Paradoxien der falschen Meinung in Platons "Theätet"


Essay, 2002

7 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Paradoxien der falschen Meinung in Platons Theätet

(I) Wissen und Nichtwissen

(II) Sein und Nichtsein

(III) Anderes Meinen

(IV) Das Wachsblockmodell

(V) Das Taubenschlagmodell

(VI) Résumé

Proseminar „Platon, ‚Theaitet‘“

Sommersemester 2002

Prof. Dr. Christof Rapp

Zweiter Essay (Abgabetermin 23.7.02)

Benjamin Kiesewetter

Matrikelnummer: 173749

Philosophie / NdL / Kulturwissenschaft

Semesteranzahl: 3/ 3/ 2

Textausgabe:

Platon: Theätet, Übersetzung von Ekkehard Martens, Stuttgart: Philipp Reclam jun., 1981/ 1999

Paradoxien der falschen Meinung in Platons Theätet

Inhalt dieses Essays ist die Möglichkeit von falschen Meinungen. Es mag zunächst evident erschei­nen, dass es falsche Meinungen gibt, in Platons Dialog Theätet jedoch führt jeder Erklärungsversuch für ihre Möglichkeit in eine Paradoxie. Nachdem bereits die These verworfen wurde, dass „Wissen nichts anderes als Wahrnehmung“ [151e] sei, wird das Wissen nun nicht mehr in den Einzelsinnen, sondern in einer zentralen Instanz, der „Seele selbst für sich genommen“ [185d], verortet. Die Be­schäftigung der Seele mit dem, was ist, wird Theätet zufolge als Meinen bezeichnet [Vgl. 187a]. Da Wissen aber unmöglich „Meinung insgesamt“ sein kann, „da es auch falsche Meinung gibt“, vertritt er nun die These, Wissen sei gleichbedeutend mit wahrer Meinung [Vgl. 187b]. Dies wirft für Sokrates die Frage auf, wie überhaupt falsche Meinungen möglich sind [Vgl. 187d].

Um diese Frage zu beantworten, unternehmen die beiden Philosophen fünf Erklärungsversuche, die ich im Fol­genden zu kennzeichnen versuche: (I) aus dem Wissen und Nichtwissen von den Dingen, (II) aus dem Sein und Nichtsein der Dinge, (III) aus der Möglichkeit, etwas anderes zu meinen, (IV)‾als fal­sche Verknüpfung von Gedanke und Wahrnehmung (Wachsblockmodell), (V) aus dem Unter­schied von Besitzen und Haben (Taubenschlagmodell). In der Beschreibung werde ich jeweils auch auf die Gründe eingehen, warum die Erklärungsversuche scheitern. In (VI) versuche ich, die Paradoxien in einen Gesamtzusammenhang zu stellen und ihre Funktion zu erläutern.

(I) Wissen und Nichtwissen

Für den ersten Anlauf, die Existenz falscher Meinungen zu erklären, werden Wissen und Nicht­wissen kontradiktorisch einander gegenübergestellt: Für „alles und jedes“ gilt, „dass wir es entweder wissen oder nicht wissen“ [188a]. Hilfreich zum Verständnis dieses Arguments (wie auch der fol­genden) ist sicherlich der Hinweis, dass das hier verwendete griechische „epistathai“ sowohl wissen als auch kennen bedeuten kann. Dasselbe zu wissen und nicht zu wissen ist unmöglich, wenn von den Zwischenbe­reichen des Lernens und Vergessens abgesehen wird [Vgl.188a-b]. Meinungen bezie­hen sich folglich ebenfalls auf etwas, was man weiß oder nicht weiß [Vgl. 188a]. Es ergeben sich vier Möglichkeiten der falschen Meinung: (i)‾Man kennt etwas und hält es für etwas anderes, das man ebenfalls kennt. (ii)‾Man kennt etwas nicht, und hält es für etwas anderes, was man ebenfalls nicht kennt. [Vgl. 188b]. (iii)‾Man kennt etwas, hält es aber für etwas, das man nicht kennt. (iv)‾Man kennt etwas nicht und hält es für etwas, das man kennt. [Vgl. 188c]. All diese Möglichkeiten sind jedoch schon durch die Prämisse ausgeschlossen, dass man nicht etwas wissen und gleichzeitig nicht wissen kann: Kennt man etwas [(i) und (iii)], so kann man es nicht für etwas anderes halten, da man es kennt. Kennt man et­was nicht [(ii) und (iv)], so kann man es schwerlich für irgend etwas halten, da man es schließlich nicht kennt. Der Anlauf zeigt also, dass der Ausschluss einer dritten Möglichkeit – etwas zu wissen und doch nicht zu wissen - falsche Meinungen unmöglich macht [„außer diesen Fällen ist kein Mei­nen möglich, wenn wir jedenfalls alles entweder wissen oder nicht wissen“, 188c].

Offenbar greift der Ansatz zu kurz, weil etwa die Möglichkeit, dasselbe in einer bestimmten Hinsicht zu kennen, in einer anderen Hinsicht jedoch nicht, hier keinen Platz findet. Platon wird diese Unterschei­dung selbst wieder aufgreifen (siehe IV).

(II) Sein und Nichtsein

Die Möglichkeit einer falschen Meinung wird nun im zweiten Anlauf nicht mehr im meinenden Sub­jekt, sondern im Gegenstand der Meinung verortet, indem Sokrates und Theätet nicht „auf das Wissen und Nichtwissen achten, sondern auf das Sein und Nichtsein“ [188c-d]. So ließe sich eine falsche Mei­nung als eine Behauptung von etwas erklären, „was nicht ist“ [188d]. Durch eine Analogie zur Wahr­nehmung versucht Sokrates nun aber, auch diese Möglichkeit zu verwerfen: Wer etwas sieht, hört oder berührt, der bezieht sich in seiner Wahrnehmung notwendig auf etwas, das ist [Vgl. 188e-189a]. Folg­lich müsse auch der Meinende sich auf etwas beziehen, das ist. Eine Meinung von etwas, das nicht ist, ist also keine Meinung. [Vgl. 189a].

Offensichtlich führt die behauptete Korrespondenz von Meinung und Wahrnehmung zu einer Disanalogie. Das Argument ist eleatisch, weil es Sachverhalte wie Gegenstände behandelt. Wahr­neh­mung bezieht sich auf ein Objekt, eine Meinung bezieht sich auf einen meist komplexeren Sachver­halt. Durch die Gleichsetzung der beiden Ebenen kommt es zu dem Fehlschluss, dass falsche Mei­nungen nicht möglich sind. Natürlich muss der Meinung selbst – als performativer Akt – eine Existenz zugesprochen werden, ihr propositionaler Gehalt kann jedoch unabhängig davon wahr oder falsch sein. Er muss also nur in dem Sinne „sein“, dass der Meinende weiß, worauf er sich bezieht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Paradoxien der falschen Meinung in Platons "Theätet"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Seminar: Platon, Theaitet
Note
1,0
Jahr
2002
Seiten
7
Katalognummer
V33358
ISBN (eBook)
9783638338523
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Paradoxien, Meinung, Platons, Theätet, Seminar, Platon, Theaitet
Arbeit zitieren
Anonym, 2002, Paradoxien der falschen Meinung in Platons "Theätet", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33358

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Paradoxien der falschen Meinung in Platons "Theätet"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden