Die Lyrik des polnischen Barock. Interpretation ausgewählter Werke Jan Andrzej Morsztyns


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung Jan Andrzej Morsztyn

2. Antiker Bezug

3. Barocke Leitmotive in Morsztyns Werken

4. CARPE DIEM - Definition
4.1. CARPE DIEM in Morsztyns “do lutnie”
4.2. Auswertung zum CARPE DIEM – Motiv

5. MEMENTO MORI - Definition
5.1. MEMENTO MORI in Morsztyns „Redivivatus“
5.2. Auswertung zum MEMENTO MORI - Motiv

6. VANITAS - Definition
6.1. VANITAS in Morsztyns „Do trupa“
6.2. Auswertung zum VANITAS - Motiv

7. Resümee

8. Literaturverzeichnis:

1. Einleitung Jan Andrzej Morsztyn

Jan Andrzej Morsztyn wurde 1621 in Wiśnicz geboren und gilt als einer der bekanntesten Vertreter der polnischen Poesie im barocken Zeitalter. Er war jedoch nicht nur Dichter, sondern auch ein Adliger, Angehöriger des Landadels und Politiker.1 In Italien entwickelte sich um 1600 herum in der Literatur ein neuer Stil, der Marinismus, der von Giambattista Marino (1569-1625) konsequent genutzt wurde und starre Regeln des Schreibens gebrochen hat. Seine Werke waren für Morsztyn häufig in thematischer, formaler als auch stilistischer Hinsicht eine Inspiration für seine Arbeiten.2

Seine handgeschriebenen Werke werden heute durch seinen extravaganten Stil als typisch für diese Epoche in Polen angesehen. Der polnische Dichter verwendete jedoch nicht die charakteristischen Eigenschaften des Barocks, wie moralische und religiöse Konflikte oder eine innere Zerrissenheit - das wichtigste in seiner Poesie war die inhärenten Widersprüchlichkeiten, weshalb künstlerische Mittel, wie Paradoxien, Antithesen und überraschende Konzepte nicht von ihm verwendet wurden, um einen ideologischen Inhalt auszudrücken (wie beispielweise bei Mikołaja Sępa-Szarzyński), sondern um die poetische Virtuosität eines Artisten darzustellen („ popis wirtuozerii artysty “).3

Nach Wiktor Weintraub gibt es in Morsztyns Werken „Lutnia i Kanikula“ lediglich drei Gedichte, die das Thema Religion thematisieren: „ Na książki paciorkowe“, „Na toż“, „Na obrazek“[4]. Weintraub vertritt die Meinung, dass deren religiöse Thematik lediglich den Leser überraschen und sein Sinn für Ästhetik aufzeigen soll. Andere religiöse Gedichte von Jan Andrzej Morsztyn erkennt er nicht an, da er sie von Giambattista Marino übernommen hat.5

In der folgenden Arbeit versuche ich ausgewählte Werke zu interpretieren, sie mit Hilfe der Leitmotive einzuordnen und den Bezug zur Antike zu finden. Folgende Fragen kommen dabei auf: Wie stark erkennt man das Lebensgefühl der Menschen des barocken Zeitalters in Morsztyns Werken? Mit welchen Themen setzt er sich auseinander? Gibt es tatsächlich eindeutige Bezüge zu antiken Schriften? Wenn ja, welche Mythen der Antike nutzt er als Quellen?

Nach intensiven Recherchen habe ich mich für drei Gedichte entschieden aus dem Buch: „Jan Andrzej Morsztyn - Wybór poezji“ bearbeitet von Wiktor Weintraub, Wrocław : Warszawa : Kraków : Zakł. Narodowy im. Ossolińskich - Wydaw., 1988 aus der Serie Biblioteka Narodowa ; Ser. 1; Nr 257“, die auf eine außergewöhnliche Weise die drei typischen Leitmotive des barocken Zeitalters aufzeigen.

2. Antiker Bezug

Beim Analysieren der Werke sollten Quellen, wie die Literatur der Antike nicht außer Acht genommen werden, da viele Dichter (u.a. Jan Andrzej Morsztyn) auch diese für ihre eigenen lyrischen Werke nutzten6. Die Idee den Menschen als Akteur in unterschiedlichen Rollen zu sehen, hat eine besondere Bedeutung in der Literatur des europäischen Barocks. Sie wird hergeleitet aus der antiken Literatur, wie beispielsweise aus Platons, Ovids, Lucans oder Senecas Werken.7

Häufig ist das Auseinandersetzen mit antiken Werken unumgänglich, um Morsztyns Werke gänzlich zu verstehen.

In den folgenden drei Gedichten von Morsztyn wird deutlich sichtbar, dass Ovids Metamorphosen, die aus 15 Büchern bestehen, eine wichtige Quelle darstellen. In etwa 250 Sagen wird die Geschichte und Entstehung der Welt nach römischer und griechischer Mythologie in Hexametern erzählt. Häufig werden in diesen Verwandlungsgeschichten (Metamorphosen) Menschen, niedere Gottheiten, Pflanzen, Sternbilder oder Tiere thematisiert. Ovids Werk gilt, neben der »Aeneis« Vergils, als das bedeutendste literarische Werk der römischen Antike und hatte einen großen Einfluss auf die Literatur und bildende Kunst vom Mittelalter bis hin zum Barock.8

Eine weitere, im Zusammenhang mit Morsztyn, wichtige Quelle ist meiner Meinung nach die "Theogonie" des Dichters Hesiod. Das um 700v. Chr. entstandene Werk schildert die Entstehung der Welt und der Götter: Am Anfang war das Chaos, aus dem die Nacht und das Totenreich und dann Gaia (die Erde) hervorkamen und schließlich die olympischen Götter. Die Theogonie ist neben Homer`s Odyssee und Ilias die älteste uns bekannte Quelle der griechischen Mythologie.9

3. Barocke Leitmotive in Morsztyns Werken

Das barocke Zeitalter wird auf den ersten Blick durch Lebensfreude und Überschwänglichkeit gekennzeichnet. Doch beim genaueren Betrachten erkennt man, dass die Thematiken des Todes, der Sterblichkeit und die Vorstellung von dem Jenseits eine zentrale Rolle spielen. Befasst man sich mit der Barocklyrik, sieht man direkt, dass sie von drei Leitmotiven geprägt wird, die das barocke Lebensgefühl der Menschen beschreiben und zudem sehr kontrastreich sind. Diese Motive befassen sich vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges unterschiedlich mit der dadurch weitverbreiteten Angst vor dem Tod und dessen Auswirkungen. Die polnische Sprache war zur Zeit des Barocks nicht ganz rein, sondern mit Elementen anderer slawischer Sprachen oder mit lateinischen Elementen durchsetzt, wie es auch in Morsztyns Werken sichtbar ist.

„Carpe diem“, „Memento mori“ und „Vanitas“ - diese drei Motive wurden in Europa von vielen Dichtern verwendet und spiegeln das Lebensgefühl wider, das eine stark ausgeprägte Antithetik aufweist, wie beispielsweise Tod und Leben, Irdisches und Himmlisches, Diesseits und Jenseits oder Schein und Sein. In diesem Zusammenhang spielt, wie oben erläutert, die Antike eine große Rolle, was man in Jan Andrzej Morsztyns Werken gut erkennen kann. Um diese Charakteristika genauer zu erläutern, habe ich mich für drei Gedichte von ihm entschieden, die sowohl die Motive als auch den antiken Bezug sehr gut darstellen.

4. CARPE DIEM - Definition

(lat. = „Ergreife den Tag“ Horaz, Odem 1, 11, 8). Diese Worte rufen dazu auf, den Tag bewusst zu genießen und nicht an die ungewisse Zukunft zu denken. Das Motiv orientiert sich an den positiven Dingen im Leben und konzentriert sich nicht auf den Tod.10

4.1. CARPE DIEM in Morsztyns “do lutnie”

Do lutnie

Dieses Werk führt das zweite Buch des Zyklus „Lutnia“ ein – zählt jedoch nicht zur Liebesdichtung, wie die meisten seiner Werke zu dieser Zeit. Die Funktion des lyrischen „Ichs“ erfühlt die Personifizierung des Instrumentes, nämlich der Laute. „Lutnia“ wird fortlaufenden im Stück direkt angesprochen. Ihre Bedeutung wird in den ersten Zeilen direkt deutlich, da Begriffe, wie „ wszechmocna “ (Z.1; dt.allgegenwärtig) und „ nieuchronna“ (Z.2; dt. unvermeidlich) normalerweise Gott zugeschrieben werden:

I „ Lutni wszechmocna, lutni słodkostronna,

II Której smacznego wieku nieuchronna

III Wdzięczność złe myśli rozpędza i człeku

IV Przysparza wieku. [11]

Positive Beschreibungen wie “słodkostronna” (Z.1; dt. lieblich) und “smacznego wieku” (Z.2; dt. appetitliches Alter) drücken dagegen die Auffälligkeit und Schönheit aus. Ihr Einfluss scheint also in jeglicher Hinsicht groß zu sein, als wäre sie göttlich und hätte übermenschliche Kräfte. Die Laute hat einen positiven Einfluss auf die Emotionen des Menschen.

Die folgenden Zeilen unterstreichen diese Macht und nehmen Bezug auf Antike:

V „ Wspomnij (bo lepiej pomnisz) swoje siły,

VI Jako z tobą kamienie chodziły,

VII Gdy nowy mularz bez żelaz potrzeby

VIII Stanowił Teby. [12]

Folgender Mythos macht die Zeilen verständlicher: Antiope (Tochter des Flussgottes Asopos) gebar, nachdem sie von Zeus geschwängert wurde13, die Zwillinge Amphion und Zethos. Da sie von dem thebanischen König zur Sklavin gemacht wurden, rächten sich die beiden Söhne im erwachsenen Alter und herrschten von da an über Theben.

Amphion hatte eine Leidenschaft für das Spielen auf der Leier, worüber sich sein Bruder häufig lustig machte.14 Jedoch änderte sich seine Meinung, als sie, laut Pherekydes bei Schol. Ap. Rh. 1, 735, eine Mauer um Theben bauten, um sich vor Feinden zu schützen.15 Um die Erbauung der Mauer kreist ein Mythos: Eumelos spricht in der Europia16 davon, dass Zethos mit großer Mühe und Kraft versuchte die Steinblöcke zu einer Mauer zu erbauen, wogegen Amphion lediglich auf seiner Laute spielen musste, um so die Steine in Bewegung zu setzen und dadurch die Mauer in kürzester Zeit ohne Mühe erbaute.17

Jan Andrzej Morsztyn nimmt Bezug zu diesem Mythos, wie man in den letzten beiden Zeilen des Absatzes erkennen kann. Hier kommt wieder stark der Bezug zur Antike zur Geltung. Er fordert die Laute auf die Kraft und Macht aufzubringen, wie sie auch die Leier in dem Mythos von Thebens Mauerbau einsetzte. Mit „ nowy mularz “ (Z.7; dt. neue Maurer) wird Amphion gemeint, der die Macht der Poesie für sich nutzen konnte. Das Unmögliche wird durch Kunst, Poesie und Leidenschaft möglich gemacht.

Eine ähnliche Situation wird im Mythos um Poseidon und Apollon genannt18, auf den Morsztyn ebenfalls Bezug nimmt in dem darauffolgenden Abschnitt:

IIX “Trojańskie mury i dardańskie grody

IX Twymi strunami Apollo bezbrody[19]

X Wiązał i lepił z budowniczej rady

XI Gruzu gromady. [20]

Dardanos bat seinen göttlichen Vater Zeus um Troja herum unzerstörbare Mauern zu bauen. Da die beiden Götter Poseidon und Apollo gerade bei ihm in Ungnade standen, bekamen sie den Auftrag die Festungsanlagen in Troja zu errichten, die besonders hoch, massiv und breit werden sollten. Der verwöhnte Apollo empfand es als unpassende Aufgabe und wollte sich nicht schmutzig machen, weshalb er lieber begann auf der Laute zu spielen. Der Klang der Laute bewegte die Steine wie von Zauberhand und so wuchs die Mauer ganz von allein empor, während Poseidon mühevoll jeden einzelnen Stein stapeln musste.21 Wieder betont Morsztyn die übermenschliche Macht der Leier und ihre Auswirkungen und nutzt dazu einen passenden Mythos als Quelle.

In den darauffolgenden Zeilen nimmt Morsztyn Bezug zu dem Mythos um Orpheus:

XII “Tyś w orfejowych rozigrana palcach,

XIII Gniew w lwach, wściekłość w tygrach, jad w padalcach

XIV Śmierzyła, po twej nucie tańcowały

XV Z lasami skały. [22]

Orpheus, Sohn der Muse Kalliope, war dafür bekannt, dass er einer der berühmteste Sänger der Antike war und sich von seiner Kunst die materielle und animalische Natur bezaubern ließ. Ihm gelingt es in Zeile 13 den Zorn eins Löwens, die Wut eines Tigers und das Gift einer Blindschleiche lediglich durch Gesang zu zähmen. Seine Kunst und seiner Liebe (zu Eurydike) sind die wichtigsten Elemente in seinem Leben.23

XVI „ Z tobą on przebył piekielne odchłanie

XVII I za łagodne otrzymał śpiewanie,

XVIII Że rozerwała śliczna Eurydyka

XIX Piekielne łyka. [24]

[...]


1 Weintraub, 1988, S. XVI

2 Ebenda, S. IX

3 Morsztyn.klp: Online

4 Weintraub, 1988, S. LII-LIII

5 Ebenda, S.LIII

6 Nowicka Jezowa, 1992, S.93

7 Pelc, 2004, S. 122

8 Romanum: Online

9 Kunstwissen: Online

10 Bartels, 2010, S.47

11 Morsztyn, 1988, S. 113

12 Ebenda, S. 113

13 Gottwein: Online

14 Apollodor 3, 5, 5: Hygin 7 f.; Ovid, Metamorphosen 6, 110 f.

15 Stoll, 1886, Sp. 313

16 Eumelos: Europia, Paus. 9, 5, 4

17 Stoll, 1886, Sp. 314

18 Ebenda

19 Morsztyn 1988, S. 113

20 Ebenda, S. 114

21 Originaltitel: The Song of Troy. 'Blanvalet Taschenbücher'. Übersetzt von Ulrike von Sobbe Blanvalet Taschenbuchverlag , Februar 2002 - kartoniert - 540 Seiten

22 Morsztyn 1988, S. 114

23 Vgl. Ov.met.10,1-77

24 Morsztyn 1988, S. 114

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Lyrik des polnischen Barock. Interpretation ausgewählter Werke Jan Andrzej Morsztyns
Hochschule
Universität Potsdam  (Slavistik)
Veranstaltung
Polnischer Barock
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
20
Katalognummer
V323331
ISBN (eBook)
9783668225152
ISBN (Buch)
9783668225169
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
morsztyn, jan andrzej morsztyn, polnischer barock, slawistik, polonistik, sonett, do motyla, memento mori, carpe diem, vanitas, polen, polnische literatur
Arbeit zitieren
Chantal Plawecki (Autor), 2012, Die Lyrik des polnischen Barock. Interpretation ausgewählter Werke Jan Andrzej Morsztyns, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323331

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