Da wo Menschen leben. Sind sozialräumliche Milieuorte planbar?


Bachelorarbeit, 2014
46 Seiten, Note: Sehr gut (1)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition der Begriffe
2.1. Sozialer Raum
2.2. Milieu
Exkurs: Milieuforschung
2.3. Lebensstile
2.4. Soziale Milieus
2.5. Räumliche Milieus
2.6. Reflexive Milieus

3. Strukturierungsprozesse
3.1. Embedding-Disembedding
3.2. Systemtische Integration
3.3. Soziale Integration
3.4. Verschränkung auf Mesoebene

4. Relationale Raumtheorie und Milieuforschung
4.1. Soziale Veränderungsprozesse im Stadtraum
4.2. Konzeptionalisierung
4.2.1. Konzeptionalisierung nach Thomas Dörfler
4.2.2. Der Matrix-Raum nach Dieter Läpple
4.2.3. Raumdifferenzierung nach Oliver Frey

5. Thesen zur Verräumlichung von Milieus
5.1. Arbeitsthesen & Beantwortung
5.2. Verinselte Milieus
5.3. Binnenintegrative Milieus

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ziel dieser Arbeit ist es, sozialräumliche Milieus zu untersuchen und versuchen diese räumlich zu verorten. Milieus werden häufig mit Begriffen wie Lebensstile, soziale Milieus, räumliche Milieus, sozialer Raum, und reflexive Milieus in Verbindung gebracht (Beck 1983; 1986; Berger/ Hradil 1990; Matthiesen 1998). Die Unterscheidung dieser bietet die Grundlage dieser Arbeit.

Mit dem Verhältnis Raum und Milieu haben sich u. A. Detlev Ipsen (siehe Beitrag in Löw 2002: 232ff.) und Ulf Matthiesen (Matthiesen 1998) auseinandergesetzt und zeigen auf, dass Sozialräume nicht unabhängig vom Menschen und Räumen betrachtet werden können. „Das heißt, durch die Räume bilden sich auf der Basis materieller Bedingungen und gruppenspezifischer Verortungen eigene kulturelle Deutungsmuster und Relevanzmuster heraus, die Ordnungen eigener Art bilden und ein Differenzierungsmuster des Städtischen darstellen“ (Löw 2002: 18). Von einem relationalen Raumbegriff ausgehend, zeigt sich, dass Orte und Räume selbst Generatoren gesellschaftlicher Differenzierung sein können (ebd.: 21). Relationale Raumtheorie mit qualitativer Milieuforschung zu verbinden, sei „eine lohnenswerte Aufgabe einer Sozialwissenschaft“ (Dörfler 2013: 22). Die Relationalität bezieht sich hier sowohl auf die soziale wie räumliche Distinktionsleistung1 (ebd.).

Sozialräumliche Milieus räumlich zu verorten, bedeutet auch an raumplanerische Milieukonzepte anschließen zu wollen. Es soll untersucht werden, wie sich sozialräumliche Milieus, die keinen expliziten Wohnort haben, planen lassen, damit sie Milieuorte werden können. Milieubildungen sind Strukturierungsmerkmale und schließen an Strukturierungsprozesse an, die von „bottom up“ aufgefangen werden müssen (Matthiesen 1998: 71). Dass eine sozialwissenschaftliche Theoretisierung des Raumes notwendig ist, zeigt sich darin, dass zentrale Fragen einer soziologischen Raumtheorie stets offen bleiben. Fragen, wie sich gesellschaftliche Prozesse der Produktion und Reproduktion des Raumes zu gesellschaftlichen Strukturen des Raumes konstituieren, ohne dass nur anonyme objektivistische Systemzwänge angenommen werden müssen (Kuhn 1994: 9). Objektivistische Systemzwänge sind eine Betrachtungsweise aus der Makrosoziologie, die die Handlungsebene auslässt. Da Lebensstile und soziale Milieus eine immer wichtigere Stellung in der Gesellschaft einnehmen und diese nicht mehr ausschließlich von den objektiven Merkmalen abhängen, wurde die Sozialstrukturanalyse um die soziokulturelle Dimension erweitert. Soziale Milieus werden selbst handlungsleitend und sind damit sozialstrukturrelevant und für uns von Interesse (Manderscheid 2004: 79). Wenn nun soziale Milieus in der Sozialwissenschaft auf der Mesoebene angesiedelt sind, zeigt das die Schwierigkeit auf, die dieses Themenfeld mit sich bringt. In der Dualität der Struktur (Giddens 1990) sind soziale Milieus somit eine Schnittstelle, aber gleichzeitig auch ein Verbindungsstück zwischen einer Handlungstheorie und einer strukturellen Betrachtung. Das macht das Thema sehr spannend, gleichzeitig aber auch diffizil, da es sich mit der Schnittmenge beider theoretischen Ansichten auseinandersetzen muss. Ob diese nach der theoretischen Auseinandersetzung planbar sind, bleibt an dieser Stelle offen. Matthiesen meint, es gäbe kein gesteuertes Planungsinstrument um Milieus und ihre Strukturen zu durchdringen. Er sieht aber, dass Milieus partizipativ in neue Planungsverfahren einbezogen werden müssen.

2 Definition der Begriffe

2.1. Sozialer Raum

Der Begriff des sozialen Raums wird vom russischen Soziologen Pitrim Alexandrowitsch Sorokin als einer der ersten geprägt (Sorokin 1959: 3, zit. nach Löw 2002: 17). Er unterscheidet zwischen sozialem und geometrischem Raum und erklärt, dass König und Diener im geometrischen Sinne sehr nah stehen können, sozial existiere aber die größtmögliche Distanz. Ein Mensch könne Tausende von Kilometern hinter sich lassen, ohne seine Position im sozialen Raum zu verändern. Der soziale Raum definiere sich durch die Relationen zwischen Menschen bzw. Menschengruppen oder zwischen sozialen Phänomenen, wobei er sich vielfach durch Staatsangehörigkeit, Religion, Beruf, ökonomischen Status, Parteizugehörigkeit, Geschlecht, Alter, etc. differenzieren lässt. Er nennt zwei Haupt-Differenzierungslinien: die vertikale und die horizontale Achse. Horizontal sieht er die Differenzierung in verschiedene Gruppen (Gruppendifferenzierung) und vertikal in die verschiedenen Positionen, die die einzelnen in den Gruppen einnehmen (hierarchische Differenzierung). Bourdieu übernimmt diese Vorstellungen und fügt in seine Theorie hinzu, gesellschaftliche Felder als soziale Räume zu denken. Er sieht diese nicht nur metaphorisch als gesellschaftliches Gefüge, sondern erkennt er auch, dass sich diese Raumvorstellungen auf den materiell gebauten Raum niederschlagen (Kuhn 1994: 10). Der soziale Raum dient Bourdieu als Bild, als Modell um im „sozialen Kräftefeld“ Eigenschaften und Bilder des geo-graphischen und geo-metrischen Raumes als theoretische Repräsentationen für soziale Prozesse wirksam werden zu lassen. Er benutzt dabei räumliche Eigenschaften, die zum Teil bereits von Simmel analysiert wurden wie Ausschließlichkeit sowie Nähe und Distanz, aber auch geometrische Raumvorstellung, wie zB. Koordinaten. So fasst er seine zentralen Thesen zu den Entstehungsbedingungen des Habitus zusammen „durch die Konstruktion eines dreidimensionalen Raumes, durch die Konstruktion eines Raumes mit den folgenden drei Grunddimensionen: Kapitalvolumen, Kapitalstruktur und zeitliche Entwicklung dieser beiden Größen“ (Bourdieu 1982: 195 zit. nach Kuhn 1994: 10). Der so konstruierte, theoretische soziale Raum Bourdieus ist eher eine verdeutlichende Hilfskategorie, indem Raumvorstellungen nutzbar gemacht werden, um soziale Strukturen und Prozesse zu sichtbar zu machen. „Sozialer Raum“ kann somit als Synonym für „Struktur des sozialen Feldes“ und „Gliederung der sozialen Welt“ betrachtet werden (Bourdieu 1985: 23, 27 zit. nach Kuhn 1994: 10).

2.2. Milieu

Der Milieubegriff liegt einem transdisziplinären Ansatz zu Grunde. Er überschneidet sich in der soziologischen (Sozial) und geographischen (Raum) Forschung. Vielfältige Umbrüche, Systemtransformationen, zunehmende Überlagerungen von Phänomenen unterschiedlicher räumlicher Maßstabsebenen (globallocal) und Bereiche (neuartige Mischungen von Ökonomie, Politik und Kultur) zur Jahrtausendwende, haben dazu geführt, dass der Milieubegriff zu einer entscheidenden mesosozialen Strukturkategorie geworden ist. Mit dem Milieubegriff soll „d ie Einbettung[2] von Prozessen, auf größeren oder kleineren Maßstabsebenen, die Widerständigkeit und die Eigenlogik und die Selbstorganisationskapazitäten solcher sozialräumlichen Formationen untersucht werden“ (Bürk 2006: 91). Milieu hat im Gegensatz zu Lebensstil eine räumliche Komponente, die sich im Zille-Milieu am besten veranschaulichen lässt (Abbildung 1). Das Bild trägt den Titel „Mein Milljöh. Neue Bilder aus dem Berliner Leben“. Unter Zille-Milieu (berlinernd auch Milljöh geschrieben) werden proletarisch geprägte Berliner Stadtteile verstanden. Heinrich Zille, Maler, Zeichner, Fotograf und Schriftstelle stellt das Alltagsleben in dem „Milljöh“-Bild 1913 einfühlsam wie sozialkritisch dar. Im Unterschied zu Milieu, fragen Lebensstile mehr nach Einstellungen und Werten und nach subjektiver Selbstdarstellung.

Abbildung 1: Zille-Milieu (Quelle: Wikipedia)

Exkurs: Milieuforschung

Um die weitläufige Milieu-Debatte etwas weiter auszuleuchten, soll hier ein historischer Exkurs zur Milieuforschung gemacht werden. Ich beziehe mich hier insbesondere auf Ulf Matthiesen (1998: 58).

Seit den 80er Jahren gibt es den struktural-heuristischen Ansatz von Stefan Hradil mit seiner „Lebensstilorientierte Sozialstrukturanalyse“, die bis jetzt Nachhaltigkeit zeigt. Des Weiteren wird Michael Vester's Milieuforschungskonzept genannt. In seinem Konzept geht es um eine Verkoppelung von SINUS-Lebensstiltypologien mit der Habitus-Theorie von Pierre Bourdieu und erwies sich als anschlussfähig bei den ersten Milieuanalysen nach 1989 in der Umbruchzeit Ostdeutschlands. Daneben hat Richard Grathoff seinen sozialphänomenologischen Milieuansatz in den 80er Jahren weiterentwickelt und in einem Standardwerk „Milieu und Lebenswelt“ (1989) festgehalten. Grathoff selbst hat seine Studien international vergleichend angelegt. Er hat in Polen, Russland und den USA Milieu- und Nachbarschaftsstudien durchgeführt. Es wird zudem Hans Georg Soeffner erwähnt, der schon in der ersten Hälfte der 1980er Jahre eine sozialhermeneutische, methodensensitive Spielart von Milieuanalyse entwickelt und auch methodologisch weitergedacht hat. Aus dieser heraus haben sich weitere Forschungsarbeiten angeschlossen, die aber nicht unmittelbar den Milieubegriff zentral stellen. Ralph Bohnsack war ein Soziologe aus der 'Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen'. Er erarbeitete einen eigenen, anschlussfähigen Forschungsansatz, der aus rekonstruktions-methodologischen Untersuchungen zu Generationenmilieus, gemeint sind hier u. A. die Analyse von Nachwende-Generationenmilieus, in den 1980er Jahren entwickelt wurde. Sein Methodenschwerpunkt war das Gruppendiskussionsverfahren. Ein weiterer Vertreter der Geschichte der Milieuforschung ist Bruno Hildenbrand. Er hat eine Reihe von wichtigen Familienmilieu-Studien gemacht und bezieht sich ebenfalls auf sich überlagerten Nachwendeverhältnisse durch Ost-West-vergleichende Milieustudien. Eine methodische Weiterentwicklung von ihm ist die Genogramm-Analyse. Sighard Neckels empirische Studien der 1980er Jahre haben sich zunächst auf die Distinktionslogiken von Lebensstilen in urbanen Gruppen und ihren städtischen Milieus konzentriert (Schöneberg, Wittenbergplatz). Neckel griff den Bourdieuschen Habitusbegriff und die Forschungstradition der Chicago-School auf. Er hat, damals aktuelle, Gemeindestudien genutzt, die inhaltlich und methodisch zu mesosozialen Milieuanalysen gepasst haben. Anders wurde in detailreichen Problemstudien der 1980er Jahren von Ulfert Herlyn die Verstärkung von Marginalisierungstendenzen und neue Benachteiligungsformen in großstädtischen Quartieren Westdeutschlands untersucht. Diese zeigen sich als anschlussfähige Forschungsergebnisse zur Stadtentwicklung in fünf neuen Ländern der Nachwende. Schließlich hat die Forschungsgruppe um Hartmut Neuendorff und Ulf Matthiesen in der Dortmunder Tradition von Deutungsmusterstudien in den 1980er Jahren den Anstoß gegeben, aus der sich später das IRS (Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung in Erkner) mit Verflechtungsmilieustudien zwischen Berlin und seinem Umland sowie beginnenden Grenzmilieuforschung zwischen Deutschland und Polen, entwickelte. Die Untersuchungen zu der regionalkulturellen schnell umbrechenden Montanindustrie-Region des östlichen Ruhrgebiets, haben die „kognitive Dimension“ der Weltbildtransformationen mit Lebensstil-Analysen ergänzt.

2.3. Lebensstile

Lebensstile werden nach Bourdieu (1982) als „sozial distinkte Varianten kultureller Praktiken“ verstanden. Demnach streiten sich die sozialen Akteure im Raum der Lebensstile um symbolisches Kapital. Bourdieu zufolge gehen materielle Auseinandersetzungen im Raum der sozialen Positionen mit symbolischen Auseinandersetzungen im Raum der Lebensstile einher. „In Lebensstile gehen immer auch die subjektiven und gruppenbezogenen Konstruktionsleistungen von Akteuren ein, die dadurch ihre Wirklichkeit gestalten, ihr einen spezifischen Sinn verleihen, sie mit Bedeutung ausstatten und diese performativ zum Ausdruck bringen. Lebensstile fungieren als Strategien der Sinnfindung und der Bedeutungskonstitution. In ihnen artikulieren sich Wertvorstellungen und Identitätsentwürfe, die gegen andere behauptet werden sollen (Berking/ Neckel 1990: 482). Des Weiteren behaupten die Autoren „Lebensstile sind symbolisch gesicherte Territorien mit festen Zugehörigkeitsmerkmalen und Ausschlußregeln“ (ebd.). Berking und Neckel betrachten in ihrem Beitrag ein konkretes Stadtgebiet in Berlin (Schöneberg), das als am stärksten durchmischter Innenstadtbezirk Berlins gilt. Sie verwenden Lebensstile nicht als „Tendenzen des Zeitgeistes“ oder als „Aggregate“. Lebensstile bilden sich ihrer Meinung nach als Gruppen, „die sich untereinander erkennen, die handlungsfähig und diskursmächtig sind“ (ebd.). In den großstädtischen Räumen fungieren Lebensstile nicht nur als Leitwährung im sozialen Verkehr. Die Stadt selbst ist es, die als sozialökologische Ressource bestimmte Lebensstile erst möglich macht.

2.4. Soziale Milieus

Soziale Milieus und Lebensstile unterscheiden sich in der Literatur kaum. Besonders in der Makroperspektive werden sie ident verwendet. Allerdings schwingt in dem Begriff des Milieus stärker als bei dem des Lebensstils eine räumliche Dimension mit. Karl Dieter Keim war einer der ersten, der sich in seinem Werk „Milieu in der Stadt“ (1979) mit Milieu und Raum beschäftigt hat. Sein Konzept zur Analyse älterer Wohnquartiere behandelt, die mittlerweile veraltete Ansicht, dass sich soziale Milieus an gemeinsamen territorialen Orten, finden lassen. Heute wird an dieser Herangehensweise kritisiert, dass der Raum als gegeben genommen wird und die Analyse innerhalb dieses Raumes stattfindet. In den 1980er Jahren wurde die Sozialstrukturanalyse durch Lebensstile und soziale Milieus ergänzt. In den traditionellen Konzepten von Klassen und Schichten, hat man sich vorrangig auf objektive Merkmale wie Beruf, Einkommen und Bildung konzentriert. Da Lebensstile und soziale Milieus eine immer wichtigere Stellung in der Gesellschaft einnehmen und diese nicht mehr ausschließlich von den objektiven Merkmalen abhängen, wurde die Sozialstrukturanalyse um die soziokulturelle Dimension erweitert. Soziale Milieus werden selbst handlungsleitend und sind damit sozialstrukturrelevant und für uns von Interesse (Manderscheid 2004: 79). Sie sind auf mesosozialer Ebene objektiv und subjektiv intervenierende Faktoren. Objektiv intervenierende Faktoren sind zum Beispiel Familienstand, Wohnort, Alter oder Geburtszeitraum wohingegen mit subjektiv intervenierenden Faktoren Interpretationen, Situationsdefinitionen, Einstellungen, Absichten oder wertgebundenen Bedürfnisprioritäten gemeint sind.

Gerhard Schulze definiert soziale Milieus als „große Personengruppen, die sich durch gruppenspezifische Existenzformen und erhöhter Binnenkommunikation voneinander abheben“ (Schulze 1990: 410). Als Existenzformen versteht er die unterschiedlichen Lebenssituationen der Menschen und ihre subjektiven Vorstellungen. Zur Lebenssituation gehören viele Faktoren wie Einkommen, Beschäftigung, gegebenenfalls Merkmale des Arbeitsplatzes, Bildungszertifikate, Alter, Geschlecht, Generationslage, Haushaltstrukturen oder Umwelt. Subjektive Vorstellungen fasst Schulze unter Subjektivität zusammen und meint damit Wertvorstellungen, ästhetische Präferenzen und Abneigungen, Persönlichkeitsmerkmale oder Deutungsmuster. Schulze ist die räumliche Komponente nicht so wichtig, er bezieht sich lieber auf Großgruppen, deren Mitglieder eine besondere kommunikative Vernetzung aufweisen. Er ist, wie Matthiesen und andere Autoren auch, der Meinung, dass soziale Milieus einen Doppelcharakter besitzen. Es existiert eine „objektive“ gesellschaftliche Wirklichkeit, die das Denken und Handeln beeinflusst. Man kann sich diese Wirklichkeit in der Soziologie als Perspektive von außen vorstellen, demnach so wie wir soziale Milieus erkennen und beschreiben würden. Das soziale Milieu wird allerdings ebenso von Innen durch das Denken und Handeln ständig neu konstruiert und beeinflusst damit wieder die „objektive“ gesellschaftliche Wirklichkeit.

2.5. Räumliche Milieus

In dem Wort ‚Milieu‘ steckt das französische Wort ‚lieu‘, also ‚Ort‘. Das Adjektiv ‚au milieu‘ hat mehrere Bedeutungen wie mitten, inmitten, zwischendurch, zwischendrein oder in der Mitte und bestimmt damit eine Position. Ein Milieu hat einen territorialen Bezugsrahmen, der einen Kontext oder eine Rahmenbedingung von Umweltfaktoren für sozialstrukturelle Merkmale bildet (Frey 2009: 111). Wir denken bei dem Ort St. Pauli in Deutschland an das Rot-Licht-Milieu, obwohl St. Pauli genauso ein städtisches Quartier ist. Dies wiederum wird gleich gesetzt mit einem Viertel, das von einer bestimmten Klientel besucht wird. Milieu, ist eine Gruppenbildung von Menschen mit ähnlichem Lebensstilen Matthiesen definiert Milieus folgendermaßen: „Unter Milieus verstehen wir relativ homogene Interaktionsformen mit erhöhter Binnenkommunikation, die zugleich durch ein zumindest implizites Milieu-Wissen um gemeinsame Praxisformen geprägt sind” (Matthiesen 2004: 77, zit. nach Frey 2009: 112).

Ich möchte nun versuchen Milieus, denen im Unterschied zu Lebensstilen, schon eine räumliche Komponente zugrunde liegt, noch mehr Raum zu geben und zu verorten. Dazu möchte ich zunächst einmal Detlev Ipsen vorstellen, der in einem Sammelband von Martina Löw, einen Beitrag von der sozialen Strukturierung des städtischen Raumes, veröffentlichte. Detlev Ipsen ist ebenfalls ein Verfechter der Theorie, dass die moderne Stadt von und in dem Paradox gleichzeitiger Differenzierung und Integration lebt. Orte sind nach Ipsen, „eine räumlich-funktionale sowie ästhetische Verdichtung der gegenläufigen Differenzierungs- und Integrationsprozesse in der modernen Stadt“ (Ipsen 2002: 233). Durch diese Prozesse sind (städtische) Orte damit Ausdruck des urbanen Paradoxes von (systemischer) Integration und (sozialer) Differenzierung. Allerdings seien Orte nicht nur Ausdruck dieser Eigenart von Quartieren, sondern führten Orte selbst durch ihre eigene Triebkraft zu einer inneren Differenzierung von Quartieren. Ipsen beschreibt in seinem Beitrag das Quartier „Watts“ in Los Angeles, das bekannt dafür ist, dass hier viele afro- und lateinamerikanische BewohnerInnen in großer Armut sowie Jugendbanden, die die Straße kontrollierten, lebten. Die Häuser in diesem Quartier würden alle gleich aussehen, bis auf eines. Nämlich jenes von einem Mann, der jeden Tag auf seinem Arbeitsweg Scherben aufsammelte und diese an seinem Grundstück anbrachte. Zwei Türme voll mit diesen gesammelten Scherben wurden damit zum Wahrzeichen des Ortes. Sie ziehen heute noch Touristen in die berüchtigten Straßen von Watts. Ipsen stellt fest, dass Menschen immer das Bedürfnis nach Identität haben und, dass sie sich auch mit ihren Orten identifizieren. Orte sind immer selbst identifizierbar. Das bedeutet, Orte stehen für sich, als ein Ort, der er ist, darstellt und in dem man lebt. Er steht gleichzeitig auch durch sich, als einen Ort, den er ausmacht und der sich immer weiter entwickelt. „Die Verbindlichkeit, mit der sich Handlungen auf einen Raum beziehen, hängt von dem realen und symbolischen „Ortsbezug“ ab. Auf diese Weise entwickeln sich lokale Milieus, die ihrerseits die Entwicklung des Ortes bestimmen (Ipsen 2002: 235).

Viele Orte sind symbolische Räume. Wer sich in Wien um die Gründerzeit ein Palais an der Ringstraße leisten konnte, der gehörte zur oberen Schicht. Wer heutzutage in einem dichtbesiedelten Gemeindebau eine Wohnung hat, dem würde man zu der ärmeren Schicht zählen. Kann sich jemand ein Haus in Hietzing leisten hat er ein besseres Ansehen, als jemand, der in einer Altbauwohnung am Gürtel wohnt. So gesehen haben alle Orte auch eine symbolische Bedeutung und schreiben einem zu, wer man ist oder wer man zu sein hat. Ein Ort, der vom Unterschied und vom Ausschluss lebt, bezeichnet Ipsen in seinen drei Ortstypologien als partikularen Ort (Ipsen 2002: 235ff.). Dies könnte zum Beispiel ein Kleinartenverein sein. Es ist im Prinzip ein öffentlicher Ort, der für alle sozialen Gruppen zugänglich ist. Allerdings verdichten sich dort die Verhaltensweisen der Einzelnen zu Mustern spezifischer Lebensstile. War früher der Kleingarten ein Ort an dem man sich in seiner freien Zeit aufhielt, ist es heute ein Ort geworden, an dem sich viele BewohnerInnen kleine Villen aufgebaut haben und dort wohnen. So hat sich auch der Lebensstil geändert. Der Ort hatte Einfluss auf diesen Lebensstil. Neben den partikularen Orten nennt Ipsen noch allgemeine und besondere Orte. Allgemeine Orte sind Orte, in denen sich alle Lebensstile zeigen und in gewissen Grenzen gelebt werden können. Es sind zum Beispiel zentrale Stadtplätze wie die Stadtparks oder die Donauinsel/der Donaukanal in Wien. Besondere Orte hat jede Stadt. Es ist das, was die Stadt eigenlogisch ausmacht und wie sich Raumbilder auf die kollektive Geschichte einer Stadt beziehen – wie zum Beispiel der Eiffelturm Paris ausmacht. Ipsen stellt in seinem Beitrag fest, dass für die Offenheit einer Stadt die Entwicklung einer dritten Kultur von Nöten sei. Diese dritte Kultur müsse alle Partikularkulturen einschließen und diese aus dem Kontext ihrer jeweiligen Herkunft lösen und mit anderen Elementen anderer Kulturen zu einer neuen Konfiguration transzendieren. Er nennt diese dritte Kultur auch Metakultur. Ebenso wie Ipsen hat sich Matthiesen mit dem Verhältnis von Raum und Milieu beschäftigt und meint 1998, dass es Fallanalysen für sozialwissenschaftliche Milieuuntersuchungen braucht, um an raumplanerische Milieukonzepte anschließen zu können, indem er an die Selbstorganisationskapazitäten und autopoietischen Potentiale milieutypischer Strukturierungsprozesse, appelliert. Er erkennt die Stärken eines Milieus, dass sich immer wieder neu reproduziert und meint, dass diese Strukturierungsprozesse von „bottom up“ aufgefangen werden müssen und diese partizipativ in neue Planungsverfahren einbeziehen müsste. Es kann also kein gesteuertes Planungsinstrument geben um Milieus und ihren Strukturen zu durchdringen (Matthiesen 1998: 70-72). Es müssen Milieus in sich und durch sich verstanden werden, damit man sie räumlich optimal verorten kann. Abschließend möchte ich noch einmal auf eine Metapher von Ipsen zurückkommen. Er betrachtet Ort immer als eine abgrenzbare und damit erfahrbare Einheit eines Raumes. Gestaltpsychologisch gesehen verhält sich der Ort zum Quartier wie die Figur zum Grund oder wie der Eiffelturm zu Paris. Die Ästhetik des Ortes umgibt die Eigenart des ihn umgebenen Raumes und umgekehrt. Nur so ist es möglich, Beziehungen zu einem Ort, aufzubauen, sich in ihm selbst wiederzufinden und ihn so mit der eigenen Biographie, dem Milieu einer Gruppe oder einer sozialen Kategorie zu verbinden. Die Verbindlichkeit, mit der sich Handlungen auf einen Raum beziehen, hängt von dem realen und symbolischen „Ortsbezug“ ab (Ipsen 2002: 235). Auf diese Weise entwickeln sich lokale Milieus, die ihrerseits die Entwicklung des Ortes bestimmen.

[...]


1 Distinktion ist ein in der Soziologie verwendeter Begriff, mit dem die mehr oder weniger bewusste Abgrenzung von Angehörigen bestimmter sozialer Gruppierungen (z. B. Religionsgemeinschaften, Klassen oder auch kleinerer Einheiten wie etwa Jugendkulturen) bezeichnet wird.

2 Siehe Kapitel 3.1. Embedding-Disembedding

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Da wo Menschen leben. Sind sozialräumliche Milieuorte planbar?
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Soziologie)
Note
Sehr gut (1)
Autor
Jahr
2014
Seiten
46
Katalognummer
V322499
ISBN (eBook)
9783668216846
ISBN (Buch)
9783668216853
Dateigröße
763 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Diese sehr gute Bachelorarbeit befasst sich mit der Theorie von Sozialräumlichen Milieus. [...] Für Stadt- und Raumsoziolog_innen eine interessant zu lesende Arbeit! Wie Sie der Beurteilung schon entnommen haben, halte ich sie für sehr gut gelungen. Besonders positiv hervorzuheben ist, dass Sie beeindruckend viel Literatur sehr gezielt auf Ihre spezifische Fragestellung und Forschungsinteresse hin diskutieren. [...] Formal und sprachlich ist die Arbeit fast perfekt. Eine inhaltliche Diskussion mit jemanden aus der Stadtforschung könnte sicher spannend sein."
Schlagworte
Wien;, Stadtthesen;, Sozialraum;, Sozialräumliche Milieus;, Relationale Raumtheorie;, Stadtsoziologie;, Raumsoziologie;, Soziologie;, Hradil;, Sozialstruktur;, Soziale Integration;
Arbeit zitieren
Anita Hradil (Autor), 2014, Da wo Menschen leben. Sind sozialräumliche Milieuorte planbar?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322499

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