Energiepolitik und ihre Maxime. Abkehr von Rationalität


Ausarbeitung, 2016
7 Seiten

Leseprobe

Einleitung

Fukushima. Eine Katastrophe erschütterte die Welt und brachte weitreichende Konsequenzen –zumindest für einige Ländermit sich. Es war das Ereignis, welches die Bundesregierung am 30. Juni 2011 dazu bewegte, unter großer Mehrheit aller etablierten Parteien den Atomausstieg zu beschließen.

Dieser Zeitpunkt ist zweifelsohne der Entscheidende in der energiepolitischen Wende der Bundesregierung Deutschlands, jedoch nicht der Beginn, wie es fälschlicherweise häufig verstanden wird. Nachdem am Ende der 1980er Jahre erste Unterstützungen für alternative Energieerzeuger eingeführt wurden, hatte das Kabinett Schröder I und II (1998-2005) in dem Koalitionsvertrag mittels zahlreicher Programme den Gedanken weitergeführt.

Gravierend an dem Beschluss über das „Dreizehnte Gesetz zur Änderung des Atomgesetzes“, unterschrieben und bekanntgegeben am 31. Juni 2011 von Bundespräsident Christian Wulff, Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel und dem Bundesminister für Umwelt , Naturschutz und Reaktorsicherheit, Norbert Röttgen[1], ist, dass jenes Gesetz die Komplettierung dieses Wendevorganges als Zielsetzung trägt.

Der Bundestag stimmte damit einem Ausstieg aus der Atomenergie zu und datierte diesen mit dem Frist-Jahr 2022. Mit dieser Zielsetzung geht auch das Anstreben der Reduzierung des Primärenergieverbrauchs bis 2020 um 20% gegenüber 2008 und einen Anteil von 60 % am Bruttoendenergieverbrauch durch erneuerbare Energien einher.[2]Die Umsetzung der angestrebten Zielwerte sollen dabei laut Ministerium für Wirtschaft und Energie unter folgenden drei Gesichtspunkten stehen: Umweltverträglichkeit, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit.[3]

Das hieraus entstehende energie-politische Zieldreieck wird im Folgenden kommentiert und mit weiteren Quellen kompariert. Ziel dieses Artikels soll sein, eine Antwort auf die Frage zu geben, ob der Beschluss über die Energiewende ein Fehler war.

Versorgungssicherheit

In dem hoch-industrialisiertem Deutschland gehört die Sicherheit über eine kontinuierliche Versorgung aller Energieformen zum Grundverständnis der Wirtschaft und Bevölkerung. Verfolgt man allerdings die Strategie, die konventionellen Energieerzeuger einzudämmen und die Kernkraft vollständig abzuschaffen, entsteht eine rechnerische Leistungslücke von 18 Gigawatt bis 2030 unter Berücksichtigung des weiteren Ausbaus erneuerbarer Energien. Weiterhin ist es erstrebenswert einen möglichst hohen Wert der gesicherte Leistung[4]von 21 Gigawatt aus dem Jahr 2006 aufrecht zu erhalten.[5]

Um die Energielandschaft nach diesem Vorbild zu verändern und dennoch eine vollständige Versorgungssicherheit garantieren zu können, sind weitere, umfassende Maßnahmen im Ausbau von Windkraft und Photovoltaik notwendig. Diese Technologien bringen allerdings, anders als bei konventionellen Energieerzeugern, Mehraufwand in zwei Bereichen mit sich:

1. Es ist ein weitaus größerer Platzbedarf für Windräder und PhotovoltaikAnlagen notwendig, um die gleiche Leistung wie ein Atomkraftwerk zu erzeugen. Demnach erfordert die räumliche Anordnung einen zusätzlichen Ausbau der Stromnetzte, der mit realisiert und finanziert werden muss.

2. Aufgrund der Abhängigkeiten von Witterung entsteht kein gleiches Strombild, sondern ein sehr unregelmäßiges mit Piecks und Tiefpunkten. Eine große Herausforderung wird demnach sein, Netzstabilität dauerhaft und zu jeder Wetterlage zu gewährleisten.

Zu 1.: Bei dem Netzausbau steht die Politik vor physikalischen und wirtschaftlichen Hürden. Derzeit wird der überschüssige Strom im Norden Deutschlands unentgeltlich an Nachbarländer abgegeben, welche bereits Schranken für den unstetigen Strom von erneuerbaren Energien aus Deutschland aufgebaut haben. Gleichzeitig wird in Bayern Strom eingekauft, da die Netzbetreiber weder mit der Produktion, noch mit der Speicherung adäquat den Bedarf dauerhaft abdecken können. Vergleichbar wäre dies mit einer Situation, in der genügend Kraftstoff vorhanden ist, aber kein Tank für diesen, um ihn zum Verbraucher zu transportieren.

Eine wirkungsvolle und wirtschaftliche Lösung für diesen Zustand wurde noch nicht realisiert, wobei Lösungsansätze, wie eine Trasse durch das Land, auf Protest in Politik und Bevölkerung stoßen. Eine ausführliche Analyse der Speichermöglichkeiten und deren Kosten liefert Hans-Werner Sinn in seinem Vortrag „Energiewende ins Nichts“.

Zu 2.: Der zweite Aspekt ist bei genauerer Betrachtung keinesfalls trivial. So heißt es in dem Monitoring-Bericht des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie:

„Zudem ist Deutschland Teil des europäischen Stromverbundes, so dass im Bedarfsfall auch auf Reserven in den Nachbarländern –sofern verfügbarzurückgegriffen werden kann.“[6]

Zunächst scheint es als ein Argument für eine sichere Versorgung, wenn die Nachbarländer Deutschlands der gleichen umweltbewussten Energiepolitik nachgehen würden, wie die Regierung mit dem Atomausstieg. Allerdings setzen die Länder, bei welchen die Regierung im Bedarfsfall Strom importieren möchte, weiterhin auf Kernenergie. Frankreich betreibt 58 Kraftwerke und hat zwei weitere in Planung. Großbritannien wird laut Planung noch 21 Atomkraftwerke in Betrieb haben und ausschließlich Spanien und Belgien wollen dem Beispiel Deutschlands folgen.[7]

Das Paradoxon, welches die Bundesregierung hierbei zugibt, ist, dass der Plan die Atomkraftwerke abzuschalten beinhaltet, dass Strom von Atomkraftwerken der Nachbarländer importiert werden kann und mit hoher Wahrscheinlichkeit wird.

Ob eine eigenständige Versorgungssicherheit vollständig gewährleistet sein kann, ist demnach derzeit noch fraglich.

Umweltverträglichkeit

Die Pläne der Energiewende beinhalten neben dem Ausbau von Windrädern und Photovoltaik auch eine Umstellung des Kraftverkehrs auf Elektro-Fahrzeuge. Das Großprojekt „deutsche Volksbatterie-Auto“ umfasst eine Millionen Elektrofahrzeuge bis 2020.[8]

Scheint es hierbei erneut, dass die Denkweise der Energiewende an der Landesgrenze beginnt und auch wieder aufhört. Die Mobilindustrie konnte noch kein Elektro-Auto entwickeln, welches eine bessere Energiebilanz als ein Diesel-Fahrzeug aufweist, gerade weil die Materialien in der Batterie eines E-Autos starke ökologische Belastungen in der Produktion und Endlagerung bedeuten. Es existieren weiterhin kaum Energiebilanzen von Photovoltaik Anlagen, die bei einer Gesamtbetrachtung ökologisch bewertet wurden. Weiterhin ist es zweifelhaft, ob der Nutzen von seltenen Erden in Windrädern deren schädlichen Abbau gerechtfertigt.

Zudem ist fragwürdig, ob die angestrebte Eindämmung des Nettostromverbrauches um 10% von 2008 bis 2020 realisiert werden kann, wenn ein großer Zuwachs an Strom-benötigenden Fahrzeugen auf Deutschlands Straßen zu finden sein wird.[9]

Bei allen Technologien besteht demnach keine Klarheit über ihren ganzheitlichen, ökologischen Nutzen.

[...]


[1]vgl. 1704 Bundesgesetzblatt Jahrgang 2011 Teil I Nr. 43, ausgegeben zu Bonn am 5. August 2011, „Dreizehntes Gesetz zur Änderung des Atomgesetzes“

[2]vgl. „Zweiter Monitoring-Bericht ‚Energie der Zukunft’“ Seite 1, des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, März 2014

[3]vgl. „Zweiter Monitoring-Bericht ‚Energie der Zukunft’“ Seite 5, des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, März 2014

[4]Leistungsverfügbarkeit ≥ 99,5%

[5]vgl. Vortrag von Hans-Werner Sinn (ifo), veröffentlicht am 03.11.2014, Werte aus Dena-Studie 2010; inkl. Ausstiegsplanung nach Fukushima

[6]Vgl. „Zweiter Monitoring-Bericht ‚Energie der Zukunft’“ Seite 5, des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, März 2014

[7]vgl. Vortrag von Hans-Werner Sinn (ifo), veröffentlicht am 03.11.2014

[8]vgl. Zeitungsartikel „Warum Kaufprämien für E-Autos völlig unsinnig sind“ von Nikolaus Doll am 02.02.2016 veröffentlicht in „DIE WELT“

[9]vgl. „Zweiter Monitoring-Bericht ‚Energie der Zukunft’“ Seite 18, Abbildung 4.4: Entwicklung des Bruttound Nettostromverbrauchs, des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, März 2014

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Energiepolitik und ihre Maxime. Abkehr von Rationalität
Hochschule
Technische Hochschule Mittelhessen  (Studium Plus)
Autor
Jahr
2016
Seiten
7
Katalognummer
V335224
ISBN (eBook)
9783668293137
Dateigröße
650 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Energie, Energiepolitik, Erneuerbare Energien, Erneuerbare, Strom, Wärme, Politik, Versorgung, Energiewende
Arbeit zitieren
Lukas Rehling (Autor), 2016, Energiepolitik und ihre Maxime. Abkehr von Rationalität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335224

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