Die Korruption im Ausbildungssektor. Der Fall Ukraine


Seminararbeit, 2016
36 Seiten, Note: 5,5

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffsklärungen

3. Typologien der Korruption in der Ausbildung

4. Forschungsüberblick zur Untersuchung der Korruption in Ausbildungsinstitutionen

5. Online-Umfrage „Hochschulbildung in Cherson“

6. Fazit

Literatur

Anhang

1. Einleitung

Laut dem Bericht von Transparency International vom Jahr 2015, im Rating der Korruptionswahrnehmung, besitzt die Ukraine den 130. Platz unter 168 Ländern bzw. Territorien der Welt. Mit dem 130. Platz in diesem Rating hat die Ukraine den 12. Platz unter 15 postsowjetischen Ländern. Die Staaten, deren Situation noch schlechter ist, sind Turkmenistan (154), Uzbekistan (153) und Tadjikistan (136). Als wenigstes korruptes Land, das den Transformationen nach dem Zerfall der Sowjetunion ausgesetzt ist, wird Estland mit dem 23. Platz im Rating eingestuft (vgl. Beddow 2016: 6-7).

Die Tatsache, dass eine hohe Wahrnehmung der Korruption in der Ukraine, sowohl weltweit, als auch innerhalb des postsowjetischen Raums zu beobachten ist, deutet darauf hin, dass die Korruption als ein aktuelles und ausschlaggebendes Problem in der Ukraine betrachtet werden sollte. Die Korruption ist ein Phänomen, das nicht nur in der Politik oder in der Wirtschaft vorkommt. Sie umfasst alle gesellschaftlichen Bereiche, sowohl den Alltag des „einfachen Volkes“, als auch die Politik von denen, „die da oben“ sitzen (vgl. Transparency International Deutschland, www.transparency.de/was-ist-korruption.2176.0.html).

In dieser Arbeit wird aber der primäre Fokus auf die Korruption in der Ausbildungsbranche in der Ukraine gelegt. Mit dem Ziel, sich näher mit der Problematik der Korruption auseinanderzusetzen, wird ein Forschungsüberblick über die vorher durchgeführten Studien gegeben, die das Thema beleuchten. Als erstes werden die Begriffe erklärt: Verschiedene Ansätze zur Definition der korrupten Praktiken bzw. des korrupten Verhaltens werden gegeben. Danach wird beschrieben, welche namhaften ukrainischen und ausländischen AutorInnen sich mit der Korruption in postsowjetischen Ausbildungsinstitutionen, vor allem in der Ukraine, beschäftigt haben und zu welchen Ergebnissen sie gelangt sind.

Als nächstes wird zum praktischen Teil der Arbeit übergegangen. Mit dem Rückblick auf die theoretischen Grundlagen und Befunde von anderen WissenschaftlerInnen möchte ich in diesem Teil, anhand einer kurzen Online-Umfrage, die Wahrnehmung der Korruption von ukrainischen StudentInnen in der ukrainischen Stadt Cherson zu überprüfen. Die Online-Umfrage wird im Internet auf der Webseite www.umfrageonline.ch erstellt und durch soziale Medien (facebook.com und vkontakte.ru) verbreitet. Das Ziel der Umfrage ist dabei nicht repräsentative Daten zu erzielen, sondern eine Pilotstudie durchzuführen, und dadurch die schon vorhandenen Befunde aus vorherigen Studien durch einen kleinen Kreis der ukrainischen Studierenden zu überprüfen.

Die Befragung wird sich auf die zentralen Fragestellungen der Arbeit stützen. Sie sind folgendermassen formuliert:

1. Was verstehen Studierende der ukrainischen Ausbildungsinstitutionen unter der Korruption ?
2. Wie schätzen Studierende das Niveau der Korruption in ihrer Ausbildungsinstitution ein?
3. Welche Einstellung haben Studierende zur Korruption?

Es werden folgende Hypothesen zu der jeweiligen Fragestellung erstellt:

H1. Die Befragten haben keine deutliche Vorstellung über die Korruption.

H2. Von mehr als der Hälfte der Befragten wird die Korruption in den Ausbildungsinstitutionen als hoch bis sehr hoch eingeschätzt.

H3. Obwohl die Korruption im Allgemeinen als eine negative Praxis empfunden wird, bevorzugen sie Studierende selbst.

2. Begriffsklärungen

Ursprünglich stammt der Begriff aus dem lateinischen Verb corrumpere „verderben, vernichten“. Daraus folgend, bedeutete die Korruption im 17. Jahrhundert „Bestechung, Käuflichkeit, moralischer Verfall“, zuvor im 16. Jahrhundert „Zerrüttung, Zerstörung“ (DWDS, www.dwds.de/?qu=Korruption).

Heute herrscht kein klarer Konsens darüber, was unter Korruption zu verstehen ist. Transparency International benutzt beispielsweise die Korruption in der Bedeutung eines „Missbrauchs anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil“. Dabei geht es um ein „unsichtbares Phänomen“, da es in der Regel um einen/mehrere Bestecher und einen/mehrere Bestochene/n geht, die in der Aufdeckung ihres gemeinsamen „Geschäfts“ keine Interesse haben, und versuchen durch alle Mittel ihre Bündelei diskret zu halten (vgl. www.transparency.de/was-ist- korruption.2176.0.html).

Heidenheimer und Johnston (2002: 24) haben verschiedene Definitionsmöglichkeiten aus der Sicht der Sozialwissenschaft zusammengefasst. Nach ihrer Klassifizierung von verschiedenen Definitionsansätzen wurde die Korruption aus drei verschiedenen Grundmodellen - oder Konzepten - definiert, wo jeweils folgende Zentren unterschieden wurden: öffentliches Amt, Markt und öffentliche Interessen.

Eine der Definitionen der Korruption, die das Konzept des öffentlichen Amts miteinbezieht und deswegen als politische Korruption bezeichnet werden kann, haben Bayley (1989), Myrdal (1989) und Nye (1989) herausgearbeitet. In ihrer Vorstellung der Korruption ist grundsätzlich der Missbrauch der anvertrauten Macht für den privaten Vorteil, der nicht unbedingt monetär ist, der Kern des Begriffs. Dazu soll die Person (Bestecher und/oder Bestochene), welche die korrupten Praktiken ausübt, dem öffentlichen Amt angehören. Sie missbraucht die ihr zugeschriebenen Befugnisse:

Corruption, while being tied particularly to the act of bribery, is a general term covering misuse of authority as a result of considerations of personal gain, which need not to be monetary (Heidenheimer, Johnston 2002: 24).

Eine weitere, ausführlichere Definition des Begriffs bietet Nye (1967) an. In seiner Definition wird im Grunde genommen auch der Missbrauch der öffentlich anvertrauten Macht beschrieben, aber im Vergleich zur der vorherigen Definition wird der „private Vorteil“ präziser definiert. Und zwar gilt als „privat“ nicht nur der Bestecher selbst, sondern auch seine nahen Kreise, seine Verwandten usw. Als „private Vorteil“ werden finanzielle oder Statusgewinne, die sich durch folgende Formen wie Bestechung, Nepotismus oder widerrechtliche Aneignung von öffentlichen Ressourcen ausdrücken lassen:

...behavior which deviates from the normal duties of a public role because of privateregarding (family, close private clique), pecuniary or status gains; or violates rules against the exercise of certain types of private-regarding influence. This includes such behavior as bribery (use of reward to pervert the judgment of a person in a position of trust); nepotism (bestowal of patronage by reason of ascriptive relationship rather than merit); and misappropriation (illegal appropriation of public resources for privateregarding use) (zitiert nach Heidenheimer, Johnston 2002: 24).

Die nächste Kategorie, welche die Korruption aus der ökonomischen Perspektive betrachtet, besteht aus marktzentrierten Definitionsversuchen. Vor allem nennen Heidenheimer, Johnston (2002: 25) die Definitionen von Van Klaveren (1989) und Leff (1989) als Orientiere:

A corrupt civil servant regards his public office as a business, the income of which he will... seek to maximize. The office then becomes a maximizing unit. The size of his income depends... upon the market situation and his talents for finding the point of maximal gain on the publics demand curve (zitiert nach Heidenheimer, Johnston 2002: 24).

Diese Ansicht suggeriert, dass die Korruption als primärer Zweck und die öffentliche Stelle als Mittel zu diesem Zweck benutzt wird. Das heisst also, dass die öffentliche Stelle primär als eine Möglichkeit angesehen wird, durch welche man sich bereichern kann, je nachdem, welche korrupten Wege man dafür findet.

Dieselbe These bestätigt auch die Definition von Leff (1989):

Corruption is an extra-legal institution used by individuals or groups to gain influence over the actions of the bureaucracy. As such the existence of corruption per se indicates only that these groups participate in the decision-making process to a greater extent that would otherwise be the case (zitiert nach Heidenheimer, Johnston 2002: 24).

Aus dieser Annahme folgt, dass die ganzen komplizierten bürokratischen Prozeduren, die in manchen öffentlichen Strukturen praktiziert werden, eine solide Basis für die Korruption bilden. Es wird also künstlich „von oben“ ein komplexes bürokratisches System geschaffen, welches das Volk, das in diesem System verhandeln muss, dazu zwingt, leichtere Wege auszusuchen. Und dies kann man ausschliesslich durch korrupte Praktiken machen, in dem man eine öffentliche Person besticht, seine informellen Netzwerke ausnutzt usw.

Es ist aber umstritten, ob alleine die “decision-makers”, die über diesen Strukturen stehen, davon profitieren oder auch die eingestellten MitarbeiterInnen, die auch zu diesem System zugehören. Meiner Meinung nach kann es beides einbeziehen. Wenn wir das Beispiel mit der Universität anschauen, dann kann man sagen, dass der Rektor seine Stelle besitzt, um sich persönlich zu bereichern. Er wird also oft bestochen. Dies schliesst aber nicht ein, dass sich seine Abgeordneten nicht bestechen lassen oder hingegen korrupt sind. Das System, eine öffentliche institutionelle Einheit, kann deswegen auf allen Ebenen korrupt sein, in denen sich die Individuen für ihre persönlichen Gewinne, grosse oder kleine, interessieren; oder nur „die Spitze“ kann korrupt sein. Beides würde dem marktzentrierten Ansatz zur Definition der Korruption entsprechen.

Die dritte Kategorie, welche die Korruption aus der Sicht der öffentlichen Interesse zu definieren versucht, basiert vor allem auf der Definition von Friedrich (1989), der die Illegalität des korrupten Verhältnisses der zuständigen öffentlichen Personen unterstreicht:

The pattern of corruption can be said to exist whenever a powerholder who is charged with doing certain things, i.e., who is a responsible functionary or officeholder, is by monetary or other rewards not legally provided for, induced to take actions which favor whoever provides the rewards and thereby does damage to the public and its interests (zitiert nach Heidenheimer, Johnston 2002: 24).

Vor allem aus dieser Definition ist ersichtlich, dass die Korruption eine Frage an die Normativität stellt. Was ist legal oder illegal? Dies wird in verschiedenen Ländern bzw. Territorien sowie von BürgerInnen verschiedener Länder unterschiedlich beantwortet. Das heisst also, dass die Klassifikationsversuche, die von Heidenheimer, Johnston (2002: 25) unternommen wurden, in einen legalen Rahmen gesetzt werden sollten, um feststellen zu können, welcher jeweiliger Fall als korrupt oder nicht korrupt gilt (vgl. Gonzales 2007: 31).

Aus den Definitionsversuchen von Heidenheimer und Johnston (2002) ist also ersichtlich, dass sich die korrupten Praktiken oft durch den Missbrauch der öffentlich anvertrauten Macht für den privaten Nutzen charakterisiert. Dies ist aber nicht immer der Fall, weil sich die korrupten Praktiken auch im privaten Sektor ausüben lassen; zum Beispiel in Unternehmen, die in der Marktwirtschaft operieren (vgl. Giordano 2013: 37).

Aus dieser Hinsicht ist gerechtfertigt, die folgende Definition der Korruption von Giordano (2013: 37) aus der soziologischen und anthropologischen Perspektive zu betrachten, welche die Fragen der Öffentlichkeit vs. Privatheit und Legalität vs. Illegalität miteinbezieht:

Corruption is a reciprocal exchange of favors in which two or more persons linked in an informal and temporary net-like coalition obtain illicit benefits at the expense of other individuals, private groups, public collectives and community of states that openly declare is illegality (Giordano 2013: 37).

3. Typologien der Korruption in der Ausbildung

Es gibt eine Reihe verschiedener Formen der Korruption in der Ausbildung. Osipian (2013: 23) behauptet, die Korruption bedeute hier nicht einfach eine Bestechung, obwohl dies eine von ihren verbreitetsten Formen ist. Die Korruption existiert auch in anderen Formen:

Other forms of corruption include extortion, embezzlement, fraud, nepotism, cronyism, favoritism, kickbacks, cheating, and research misconduct (Osipian 2013: 23).

Dabei bemerkt Osipian (2013), dass diese verschiedenen Formen nicht alleine, sondern verbunden mit anderen Formen, zum Ausdruck kommen. Beispielsweise impliziert das Zuschreiben einer guten Note einer Studentin gegen eine Bestechung einen Betrug (fraud).

Daraus folgt, dass eine präzise umfassende Definition der Korruption in der Ausbildung problematisch ist, weil sie entweder ein zu breites oder ein zu enges Spektrum der Fälle behandelt. Osipian (2013: 23) schlägt vor, die Korruption in der Ausbildung ausgehend von Historizismus und Rationalität und anhand von sieben Kriterien zu bestimmen:

Corruption is a net or a system of relations that 1) includes property relations, 2) exists between individuals and institutions that enter and maintain these relations on the basis of both voluntary and involuntary participation, 3) is based upon fundamental socioeconomic conditions within specific institutional and time frames, 4) serves as a mechanism for distributing and redistributing wealth and power, 5) functions in the regimes of decreased, constant, and increased scale, 6) violates current laws, norms, and formal procedures existing within a society, and 7) is either recognized or not recognized as corruption by different groups of people (Osipian 2013: 23).

Nach meiner Meinung sollte das erste Kriterium „includes property relations“ für die Bezeichnung der Korruption im Ausbildungssektor besser ausgearbeitet werden. Es sollte eine Differenzierung zwischen den Arten des Eigentums gemacht werden, in der man ein materielles oder nicht materielles Eigentum unterscheidet. Wenn zum Beispiel eine zuständige Person gegen Bestechung einen Platz an der Universität besorgt, geht es um ungreifbare informelle Netzwerke, die zwar einer Person zugehören, aber nicht materiell sind. Der Bestecher kann seinerseits auch entweder gegen Geld oder andere materiellen Gütern seine Dienstleistung zurückzahlen, oder auch einen immateriellen Dienst leisten.

In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, die Typologie von Leontyeva (2013: 360) in Betracht zu ziehen. Sie hat eine Typologie der Korruption herausgearbeitet, die im Vergleich zu anderen Typologien (vgl. Hallak und Poison 2007: 59), die Korruption in den informellen Raum einbettet. Nach ihrer Meinung hilft ein solcher Einsatz, das eigentliche Wesen der Korruption zu verstehen. Ihre Typologie besteht aus vier verschiedenen Kriterien, die den informellen Raum strukturieren. So schlägt sie vor, den informellen Praktiken nach den Kategorien einerseits „monetär“ und „nicht-monetär“ und andererseits „Korruption“ und „Nicht-Korruption“ zu unterscheiden. Monetäre Praktiken beinhalten den Austausch, in dem eine Dienstleistung für Geld gekauft wird, wobei unter nicht-monet ä ren Praktiken ein geldloser Tausch gemeint ist (vgl. ebd. 360).

In der Tabelle 1 kann man sehen, wie, rein formell, die Grenzen zwischen den korrupten und nicht-korrupten Praktiken gezogen werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Informelle Praktiken an russischen Universitäten: Typologie

Da es tatsächlich in vielen Fällen nicht möglich ist, festzustellen, ob eine Praktik als korrupt oder nicht korrupt gilt, wird sie in der Tabelle kursiv dargestellt. So sagt Leontyeva (2013), dass viele nicht-korrupte Praktiken als eine Fassade für die Korruption ausgenutzt werden. Und um herauszufinden, was wirklich „korrupt“ ist, muss man sich den Fall aus verschiedenen Perspektiven anschauen und weitere zusätzliche Kriterien betrachten wie zum Beispiel Ort, Zeit, Kontext und Bedeutung des Geschenks (vgl. ebd. 361).

Ein weiterer wichtiger Punkt beim Definieren der Korruption im Ausbildungssektor ist, welche Akteure verschiedene Korruptionsfälle ins Leben rufen und dies auf welche Weise. Heyneman, Anderson und Nuraliyeva (2008) nennen acht verschiedene Wege, wie man eine Bestechung bekommt (Tabelle 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Typen der Korruption in der Ausbildung nach Käufer und Verkäufer

Zusammengefasst können die Akteure als LehrerInnen, RektorInnen und andere administrative Kräfte sowie als Ausbildungsministerium klassifiziert werden. Im Fall der Beschaffung oder Akkreditierung dient eine Ausbildungsinstitution als Käufer und die Regierung, beispielsweise das Ausbildungsministerium, als Verkäufer. Wenn man sich einen illegalen Zugang zu bestimmten Studienprogrammen ermöglichen möchte und dafür seine Noten gegen eine illegale Bezahlung erhöhen lässt, oder in allgemeinen Fällen, wo man für die Ausbildung illegal bezahlt (Unterkunft, Benutzung der Bibliothek usw.), wird ein Student oder eine Studentin als Käufer bezeichnet. Der Verkäufer ist in diesem Fall entweder ein Mitglied der Fakultät oder der Administration der Universität (vgl. Heyneman, Anderson und Nuraliyeva 2008: 2).

4. Forschungsüberblick zur Untersuchung der Korruption in Ausbildungsinstitutionen

Gleich wie alle sozialen Institutionen im post-sowjetischen Raum wurde auch die Ausbildungssphäre der Transformation ausgesetzt. Der Übergang von dem staatlich finanzierten Ausbildungssektor zur selbstständigen Verwaltung und Finanzierung der Universitäten stellte die Ausbildung den Gesetzen der Marktwirtschaft unter. Dies verursachte eine erhöhte Nachfrage an die Ausbildung und hat zur Entstehung von neuen Realien in den postsowjetischen Ländern, unter anderem auch in der Ukraine, beigetragen (vgl. Leontyeva 2013).

Korruption in Ausbildungsinstitutionen ist ein weit verbreitetes Phänomen; nicht nur in vielen post-sowjetischen Ländern, sondern auch in entwickelten Ländern. Sowohl aus formellen als auch informellen Berichten wird bekannt gegeben, Bestechungen seien entscheidend, um Zulassungen für das Studium an Universitäten zu bekommen, hohe Noten für akademische Leistungen zu erlangen sowie andere Vorteile zu erzielen. Diplome und Dissertationen sind für die Erschaffung vorhanden. Akademische Fachkräfte beraten ihre Studierenden gegen illegal erhobene Gebühren. Das Aufblühen der Korruption im Ausbildungsbereich hat nach der Meinung von Rumyantseva (2005: 82) negative Auswirkungen auf die Gesellschaft. Unter anderem verringert die Korruption das Vertrauen an Ausbildungsinstitutionen, verursacht schlechtere Qualität der Ausbildung und führt dazu, dass der Nachwuchs falsche Werte beigebracht bekommt.

Die Tatsache, dass es an Vertrauen zu Ausbildungsinstitutionen wegen ihren korrupten Praktiken fehlt, wird unter anderem dadurch bewiesen, dass manche ArbeitsgeberInnen in ihren Stellenausschreibungen genau angeben, aus welchen Universitäten sie gerne die künftigen MitarbeiterInnen annehmen möchten (vgl. Rumyantseva 2005: 83). Dies zeigt also, dass gewisse Ausbildungsinstitutionen einen „schlechten Ruf“ haben und ihre Graduierten früher oder später dieser Tatsache Rechnung tragen müssen. Ein anderes Problem, das die Korruption in der Ausbildung verursacht, ist die Verteilung von professionellen Zertifikaten für VertreterInnen solcher Berufe wie Ärzte, Lehrer, Staatsanwälte usw.. In Fällen, in denen schlecht ausgebildete Fachkräfte den Zugang zur öffentlichen Gesundheit und Sicherheit bekommen, können die Verluste hoch liegen (vgl. Rumyantseva 2005: 84).

In der Ukraine ist die Korruption im Bereich der Ausbildung eine besonders weit verbreitete Praxis. Osipian (2009: 104) behauptet, dass circa 30% der UkrainerInnen den Zugang zur universitären Ausbildung durch Bestechung oder ihre informelle Netzwerke in Fakultäten oder Administration bekommen.

Im Folgenden wird ein Überblick über die bis jetzt durchgeführten Untersuchungen der Korruption in post-sowjetischen Ländern, insbesondere in der Ukraine, gegeben.

Shaw (2005) hat die Determinanten der Korruption in den Ausbildungsinstitutionen am Beispiel der Ukraine untersucht. Verschiedene Kategorien der Korruption in der Ausbildung, solche wie Bestechung bei Prüfungen und schriftlichen Arbeiten, Erlangen von ECTS sowie Bestechungen für die Zulassung für das Studium an Universitäten wurden geprüft. In der Befragung, die von Partnership for a Transparent Society im Jahr 2003 durchgeführt wurde, haben 1588 junge Menschen aus 12 Städten in der Ukraine teilgenommen. Die Befragung zielte darauf ab, die Wahrnehmung der Korruption sowie die Grösse der Bestechungen im Ausbildungsbereich herauszufinden. Im Laufe der Untersuchung ist Shaw zu folgenden Ergebnissen gekommen: Die Meinung von Studierenden über die Korruption ist ausschlaggebend bei drei aus vier Kategorien der Bestechung; Frauen haben eine höhere Neigung während Prüfungen zu bestechen oder wenn es um die Zulassung für das Studium geht. Dazu hat Shaw solche Determinanten wie „Beruf des Vaters“ oder „vergangenes Verhalten“ als relevant für das Greifen zu korrupten Praktiken genannt (vgl. Shaw 2005: 1, 14).

Die Untersuchung der Korruption bzw. der informellen Netzwerke hat auch Leontyeva (2013) an einer russischen Universität in Khabarowsk durchgeführt. Im Jahr 2009 wurden im Rahmen einer Fallstudie 63 LehrerInnen befragt. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die LehrerInnen, die auf die Anfrage von ihren Kollegen gute Noten für einige Studierenden verteilt haben, ihr Verhalten als legal sahen. Für sie waren die nicht-monetäre Formen der Korruption selbstverständlich akzeptabel und wurden als keine illegale Praxis empfunden. Wenn sie hingegen den Regeln ihrer Netzwerke nicht gefolgt hätten, hätten sie ihr Prestige verloren.

[...]

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Die Korruption im Ausbildungssektor. Der Fall Ukraine
Hochschule
Universität Bern
Veranstaltung
Korruption, Vertrauen, Demokratie: Multidisziplinäre Perspektiven aus historischer und anthropologischer Sicht
Note
5,5
Autor
Jahr
2016
Seiten
36
Katalognummer
V335640
ISBN (eBook)
9783668257245
ISBN (Buch)
9783668257252
Dateigröße
671 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Korruption, Ukraine, Ausbildung
Arbeit zitieren
Natalia Volvach (Autor), 2016, Die Korruption im Ausbildungssektor. Der Fall Ukraine, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335640

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