Der Buchdruck in Europa und Ostasien und seine Auswirkungen auf die Schrift und die Schriftsysteme


Hausarbeit, 2015
30 Seiten, Note: 2,0
Iwan Müller-Schmidt (Autor)

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung ... 2
1.1 Fragestellung und Vorgehensweise ... 2
1.2 Zur Materiallage ... 3

2 Hauptteil ... 4
2.1 Der Buchdruck in China ... 4
2.1.1 Erfindung des Typendrucks und dessen Apparatur und Arbeitsweise ... 4
2.1.2 Nichtdurchsetzbarkeit des beweglichen Typendrucks in China ... 5
2.2 Der Buchdruck in Korea ... 6
2.2.1 Erfindung des Typendrucks und dessen Apparatur und Arbeitsweise ... 6
2.2.2 Hangul: Die Alphabetisierung der Schrift und ihre Auswirkungen ... 7
2.2.3 Nichtdurchsetzbarkeit des beweglichen Typendrucks in Korea ... 9
2.3 Terminologie in Bezug auf den Buchdruck in Ost und West ... 10
2.4 Begegnung der Kulturen: Auswirkungen auf Schrift und Buchdruck ... 11
2.4.1 Der Einfluss Chinas auf die Schrift in Korea ... 11
2.4.2 Die Rolle Chinas und Koreas beim Transfer des Typendrucks ... 12
2.5 Der Buchdruck im Kontext der Beziehungen Europas zu Ostasien ... 13
2.5.1 Gutenberg vor dem Hintergrund des ostasiatischen Buchdrucks ... 13
2.5.2 Der Buchdruck und die Eurozentrismus-Debatte ... 15
2.5.3 Parallelismus der Kulturentwicklung in Ost und West ... 16
2.5.4 Medienrevolution in Europa und Ausbleiben derselben in Ostasien ... 18

3 Resümee ... 21

LITERATURVERZEICHNIS ... 24

1. Einleitung

1.1 Fragestellung und Vorgehensweise

"Wer war der Erfinder des Buchdrucks?" Oder: "Wann und wo wurde der Buchdruck erfunden?" So oder ähnlich lauten Fragen, auf die nicht nur im Alltagsdiskurs, sondern insbes. auch in der älteren Fachliteratur zuweilen eindeutige Antworten gegeben werden. Sowohl die Fragen als auch die Antworten lassen vielfach ein Eingehen auf dahinterstehende komplexe Sachverhalte vermissen. Es galt aber lange Zeit als eine Art Allgemeinwissen, dass Johannes Gutenberg um 1450 als Erster ein Buch (die "Gutenberg-Bibel") mithilfe der von ihm selbst erfundenen Drucktechnik mit beweglichen Metalllettern druckte. Heute wissen wir, dass die "Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg" quasi eine Erfindung ist. Zumindest muss diese These vor dem Hintergrund der Existenz des Buchdrucks vor dem Gutenbergschen Buchdruck in Ostasien relativiert werden.

Das Schwergewicht der Betrachtungen wird im Hinblick auf die Bedeutung für den Übergang von der skriptographischen zur typographischen Kultur auf den beweglichen Typendruck gelegt. Weitere, z.T. schon lange Zeit vor dem Typendruck existierende Druckverfahren wie das Steindruckverfahren und insbes. die Xylographie (Holzblockdruck) etc. bleibt weitgehend außer Betracht. Auf eine kurze Darstellung technischer Ablaufe beim koreanischen und chinesischen Buchdruck soll schon allein im Hinblick auf die Vermeidung von Missverständnissen bezüglich der Unterschiede zwischen der Technologie Gutenbergs und den in Ostasien entstandenen Verfahrensweisen nicht ganz verzichtet werden. Länderspezifisch wird u.a. im Hinblick auf die interessanten Interdependenzen zwischen der Schaffung eines neuen phonetischen Schriftsystems und dem typographischen Druck der Schwerpunkt auf Korea gelegt. Allerdings kann China vor allem (aber nicht nur) im Hinblick auf den Kulturtransfer im ostasiatischen Kulturkreis nicht außer Acht bleiben.

Ergänzend zum "Wie" bzw. der deskriptiven Darstellung des Typendrucks in Ostasien soll auch dem "Warum" ein Augenmerk gewidmet wird. Da immer im Auge behalten werden muss, wie Schrift und Kultur miteinander zusammenhängen, soll dort, wo es notwendig erscheint, auch die Andersartigkeit der soziokulturellen Auswirkungen des Buchdrucks in Ostasien und in Europa betrachtet werden. Ein Teil der Erörterungen bezieht sich mithin auf historische, gesellschaftliche und interkulturelle Hintergründe.

Wesentliche Bedeutung haben u.a. folgende Fragestellungen: Welche Auswirkungen hatte der Buchdruck auf die Schrift und Schriftsysteme? Bestehen umgekehrt auch Auswirkungen der Schrift bzw. Schriftsysteme auf den Buchdruck? Inwiefern hat der Buchdruck im Zuge der Medienrevolution einen Bedeutungswandel der Schrift herbeigeführt?

Der Blick von Europa nach Ostasien und umgekehrt kann u.a. dabei helfen, die Besonderheiten der jeweiligen Situation zu verdeutlichen. Neben dem Nutzen eines Blicks über den nationalen Tellerrand sollen jedoch auch dessen Grenzen im Auge behalten werden: "... international-vergleichende Untersuchungen [...] setzen eine Vertrautheit mit mehreren nationalen [...] Systemen voraus, wie sie nur schwer zu erreichen ist, ganz zu schweigen von den sprachlichen Problemen. Hier gibt es ganz offenbar Grenzen, die nicht leicht zu überwinden sind."1

Im Resümee werden wesentliche Aspekte und Erkenntnisse der Arbeit zusammengefasst. Darüber reflektierend soll versucht werden, aus in dieser Arbeit gewonnenen Erkenntnissen eine Art Bilanz zu ziehen.

1.2 Zur Materiallage

Auf der Basis der vorhandenen Literatur soll der Sach- und Meinungsstand dargestellt und analysiert werden. Wenn Einschätzungen zu bestimmten Punkten konträr sind, werden eigene Stellungnahmen abgegeben, soweit dies sinnvoll erscheint. Ein Großteil des einschlägigen Materials liegt in ostasiatischen Sprachen vor. Dessen Auswertung mithilfe entsprechender Sprachkenntnisse und einem gewissen Zeitaufwand mag ideal erschienen. Es liegt aber auch eine Fülle von Literatur in westlichen Sprachen vor, so dass eine Beschäftigung mit der Thematik auf dieser Basis möglich ist. Im Rahmen dieser Hausarbeit wird jedenfalls im Wesentlichen Literatur in deutscher und englischer Sprache benutzt. Diese setzt sich insbes. mit dem ostasiatischen Buchdruck vor dem Gutenbergschen Buchdruck auseinander. Ein Teil davon stammt aus chinesischer, koreanischer und japanischer Feder. Soweit es zweckmäßig erscheint, wird auch Material vorwiegend in deutscher Sprache zu Mediengeschichte, Medientheorie etc. herangezogen.2 Internetquellen wurden am 22.02.2015 überprüft. Abkürzungen werden nicht erläutert. Insoweit sei auf den Duden bzw. auf www.abkuerzungen.de verwiesen.

2 Hauptteil

2.1 Der Buchdruck in China

2.1.1 Erfindung des Typendrucks und dessen Apparatur und Arbeitsweise

Der Druck mit beweglichen Lettern wurde in China von Bi Sheng in der Ära Quing-Li (1041-1049 n.Chr.) erfunden. Seine Arbeitsweise beschrieb sein Zeitgenosse Shen Gua: "He cut several characters in soft clay, baked them until they were hard, and when he wished to print, he put an iron frame on an iron plate covered with a sticky substance of pine resin and wax, and set his type on this plate. Then he rubbed a board over the block of type, until it was smooth enough for printing."3 Im Hinblick auf die schwer überschaubare Anzahl der chinesischen Schriftzeichen wird folgendes berichtet:"Bi Sheng brachte die Vielzahl von Typen in eine schematische Ordnung: "Er bildete 106 Klassen, deren jede eine sehr große Zahl von Typen umfasste. Sie für den Satz zu finden und nach dem Satz zu ordnen, mußte beträchtliche Zeit und Mühe kosten."4

Während Bi Sheng um 1040 Lettern aus Keramik benutzte, gab es auch einen Druck mit beweglichen Holz- sowie mit Metalllettern. Die Arbeitsweise Wang Chengs, der den Druck mit beweglichen Lettern weiterentwickelte, wird wie folgt beschrieben: "Unter der Dynastie der Mongolen, im 14. Jahrhundert n. Chr., wurden einzelne Schriftzeichen aus dünnem Zinn gegossen und später auch aus Holz geschnitten. Typen aus Holz wurden von Wang Cheng, einem Geographen, hergestellt, der schon kurz nach 1300 einen drehbaren Tisch erfand, auf welchem die Typen geordnet werden konnten. Dieser drehbare Setztisch des Wang Cheng hatte 7 Fuss im Durchmesser, seine Mittelachse war 3 Fuss hoch. Es wurde von zwei solchen Tischen, zwischen denen der Setzer sich befand, gearbeitet, wobei ein Ansager die Typen vorlas."5 Zwischen beiden Scheiben sa ß einer, der die Scheiben von rechts nach links drehte, um die benötigten Lettern herauszunehmen und in einen Rahmen einzupassen. Vom Rahmen kamen die Lettern in [...] einen glatten, trockenen Holzblock im Buchseitenformat. Das Drucken selbst erfolgte im Stempeldruck."6

2.1.2 Nichtdurchsetzbarkeit des beweglichen Typendrucks in China

Twitchett konstatiert wie folgt: "Obwohl die Chinesen die für den Druck mit beweglichen Lettern notwendigen Techniken und Verfahren perfektionierten, setzte sich diese Technik in China nicht durch."7 Diese Erkenntnis führt zu der Frage, aus welchen Gründen im China vor Gutenberg der bewegliche Typendruck keine breitere Basis finden konnte.

Als großes Hindernis für eine nachhaltige Verbreitung des Typendrucks erwies sich das auf logographischen bzw. ideographischen Zeichen basierende chinesische Schriftsystem. Twitchett bewertet dieses Hindernis als entscheidend: "Die inhärente Schwierigkeit beim Setzen einer Schrift mit einer nahezu unbegrenzten Anzahl an Schriftzeichen führte schließ lich zur Verdrängung des Druckverfahrens mit beweglichen Lettern zugunsten des Buchdrucks mit Holzstö cken. [...] Das Problem lag nicht in fehlendem Einfallsreichtum oder fehlendem technischen Wissen, sondern in der Natur der chinesischen Schriftsprache."89

Die Tatsache, dass das Blockdrucksystem zu Lasten des Typendrucks begünstigt wurde, hängt u.a. mit Besonderheiten der chinesischen Schrift zusammen. Die mehrere tausend Zeichen umfassende chinesische Schrift erforderte also die Bereitstellung eines Typenschatzes tausender von Einzellettern in der Druckerwerkstatt, was bei Kupferlettern ein beträchtlicher Kostenfaktor war. Keramiklettern waren zwar billiger, aber zerbrechlich. Holzlettern mangelte es wiederum an der Präzision. Dieser enorme Zeit- und Arbeitsaufwand bei der Erstellung von Druckplatten mit so vielen verschiedenen Einzellettern war ein weiterer Grund dafür, dass der Typendruck mit beweglichen Lettern dem Blockdruck unterlegen war. Des Weiteren war es sowohl bei Metall- als auch bei Keramiklettern schwierig, "beim Druck mit chinesischer Tusche ein ebenmäßiges Druckbild"zu erzielen.10 Ähnliches gilt für die Kalligraphie:"Sorgfältig geschnittene Holzdruckstöcke lieferten Reproduktionen von weit besserer Qualität als sie mit losen Holz- oder Metallzeichen überhaupt zu erzielen war."11

Da vor diesem Hintergrund in China eine wirtschaftlich sinnvolle Nutzung der Erfindung Bi Shengs kaum möglich war, konnte der Typendruck den Holzdruck nicht verdrängen. Es war weniger zeit- und arbeitsaufwendig, Texte und evtl. dazugehörige Illustrationen in eine Holzplatte zu schneiden. Hinzu kamen noch eine Reihe sonstiger Vorteile des Holzdrucks.12 Der Holz- bzw. Blockdruck blieb so weitere Jahrhunderte bestimmendes Element beim Buchdruck in China. Den Typendruck ereilte das Schicksal, fast völlig außer Gebrauch zu geraten. So sind für den Zeitraum von 1644-1911 (Qing-Dynastie) nur 30 Überlieferungen bezüglich des Gebrauchs des Typendrucks bekannt.13

Es ist eine Tatsache, dass der chinesische Typendruck nicht dazu geführt hatte, zur Erleichterung des Drucks eine Vereinfachung der chinesischen Schrift zu bewirken.14 Die Frage, ob bzw. welche Rückwirkungen eine vereinfachte chinesische Schrift (z.B. ähnlich der später in Korea erfolgten Einführung der phonetischen Hangul-Schrift) in Bezug auf den Buchdruck gehabt haben könnte, ist daher hypothetisch.

2.2 Der Buchdruck in Korea

2.2.1 Erfindung des Typendrucks und dessen Apparatur und Arbeitsweise

Der Zeitpunkt der Erfindung des Drucks mit beweglichen Lettern in Korea ist umstritten. Das älteste erhaltene Exemplar eines mit beweglichen Metalllettern gedruckten Buches ist das "Jikji" (1377); ein teilweise erhaltenes Exemplar dieser buddhistischen Anthologie wird in der Orientabteilung der französischen Nationalbibliothek aufbewahrt.15 2001 erfolgte die Aufnahme in das UNESCO-Register des Weltkulturerbes - gleichzeitig mit der Registrierung der Gutenbergbibel in diesem Weltregister.16 Es wird aber vermutet, dass die Erfindung des Drucks mit beweglichen Metalllettern tatsächlich deutlich früher erfolgte.17 So liegen Berichte über ein im Jahre 1234 mit dieser Technik gedrucktes Werk vor.18 Erhalten geblieben ist jedoch keines der ursprünglich 28 Originalexemplare, sondern lediglich eine entsprechende Holzdruckausgabe.19 Der Verlust der mit Metalllettern gedruckten Originale wird mit den Wirren der Mongolenstürme erklärt.20

Im Hinblick auf Apparatur, Arbeitsprozesse, Material, technische Voraussetzungen etc. beim koreanischen Buchdruck ist festzustellen, dass es zwischen der Technologie Gutenbergs und der koreanischen Technik zwar viele Gemeinsamkeiten, jedoch auch wesentliche Unterschiede gab.21 Einer dieser Unterschiede liegt darin, dass die koreanische Metalltypendrucktechnik in Bezug auf den Gießvorgang nicht wie bei Gutenberg mit einem Gießinstrument arbeitet; vielmehr wurde der Vorgang durch "manuelles Ausgieß en der erhärteten Tonform" getätigt.22 Folgende Erläuterungen präzisieren den Vorgang des Gießens der Metalllettern: "Um die Lettern für Bücher [...] herzustellen, wurden Stempel mit den Schriftzeichen in einen Topf mit Flusssand gedrückt. Die so entstandenen Hohlformen wurden mit Wachs ausgegossen. Viele von diesen Wachslettern wurden dann zu einer Gussform zusammengesetzt. [...] Das Ergebnis waren Metalllettern von der Größe der rechteckigen Felder, wie man sie von Schokoladentafeln kennt. "23In Bezug auf das Gießmetall ist anzumerken, dass Gutenberg mit einer Bleilegierung arbeitete, während man in Korea eine Kupferlegierung (Bronze) benutzte.24 Wichtig erscheint, dass der koreanischen Technik keine Druckerpresse zur Verfügung stand.25 Fuchs kommentiert: "[...] Seine asiatischen Vorgänger konnten ihre Schriftzeichen nur mit einer verlorenen Form herstellen und kannten keine Druckpresse – nur die Abreibbürste".26 Der für den Gutenbergschen Druckvorgang wesentliche Arbeitsprozess des Pressens kommt also beim koreanischen Typendruck nicht vor; stattdessen gab es dort den "Handdruck durch Abreiben".27Bösch schreibt: "Die bronzenen Stempel wurden dabei in mit Wachs beschichtete Metallrahmen gesetzt und dann, ohne Druchpresse, abgerieben."2829

2.2.2 Hangul: Die Alphabetisierung der Schrift und ihre Auswirkungen

Im Jahre 1443 wurde das (seinerzeit) aus 28 Buchstaben bestehende Hangul-Schriftsystem von König Sejong eingeführt.30 Sejong äußerte sich zu den Gründen für die Schaffung dieser phonetischen Schrift wie folgt: "The sounds of our country's language are different from those of the Middle Kingdom (China) [...] Therefore, among the ignorant people, there have been many who, having something to put into words, have in the end been unable to express their feelings. I have been distressed about this, and have newly designed twenty-eight letters, which I wish to have everyone practice [....].31

Die hier auftauchende Frage, ob König Sejong Kenntnis von phonetischen Schriftsystemen in Europa hatte und dies evtl. in irgendeiner Form verwertete, soll hier zumindest erwähnt werden.32 Im Zusammenhang mit dem Buchdruck ist von Interesse, dass man sich von der neuen phonetischen Schrift nicht nur Vorteile in Bezug auf die Alphabetisierung der Bevölkerung versprach. Vielmehr erhoffte man sich auch "Erleichterungen [...] bei dem Druck von Texten mit dem von diesem König und seinem Vorgä nger Taejong bevorzugten Letternsatzverfahren. Sofort begann man, wichtige Texte [...] zu drucken."33 Eine Auswirkung des koreanischen Typendrucks war also, dass er dazu beitrug, zu einer revolutionären Vereinfachung der Schrift anzuregen.

Die Eigenschaften des neuen Schriftsystems wurden im HUNMINJÔNGÛM wie folgt beschrieben "Die Variationsmoeglichkeiten der 28 Buchstaben sind unendlich. Sie sind einfach, aber nuetzlich. Sie sind verfeinert, aber ueberall verstaendlich. Deshalb versteht sie ein kluger Mensch, bevor ein Morgen zu Ende ist. Ein dummer Mensch kann sie in zehn Tagen lernen. [...] Die Laute koennen nach Klarheit und Dumpfheit unterschieden werden. [...] Sogar das Wehen des Windes, Kranichgeschrei, Kraehen des Hahnes und Hundegebell koennen in schriftlicher Form wiedergegeben werden."34

Im Jahre 1447 wurden die "Lieder über die Spiegelung des Mondes auf Tausend Flüssen" als erstes in Hangul geschriebenes Buch mit Metalllettern gedruckt.35 Korea war nun das erste Land in Ostasien, in dem die Entwicklung einer phonetischen Schrift mit dem beweglichen Typendruck zusammentraf. Die Bedeutung dieser Tatsache wird auch dadurch besonders klar, dass es im ostasiatischen Kulturkreis durchaus Sprachen mit phonetischer Schrift gegeben hat (z.B. Mongolisch). Man kannte in diesen Gebieten zwar den chinesischen Holzdruck, jedoch wurde der Druck mit beweglichen Lettern dort erst lange Zeit nach Gutenberg angewandt.36

Bei einem gelungenen Zusammenspiel zwischen Buchdruck und Alphabetisierung der Schrift wären auch entsprechende positive Auswirkungen auf die Alphabetisierung des Volkes zu erwarten gewesen. Dies war aber nur begrenzt der Fall: "Die religiöse Elite verachtete die neue Schrift [...] als Vulgär- oder Frauenschrift. [...] Die Hangulschrift hat das umstä ndlichere alte Kodesystem [...] nicht verdrängen können. Über Jahrhunderte hinweg konkurrierten beide Systeme miteinander, mal dominierte das eine, mal das andere."37 Letztlich hatten die Reformversuche des Königs Sejong in Bezug auf die Alphabetisierung des Volkes somit keine durchgreifende Wirkung.

2.2.3 Nichtdurchsetzbarkeit des beweglichen Typendrucks in Korea

Der koreanische Gelehrte Pyeon Keryang kommentierte um 1420 die Möglichkeiten der neuen Erfindung wie folgt:"Die Herstellung beweglicher Typen wird die Folge haben, dass viele Bücher gedruckt und allen kommenden Geschlechtern überliefert werden können. [...] Literarische Kenntnisse werden von jetzt an Verbreitung finden wie nie zuvor, und die Wissenschaft wird zu immer größerer Klarheit aufsteigen."38

Warum aber wurde das Potential des koreanischen Metalltypendrucks nur in begrenztem Maße genutzt? Weshalb konnte die Einführung des Hangul-Schriftsystems nicht die von König Sejong erhoffte postitive Wirkung auf den koreanischen Metalltypendruck entfalten?

Zunächst ist ein auf die Schrift bezogenes Hindernis zu erwähnen. Die Tatsache, dass das neu eingeführte Hangul-Schriftsystem sich nicht auf breiter Basis durchsetzen konnte, wirkte sich hemmend auf eine Verbreitung des Typendrucks aus. Publikationen erfolgten jedenfalls weiterhin vorwiegend in chinesischer Schrift, für die der Blockdruck geeigneter erschien.39

Weit mehr noch als solche technischen Probleme kam hier aber die gesellschaftliche Funkton des Drucks zum Tragen. Der Druckerei des Königs kam eine Monopolfunkton zu. Sie bestimmte nicht nur die Höhe der Auflage eines Buches, sondern auch darüber, wer bzw. welche Institutionen Expemplare der gedruckten Bücher erhielten. Mit dieser Politik der Informationszentralisierung steht in Einklang, dass nicht nur die private Herstellung, sondern auch der freie Handel mit Büchern nicht gestattet war.40

[...]


[1] Hierauf weist zu Recht Schweitzer (2001) hin (wenn auch in Zusammenhang mit einem völlig anderen Themenbereich).

[2] Insbes. soll auf einige der systemtheoretischen Analysen zu den umwälzenden Auswirkungen des Buchdrucks auf die Neuzeit von Giesecke eingegangen werden.

[3] Daland (1931), S. 219; vgl. auch Appoldt (1988), S. 121ff.

[4] Stübe (1918), S. 88.

[5] Renker (1936). S. 20.

[6] Bhattacharjee (2001), S. 38.; vgl. auch Yui (1952), S. 34ff.; Rao (2000), S. 46ff.

[7] Twitchett (1994), S. 70.

[8] Twitchett (1994), S. 74ff.

[9] Vgl. i.e. Ting (1929), S. 16 zum Umfang eines Setzkastens beim Typendruck.

[10] Twitchett (1994), S. 58ff. (S. 72).

[11] Agfa-Gevaert (1973), S. 20.

[12] Vgl. i.e. zu den Vorteilen des Holzdruckes Twitchett (1994), S. 70ff.; s. auch Appoldt (1988), S. 122.

[13] Ze (1995), S. 3.

[14] Vgl. i.e. Gough (1986, S. 128ff.) zu möglichen Gründen für die nicht erfolgte Einführung einer phonetischen Schrift in China.

[15] Vgl. i.e. Derra (2006), S. 11ff.

[16] Deutsche UNESCO-Kommission e.V. (o.J.), 42-zeilige Gutenberg-Bibel.

[17] Vgl. Mühlmann, Sophie (2010), Buchdruck – 80 Jahre vor Gutenberg; vgl. auch McGovern (1966), S. 11ff.; Hyun (2001), S. 77ff.

[18] Korean Spirit & Culture Promotion Project (2007), S. 10ff.

[19] Park (2014), S. 13f.

[20] Sohn (1959), S. 99.

[21] Vgl. Gerhardt (1983), S. 110 (unter Bezugnahme auf Sohn, 1972, S. 223ff).

[22] Gerhardt (1983), a.a.O.

[23] Thimm (21.10.2005), 08:36:05-08:36:45. (Manuskript S. 5).

[24] Gerhardt (1983), a.a.O.

[25] Gerhardt (1983), a.a.O.

[26] Fuchs (2005), S. 55; vgl. auch o.V. (2005), Bienenwachs, Messing und das Gelb der Gardenie - Schriftguss und Bücherdruck Koreas im 14. Jahrhundert, S. 56.

[27] Gerhardt (1983), a.a.O.; vgl. auch Schmidt-Künsemüller (1951), S. 41ff.

[28] Bösch (2011), S. 29.

[29] Vgl. auch Brekles Darstellung der koreanischen Typendrucktechnik (2011, S. 18ff.).

[30] Vgl. Cho (2006), S. 12ff.

[31] Zit. in Ramsey (2006), S. 26.

[32] Thimm (21.10.2005), 08:41:50 -08:41:55. (Manuskript S. 7).

[33] Giesecke (1991), S. 131.

[34] Yoo (2003), S. 53f.

[35] Thimm (21.10.2005), 08:42:30 -08:42:40. (Manuskript S. 8).

[36] Vgl. Kollmar-Paulenz (2005), S. 195ff.

[37] Giesecke (1991), S. 127ff. (m.w.N.).

[38] Zit. in Gerhardt (1983), S. 111.

[39] Vgl. hierzu die obigen Ausführungen in Kap. 2.1.2. (S. 3f.).

[40] Giesecke (1991), S. 127ff. (m.w.N.).

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Der Buchdruck in Europa und Ostasien und seine Auswirkungen auf die Schrift und die Schriftsysteme
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Modul L2: Kultur, Literatur und Medien
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
30
Katalognummer
V335325
ISBN (eBook)
9783668254947
ISBN (Buch)
9783668254954
Dateigröße
747 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
buchdruck, europa, ostasien, schrift, schriftsysteme, Gutenberg, Koreanischer Buchdruck, ostasiatischer Buchdruck, Chinesischer Buchdruck, Buchdruck in Ostasien, Buchdruck in Korea
Arbeit zitieren
Iwan Müller-Schmidt (Autor), 2015, Der Buchdruck in Europa und Ostasien und seine Auswirkungen auf die Schrift und die Schriftsysteme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335325

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