachricht auf meinem Smartphone. Nach kurzer Unsicherheit, welcher Jake mir eine derart mysteriöse Nachricht aus China zukommen lassen könnte, erinnerte ich mich, mich beim „Suddenlife Gaming“ des Multimediaprojekts Supernerds – Ein Überwachungsabend angemeldet zu haben. Das Projekt, welches in Kooperation mit dem Schauspiel Köln in Koproduktion mit dem Westdeutschen Rundfunk und den Gebrüder Beetz produziert wurde, zielt genau auf diese Unsicherheit ab.[1] Im Zeitalter der Digitalisierung rücken die Themen Überwachung und Datenschutz immer mehr in den Vordergrund aktueller Mediendiskurse. Um kurz in die Überwachungs-Thematik einzuführen, soll hier eine kurze Erklärung aus dem Buch „Der NSA-Komplex. Edward Snowden und der Weg in die totale Überwachung“ als Überblick dienen:

(...) sind die Überwachungsmöglichkeiten im Digitalzeitalter nahezu grenzenlos. Das Internet, gefeiert als wichtigstes Werkzeug zur Verbreitung der Demokratie, ist zur Bühne des größten Überwachungsprogramms in der Geschichte der Menschheit geworden. Eine Million Ziele attackieren die USA täglich. (...) Jeden Tag kommen (...) Metadaten von Menschen dazu, die telefonieren, chatten oder mailen.[2]

Mit der Überwachung soll im Folgenden also die digitale Überwachung und Speicherung unserer Daten gemeint sein, von der wir grundsätzlich alle betroffen sind.

Knotenpunkt des Multimediaprojekts, welches in dieser Arbeit thematisiert werden soll, ist die Theaterinszenierung, die am 28. Mai 2015 im Kölner Schauspiel uraufgeführt wurde. Wer sich im Vorfeld ein Ticket sichern wollte, gab sich mit der Herausgabe seiner Telefonnummer und E-Mail-Adresse damit einverstanden, selbst Opfer der Überwachung zu werden.[3] Die Premiere wurde parallel im WDR-Fernsehen live übertragen und von Fernsehmoderatorin Bettina Böttinger moderiert und kommentiert. Außerdem konnten Zuschauer, die nicht im Publikum saßen, das Stück im Live-Stream verfolgen. Die Fernsehzuschauer hatten die Möglichkeit, die Handlung der Inszenierung zu beeinflussen. Wie genau die Zuschauer Einfluss nehmen, wird zu einem späteren Zeitpunkt dieser Arbeit näher erläutert. Die Stuttgarter Zeitung schreibt, das Ziel der Inszenierung sollte sein, die Zuschauer sowohl im Publikum als auch Zuhause an den Fernsehgeräten mit den Ausmaßen und Konsequenzen der Überwachung zu konfrontieren.[4]

Die Zuschauer sollten also „am eigenen Leib zu spüren bekommen, wie Überwachung funktioniert“ und sollten darüber aufgeklärt werden, welche Opfer die Whistleblower wie Jacob Applebaum, Edward Snowden oder Julian Assange bringen und gebracht haben, um die Gesellschaft über die digitale Überwachung aufzuklären.[5]

Als Grundlage soll zunächst, bevor die Begrifflichkeiten Multi- und Intermedialität genauer betrachtet werden, der Begriff Medium an dieser Stelle eingeführt werden. Die berühmteste Frage, die seit Jahrzenten einen Großteil der Medienwissenschaftler beschäftigt, ist wohl: Was ist eigentlich ein Medium? Der Geisteswissenschaftler und häufig diskutierte Philosoph Marshall McLuhan definiert das Medium in seinem 1964 erschienenen Werk „Understanding Media“ als „(...) die Botschaft“. Er konstatiert, dass dem Medium, dem eine Botschaft innewohnt, mehr Bedeutung zuzuschreiben sei, als den zu übermittelnden Inhalten selbst. Um seine Überlegungen zu verdeutlichen, führt er beispielhaft an, dass eine Glühlampe ein Medium ohne Inhalt sei:

Das Beispiel des elektrischen Lichtes wird sich in diesem Zusammenhang vielleicht als aufschlußreich (sic!) erweisen. Elektrisches Licht ist reine Information. Es ist gewissermaßen ein Medium ohne Botschaft, wenn es nicht gerade dazu verwendet wird, einen Werbetext Buchstabe um Buchstabe auszustrahlen. Diese für alle Medien charakteristische Tatsache bedeutet, daß (sic!) der "Inhalt" jedes Mediums immer ein anderes Medium ist. Der Inhalt der Schrift ist Sprache, genauso wie das geschriebene Wort Inhalt des Buchdrucks ist und der Druck wieder Inhalt des Telegrafen ist. (...) Diese Tatsache unterstreicht nur die Ansicht, "daß (sic!) das Medium die Botschaft ist", weil eben das Medium Ausmaß und Form des menschlichen Zusammenlebens gestaltet und steuert. Der Inhalt oder die Verwendungsmöglichkeiten solcher Medien sind so verschiedenartig, wie sie wirkungslos bei der Gestaltung menschlicher Gemeinschaftsformen sind. Ja, es ist nur zu bezeichnend, wie der "Inhalt" jedes Mediums der Wesensart des Mediums gegenüber blind macht.[6]

Weiterhin definiert McLuhan ein Medium als eine „Erweiterung von uns selbst“, ebenso wie „jede neue Technologie“.[7]

Kommunikationswissenschaftler Heinz Pürer stellt in seinem Werk „Medien in Deutschland: Presse-Rundfunk-Online“ zunächst heraus, dass der Medienbegriff über „keine einheitliche Begriffsbestimmung verfügt“.[8] Dennoch versucht auch er, dem Begriff eine Definition zuzuordnen und betrachtet diesen aus mehreren Perspektiven. Eine dieser Perspektiven bezieht sich dabei auf „das Medium als gesellschaftliches Instrument“, welches am Ende dieser Arbeit im Hinblick auf die Medienwirkung wieder in den Vordergrund rückt.

Pürer führt also an, dass technische Medien[9] ohne eine soziale Form des Gebrauchs wirkungs- und bedeutungslos seien. Der rein technische Begriff von Medien sei eine unzulässige Verkürzung des Verständnisses von Medium.[10]

Ohne auf den technischen Aspekt der Medien Rücksicht zu nehmen, formuliert Michael Jäckel Medien als „allgemeine Artefakte, die Vermittlungsleistungen übernehmen, gemeint: Bilder, Texte, aber z.B. auch Münzen.“[11]

In der folgenden Ausarbeitung soll nun untersucht werden, inwieweit das Multimediaprojekt Die Supernerds – Ein Überwachungsabend intermediale Strukturen aufweist und dadurch die Medienwirkung auf die Gesellschaft beeinflusst. Ein Fazit rundet die Arbeit abschließend ab.

2. Intermedialität und Multimedialität in Supernerds

Definitionen zum Intermedialitätsbegriff finden sich in den Medienwissenschaften seit jeher reichlich. Der Medienwissenschaftler Jens Schröter beleuchtet den heterogenen Begriff aus mehreren Perspektiven. Hauptaugenmerk sollte aber im Zusammenhang mit dem Stück Supernerds auf der von ihm eingeführten Synthetischen Intermedialität liegen, die hier nur kurz erläutert werden soll. Unter Synthetischer Intermedialität versteht Schröter den Prozess der Aggregierung mehrerer, als isolierte Entitäten vorausgesetzter Medien zu einem neuen Medium, dem ´Intermedium´, welches mehr wäre als die Summe seiner Teile (...)[12]

Der Begriff Intermedialität sei laut Schröter erstmalig von Dick Higgins geprägt worden, genau genommen sei der Begriff aber bis in das Jahr 1812 zurückzuverfolgen.[13] Weiterhin ´handele es sich bei Intermedialität um das Zusammentreten verschiedener Medien oder vielmehr verschiedener medialer Formen in einem institutionellen oder technischen Rahmen.´[14]

Wie Schröter erkennt auch die Literaturwissenschaftlerin Irina O. Rajewsky die heterogenen Strukturen der Intermedialität, deren Definition kein einfaches Unterfangen sei:

Mit unterschiedlichen –expliziten oder impliziten- Definitionen der Intermedialität werden die verschiedensten Blickwinkel an Gegenstände angelegt, die auf ihre Weise alle von medialen Vermischungen und Interaktionen handeln.[15]

Dennoch versucht Rajewsky die vieldiskutierte Frage, was Intermedialität sei, zu beantworten. Für sie geht Intermedialität mit der Grenzüberschreitung von Mediengrenzen einher:

(...) für die Gesamtheit aller Mediengrenzen überschreitenden Phänomene beizubehalten, also all der Phänomene, die, dem Präfix >inter< entsprechend, in irgendeiner Weise zwischen den Medien anzusiedeln sind.

Es ist mitunter zu beachten, dass auch Rajewsky selbst ihren Intermedialitätsbegriff nicht als eine universelle Definition betrachtet:

Intermedialität bleibt in diesem weitesten Sinne ein Terminus, der einen Gegenstandsbereich umfaßt (sic!), der de facto nicht einheitlich theorisierbar ist.[16]

Diese Erkenntnis soll im Folgenden für weitere Definitionen aus dem Feld der Medialitätsforschung im Rahmen dieser Arbeit gelten. Im Vordergrund der Betrachtungen sollen hier Intermedialität und Multimedialität stehen.

Wie Medium und Intermedialität ist auch der universale Begriff Multimedialität ein viel diskutiertes Phänomen, dem verschiedenste Definitionen zugrunde liegen und der, wenn man die zuvor geschriebenen Erklärungen betrachtet, nur schwer von Intermedialität zu trennen ist. Der Kommunikationswissenschaftler Paul Klimsa differenziert unter anderem Multitasking und Interaktivität um zu versuchen, den Begriff von Intermedialität abzugrenzen. So schreibt dieser in seinem Buch „Information und Lernen mit Multimedia und Internet:

(...) bedeutet "Multimedia" zahlreiche Hardware- und Softwaretechnologien für Integration von digitalen Medien, wie beispielsweise Text, Pixelbilder, Grafik, Video oder Ton. Neben diesem Medienaspekt – Multimedialität – spielen aber auch Interaktivität, Multitasking (gleichzeitige Ausführung mehrerer Prozesse) und Parallelität (bezogen auf die parallele Medienpräsentation) eine wichtige Rolle. In diesem Zusammenhang können wir vom Integrations- und Präsentationsaspekt des Multimediabegriffs sprechen. Diese Aspekte der technischen Dimensionen des Multimediaverständnisses müssen um weitere Aspekte ergänzt werden: die der Dimension der Anwendung. Erst die Anwendung der multimedialen Technik konkretisiert den Begriff. So kann nicht jede beliebige Kombination von Medien als "Multimedia" bezeichnet werden. Ein Personalcomputer mit Tonausgabe und einem eingebauten CD-Rom Laufwerk ist genauso wenig ein Multimediasystem wie ein CBT Programm (...), das neben Text auch Bilder und Grafiken darstellt. Sicherlich sind aber neben der Multimediatechnik auch der Nutzungskontext und die Funktionalität von Multimedia stets in die Debatte mit einzubeziehen.[17]

Diese Erklärung soll im Verlauf der vorliegenden Arbeit als Definition für Multimedialität im Projekt Supernerds genügen.

Um Intermedialität und Multimedialität nun voneinander abgrenzen zu können, betrachten wir die von Klimsa als essentiell dargestellten Strukturen für Multimedialität, Interaktivität, Parallelität und Multitasking genauer, die im Stück Supernerds zu erkennen sind.[18] Sowohl intermediale, als auch multimediale Strukturen, so wie wir sie oben kennengelernt haben, finden sich wieder. In den folgenden Unterpunkten sollen diese Strukturen anhand der einführten Begrifflichkeiten genauer beleuchtet und untersucht werden.

2.1. Supernerds im Theater und im Fernsehen

Der Westdeutsche Rundfunk, der das Projekt in Koproduktion mit den Gebrüder Beetz produzierte, strahlte die Premiere des Stücks am 28. Mai 2015 um 20.15 Uhr im WDR Fernsehen aus. Die Uraufführung des Stücks Supernerds – Ein Überwachungsabend, die in Köln-Mühlheim im Schauspiel Köln stattfand, war mit 600 vorbestellten Tickets ausverkauft. Regie hat Angela Richter geführt, die die hauseigene Regisseurin des Schauspiel Köln ist. Ihre Arbeiten setzen sich überwiegend mit den Schwerpunkten Theater, Performance und journalistischer Recherche auseinander. Künstlerisch sind die sogenannten „Netzaktivisten“ als ihr Schwerpunkt anzusehen.[19]

Die Fernsehmoderatorin Bettina Böttinger führte moderierend und kommentierend durch das Programm an diesem Abend. Mit Unterstützung von Netzjournalist Richard Gutjahr wird der Zuschauer während des Stücks auch über die technischen Details aufgeklärt. Böttinger und Gutjahr befinden sich die meiste Zeit während der Aufführung in einem digitalen Studio, welches sich unmittelbar neben der Bühne befindet. Zu Beginn führt Böttinger die Fernsehzuschauer in die Thematik ein. Sie gibt Hintergrundinformationen zum Thema Überwachung und erklärt im weiteren Verlauf, wie der Abend gestaltet werden soll.[20] Nach dieser kurzen Einleitung erklärt Böttinger noch vor Beginn der eigentlichen Theateraufführung, wie der Fernsehzuschauer interaktiv mitwirken kann und bittet, eine Kölner Telefonnummer anzurufen. Der Zuschauer, der die Übertragung im Fernsehen verfolgt, wird an dieser Stelle also dazu aufgerufen, das Geschehen aktiv mit zu beeinflussen. Mit dem Anruf erfolge eine Registrierung, so Böttinger.[21]

[...]


[1] Eva Pfister: Big Brother und die Widerstandskämpfer. In: Stuttgarter –Zeitung.de (30.05.2015) URL: http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.supernerds-in-koeln-big-brother-und-die-widerstandskaempfer.b6a4ec09-a389-410e-bee5-1dad2cbe120b.html (26.07.2015).

[2] Marcel Rosenbach und Holger Stark: Der NSA-Komplex. Edward Snowden und der Weg in die totale Überwachung. München. 2015. S.11.

[3] Natürlich nur im Rahmen des Projekts.

[4] Eva Pfister: Big Brother und die Widerstandskämpfer.

[5] Vgl. ebd.

[6] McLuhan Marshall: Understanding Media. The Extension of Man. London & New York. 2003. S.8.

[7] Vgl. ebd., S.45/46.

[8] Heinz Pürer: Medien in Deutschland. Presse-Rundfunk-Online. Konstanz/München. 2015. S.10.

[9] Wie in diesem Fall der Fernseher und der Computer.

[10] Heinz Pürer: Medien in Deutschland. Presse-Rundfunk-Online. S.10.

[11] Michael Jäckel: Medienwirkungen kompakt: Einführung in ein dynamisches Forschungsfeld. Wiesbaden. 2012. S.11.

[12] Jens Schröter: Das ur-intermediale Netzwerk und die (Neu-) Erfindung des Mediums im (digitalen) Modernismus. Ein Versuch. In: Joachim Paech/Jens Schröter (Hrsg.): Intermedialität analog/digital. Theorien, Methoden, Analysen, München 2008. S. 585.

[13] Ebd.

[14] Vgl.ebd.

[15] Irina O. Rajewsky: Intermedialität. Stuttgart. 2002. S.12.

[16] Ebd., S.14.

[17] L. J. Issing, P. Klimsa: Information und Lernen mit Multimedia und Internet. Weinheim. 2002.S. 5.

[18] Ich möchte nicht grundsätzlich zwischen den beiden Termini Intermedialität und Multimedialität unterscheiden. Das würde über das Ziel dieser Arbeit hinausgehen. Ich beziehe diese Analyse lediglich auf das im Titel genannte Projekt Supernerds.

[19] Angela Richter: Supernerds. Berlin. 2015.

[20] Supernerds – Ein Überwachungsabend, D 2015, R: Angela Richter, Erstausstrahlung: 28.05.2015. TC 0:09:40.

[21] TC ebd.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Beeinflussen intermediale Strukturen eines Theaterstücks die Medienwirkung? Das Multimediaprojekt "SUPERNERDS – EIN ÜBERWACHUNGSABEND"
Hochschule
Universität zu Köln  (Soziologie und Sozialpsychologie)
Veranstaltung
Intermedialität
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V322296
ISBN (eBook)
9783668215030
ISBN (Buch)
9783668215047
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
multimedia, intermedia, supernerds, überwachung, intermedialität
Arbeit zitieren
Anne-Marie Böwer (Autor), 2015, Beeinflussen intermediale Strukturen eines Theaterstücks die Medienwirkung? Das Multimediaprojekt "SUPERNERDS – EIN ÜBERWACHUNGSABEND", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322296

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