Symbolik und Erinnerungskultur in dem Roman „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck


Seminararbeit, 2014

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Erinnerungskultur
2.1 Erinnerungskultur nach Aleida Assmann
2.2 Erinnerungskultur nach Astrid Erll
2.2.1 Die Modi der Rhetorik des kollektiven Gedächtnisses

3.Romananalyse
3.1 Kapitelauswahl
3.1.1 Der Architekt
3.1.2 Der Tuchfabrikant
3.1.3 Die Frau des Architekten
3.1.4 Das Mädchen
3.2 Der Gärtner
3.3 Pro- und Epilog

4.Erinnerungskultur im Roman

5.Fazit

6.Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Erinnerungskultur ist in verschiedenen Fachbereichen der Wissenschaft sowie in der täglichen Lebenswelt ein Begriff. Auch in literarischen Werken wird diese Thematik aufgegriffen. In unterschiedlichen literarischen Genres wird erinnert. Während die Kinder- und Jugendliteratur häufig mit Hilfe von Rückgriffen auf Erinnerungsstücke, wie Briefe oder Tagebucheinträge, arbeitet, wird in der Erwachsenenliteratur auf unterschiedlichste Art und Weise erinnert. Ein Beispielwerk bietet „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck. In diesem Werk wird auf eine besondere Art und Weise erinnert. Eine weitere Besonderheit besteht darin, dass nicht lediglich an ein bestimmtes Ereignis erinnert wird. Stattdessen greift Jenny Erpenbeck mehrere Momente der Geschichte auf. In dem Buch „Heimsuchung“ geht es um ein Haus, welches für unterschiedliche Bewohner jeweils aus unterschiedlichen, geschichtlich relevanten Zeitfenstern als Heim dient.

Durch die sachliche und distanzierte Erzählweise erhält der Leser einen Eindruck in das Leben der wechselnden Bewohner des Hauses. Dennoch stehen keinen Figuren als Protagonisten der Geschichte im Fokus. In den Mittelpunkt rückt das Haus. Demnach setzt sich das Werk aus vielen unterschiedlichen Kapiteln zusammen, welche ein bestimmtes Zeitfenster der Geschichte umschreiben. Zusammengehalten werden die vielen kleinen Geschichten durch das sich immer wiederholende Kapitel des Gärtners sowie durch den Pro- und Epilog.

In der vorliegenden Hausarbeit werden zunächst zwei Modelle von Erinnerungskultur vorgestellt. In diesem Zusammenhang wird auf die Modelle von Aleida Assmann und Astrid Erll zurückgegriffen. Besonders die Modi der Rhetorik des kollektiven Gedächtnisses nach Astrid Erll sind von großer Relevanz. Somit wird auf diese eingegangen, um diese Theorie anschließend in der Romananalyse praktisch anzuwenden zu können. Weiterhin soll die geschichtliche Aufarbeitung der unterschiedlichen Kapitel erfolgen. Dies bedeutet, dass die von Jenny Erpenbeck integrierten Hinweise analysiert und aufgeschlüsselt werden sollen. Hinsichtlich der Symbolik soll ebenfalls Aufklärung geleistet werden, um das Hauptmotiv des Romans herausarbeiten zu können. Die Kriterien der Modi nach Erll finden in diesem Abschnitt ebenfalls ihre Anwendung. Um eine ausführliche Analyse zu ermöglichen, beschränkt sich die Romananalyse auf die Kapitel des Architekten, des Tuchfabrikaten, der Frau des Architekten und auf das Kapitel des Mädchens. Des Weiteren werden die unterschiedlichen Kapitel durch das immer wieder eingeschobene Kapitel des Gärtners verbunden. Dem Gärtner kommt somit eine gesonderte Rolle zu, welche besonders im Hinblick auf den Pro- und Epilog untersucht werden soll.

Um herauszuarbeiten, inwiefern in dem Werk von Jenny Erpenbeck erinnert wird, wird am Schluss dieser Arbeit die Romananalyse mit den Modellen der Erinnerungskultur von Aleida Assmann und Astrid Erll in Bezug gesetzt. In Form eines Fazits wird diese Arbeit beendet.

2.Erinnerungskultur

2.1 Erinnerungskultur nach Aleida Assmann

Das Erinnern kann als kognitive Tätigkeit umschrieben werden, durch welche eine Reaktivierung von Vergangenheit betrieben wird. Diese Tätigkeit kann von Individuen sowie von Gruppen, einer Mehrzahl von Individuen, ausgeübt werden. Auf dieser Tatsache basiert das Konzept des kollektiven Erinnerns nach Assmann.1 In der Gedächtnisforschung wird zwischen dem individuellen Erinnern durch individuelle Erfahrungen und dem kollektiven Erinnern durch gemeinsame kollektive Erfahrungen in einer Gruppe oder Gesellschaft unterschieden.

Mit dem Konzept des kollektiven Erinnerns nach Assmann ist nicht die Summe von individuellen Erinnerungen gemeint. Vielmehr bezieht sich dieses Konzept auf „[...] eine rekonstruierte Geschichte, die den Rahmen absteckt für die eigenen Erinnerungen, sodass man sich mit selbst Erlebtem in ihr wiedererkennt oder sich dieser Geschichte zurechnen kann.“2 Gegenstände der kollektiven Erinnerung können beispielsweise weltgeschichtliche Zäsuren darstellen. Dies lässt sich an dem repräsentativen Beispiel dem Fall der Berliner Mauer genauer erläutern. Viele Menschen erinnern sich an diesen geschichtlich relevanten Moment und identifizieren sich mit diesem Ereignis. Dies begründet, weshalb dieses Ereignis ein Gegenstand von einer kollektiven Erinnerung sein kann. Jedoch kann dieses Ereignis nach unterschiedlichen Positionen verschiedener Gedächtnisforscher ebenfalls eine individuelle Erinnerung symbolisieren. Erinnert sich eine bestimmte Person an die eigenen Gefühle während des Ereignisses, so handelt es sich nach einigen Gedächtnisforschern um eine individuelle Erinnerung. Assmann stellt jedoch die These auf, dass jede individuelle Erinnerung kollektiv eingebettet ist.3 Dies lässt sich an dem zuvor angeführten Beispiel ausführen, denn auch die Erinnerung an die eigenen Gefühle während des Ereignisses führen auf das Ereignis an sich zurück, welches ein Gegenstand des kollektiven und kulturellen Gedächtnis darstellt. Somit existieren nach Assmann zwar beide Formen der Erinnerung, welche sich jedoch nicht gegenseitig ausschließen.4

Das kollektive Erinnern kann einem Kollektiv, beziehungsweise einer Gruppe oder einer bestimmten Gesellschaft dazu verhelfen, gemeinsame Bezugspunkte in der Vergangenheit zu finden. Dabei sind individuelle Unterschiede und Gegebenheit der Mitglieder des Kollektivs nicht relevant.5 Dieser Prozess ermöglicht das Entstehen einer kulturellen Identität. Parallel entsteht durch die kollektive Erinnerung ein kollektives kulturelles Gedächtnis, dessen Existenz von einem Teil der Gedächtnisforscher wie zum Beispiel von Jan Philipp Reemtsma, bestätigt wird.6

Mit dem kulturellen Gedächtnis wird nicht lediglich Vergangenheit archiviert, sondern mit Hilfe dieser Form von Gedächtnis wird die Vergangenheit erneut aktiviert und in die Zukunft weitergetragen.7

Zusammenfassend arbeitet Assmann heraus, dass zwei unterschiedliche, gleichberechtigte Formen der Erinnerung existieren. Beide Formen der Erinnerung sind jedoch auf das kollektive Erinnern zurückzuführen, da jede individuelle Erinnerung kollektiv eingebettet ist. Während ein Teil der Forschung das kulturelle und kollektive Gedächtnis als nicht existent betrachtet, nimmt Assmann eine Gegenposition ein, indem sie dem kollektiven und besonders dem kulturellem Gedächtnis eine hohe Bedeutung zumisst.

2.2 Erinnerungskultur nach Astrid Erll

Erll differenziert in Anlehnung an Jeffrey Olick zwischen zwei Formen der Erinnerungskultur, der collected und collective memory.8

Mit der „collected memory“9 wird der Begriff des Sammelns verbunden: „Das individuelle Gedächtnis eignet sich verschiedene Elemente des soziokulturellen Umfeldes an.“10 Dies bedeutet, dass das Gedächtnis kollektive Erfahrungen in das individuelle Gedächtnis übertragen kann.11

Mit der „collective memory“12 werden soziale Institutionen und Praktiken umfasst, welche „metaphorisch als Gedächtnis bezeichnet werden.“13

Beide Arten des kollektiven Gedächtnisses sind im Rahmen einer Analyse trennbar, jedoch arbeiten beide Formen zusammen. Somit kommt es zu einer Verschmelzung der individuellen und kollektiven Ebene in der Praxis des Erinnerns.14

Grundsätzlich existiert nach Erll kein Kollektivgedächtnis, welches vom individuellen Gedächtnis gänzlich getrennt ist. Andersrum ist kein individuelles Gedächtnis existent, welches vom Kollektivgedächtnis in vollem Umfang losgelöst ist.15 An dieser Stelle ist eine Gemeinsamkeit zu dem Gedächtniskonzept von Aleida Assmann hervorzuheben. Assmann arbeitete ähnlich heraus, dass zwei Formen der Erinnerung existieren, das kollektive und das individuelle Gedächtnis. Eine weitere Ähnlichkeit besteht darin, dass keine Form der Erinnerung selbstständig existent ist, sondern die individuelle Ebene mit der kollektiven sowie die kollektive mit der individuellen Ebene einhergeht.

Abschließend betont Astrid Erll, dass Literatur auf beiden Ebenen wirkt, indem sie die Bezeichnung der Ebenen an Elenas Espositos Unterscheidung zwischen der psychischen und der sozialen Ebene, übernimmt.16

2.2.1 Die Modi der Rhetorik des kollektiven Gedächtnisses

Da das zu untersuchende Werk „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck mit dem kollektiven Gedächtnis arbeitet, werden die fünf Modi der Rhetorik des kollektiven Gedächtnisses nach Astrid Erll im Folgenden kurz erläutert. Die Modi dienen der folgenden Romananalyse in Kapitel 5.

Zunächst macht Erll darauf aufmerksam, dass Literatur allgemein ein „Medium der kollektiven Gedächtnisbildung“17 darstellt. Damit ist gemeint, dass durch diese Sinnwelten der Kultur entwickelt werden können. Ein Gegenstand von Literatur, welches mit dem kollektiven Gedächtnis arbeitet, stellt die Generationenliteratur dar.18 Literatur kann jedoch auch als Medium des „kommunikativen Gedächtnisses“19 an Bedeutung gewinnen, indem Literatur die Thematisierung von „traumatischen Geschichtserfahrungen“20 aufgreift. Gegenstände von Literatur dieser Art können Kriege oder beispielsweise Revolutionen sein. Ob die Leserschaft einen literarischen Text als Gegenstand des kulturellen oder als Gegenstand des kommunikativen Gedächtnisses auffasst, hängt von der individuellen Wahrnehmung ab, denn Literatur weist Merkmale beider Formen des kollektiven Erinnerns auf.

Erll greift in ihrem Werk fünf Modi auf, welche Merkmale von Literatur als Medium des kollektiven Gedächtnisses spezifizieren. Grundsätzlich kann zwischen den zwei häufigsten Modi unterschieden werden, dem erfahrungshaftigen und dem monumentalen Modus. Weiterhin kann zwischen dem historisierenden, dem antigonistischen und dem reflexiven Modus differenziert werden.21 Die Entstehung der Modi kann durch unterschiedliche literarische Ausdrucksformen geschehen, beispielsweise durch „Selektionsstruktur, Konfiguration, paratextuelle Gestaltung, Erzählerdiskurs, Fokalisierung, Figurendarstellung, Intertextualität, Zeit- und Raumdarstellung, Symbolik und Metaphorik.“22

Zusätzlich ist darzustellen, dass die unterschiedlichen Modi in der literatischen Praxis lediglich als Mischformen existieren, als so genannte „[...] Ensembles textueller Darstellungsverfahren.“23

Um die zwei häufigsten Modi hervorzuheben, wird zunächst auf den erfahrungshaftigen Modus eingegangen.

Erfahrungshaftigkeit zeichnet sich durch literarischen Realismus aus.24 Das bedeutet, dass das „Individuen, [deren] Handeln, Denken und Fühlen“25 im Fokus stehen. Der erfahrungshaftige Modus offenbart ebenfalls Informationen hinsichtlich Ort, Zeitpunkt, Verhalten und Redeweisen.26 Aus dieser Darstellung von Erfahrungshaftigkeit mündet nach Herbert Grabs die Ästhetik des literarischen Textes.27

Literatur sich dennoch auch durch Monumentalität auszeichnen. Ein Monument stellt eine Art von kodiertem Zeichen dar, welches für die Nachwelt zu entschlüsseln ist.28 Demnach kann ein Monument ein Verweis auf einen bestimmten Kanon darstellen. Beispiele hierfür kann der Verweis auf ein biblisches Element, auf ein kanonisches Musikstück oder auch ein Verweis auf ein berühmtes Zitat einer berühmten Person gemeint sein.

Ob ein literarischer Text eher das kommunikative Gedächtnis durch den erfahrungshaftigen Modus zuzuordnen ist oder dem kulturellen Gedächtnis durch den monumentalen Modus, kann anhand unterschiedlicher literarischer Darstellungsverfahren untersucht werden. Unter literarischen Darstellungsverfahren versteht Astrid Erll die Selektionsstruktur, die paratextuelle Gestaltung, die Intertextualität, die Interdiskusivität, die Intermedialität, die Plotstrukturen und Gattungsmuster, die erzählerische Vermittlung, die Innenweltdarstellung und die Raum- und Zeitdarstellung.29

Für die Bedeutung dieser literarischen Darstellungsverfahren, insbesondere im Hinblick auf die Zuordnung zum kulturellen oder kommunikativen Gedächtnis, gibt die folgende Tabelle Auskunft.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten30

[...]


1 Vgl. Assmann, Aleida: Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention. München: C.H. Beck 2013, S. 16.

2 Ebd., S. 17.

3 Vgl., Ebd., S. 25.

4 Vgl. Ebd., S. 21.

5 Vgl. Assmann, A.: Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. S. 21.

6 Vgl., Ebd., S. 25.

7 Vgl., Ebd., S. 26.

8 Vgl. Erll, Astrid: Literatur als Medium des kollektiven Gedächtnisses. In: Gedächtniskonzepte der Literaturwissenschaft. Theroretische Grundlegung und Anwendungsperspektiven. Hrsg. Von Astrid Erll; Ansgar Nünning. Berlin: De Gruyter, 2005, S. 250.

9 Ebd.

10 Ebd.

11 Vgl., Ebd.

12 Ebd.

13 Ebd.

14 Vgl. Erll, A.: Literatur als Medium des kollektiven Gedächtnisses. S. 250.

15 Vgl., Ebd.

16 Vgl., Ebd.

17 Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung. Stuttgart: Metzler 2011, S. 203.

18 Vgl., Ebd.

19 Ebd.

20 Ebd.

21 Vgl. Erll, A.: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, S. 202.

22 Ebd.

23 Ebd.

24 Vgl. Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung. Stuttgart: Metzler 2011, S. 203.

25 Ebd.

26 Vgl., Ebd.

27 Vgl., Ebd.

28 Vgl., Ebd.

29 Vgl. Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung. Stuttgart: Metzler 2011, S. 203-208.

30 Vgl. Vgl. Erll, A.: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung. Stuttgart: Metzler 2011, S. 204-208.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Symbolik und Erinnerungskultur in dem Roman „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Literaturwissenschaften)
Veranstaltung
Literarische Erinnerungskultur im 21. Jahrhundert
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V322628
ISBN (eBook)
9783668218130
ISBN (Buch)
9783668218147
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erinnerungskultur, Literatur, Jenny Erpenbeck, Romananalyse
Arbeit zitieren
Sabrina Voigt (Autor), 2014, Symbolik und Erinnerungskultur in dem Roman „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322628

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