Thomas Manns "Wälsungenblut". Eine antisemitische Novelle?


Hausarbeit, 2015

13 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung
1.1 Antisemitische Stereotypen

2. Hauptteil
2.1 Inhaltsangabe der Novelle „Wälsungenblut“
2.2 Thomas Manns Position zum Judentum
2.3 Gibt es antisemitische Stereotype in „Wälsungenblut“?

3. Fazit

4. Literatur/ -Quellenverzeichnis
4.1 Textquellen
4.2 Internetquellen

1.Einleitung

Die Hausarbeit befasst sich mit der zentralen Fragestellung, ob die Novelle „Wälsungenblut“ von Thomas Mann antisemitische Stereotype aufweist und dementsprechend als judenfeindliches Werk eingeordnet werden kann. Die Spekulation, Thomas Manns Novelle „Wälsungenblut“ als antisemitisches Werk anzusehen, rührt nicht nur daher, dass Mann seine Erzählung zunächst zurückzog und erst 15 Jahre später veröffentlichte, sondern auch aus diversen judenfeindlichen Aussagen und rassistisch angehauchten Werken Manns. Noch heute wirft dieses Thema, insbesondere wegen seiner gesellschaftspolitischen Präsenz, Gesprächs- und Diskussionsstoff auf. Daher lohnt es sich fast 100 Jahre später noch ein besonderes Augenmerk auf die Debatte um „Wälsungenblut“ und Thomas Mann zu richten.

Das Seminar „Literatur und Intertextualität“ ermöglichte mir erneut eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Werken Thomas Manns. Meine damalige Ansicht, ihn nur als Rebell und Revolutionär zu betrachten, wurde durch „Tod in Venedig“ mit dem Eindruck erweitert, dass hinter Manns Aussagen vielleicht doch ein rassistischer Gedanke stecken könnte.

Die Annäherung an das Thema geschieht mittels Betrachtung und Begründung einer Auswahl von prägnanten Sprach- und Figurendarstellungen Thomas Manns. Die Erörterung der Novelle wird, unter Einbezug verschiedener Autorenmeinungen und -ansichten, analytisch und interpretatorisch verlaufen, um am Ende ein begründetes Fazit treffen zu können. Um herauszufinden, ob das Werk als antisemitisch eingestuft werden kann, erfolgt auch eine Kurzbetrachtung des Autors als möglicher Antisemit. Eine allzu weitläufige Bezugnahme auf Thomas Mann und seine Einstellung zum Judentum würde allerdings den Rahmen der Hausarbeit sprengen.

1.1 Antisemitische Stereotypen

Der Begriff Antisemitismus bezeichnet ganz allgemein die individuelle und kollektive Feindseligkeit gegenüber Juden ohne räumliche Einschränkung. Dazu zählen Vorbehalte, Ausgrenzung, Verfolgungen und Gewalt, Beleidigungen und die Verurteilung in Stereotypen.[1] Das Ausmaß der Vorstellungen und Konstruktionen judenfeindlicher Stereotypen reicht nahezu bis ins Unermessliche und Unfassbare. Die hauptsächlich vertretenen Klischees werden in dieser Arbeit vorgestellt, um einen Einblick in diese absurde Vielfalt zu geben.

Der jüdischen Bevölkerung wird im Allgemeinen unterstellt, sie besäße eine ausufernde Manipulationsmacht und wäre durch jüdische Geschäftstüchtigkeit, Reichtum und Aggression gekennzeichnet.

Auch das Bild des feindseligen, rachsüchtigen, unversöhnlichen, machtstrebenden, sowie geld- und habgierigen Juden ist Teil antisemitischer Stereotypen. Ebenfalls der Vorwurf, Juden würden durch ihre Religion gezwungen, andere Glaubensrichtungen zu verachten, ist dafür kennzeichnend. Auch mit alttestamentarischer Rachsucht und Hinterlistigkeit ist die Vorstellung vom Judentum vorbehaftet und sie werden der politischen Instrumentalisierung der Shoah angeklagt. Die Arbeitsscheue sei ein jüdischer Charakterzug, ebenso wie die Boshaftigkeit, hochnäsige Intelligenz und Gewitztheit.

Die vermeintlich jüdische Arroganz und der Egoismus begründeten sich aus dem Empfinden elitärer Auserwähltheit heraus. Die Juden seien Störenfriede, die schon äußerlich als Fremde zu erkennen seien und mit ihrer Integrationsfeindlichkeit immer wieder Unruhe stiften würden; frech, anmaßend, intolerant und misstrauisch seien sie obendrein. Abwertende Metaphern von Juden als Schmarotzer, Parasit, Feigling, Verräter, Wucherer und Betrüger gehören zur Gruppe antisemitischer Stereotypen.[2] Eine ältere, mittelalterliche Klischeevorstellung hielt Juden für den Teufel bzw. den Teufel für die Juden.[3] In diesem religiösen und abergläubischen Zusammenhang wurde ihnen Zauberei, Ritualmord sowie die Schuld am Tod Jesu und der Genuss von Menschenblut vorgeworfen.

Außerdem wurden die Juden oft mit Tieren (z.B. Bock oder Schwein), denen negative Eigenschaften zugeschrieben werden, verglichen bzw. durch erniedrigende Tiermetaphern charakterisiert, beispielsweise „Judensau“.[4]

„Wo nichtjüdische Eigenschaften durch jüdische ersetzt werden, […] ergibt sich an Stelle von: […] Sparsamkeit – Protzentum, […] Unbestechlichkeit – Vorteilssucht, […] anständiger Gesinnung – jüdische Unverschämtheit, Schamgefühl – jüdische Unverfrorenheit, […] Gehorsam – jüdisches Besserwissen, Treue – jüdische Selbstsucht und Verrat, Wahrheit – jüdischer Dreh, […] Recht und Gesetz – Talmudgeist“[5].

Zu guter Letzt gibt es ausreichend äußerliche Stigmata jüdischer Erscheinungsformen wie (Haken)Nase, Lippen und Körperhaltung.[6] Auch am Tragen eines „Judenhuts“ oder dem oftmals gelben „Judenstern“ könne man die jüdische Bevölkerung identifizieren.[7]

2. Hauptteil

2.1 Inhaltsangabe der Novelle „Wälsungenblut“

Die Novelle „Wälsungenblut“ wurde 1906 von Thomas Mann verfasst und 1921 veröffentlicht. Die jüdische Familie Aarenhold lebt gemeinsam in der Villa des Vaters Aarenhold. Neben den Kindern Kunz, Märit, den Zwillingen Siegmund und Sieglind zählen auch die Gräfin bzw. die Mutter und der Graf bzw. der Vater Aarenhold zur Familie. Eines Tages wird der Beamte von Beckerath von Kunz in die Villa eingeladen, wo dieser Sieglind einen Heiratsantrag offeriert, den diese nach einiger Überlegung auch annimmt. Als die Zwillinge Sieglinds Verlobten von Beckerath bitten, vor der Hochzeit noch ein letztes Mal allein Richard Wagners „Walküre“ besuchen zu dürfen, stimmt dieser ohne Zögern und Vorahnung zu.

In dem Stück wird das Zwillingspaar mit den göttlichen Zwillingen Siegmund und Sieglind, vom Geschlecht der Wälsungen, konfrontiert, die sich in der gleichen Situation wie sie befinden und wie ihr eigener Spiegel in einander verliebt sind. Nach der Vorstellung verlassen sie stillschweigend die Oper und fahren in die Villa zurück. Als Siegmund kurze Zeit später zu Bett geht, folgt ihm Sieglind nach einer Weile. Als sie an ihn heran tritt, können die beiden nicht mehr an sich halten und beginnen sich zu küssen und zu lieben. Die Novelle endet damit, dass Siegmund auf Sieglinds Frage, was denn nun mit von Beckerath sei, den Fortbestand der inzestuösen Geschwisterbeziehung erklärt.

2.2 Thomas Manns Position zum Judentum

Manns Beziehung zum Judentum ist von Ambivalenz gekennzeichnet. Seine positive Haltung zur Judenfrage scheint eindeutig, wenn man Aussagen betrachtet bei denen er das Judentum insbesondere wegen seiner Andersartigkeit als einen unentbehrlichen europäischen Kulturanreiz und als kulturförderndes Enzym der deutschen Gesellschaft beschreibt und sich ausdrücklich als Freund der Juden bezeichnet.[8] Gegen eine antisemitische Haltung Manns spricht außerdem, dass er sich zeitweise sehr engagiert für die Anerkennung der diskriminierten jüdischen Minderheit einsetzt und dies auch politisch vertrat.[9] Als absolut gegenteilig erweisen sich Aussagen, wie die Bezeichnung der Juden als zurückgeblieben, missratene Rasse des Ghettos, deren Herkunft heute noch tief in den Juden verwurzelt sei. Und auch die antisemitische Vorstellung von Stereotypen scheint Mann zu vertreten, da es seiner Meinung nach stets den „typischen Juden“ mit Buckel, roten, mauschelnden Händen, krummen Beinen und einem gemeinen Wesen gäbe.

Hinweise auf die Verurteilung in antisemitische Stereotypen und Klischees finden sich in Manns Werken „Wälsungenblut“, „Buddenbrooks“, „Königliche Hoheit“ und einigen weiteren. Selbst die Verbindung mit der jüdischen Katia Pringsheim ist kein Argument gegen eine antisemitische Einstellung Manns, da diesen jahrelang die Frage über eine „Blutsmischung“ mit einer jüdischen Familie quälte und beschäftigte.[10] Außerdem war Manns Name von April 1895 bis Ende 1896 mit der klar nationalistischen und radikal antisemitischen Zeitschrift „Das Zwanzigste Jahrhundert“ verbunden.[11]

Aus diesen Aussagen, Handlungen und Schriften heraus liegt es nahe, Mann als Antisemiten einzustufen. Jemand, der nicht als Antisemit gelten wollte, würde vermutlich keine Werke verfassen, in denen fremdenfeindliche Aussagen getroffen und Figuren in Stereotypen stigmatisiert werden, ohne diese Stigmatisierung als negativ darzustellen. Viel zu groß wäre die Sorge als populärer Autor selbst einer Verurteilung als Antisemit zu unterliegen.

2.3 Gibt es antisemitische Stereotype in „Wälsungenblut“?

Liest man die Novelle „Wälsungenblut“ ohne den Verdacht eines eventuell vorhandenen antisemitischen Gedankens, scheint der Text bis auf einige Formulierungen wie die „Hakennase“ Märits oder die „aufgeworfenen Lippen“[12] Kunz‘ zunächst unauffällig und wie eine Erzählung, in der es lediglich um die inzestuöse Affäre eines Zwillingspaares geht. Betrachtet man den Text mit der Vermutung, dass er Judenfeindlichkeit verkörpern könnte, stechen schon zu Beginn der Novelle die Anspielungen auf jüdische Klischees ins Auge. Dass Mann bewusst zeigen wollte, dass es sich bei seinen Figuren um Juden handle ist eindeutig und kaum zu übersehen.

[...]


[1] Vgl. Benz, Wolfgang (2004). S. 9 und S. 43

[2] Vgl. Benz, Wolfgang (2004). S. 22-34, S. 38, S. 52-56, S. 115 und S. 195

[3] Vgl. Rohrbach, Stefan, Schmidt, Michael (1991). S. 166

[4] Vgl. Hortzitz, Nicoline, in: Scheops, Julius H, Schlör, Joachim (1995). S. 20-22

[5] Vgl. Hortzitz, Nicoline, in: Scheops, Julius H, Schlör, Joachim (1995). S. 32

[6] Vgl. Benz, Wolfgang (2004). S. 235

[7] Vgl. Gilman, Sander L., in: Scheops, Julius H, Schlör, Joachim (1995). S. 177

[8] Vaget, Hans Rudolf, in: Dierks, Manfred, Wimmer, Ruprecht (2004). S. 52-53

[9] Vgl. Klugkist, Thomas, in: Dierks, Manfred, Wimmer, Ruprecht (2004). S. 163

[10] Vgl. Detering, Heinrich (2005). S. 66 und S. 105

[11] Vgl. Breuer, Stefan, in: Dierks, Manfred, Wimmer, Ruprecht (2004). S. 90

[12] Vgl. Reed, Terence J. (2012). S. 430

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Thomas Manns "Wälsungenblut". Eine antisemitische Novelle?
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Veranstaltung
Literatur und Intertextualität
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V334652
ISBN (eBook)
9783668244733
ISBN (Buch)
9783668244740
Dateigröße
635 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas Mann, Wälsungenblut, Hausarbeit, Antisemitismus, Antisemitisch, Novelle
Arbeit zitieren
Ricarda Fritzsche (Autor), 2015, Thomas Manns "Wälsungenblut". Eine antisemitische Novelle?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334652

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