Kulturelle und kollektive Identität am Beispiel von Russlanddeutschen


Bachelorarbeit, 2013
40 Seiten, Note: 1,7
Klara Engel (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorie
2.1. Was ist Identität?
2.2. Kulturelle Identität
2.3. Kollektive Identität
2.4. Fremd- und Selbstzuschreibung
2.5. Ethnozentrismus

3. Geschichte der Russlanddeutschen
3.1. Russlanddeutsche in Russland
3.2. Auswanderung nach Deutschland
3.3. Das Leben der Russlanddeutschen in Russland
3.4. Identitätstheorie in Bezug auf Russlanddeutsche

4. Operationalisierung
4.1. Methodik - Narratives Interview
4.2. Aufbau eines narrativen Interviews
4.3. Verfahren biographischer Fallrekonstruktion

5. Empirie
5.1. Zielgruppe
5.2. Kontaktaufnahme
5.3. Informationen zu den Interviews
5.4. Fragestellung
5.5. Interview mit Rosa
5.6. Interview mit Alexander
5.7. Interview mit Alina
5.8. Interview mit Maria
5.9. Interview mit Johann
5.10. Zusammenfassung der Interviewergebnisse

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Yet historical perspectives show that migration has been a normal aspect of social life - and especially of social change - throughout history.“ (Castles 2010: 1567).

Migrationsbewegungen nehmen im 20. Jahrhundert eine wichtige Rolle ein, da sie Transfor- mationsprozesse auf politischer, institutioneller und gesellschaftlicher Ebene auslösen. Zu- sätzlich haben politische Entscheidungen einen hohen Einfluss auf solche Bewegungen (vgl. Riek 2000: 17). Hierbei kristallisiert sich die Frage heraus, wie die Betroffenen selbst mit ihrer Migration umgehen und welche Identitätstransformationen sich daraus ergeben. Ver- knüpft man Migration mit Identität wird deutlich, dass sich gegenseitige Fremdheitsgefühle zum Anderen entwickeln, die sich zum Beispiel durch fremde Denk- und Verhaltensweisen ausdrücken (vgl. Abuzahra 2012: 30 f.). Dieses Fremde wird zusätzlich durch die Annahme, dass Abstammung als Orientierung für Zugehörigkeitsgefühle dient, verstärkt (vgl. Uza- wericz/Uzawericz 1998: 168). Daraus folgt ein gesellschaftlicher Diskurs über Zugehörigkeit und Zugehörigkeitsmerkmale, die von Interaktionen mit dem Umfeld bestimmt werden. Es ist ein Diskurs über Grenzziehungen zwischen dem Fremden und dem Vertrauten, der Gesell- schaft und den Migranten, wodurch ein Kollektivitätsanspruch in Frage gestellt werden kann (vgl. ebd.: 25). In diesem Fall dienen Statuszuschreibungen dazu, sich einer kollektiven Iden- tität zuzuordnen und sind davon abhängig, inwieweit eine Gesellschaft mit Migranten umge- hen kann (vgl. Abuzahra 2012: 38).

In dieser Bachelorarbeit wird der Frage nachgegangen, wie sich kulturelle und kollektive Identitäten durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen entwickeln können. Eine solche Iden- titätskonstruktion wird am Beispiel von Russlanddeutschen erläutert. Wie bereits Castles (2010) Zitat verdeutlicht, ist Migration ein Teil des gesellschaftlichen sozialen Lebens, den- noch kommt es zu Fremdheitsgefühlen und Ausgrenzungen. Aus diesem Grunde werden in dieser Arbeit die kulturellen und kollektiven Identitätskonstruktionen unter Berücksichtigung von Fremd- und Selbstzuschreibungen mithilfe von Russlanddeutschen Interviewpartnern untersucht. Hierbei entstehen folgende Fragen: Welche Identitätsformen haben sich Russ- landdeutsche unter dem Aspekt von Fremd- und Selbstzuschreibungen angeeignet? Welche Erfahrungen haben sie gemacht und wie gehen sie damit um? Welche Auswirkungen haben Fremd- und Selbstzuschreibungen auf die derzeitige Verortung der jeweiligen Russlanddeut- schen? Inwieweit beeinflussen Zuschreibungsprozesse die persönliche Identitätskonstruktion? Inwiefern konstruieren sie sich als Russlanddeutsche? Wie fühlen sie sich in Deutschland als Russlanddeutsche und wie baut sich ihr Umfeld auf? Um auf solche Fragen antworten zu können, liegt dieser Arbeit eine Empirie zugrunde. Diese geht keinen theoretischen Argumentationen nach, sondern hat den Zweck, kulturelle und kollektive Identitätsformen von Russlanddeutschen aus empirischer Perspektive zu betrachten.

Zur Verdeutlichung des Untersuchungsschwerpunktes wird zunächst ein theoretischer Ansatz von Identität erläutert. In diesem Kontext werden kulturelle und kollektive Identitätsformen erklärt, um anschließend einen Bezug zu Fremd- und Selbstzuschreibungen aufzubauen. Hin- zu kommt der Begriff des Ethnozentrismus, der auf Auswirkungen von Zuschreibungsprozes- sen hinweist. Da Russlanddeutsche die Untersuchungsgruppe dieser Arbeit darstellen, wird anschließend auf ihre Geschichte eingegangen. Dieses Kapitel beinhaltet ihr Leben in Russ- land beziehungsweise in der Sowjetunion sowie Auswanderungsprozesse. Darauf aufbauend wird die Identitätstheorie mit der Geschichte und dem Leben der Russlanddeutschen ver- knüpft. Das darauf folgende Kapitel widmet sich der Methodik. Narrative Interviews sowie das Auswertungsverfahren der biographischen Fallrekonstruktion werden erläutert. Des Wei- teren folgen die Erörterung der Kontaktaufnahmen zu den interviewten Personen und die Vor- stellung der durchgeführten Interviews. Zum Schluss werden die Ergebnisse der Interviews zusammengefasst, die als Basis für das letzte Kapitel, das das Fazit dieser Arbeit ist, dienen.

2. Theorie

Im theoretischen Abschnitt dieser Arbeit wird der Begriff der Identität sowie kulturelle und kollektive Identität erklärt. Anschließend folgt eine Erläuterung über Fremd- und Selbstzuschreibungen und Ethnozentrismus.

2.1. Was ist Identität?

Zunächst wird der Begriff der Identifikation erläutert, um an den Terminus von Identität her- anzuführen. Nach Hall bedeutet „Identifikation, seine Abstammung, Herkunft kenntlich zu machen; oder sie weist auf Eigenschaften, Merkmale, die man mit einer anderen Person oder mit Gruppen teilt, oder auf die Übereinstimmung mit einem Ideal […].“ (Hall/Koivisto 2004: 168 f.). Identifikation bedient sich an Objekten und Abstraktionen, die eine Identität ausma- chen. Daher versteht sich Identifikation als ein Prozess des Selbst, welcher sich kontextbe- dingt weiterentwickelt, Eigenschaften des Objektes annimmt und „[…] sich gegen Differen- zen richtet […].“ (ebd.: 169). Durch eine Differenz konstruiert sich die Identität, welche nicht identisch mit etwas Anderem ist, da sie, je nach Kontext und Diskurs, sich ständigen Trans formationsprozessen unterwirft. Zwar weist Identifikation darauf hin, dass es gemeinsame Merkmale sowie gemeinsame historische Ursprünge gibt, dennoch nutzen Identitäten diese Gemeinsamkeiten unterschiedlich. Hinzu kommt, dass diese Ressourcen die Weiterentwick- lung und das Werden der Identität beeinflussen und somit einen wesentlichen Teil der Identi- tätstransformationen darstellen (vgl. ebd.: 170 f.). Identitäten konstruieren sich durch Diffe- renzen, welche hauptsächlich durch Machteingriffe entstehen. Da eine stetige Konfrontation von Differenzen und Identitätskonstruktionen stattfindet, kann Identität kein feststehender Begriff sein, sondern weist einen prozesshaften (vgl. Tatter 2008: 108) sowie narrativen Cha- rakter auf (vgl. Griese 2006: 53). Diese Konfrontation ergibt sich durch Interaktion zwischen dem Selbst und dem Anderen. Während dessen grenzt sich das Selbst von dem Anderen ab und entwickelt sich weiter (vgl. Tatter 2008: 108). Daher befindet sich Identität in ständigen Aushandlungsprozessen, bei welchen es zu einem dialektischen Verhältnis von Ausgrenzung und Zuschreibung kommt. Das Selbst, die Identität, konstruiert sich durch das Andere (vgl. Zinn-Thomas 2010: 42). Deshalb kommt es zu einer Selbstzuschreibung, weil eine Zuschrei- bung vom Anderen, also eine Fremdzuschreibung, stattfindet. Hierdurch erschließt sich, dass Identität im Rahmen ihres Umfeldes betrachtet werden muss und die Sprache eine wichtige Funktion einnimmt, da sie eine Interaktion hauptsächlich ermöglicht (vgl. Griese 2006: 23). Wichtige Betrachtungspunkte sind gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen so- wie kulturelle Vorgaben, die das Selbst und das Andere beeinflussen. Des Weiteren hat ein Individuum nicht nur eine Identität, sondern weist mehrere ineinandergreifende Identitätsfor- men auf. Hierauf wird im folgenden Kapitel genauer eingegangen.

2.2. Kulturelle Identität

Eine Identitätsform, mit welcher sich diese Arbeit beschäftigt, ist die kulturelle Identität. In aktuellen Diskursen stehen Kultur und Identität im Vordergrund und werden miteinander ver- knüpft (vgl. Abuzahra 2012: 27). Dennoch wird keine Definition von Kultur herangezogen, um kulturelle Identität zu erläutern, da Kultur komplex und dehnbar ist (vgl. Wievior- ka/Voullié 2003: 21). Wie bereits im vorangegangenen Kapitel erwähnt, ist Identität ein Kon- strukt, welches durch bestimmte Faktoren entsteht. Griese (2006) beschreibt, dass kulturelle Codes als Konstruktionsmerkmale für eine kulturelle Identität dienen. Solche kulturellen Codes können zum Beispiel Sprache, Überzeugungen, Rollenzuweisungen oder Bilder sein. Für eine kulturelle Identität ist keine einheitlich gefasste Kultur ausschlaggebend, sondern kulturelle Elemente (vgl. Abuzahra 2012: 57). Ein wichtiges Merkmal ist vor allem die Sprache, da sich Identität durch Interaktion mit dem Umfeld konstruiert. Sprache dient somit einer Abgrenzung zum Anderen und ist identitätsstiftend für das Selbst (vgl. Reiher, Kramer 1998: 58). Bei kultureller Identität kommt es zu einem Wechselspiel zwischen dem Selbst, seinem Umfeld und der Gesellschaft, die zur Identitätskonstruktion beitragen (vgl. Griese 2006: 59). Voraussetzung für kulturelle Identität ist, dass sich das Selbst zum Anderen abgrenzt und sich dadurch konstruiert. Des Weiteren dient sie als Basis für eine kollektive Identität. Die Kon- struktionsmerkmale können nicht nur zur Orientierung einer Identität, sondern auch zur Ent- wicklung mehrerer Identitätsformen dienen. Hieraus wird deutlich, dass kulturelle und kollek- tive Identität voneinander abhängig sind.

2.3. Kollektive Identität

Kollektive Identität bildet sich durch Merkmalübereinstimmung mehrerer Identitäten und ist „[…] geschichtlich wandelbar, situativ konstruiert und kulturell codiert.“ (vgl. Griese 2006: 57). Ein Kollektiv ergibt sich aus kollektiven Identitäten, da diese gemeinsame Symbole und Merkmale, wie zum Beispiel Vergangenheitsbewusstsein oder Sprache, verwenden. Diese Gemeinsamkeit grenzt ein Kollektiv beziehungsweise eine kollektive Identität von anderen Identitäten ab. Durch Ausgrenzungsprozesse entsteht die Zugehörigkeit zu einem Kollektiv (vgl. Tatter 2008: 107). Hieraus erschließt sich, dass ein Kollektiv ein Wir-Konstrukt ist und Selbst- und Fremdzuschreibungen kollektivfördernd sein können (vgl. Uzarewicz/Uzarewicz 1998: 58). Zugehörigkeitsmerkmale können zum Beispiel ein gemeinsamer Hintergrund, eine gemeinsame Herkunft oder sich ähnelnde Sozialisationen sein (vgl. ebd.: 63). Durch Zu- schreibung bestimmter Merkmale durch Andere schreiben sich kollektive Identitäten oder auch ein Kollektiv selbst Merkmale zu. Aufgrund dieses Prozesses haben sich gruppenspezifi- sche Vorurteile und Stereotypisierungen entwickelt, die Ausdruck von Ausgrenzungsmecha- nismen sind (vgl. Tröster 2003: 73). Zuschreibungsprozesse produzieren Unterscheidungs- merkmale auf deren Basis Ausgrenzungsverfahren stattfinden und ausgehandelt werden (vgl. Zinn-Thomas 2010: 72). Durch solche Aushandlungsprozesse entstehen nicht nur kollektive Identitäten, sondern Individuen können sich mehrere kollektive Identitäten, je nach kontext- bezogener Aushandlung, zuschreiben (vgl. Ladilova 2001: 35). Bei der Betrachtung kollekti- ver Identitäten ist es wichtig von keinen homogenen Gruppen auszugehen, sondern Elemente und Merkmale einzubeziehen, die zu einem Zugehörigkeitsgefühl beitragen (vgl. Abuzahra 2012: 61). Auffallend ist, dass Fremd- und Selbstzuschreibungsprozesse bei Identitätskon struktionen eine besondere Rolle einnehmen. Im folgenden Kapitel wird dieses Phänomen in Bezug auf Ethnie erläutert.

2.4. Fremd- und Selbstzuschreibung

Wie bereits dargestellt, bildet sich eine Identität durch Interaktion mit dem Fremden. Hierbei entwickeln sich Ausgrenzungsprozesse, in welchen Fremd- und Selbstzuschreibung eine be- stimmende Rolle einnehmen. Durch gemeinsame Gruppensymbole grenzt sich ein Kollektiv und eine kulturelle Identität vom Fremden ab und schreibt bestimmte Merkmale einer be- stimmten Gruppe zu. Diese Merkmale dienen der Differenzierung von Gruppen. Durch Zu- schreibungen bestimmter Merkmale kommt es zu Selbstzuschreibungen der Anderen, wodurch erneute Ausgrenzungsprozesse entstehen. Daher hören Fremdzuschreibungen und - erfahrungen nicht auf (vgl. Zinn-Thomas 2010: 41 f.). In Bezug auf den Begriff der Ethnie spielen solche Zuschreibungsprozesse sowie die kollektive Identität eine entscheidende Rolle. Ethnie steht „[…] für Menschenkollektive, die kulturell, sprachlich, sozial, geschichtl. und mitunter auch genetisch eine Einheit bilden. […] Oft bildet eine E. eine Lebensgemeinschaft mit ausgeprägtem Wir-Bewusstsein, starken solidarischem Zusammenhalt und trennscharfer Abgrenzung gegenüber anderen E.n.“ (Hillmann, Hartfiel 2007: 200). Diese Definition aus einem soziologischen Wörterbruch verdeutlicht das Zusammenspiel zwischen Zuschreibungs- prozessen und Kollektivitätsentwicklungen. Hinzu kommt, dass sich hieraus Gruppen entwi- ckeln, die unter anderem als ethnische Mehrheiten oder Minderheiten aufgefasst werden. Die ethnische Mehrheit bildet, zum Beispiel bei Migrationsbewegungen, die Aufnahmegesell- schaft. Die ethnische Minderheit kann eine Gruppe von Migranten sein, die gemeinsame Symbole und Merkmale hat und aufgrund von Migrationsmotivationen zur ethnischen Mehr- heit hinzukommt. Fremdzuschreibungen, wie zum Beispiel Status, gehen oftmals von einer Mehrheit aus und sind von der jeweiligen gesellschaftlichen Einstellung Migranten gegenüber abhängig (vgl. Abuzahra 2012: 38). Wie bereits erwähnt, kommt es durch eine Fremdzu- schreibung auch zu einer Selbstzuschreibung der ethnischen Minderheit. Trotzdem können solche Zuschreibungsprozesse neben negativen auch positive Effekte hervorbringen. Ein ne- gativer Effekt kann zum Beispiel durch Diskriminierungen ausgelöst werden und folglich zu weiteren Abgrenzungen gegenüber der Mehrheitsgesellschaft führen. Somit kann eine Rück- besinnung zur kulturellen und kollektiven Identität der Herkunftsgesellschaft aufgebaut und als Gegenreaktion angesehen werden (vgl. Ladilova 2011: 34). Hierbei kommt es zur Auf- nahme der Fremdzuschreibung in die persönliche Selbstwahrnehmung. Außerdem kann, als positiver Effekt, eine gesellschaftliche Integration1 oder Assimilation2 entstehen sowie die Entwicklung einer multiplen Identität, also eine mehrfachzugehörige kollektive Identität (vgl. Distelrath 2007: 15).

Es kristallisiert sich heraus, dass die Auswirkungen von Fremd- und Selbstzuschreibungen vor allem von der Belastbarkeit und Partizipation der jeweiligen Minderheiten abhängen. Selbstverständlich sind gesellschaftliche Verortungen, Partizipation und Rahmenbedingungen sowie eine gesellschaftliche Offenheit weitere wichtige Punkte (vgl. Greuel 2009: 69). Den- noch weist der Begriff Ethnozentrismus auf eine gesteigerte Auswirkungsform von Fremd- und Selbstzuschreibung hin.

2.5. Ethnozentrismus

Bei dem Begriff des Ethnozentrismus wird zunächst Bezug auf eine soziologische Definition genommen. Demnach bedeutet Ethnozentrismus „Einstellung, Auffassung oder Lehre, die das eigene soziale Kollektiv […] in den Mittelpunkt stellt und gegenüber anderen, fremden Kol- lektiven als höherwertig, überlegen interpretiert wird. E. führt zur Diskriminierung Außenste- hender und trägt maßgeblich zur Entstehung und Verschärfung sozialer Konflikte bei, […].“ (Hillmann, Hartfiel 2007: 203). Durch Einteilungen und Kategorisierungen entlang kultureller und ethnischer Symbole entsteht das Eigene und das Fremde. Hierbei setzt sich das Eigene über das Andere (vgl. Greuel 2009: 20). Selbstverortungen und Fremdkategorisierungen so- wie Grenzziehungen dienen als Orientierungshilfe, um kulturelle und kollektive Identität her- vorzubringen. Somit ist der kollektive Selbstzuspruch und die Identifikation mit gemeinsamen Merkmalen eine Aufwertung des eigenen Kollektivs und der kultureller Identität (vgl. ebd.: 57 f.). Aufgrund dessen gelingt es, dass die Mehrheit über der Minderheit steht. Fremdzuschreibungen haben Auswirkungen auf Selbstverortungen von kollektiven und kulturellen Identitäten. Diese werden an der Empirie dieser Arbeit sowie am Beispiel der Geschichte der Russlanddeutschen verdeutlicht.

3. Geschichte der Russlanddeutschen

Um ein kulturelles Verständnis von Russlanddeutschen zu bekommen, wird zunächst die Geschichte der Russlanddeutschen dargestellt. Durch die Historie können Denk- und Verhaltensweisen sowie Einstellungen der Russlanddeutschen nachvollzogen werden (vgl. Pabst 2007: 39). Hinzu kommt, dass eine geschichtliche Betrachtungsweise nicht nur die unterschiedlichen Situationen und Erlebnisse von Russlanddeutschen wiedergibt, sondern auch mit welchen Machtstrukturen sie konfrontiert waren und wie diese auf sie einwirkten. Zusätzlich ist der historische Abschnitt für diese Arbeit von hoher Relevanz, da die Geschichte die sozialwissenschaftliche Aufmerksamkeit auf die Russlanddeutschen weckte.

3.1. Russlanddeutsche in Russland

Die Geschichte der Deutschen in Russland begann bereits im 16. Jahrhundert, als Zar Ivan IV „der Schreckliche“ (1530-1584) deutsche Waffenschmiede, Sprengmeister und Kanonengie- ßer nach Russland holte, um gegen die Tartaren zu kämpfen (vgl. Winter-Heider 2009: 32). Daran anknüpfend veranlasste Peter der Große (1689-1725) zur Erbauung einer russischen Flotte und zum Bau der Stadt Sankt-Petersburg, dass Fachleute aus Deutschland nach Russ- land kamen. Ein weiterer entscheidender Zeitabschnitt für die Geschichte der Russlanddeut- schen ist die territoriale Expansion Russlands zu Regierungszeiten der Zarin Katharina II (1729-1796). Sie setzte eine Kolonisierungspolitik durch, um zum einen das unbesiedelte Ter- ritorium im Süden besiedeln zu lassen und zum anderen den damaligen Bedarf an Fachkräften zu decken (vgl. ebd.: 33). Ziel war es, von den Deutschen landwirtschaftliche und handwerk- liche Techniken zu erlernen (vgl. ebd.). Zarin Katharina II holte durch ein Anwerbungsmani- fest im Jahr 1763 ca. 23.000 deutsche Einwanderer nach Russland und versprach ihnen Privi- legien, wie zum Beispiel Religions- und Steuerfreiheit und Befreiung vom Militärdienst (vgl. Pabst 2007: 41). Daraufhin stieg die Zahl der deutschen Einwanderer in Russland jährlich. Die wachsende Bevölkerungszahl wurde zudem durch den Siebenjährigen Krieg (1756-1763) unterstützt, da es in Deutschland harte Lebensbedingungen zu bewältigen gab und Religions- gemeinschaften verfolgt wurden (vgl. Riek, 2000: 35). Hauptansiedlungsgebiete waren an der Wolga, im Kaukasus, in Sibirien und Mittelasien. In diesen Gebieten entstanden bis Ende des 19. Jahrhunderts über 3.000 deutsche Kolonien (vgl. Pabst 2007: 42). In ihren Siedlungen blieben die Deutschen unter sich, sprachen ihre Muttersprache Deutsch, hatten eine eigene Verwaltung und deutsche Schulen. Der Kontakt zu den einheimischen Russen wurde haupt- sächlich nur über Handelsbeziehungen gepflegt. Diese Isolation und Abgrenzung von der rus sischen Bevölkerung wurde unter anderem durch sprachliche Barrieren und unterschiedliche Glaubensrichtungen verstärkt (vgl. ebd.: 43). Ende des 19. Jahrhunderts gab es über 1,7 Milli- onen deutschsprachige Menschen in Russland, deren Lage sich durch Zar Alexander II. (1855-1881) verschlechterte. Sein Ziel war es, den Panslawismus, die Vereinigung aller sla- wischen Völker, durchzusetzen (vgl. ebd.: 42). Hierzu wurden deutsche Privilegien außer Kraft gesetzt und der Wehrdienst sowie Russisch als Amtssprache eingeführt (vgl. ebd.). Hin- zu kommt, dass durch die Gründung des Deutschen Reiches im Jahr 1871 für die Deutschen in Russland weitgreifende Probleme entstanden, wie zum Beispiel Angriffe gegen Deutsche und Plünderungen deutscher Geschäfte (vgl. Winter-Heider 2009: 34). „Das außenpolitische Verhältnis der beiden Staaten Deutschland und Russland spielte eine immer entscheidendere Rolle für das Verhältnis Russlands zur russlanddeutschen Minderheit.“ (Pabst 2007: 43). An- tideutsche Einstellungen und Diskriminierungen wurden durch den Ersten Weltkrieg (1914- 1918) verstärkt. Obwohl Russlanddeutsche in der russischen Armee kämpften, kam es zu kol- lektiven Zwangsmaßnahmen und Deportationen nach Sibirien (vgl. Riek 2000: 38). Die Situa- tion der Russlanddeutschen verbesserte sich durch die Oktoberrevolution und die Machteroberung Wladimir Iljitsch Lenins im Jahr 1917. Es folgte die Gründung und Aner- kennung der „Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen“ (Pabst 2007: 44). In der sogenannten Wolgarepublik lebten 25 Prozent der Russlanddeutschen und pflegten ihr deutsch geprägtes kulturelles Leben mit eigenen Schulen, Theatern, Zeitungen, Verwal- tungen und der deutschen Sprache (vgl. Winter-Heider 2009: 35). Dennoch hatte die politi- sche Beziehung zwischen Russland und Deutschland weitere Auswirkungen auf das Leben der Russlanddeutschen. Zum einen wurde 1922 die Sozialistische Sowjetrepublik gegründet und der damalige Generalsekretär der kommunistischen Partei, Josef Stalin, führte Zwangs- deportationen nach Sibirien durch. Zum anderen resultierte aus der Machtergreifung der Nati- onalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) im Jahr 1933, dass die Russlanddeut- schen der Kollaboration und der Verbindung mit dem deutschen Feind sowie des Faschismus3 beschuldigt wurden (vgl. Riek 2000: 40 f.). Hinzu kommt Stalins Liquidationsgesetz, welches die Enteignung deutscher Siedler durchsetzte (vgl. Greuel 2009: 92). Die Lage der Russland- deutschen spitzte sich 1941 während des Zweiten Weltkrieges (1939-1945) zu. Folge des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion war die Auflösung der Wolgarepublik sowie weitere Deportationen der Deutschen nach Sibirien und Mittelasien, wo sie in Arbeitslagern unterka- men. Trotz der Kapitulation Deutschlands 1945 führte Stalin weitere Verschleppungen durch.

[...]


1 Integration ist „eine soziolog. Bezeichnung für Prozesse der verhaltens- und bewusstseinsmäßigen Eingliede- rung in bzw. Angleichung an Wertstrukturen und Verhaltensmuster a) durch einzelne Personen an bestimmte Gruppen oder Organisationen oder in die für sie relevanten Bereiche einer Gesellschaft; b) zwischen verschiede- nen Gruppen, Schichten, Klassen, Rassen einer Gesellschaft; c) zwischen verschiedenen Gesellschaften zuguns- ten der Herausbildung neuer ‚höherer‘ gemeinsamer kultureller Strukturen und sozialer Ordnungen.“ (Hillmann, Karl-Heinz; Hartfiel, Günter (2007): Wörterbuch der Soziologie. Mit … einer Zeittafel. 5thed. Stuttgart: Kröner, S.383.)

2 Assimilation ist „in der ethnolog. und polit.-soziolog. Literatur häufig benutzte Bezeichnung für Prozesse der Angleichung einer ethnischen oder sozialen Gruppe an eine andere.“ (ebd. S.53)

3 Faschismus ist „[…] eine polit. Reaktion auf allg. Krisensituationen[…].“ Kennzeichen sind „[…] Hass und die Aggressionen manipulierter ‚Volksgemeinschaften‘ auf kritisch-rationale oder ethnische und polit. Minderheiten […].“ (Hillmann, Karl-Heinz; Hartfiel, Günter (2007): Wörterbuch der Soziologie. Mit … einer Zeittafel. 5thed. Stuttgart: Kröner.)

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Kulturelle und kollektive Identität am Beispiel von Russlanddeutschen
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Soziologie)
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
40
Katalognummer
V323132
ISBN (eBook)
9783668222908
ISBN (Buch)
9783668222915
Dateigröße
715 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kulturelle Identität, Identitätskonstruktion, Individuum, Russlanddeutsche, Migration, nationale Identitat, Fremdheit, Integration
Arbeit zitieren
Klara Engel (Autor), 2013, Kulturelle und kollektive Identität am Beispiel von Russlanddeutschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323132

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