Heinrich Leopold Wagners Trauerspiel "Die Kindermörderin". Die Auswirkung einer sexuellen Handlung auf die Entwicklung einer jungen Frau zur Kindermörderin


Hausarbeit, 2016

15 Seiten, Note: 2,3

Anonym


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Rezeptionsgeschichte

2. Der erste Akt des Trauerspiels
2.1 Analyse des ersten Aktes
2.2 Die sexuelle Handlung

3. Die Folgen für den Fortlauf des Trauerspiels

Fazit

Literatur

Einleitung

Das Thema des Kindermordes war von großem öffentlichem Interesse zur Zeit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Als Heinrich Leopold Wagner 1776 das Trauerspiel Die Kindermörderin veröffentlichte, ging eine Welle der Empörung durch weite Teile der Zuschauerschaft sowie den Kreis der Kritiker. Nie zuvor war eine so drastische und explizite Darstellung einer sexuellen Handlung, sowie einer Kindstötung dagewesen. Drei Jahre später erschien dann eine zensierte Fassung des Stückes, in der der erste Akt, in dem es zu einer sexuellen Handlung zwischen Leutnant von Gröningseck und der Metzgerstochter Evchen kommt, gestrichen wurde.

Auf diesen (in der späteren Version gestrichenen) ersten Akt des Dramas und die in ihm enthaltene sexuelle Handlung zwischen Leutnant von Gröningseck und Evchen, richtet diese Seminararbeit den Fokus. Sie gliedert sich in drei Kapitel. Das erste gibt einen Überblick über die Rezeptionsgeschichte des Dramas. Das zweite Kapitel befasst sich mit der Analyse des ersten Aktes des Trauerspiels. Darauf aufbauend wird Abschnitt 2.2 der Frage, ob es sich bei der sexuellen Handlung um eine Vergewaltigung oder eine bloße Verführung handelt, nachgegangen. Die sich daraus ergebene Antwort wird im dritten und letzten Kapitel in Bezug zum Fortlauf des Stückes gesetzt.

1. Rezeptionsgeschichte

Der Kindsmord stellt in der Gesellschaft der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts nicht nur im Feld der Literatur ein zentrales Thema dar. Er war Gegenstand vieler öffentlicher Debatten und Kontroversen, die sich um humanistische, beziehungsweise aufklärerische Reformgedanken drehten.[1]

In der Literatur des Sturm und Drang wurde das Thema der Kindstötung vielfach und in verschiedenen Formen aufgegriffen und bearbeitet. Es kam zum Beispiel in Erzählungen wie der 1776 veröffentlichten Zerbin oder die neuere Philosophie von Jakob Michael Reinhold Lenz oder in Gedichten, wie dem 1782 veröffentlichtem Die Kindsmörderin von Friedrich Schiller vor.

Wagners Trauerspiel zeichnet sich vor allem durch die Anschaulichkeit der damaligen gesellschaftlichen Zustände aus und insbesondere, durch die Darstellung von bürgerlichen Menschen, sowie Menschen aus der untersten Gesellschaftsschicht.[2] Es zeichnet realitätsnah und detailgenau das Milieu des deutschen Kleinbürgertums und bedient sich einer authentischen Charakterdarstellung volkstümlicher Figuren.[3] Das gnadenlose Offenlegen der Missachtung der (bürgerlichen) Frau, ihre Herabsetzung vom Adel und ihre rechtlose Stellung, brachten Themen auf die Theaterbühne, die dort bislang nicht in dieser Form dargestellt wurden. Wagner verarbeitet hier ein Thema, das für das deutsche Bürgertum jener Zeit von höchstem Interesse und größter Aktualität war. Die literarische Behandlung der Verführung/Vergewaltigung eines Mädchens aus dem Volk, ermöglichte Ereignisse der Gegenwart darzustellen, in denen das Aufeinanderprallen der bürgerlichen und der feudalen Klasse deutlich sichtbar wurde[4]

Aber nicht nur der Stoff war anstößig für breite Teile des damaligen Publikums. Auch die Form (Sechs Akte mit jeweils nur einer Szene) war ungewöhnlich und die drei Einheiten von Ort, Zeit und Handlung wurden vom Autor konsequent missachtet. Die Handlung erstreckt sich beispielsweise über beachtliche neun Monate. Als Wagners Trauerspiel Die Kindermörderin im September 1776 anonym in Leipzig erschien, hatte es kaum Chancen aufgeführt zu werden. Zunächst dominierte die moralische Entrüstung über die Bordell- und Vergewaltigungsszenen des ersten Aktes und über den explizit beschriebenen Kindsmord im letzten Akt.

Im Kreis der Salzmannschen Gesellschaft in Straßburg, einem Kreis von Literaten und Journalisten, wo Wagner es am 18.Juli 1776 vorlas, fand das Stück neben begeisterter Zustimmung auch Kritik aus den eigenen Reihen, da sich ein Plagiatsvorwurf manifestierte.[5] So galt die Kindsmordthematik in Wagners Trauerspiel lange als Kopie von der Gretchen-Handlung in Goethes Faust, von der Goethe Wagner schon vor der Veröffentlichung der Kindermörderin erzählt haben soll.

Fast vierzig Jahre nach der Veröffentlichung von Wagners Kindermörderin, schreibt Goethe hierzu in seinem Werk Dichtung und Wahrheit (1812/13):

Weil ich aus allem, was ich vorhatte, kein Geheimnis machte, so erzählte ich ihm (Wagner) wie anderen meine Absicht mit Faust, besonders die Katastrophe von Gretchen. Er faßte das Sujet auf und benutzte es für ein Trauerspiel, Die Kindermörderin.[6]

Außerdem galt Wagner lange „unter den Goethianern entschieden [als] der Unbedeutendste.“[7] und sein Trauerspiel Die Kindermörderin war laut verbreiteter Ansicht „zwar nicht ohne Talent aber von unsäglicher Rohheit und Geschmacklosigkeit.“[8] Rezensionen wie: „Im ganzen blieb das Stück unecht, gemacht, stark vergröbernd und veräußerlicht.“[9], lassen sich zu Hauf in der Literatur zu Wagners Stück Die Kindermörderin finden. An dieser (Fehl-)Einschätzung einiger Kollegen, sowie dem „heiklen Thema“ der Vergewaltigung und des Kindsmords, lag es dann auch, dass das Bühnenstück in seiner ursprünglichen Form nur ein einziges Mal, 1777 in Presburg auf die Bühne gebracht wurde.

Das Stück sorgte für enormes Aufsehen bei den Zensurbehörden. Daraufhin arbeitete Karl Gotthelf Lessing die Sturm und Drang-Tragödie im Stile der Aufklärung um. Er entschärfte Text und Handlung und machte eine neue Version daraus, die in Berlin aufgeführt werden sollte. Wagners Kommentar dazu:

Meiner Kindermörderin haben sie in Berlin eben die Ehre angethan, die Stephanie dem Macbeth anthat; haben sie verstümmelt, verhunzt, eignen Koth hineingeschissen.

- In Augsburg soll ihr das nemliche Schicksal für das Münchener Theater bevorstehen. Meinetwegen![10]

1778 arbeitete Wagner das Stück selbst um. In Frankfurt a.M. erlebte Evchen Humbrecht oder ihr Mütter merkt‘s euch! als Tragikomödie 1779 die Uraufführung durch das Seylersche Theater. Der erste Akt, der die sexuelle Handlung enthält, wurde ganz aus dem Skript genommen und in die anderen Akte wurden notwendige Informationen zum verlorengegangenen Geschehen eingearbeitet. Insgesamt war es eine abgemilderte und entschärfte Version.[11]

So wie die Bedenken der Zensurbehörde, sind auch die Plagiatsvorwürfe heute entkräftet. Sie erweisen sich als gegenstandslos, da es sich bei Goethes Faust um ein gänzlich anderes Stück handelt, dass außer einigen parallelen Motiven nicht viel mit der Kindermörderin gemein hat. Das Werk Die Kindermörderin von Wagner, gilt heute in der Forschungsliteratur weitestgehend als ein wesentliches Werk des Sturm und Drang, das wie kein zweites die damalige gesellschaftliche Situation in einem gesellschaftlichen Prozess darstellt[12]:

Wagners Trauerspiel „Die Kindermörderin“ wird mit Recht als sein bedeutendstes Werk angesehen. Die Wahrheit der sozialen und z.T. auch der sprachlichen Milieuschilderung, die Lebendigkeit der Darstellung von Gestalten aus dem Straßburger Kleinbürgertum,[…]das humane Mitgefühl mit dem unmenschlichen Schicksal unverheirateter Mütter sowie die Empörung über die barbarische Härte des Strafrechts haben nach langen Jahren der Mißachtung und Geringschätzung zu einer verdienten Rehabilitierung dieses Dramas geführt.[13]

2. Der erste Akt des Trauerspiels

Wie im vorangegangenen Kapitel zur Rezeptionsgeschichte des Werkes bereits erwähnt, sorgte gerade der erste Akt des Trauerspiels für Empörung und wurde später zensiert, beziehungsweise verändert.

Das nun folgende Kapitel befasst sich mit jenem ersten Akt des Trauerspiels. Im Anschluss an eine Analyse des ersten Aktes, folgt in Abschnitt 2.2 die Klärung der Frage, ob es sich bei der sexuellen Handlung darin um eine Vergewaltigung oder eine Verführung handelt.

2.1 Analyse des ersten Aktes

Zu Beginn des ersten Aktes folgt Evchen Humbrecht zusammen mit ihrer Mutter der Einladung des in ihrem Hause wohnenden Leutnants von Gröningseck zu einem Ball und von dort nach Mitternacht in ein Zimmer des „Wirthshauses zum gelben Kreutz“. Hier betäubt von Gröningseck die Mutter mit Hilfe eines Pulvers, das er ihrem Punsch beimischen lässt. Dann bedrängt der Leutnant Evchen, woraufhin diese verängstigt ins Nebenzimmer läuft. Gröningseck verfolgt sie und vollzieht unter „Getös“[14] den Geschlechtsakt mit ihr. Am Ende des Aktes beschwichtigt der Leutnant Evchens Verzweiflung durch ein Eheversprechen, das er aber erst in fünf Monaten, wenn er volljährig sein wird, einlösen könne.

Evchen ist unerfahren und naiv. Sie ist noch nie auf einem Ball gewesen, da ihr Vater sie bisher nie aus dem Haus gehen hat lassen[15]. Sie bekundet ungehemmt ihre Freude am Ball: „O ja Mutter! noch auf den Ball wieder!“ [16]. Ihre Unerfahrenheit zeigt sich auch darin, dass sie, ebenso wie die Mutter, Punsch nicht kennt[17], womit sich außerdem die kleinbürgerliche Herkunft der Familie Humbrecht verrät. Auch Frau Humbrechts Verhalten und ihre Sprache zeugen von Naivität und von Eitelkeit: Sie ist geblendet von der Lebensform der höheren Schichten (zu Beispiel trinkt sie den Punsch, obwohl er ihr nicht zu schmecken scheint und verkündet: „Mir schmeckts ganz gut- fast wie Rossoli.“ [18] Sie fühlt sich durch das Interesse des Leutnants an Evchen geschmeichelt und lässt sich von ihm einwickeln. Aus diesen Gründen erregt nichts ihren Argwohn, weder die Schäbigkeit der Absteige:

[...]


[1] Vgl. Bengt Algot Sørensen: Herrschaft und Zärtlichkeit. Der Patriarchalismus und das Drama im 18.Jahrhundert. München: Verlag C.H.Beck 1984, S. 112 f.

[2] Andrea Huyssen: Drama des Sturm und Drang. Kommentar zu einer Epoche. München: Winkler Verlag 1980, S. 175.

[3] Johannes Werner: Gesellschaft in literarischer Form. H. L. Wagners „Kindermörderin“ als Epochen- und Methodenparadigma. In: Theo Buck und Dietrich Steinbach (Hg.): Literaturwissenschaft-Gesellschaftswissenschaft;28. Stuttgart: Ernst Klett 1977, S. 6.

[4] Prof. Dr. Kurt Böttcher: Die Kindermörderin. In: Sturm und Drang. hg. v. Kollektiv für Literaturgeschichte (Erläuterungen zur deutschen Literatur) Berlin: Volk und Wissen Volkseigener Verlag 7.Auflage 1988, S. 198.

[5] Andrea Huyssen: Drama des Sturm und Drang. Kommentar zu einer Epoche. München: Winkler Verlag 1980, S. 175.

[6] Johann Wolfgang von Goethe und R. Wülker: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit (13. - 17. Aufl. ed.). Berlin: Oestergaard.1914, S. 259.

[7] Andrea Huyssen: Drama des Sturm und Drang. Kommentar zu einer Epoche. München: Winkler Verlag 1980, S. 174.

[8] Ebd., S. 174.

[9] Hermann Glaser u. a.: Wege der deutschen Literatur. Eine geschichtliche Darstellung. Frankfurt a. M. ; Berlin: Ullstein 1989 (Ullstein Sachbuch Ullstein Buch Nr. 34492), S. 175.

[10] Erich Schmidt: Heinrich Leopold Wagner. Goethes Jugendgenosse (Zweite, völlig umgearbeitete Auflage ed.). Jena: Frommann 1879, S. 71.

[11] Die in dieser Arbeit verwendete Reclam-Ausgabe: Heinrich Leopold Wagner: Die Kindermörderin. Ein Trauerspiel. Ditzingen: Reclam 2014 (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 5698), enthält neben der Urfassung im Neudruck, auch die Umarbeitungen von Karl Gotthelf Lessing und die von Wagner bearbeitete Version jeweils in entsprechenden Auszügen.

[12] Johann Werner: Gesellschaft in literarischer Form. H. L. Wagners „Kindermörderin“ als Epochen- und Methodenparadigma. In: Theo Buck und Dietrich Steinbach (Hg.): Literaturwissenschaft-Gesellschaftswissenschaft;28. Stuttgart: Ernst Klett 1977, S. 9.

[13] Bengt Algot Sørensen: Herrschaft und Zärtlichkeit. Der Patriarchalismus und das Drama im 18.Jahrhundert. München: Verlag C.H.Beck 1984, S. 135.

[14] H. L. Wagner: Die Kindermörderin. Ein Trauerspiel. Ditzingen: Reclam 2014(Reclams Universal-Bibliothek Nr. 5698), S. 16.

[15] Ebd., S. 12.

[16] Ebd., S. 12.

[17] Ebd., S. 13.

[18] Ebd., S. 14.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Heinrich Leopold Wagners Trauerspiel "Die Kindermörderin". Die Auswirkung einer sexuellen Handlung auf die Entwicklung einer jungen Frau zur Kindermörderin
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,3
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V334768
ISBN (eBook)
9783668245457
ISBN (Buch)
9783668245464
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wagner, Kindermörderin, sexuelle Handlung im Drama
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Heinrich Leopold Wagners Trauerspiel "Die Kindermörderin". Die Auswirkung einer sexuellen Handlung auf die Entwicklung einer jungen Frau zur Kindermörderin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334768

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