Die Erzählung „Die Flucht“ von Rainer Maria Rilke. Narratologische und stilistische Analyse


Essay, 2014

4 Seiten, Note: 1,3

Gesa Born (Autor)


Leseprobe

Analyse der Erzählung „Die Flucht“

Die Erzählung „Die Flucht“ von Rainer Maria Rilke aus den Jahren 1896/1897 handelt von einer nicht geduldeten Liebesbeziehung zwischen der jungen Näherin Anna und dem Gymnasiasten Fritz und von deren gemeinsamen Plan, die Stadt zu verlassen. Die folgende Analyse wird sich mit der Frage auseinandersetzten, warum Fritz letzten Endes von seinem Vorhaben abweicht, zusammen mit Anna sein altes Leben hinter sich zu lassen.

Unter Berücksichtigung narratologischer Kategorien und stilistischer Merkmale wird die Bedeutungshypothese untermauert, dass der Titel „Die Flucht“ nicht nur auf den Fluchtplan der beiden Jugendlichen bezogen ist, sondern vielmehr Fritz‘ Flucht vor Anna und ihrer neu gewonnenen, endgültigen Entschlossenheit meint.

Die synthetische Erzählung[1] lässt sich sowohl in ihrer Chronologie, als auch räumlich, in drei Teile gliedern. Am Anfang des Textes ist es Abend und die beiden Protagonisten befinden sich in einer Kirche. Darauf folgt die Nacht, in der die Handlung um 12 Uhr Mitternacht einen entscheidenden Wendepunkt erlebt. Am Morgen des nächsten Tages endet die Erzählung in einer Bahnhofsvorhalle.

Dass eine strukturierende Opposition[2] der religiösen und verträumten, altbewährten Welt der Kirche und der weltlichen, hektischen, schnörkellosen Welt der Bahnhofsvorhalle vorliegt, lässt sich daran erkennen, dass der erste Satz der Erzählung: „Die Kirche war ganz leer“ (S.23) im Endteil wieder aufgegriffen wird: „Die Vorhalle war leer“(S.27). Hier wird ein Paradigma[3] aufgemacht, bei dem Rilke das Wort Kirche durch Vorhalle ersetzt, um so den implizierten Zuhörer auf die Gegenüberstellung beider Räume aufmerksam zu machen. Die Kirche wird als erhabener, heiliger Ort mit schönen bunten Glasfenstern beschrieben. Fast märchenhaft ist die Textstelle, in der der Holzengel gekitzelt wird und lächelt (S.23). Die Fensterbänke in der Bahnhofsvorhalle dagegen sind verstaubt, die Glocke ist hässlich und Leute aus den untersten Klassen „lümmeln an hohen Säulen“ (S.27).

Die Grundstimmung der beiden jungen Verliebten in der Kirche ist eine geborgene. Sie „schmiegen sich fest aneinander“, wobei die Dunkelheit ihnen als Versteck und als Schutz für die Zweisamkeit dient (S.23). Im Folgenden werden die Figuren Fritz und Anna eine gegensätzliche Entwicklung durchmachen. Aufgrund der internen Fokalisierung[4] durch Fritz ab dem Mittelteil des Textes nimmt die Mittelbarkeit der Erzählung ab und wechselt dadurch in einen dramatischeren Modus. Nachdem Fritz Annas Brief gelesen hat, bekommt man anhand von Gedankenzitaten einen umfassenden Einblick in seine Gedankenwelt (ab S.25). Durch diese Bindung an Fritz Figurenperspektive ist es einem als Leser zum Ende der Geschichte hin genauso wie Fritz selber nur noch möglich darüber zu spekulieren, ob Anna am Bahnhof erscheinen wird oder nicht. Dass sie tatsächlich an ihrem Plan festhält (S.27), ist das Ergebnis einer drastischen Entschlossenheit, die sie sich im Laufe der Erzählung zu eigen macht. Während sie am Anfang noch als ein ängstliches, unsicher zögerndes kleines Mädchen beschrieben wird, dass sich in ihrer Hilflosigkeit voll und ganz in die Hände von Fritz begibt, ist Fritz glücklich darüber mit Anna allein zu sein und wünscht sich, dass man sie aus Versehen in der Kirche zusammen einsperrt (S.23). Als er das erste mal wage davon spricht fortzugehen wirkt seine unkonkrete Aussage „Heute oder morgen [..]“ trotzig und fast ein wenig pubertär: „Allen zum Trotz.“ (S.24). Auf seine Aufforderung sie solle mit ihm fort gehen reagiert Anna mit einem traurigen Kopfschütteln. Symbolträchtig endet der erste erste Teil mit einer ratlosen und müden kleinen Schwalbe, die sich verirrt hat und den Weg ins Freie sucht (S.25). Ein Hinweis dafür, dass die Schwalbe metaphorisch für Anna steht, die den Wunsch nach Freiheit bereits in sich trägt, ist, dass Rilke, als Fritz zuvor ihre winzigen Hände in seinen Händen hält, bereits einen Vogel-Vergleich anstellt: „so wie man ein kleines Vögelchen hält, sanft und doch sicher“ (S.23).

Anschließend ist es aber Fritz, der sich verirrt. Und zwar auf dem Heimweg, während er schlechten Gewissens an sein „verabsäumtes lateinisches Pensum“ denkt (S.25). Sichtbar wird hier, dass Fritz den traditionellen bildungsbürgerlichen Ansprüchen gegenüber ein gewisses Maß an Verpflichtung empfindet, der er auch gerecht werden will. Nachdem er Annas Brief mit ihrer Aufforderung zur Flucht gelesen hat, verfällt Fritz in ein kurzes rauschartiges Glücksgefühl aber genauso schnell schleichen sich Zweifel ein, als ihm die Frage nach dem „wohin“ einfällt. Sein nun folgender Aktionismus zeigt, „[...mit prahlerischer Deutlichkeit]“ (S.26), ein zur Schautragen seiner neu gewonnenen Männlichkeit. So wie als wolle er sich theatralisch selber beweisen, dass er nun Manns genug sei um die Sache zu vollenden. Mit dem Wendepunkt der Erzählung um 12 Uhr kommt auch die Ernüchterung. Hier ist der Übergang zwischen der träumerischen, altbewährten Welt und der neuen, realistischen, ungewissen Welt. Mit diesem neuen Blick auf die Dinge endet sein jugendlicher Übermut. Mit dem Satz: „Wenn man sich wirklich lieb hat...“(S.26), den Fritz dann nochmal zögerlicher in seinen Gedanken wiederholt, ist klar: Ganz nüchtern und ohne Verträumtheit liebt er Anna nicht, seine Liebe schlägt sogar in Hass um. So wie er sie am Abend noch beschützen wollte, so will er sie jetzt schlagen (S.26). Dass die Liebesbeziehung der beiden ein bestimmtes Stadium der Kindlichkeit nicht überschreitet, verbildlicht die Rose auf Annas Hut, welche eine Metapher für die Liebe ist. Am Anfang taucht sie in einem verspielten Kontext auf, als sie den Holzengel am Kinn kitzelt (S.23). Fritz kann seine Liebe zu Anna nicht richtig benennen, auf Annas Frage ob er sie lieb habe antwortet er: „Unbeschreiblich lieb.“ (S.24), ein weiteres Indiz dafür, dass es sich um unreflektierte und unreife Gefühle handelt. Auf Fritz Schreibtisch liegt aufgeschlagen Platons Symposium, welches von einer kontroversen Diskussion über das Wesen der Liebe handelt und Platons Konzept der platonischen Liebe darstellt. Bei dem Gedanken sich mit diesem Stoff am nächsten Tag auseinandersetzten zu müssen, wird ihm traurig zu Mute (S.23). Auf eine kritische oder erwachsene Auseinandersetzung mit dem Thema Liebe hat der pubertäre Fritz noch keine Lust. Am Ende der Erzählung und nach der inneren Wandlung, die Fritz durchlaufen hat, erscheint die Rose für ihn wie ein Warnsignal, wie sie da so exponiert auf Annas Hut schwankt (S.27). In der wirklichen, realistischen Welt hat ihre Liebe keine Chance mehr, sie war eine reine Träumerei.

Seine Ängstlichkeit, die Fritz empfindet als er sich in der Vorhalle nach Anna umschaut, gipfelt in regelrechter Furcht vor ihr als er sie und die Rose erblickt (S.27).

Anna hingegen hat, wie aus dem Brief deutlich wird, ihre Angst in eine todsichere Entschlossenheit umgewandelt. Ihre Grußformel „Bis in den Tod“ (S.25) bringt dies zum Ausdruck, genauso wie Fritz Furcht davor, dass sie „[...] mit dem Leben spielen wollte“ (S.27). Liest man die Erzählung unter diesem Gesichtspunkt, so scheint der Satz „Dann durchschnitt der Lettner mit seinen barokken Holzsäulen den Raum und jenseits desselben wurde es immer dunkler, und die kleinen ewigen Lampen blinzelten immer verständnisvoller vor den nachgedunkelten Heiligen“ (S.23), wie eine Vorausschau. Verbindet man mit Barock den Vanitas-Gedanken und interpretiert man die jenseits der überschrittenen Grenze „immer verständnisvoller blinzelnden“, „ewigen Lampen“ als Hinweise für Jenseits-Orientierung, so erscheint der Fluchtgedanke der schwachen, blassen Anna wie eine Sehnsucht nach dem Tod. Bewusst inszeniert Rilke schon im ersten Teil der Erzählung mit dem Wechsel von Dunkelheit und Licht einen Kontrast (S.23). Dieser steht metaphorisch für Annas Zwiespalt zwischen dem Geistlichen („nachgedunkelten Heiligen“) und Metaphysischen („Gewiß gehen Geister hier in der Nacht“) auf der einen Seite und dem Realen auf der anderen Seite: Ihrer täglichen Aufgabe des Nähens und ihr Platz am Fenster. Offenbar tendiert Anna aber zur Dunkelheit, in der sie sich geborgen fühlt. Sie „[...]drückte ihre lichtbraune Jacke in die dunkelste Ecke der schweren, schwarzen Eichenbank“, wie als würde die dunkle Ecke ihre lichtbraune Jacke verschlucken. Über dem alten Stationsbild, unter dem sich Anna und Fritz befinden liest Fritz die Worte „Vater vergieb ihnen..“ (S.24). Diese Inschrift liefert, genauso wie die Textstellen auf Seite 24 ( Die „ewigen Lampen“ in der Kirche „blinzelten immer verständnisvoller“), Hinweise darauf, dass das Geistliche der Kirche, oder auch der Tod, eine positive, tröstende Funktion für Anna einnimmt. In ihrer hoffnungsvollen Vorstellung erscheint Gott als väterliche Instanz und der Tod , der „Verständnis“ für ihre Situation hat, will sich ihrer annehmen. Dieser endgültige Beigeschmack ist abschreckend für Fritz. Der energiegeladene junge Mann denkt an Aufgaben die noch vor ihm liegen, an seine Zukunft (S.26), und klammert sich tief im Inneren an das Leben.

Der Titel „Die Flucht“ meint also tatsächlich die Flucht des diesseitsorientierten Fritz vor der sich zum Jenseits hingezogen fühlenden Anna.

[...]


[1] Vgl. Matias Martínez/ Michael Scheffel, Einführung in die Erzähltheorie. 9. Aufl., München 2012, S. 41

[2] Vgl. Ralf Klausnitzer, Lesen – Verstehen – Interpretieren. In Ders., Literaturwissenschaft. Begriffe – Verfahren – Arbeitstechniken, 2. Aufl., Berlin/ Boston 2012, S. 72

[3] Vgl. Jakobson, Roman, Linguistik und Poetik [1960]. In: Ders., Poetik. Ausgewählte Aufsätze 1921-1971, hrsg. v. Elmar Holenstein und Tarcisius Schelbert, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1979, S. 83

[4] Matias Martínez/ Michael Scheffel, Einführung in die Erzähltheorie. 9. Aufl., München 2012, S. 67

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Die Erzählung „Die Flucht“ von Rainer Maria Rilke. Narratologische und stilistische Analyse
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
4
Katalognummer
V334556
ISBN (eBook)
9783668245105
Dateigröße
387 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rilke, Rainer Maria Rilke, Erzählung, die Flucht
Arbeit zitieren
Gesa Born (Autor), 2014, Die Erzählung „Die Flucht“ von Rainer Maria Rilke. Narratologische und stilistische Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334556

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