Kinderarmut in Deutschland. Folgen und Prävention


Seminararbeit, 2013
13 Seiten, Note: 15 Punkte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Wer sind Kinder und was bedeutet Armut?

3 Umgang mit Kinderarmut in Deutschland

4 Wer sind die Betroffenen und wie gehen sie damit um?

5 Psychische und physische Folgen der Armut
5.1 Gesundheitliche Folgen und Medienkonsum
5.2 Isolierung und Stigmatisierung
5.3 Bildungsarmut

6 Prävention gegen Kinderarmut – Kindertagesstätten und Ganztagsschulen

7 Fazit

1 Einleitung

„Wenn die Gesellschaft den Menschen der heranwachsenden Generation eine kreative Sinnerfüllung versagt, dann finden sie ihre Erfüllung in der Zerstörung.“

(Norbert Elias, deutscher Soziologie, 1897-1990)[1]

Was bedeutet es für ein Kind, in einem Wohlstandsstaat wie Deutschland in Armut aufwachsen zu müssen? Was sind die Folgen? Laut Elias wäre eine Hingabe zur Zerstörung die Antwort, denn ein Kind, welches in Armut aufwächst, bekommt eine kreative Sinnerfüllung versagt. Der Zugang zu einer guten Bildung ist geringer als für ein Kind aus einer höheren Schicht und auch die Segregation im Schulsystem verringert die Chancen von armen Kindern. Die Kinder leiden unter psychischen und physischen Auswirkungen und erleben Diskriminierungen und Isolation. Die Kinderarmut umfasst viele Bereiche: das Einkommen der Familie, die Gesundheit, die Bildung, die Teilnahme an Kultur und Gesellschaft und auch den Wohnraum. In all diesen Bereichen werden diese Kinder benachteiligt. Wie kann die Politik diesem Phänomen, welches schon immer existierte, aber tabuisiert und erst in den letzten Jahren einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, entgegenwirken? Sind Verbesserungen der Bildungschancen durch Ganztagsschulen und dem Ausbau von Kindertagesstätten die Lösung? In Bezug auf Kindertagesstätten ist besonders die Diskussion um das Betreuungsgeld, welches dieses Jahr am 1. August eingeführt werden soll, relevant, denn das Betreuungsgeld ist für Eltern, die bewusst keinen Krippenplatz in Anspruch nehmen, sondern das Kind zuhause betreuen. Kritiker sind der Meinung, dass das Betreuungsgeld benachteiligten Kindern Chancen verwehre, denn gerade diese bräuchten die Kindertagesstätten, um dort die nötige Förderung zu bekommen, die ihnen zuhause nicht gegeben werden kann.

In der nachfolgenden Bearbeitung des Themas „Phänomen Kinderarmut in der Bundesrepublik Deutschland“ werde ich zunächst auf grundlegende Definitionen von Kindheit und Armut eingehen, um dann den Begriff der Kinderarmut zu erläutern. Dazu gehören einmal die Betroffenen, das heißt, die Gruppen in der Gesellschaft, die hauptsächlich von Armut betroffen sind. Danach folgen die Auswirkungen dieser Armut wie zum Beispiel in der Bildung und auch die gesundheitlichen und psychischen Schäden. Daraufhin werden einige Aspekte zur Prävention und Verhinderung von Kinderarmut vorgestellt, worauf ich besonders auf den Punkt der Bildung hinweisen werde und auch auf die Vorteile von Kitas und Ganztagsschulen. Auf eine detaillierte Unterscheidung zwischen den Milieus und Ost-und Westdeutschland wird weniger eingegangen, vielmehr wird sich die Thematik den Auswirkungen und Möglichkeiten der Prävention der Kinderarmut widmen.

2 Wer sind Kinder und was bedeutet Armut?

Kinder sind eine eigene soziale Gruppierung mit eigenen Rechten und Pflichten. Sie befinden sich in einer für das weitere Leben sehr wichtigen Entwicklungsphase. In dieser Phase werden die „[...] Fundamente der physischen, psychischen, kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklung gelegt [...]“.[2] Laut dem Jugendschutzgesetz sind Kinder Personen, die weniger als 14 Jahre alt sind und Jugendliche, die 14, aber noch nicht 18 Jahre alt sind. Gerade bezüglich der Kinderarmut ist es relevant, auch die Jugendlichen mit einzubeziehen, da die „in der Kindheit angelegte[n] Entwicklungen nur verständlich werden, wenn man sie in die Jugendzeit hinein verfolgt“.[3] Besonders in Bezug auf Auffälligkeiten bei Jugendlichen werden die Folgen von Kinderarmut deutlich, denn sie sind das Ergebnis einer fehlgeschlagenen Sozialisation.

Um verstehen zu können, was Armut für Kinder und deren Weiterentwicklung bedeutet, ist es wichtig zu wissen, was Armut überhaupt heißt. Es gibt hierbei verschiedene Definitionen von Armut. Die für diesen Zusammenhang wichtigsten Definitionen sind die von der absoluten und relativen Armut.

Absolute Armut ist, „[...] wenn die lebensnotwendigen Grundlagen wie Essen, Kleidung, Wohnung oder medizinische Versorgung fehlen, d.h. wenn das physische Existenzminimum nicht mehr garantiert ist“.[4] In einem Sozialstaat wie Deutschland sei diese Armut aber kaum vorhanden. Das Arbeitslosengeld II oder auch Hartz IV genannt, bietet hierbei eine Art Grundsicherung für Erwerbslose und bildet die Grenze zur absoluten Armut mit einem Regelsatz von 382 Euro. Viel wichtiger in diesem Zusammenhang ist die relative Armut, die besondere Auswirkungen bei Kindern und deren Entwicklung und Sozialisation hat.

Relative Armut kommt in Wohlstandgesellschaften vor. Darunter fallen „[...] Personen, die über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist“.[5] Hierbei existiert also eine Unterversorgung an Gütern, zum Beispiel in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Wohnen, und die Lebensbedingungen sind im Gegensatz zum Rest der Gesellschaft stark eingegrenzt. Das Einkommen, welches die Betroffenen haben, reicht nicht aus, um ein angenehmes Leben zu führen und an der Gesellschaft teilzunehmen, was als besonders bedrückend erlebt wird. Die benachteiligten Kinder und Jugendliche haben das Gefühl, in einer von Konsum und Werbung geprägten Gesellschaft nicht mehr mitzukommen, weil ihnen Güter wie elektronische Geräte und Klamotten fehlen oder nur bedingt vorhanden sind. Bereiche wie Kultur und Freizeit sind somit stark eingeschränkt für die Betroffenen.[6]

3 Umgang mit Kinderarmut in Deutschland

Die Armutsforschung in Deutschland ist noch eine relativ junge Tradition. Seit den 1990er Jahren begann eine wirkliche Berichterstattung über Armut und dessen Infantilisierung.[7] Es kam zu mehreren Berichten über die Kinderarmut, bei dem sich heute sogar eine Art eigener Zweig etabliert hat. 2001 kam es zum ersten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Das Kind wurde nach und nach als Individuum anerkannt, welches direkte Förderung braucht, um aus einer Situation zu kommen, für die es nichts kann. Insgesamt ist zu beobachten, dass Kinderarmut kein neues Phänomen ist, auch wenn es erst heute in den Vordergrund gerückt ist. Es hat eine Art Skandal in der Gesellschaft ausgelöst und die Frage wurde gestellt, warum es in einem wohlhabenden Staat wie Deutschland so etwas überhaupt gäbe. Kinderarmut gab es schon immer, nur ist sie noch nie so wie heute ins Blickfeld gerückt und noch nie wurde wirklich versucht, sie zu bekämpfen. Denn wenn ein Staat versucht, einen Skandal wie die Kinderarmut zu verhindern, dann muss er sich auch seine Fehler und sein Versagen eingestehen. Gesteht eine Regierung jenes, dann riskiert sie in einer Demokratie, in der sie auf die Wählerstimmen der Bevölkerung angewiesen ist, ihre Wiederwahl.[8]

Statt den Gründen von Kinderarmut vorzubeugen, ist zu beobachten, dass seitens der Politik und der Gesellschaft den Armen selbst die Schuld zugeschrieben wird, um das eigene Versagen nicht wahrzunehmen: „[...] die Armen und nicht die Armut wird bekämpft“.[9] In einer neoliberalen Marktwirtschaft wird auf Leistung und Konkurrenz gesetzt, und wer sich nicht behaupten kann und staatliche Unterstützung braucht, entspricht nicht diesem Ideal und wird dafür selbst verantwortlich gemacht.[10]

4 Wer sind die Betroffenen und wie gehen sie damit um?

Betroffen von Armut sind Alleinerziehende, Familien mit Migrationshintergrund, Familien mit erwerbslosen Eltern und kinderreiche Familien. Dauerarbeitslosigkeit aufgrund mangelnder Qualifikation beziehungsweise Mangel an Arbeit und Niedriglöhne verstärken die Armutsgefährdung.[11] Arm ist nach EU-Definition derjenige, der über weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Nettoeinkommens verfügt. Laut dem 3. Armuts- und Reichtumsbericht von 2008 liegt das Durchschnittseinkommen zwischen 780 und 980 Euro monatlich.

Ende des Jahres 2008 lebten 1,7 Millionen Kinder unter 15 Jahren von Hartz IV. Die Wahrscheinlichkeit von dieser Grundsicherung abhängig zu sein, betrug für Kinder 13 Prozent, für Kinder unter drei Jahren sogar 21 Prozent.[12]

Insgesamt gab es in Deutschland im Jahr 2010 11,7 Millionen Familien, von denen 8,1 Millionen Kinder unter 18 Jahren haben. Unter diesen Familien befinden sich 1,6 Millionen Alleinerziehende und 2,3 Millionen haben einen Migrationshintergrund.[13]

Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund sind doppelt so häufig von Armut betroffen wie Kinder ohne Migrationshintergrund.[14] Durch niedrige Qualifikationen haben sie geringere berufliche Erfolge, arbeiten im Niedriglohnsektor oder haben als Geduldete beziehungsweise Asylsuchende keine Arbeitserlaubnis.[15]

[...]


[1] HERZ, Birgit: Kinderarmut und Bildung. Armutslagen in Hamburg. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008, S. 125. doi:10.1007/978-3-531-91215-8

[2] BUTTERWEGGE, Christoph (Hrsg.): Kinderarmut in Deutschland. Ursachen, Erscheinungsformen und Gegenmaßnahmen. 2. Auflage. Frankfurt: Campus-Verlag 2000, S. 272

[3] REICHWEIN, Eva: Kinderarmut in der Bundesrepublik Deutschland. Lebenslagen und gesellschaftliche Wahrnehmung und Sozialpolitik. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2012, S. 41. doi:10.1007/978-3-531-94146-2

[4] REICHWEIN, Kinderarmut in der BRD, a.a.O., S. 31

[5] REICHWEIN, Kinderarmut in der BRD, a.a.O., S. 31-32

[6] s. HERZ, Kinderarmut und Bildung, a.a.O., S. 26

[7] s. REICHWEIN, Kinderarmut in der BRD, a.a.O., S. 28

[8] s. REICHWEIN, Kinderarmut in der BRD, a.a.O., S. 372-376

[9] HERZ, Kinderarmut und Bildung, a.a.O., S. 7

[10] s. HERZ, Kinderarmut und Bildung, a.a.O., S. 23

[11] s. ZANDER, Margherita (Hrsg.): Kinderarmut. Einführendes Handbuch für Forschung und soziale Praxis. 2. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010. S, 91. doi:10.1007/978-3-531-92553-0

[12] s. REICHWEIN, Kinderarmut in der BRD, a.a.O., S.19-20

[13] s. Lebenslagen in Deutschland. Entwurf des 4. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. URL http://www.sozialpolitik-aktuell.de/tl_files/sozialpolitik-aktuell/_Politikfelder/Einkommen-Armut/Dokumente/ARB_der_BR_vom_%2021112012.pdf Stand 22.03.2013, S. 59-60

[14] s. 4. Armuts- und Reichtumsbericht, a.a.O., S. 125

[15] s. BUTTERWEGGE, Carolin: Armut von Kindern mit Migrationshintergrund. Ausmaß, Erscheinungsformen und Ursachen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010, S. 541. doi:10.1007/978-3-513-92316-1

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Kinderarmut in Deutschland. Folgen und Prävention
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstaltung
Seminar - Lebensphasen und Sozialisation im Wandel
Note
15 Punkte
Autor
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V334721
ISBN (eBook)
9783668331860
ISBN (Buch)
9783668331877
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Armut, Kinderarmut, Deutschland, Schicht, Klasse, Kinder, Soziologie, Politikwissenschaften
Arbeit zitieren
Ilyas Kilic (Autor), 2013, Kinderarmut in Deutschland. Folgen und Prävention, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334721

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Kinderarmut in Deutschland. Folgen und Prävention


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden