Euthanasie. Eine theologische Betrachtung


Diskussionsbeitrag / Streitschrift, 2005

16 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Thematische Auseinandersetzung
2.1 Biblischer Befund
2.3 Theologiegeschichtlicher Befund
2.4 Grundsätzliche Positionen
2.5 Sekundärwissenschaften
2.6 Ergebnissicherung und eigener Entwurf

3 Abkürzungsverzeichnis

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Arbeit beschäftigt sich der Tötung auf Verlangen (TaV), auch mercy killing oder „freiwillige Sterbehilfe“1 genannt. Sie gehört mit Beihilfe zur Selbsttötung in den Bereich der aktiven Sterbehilfe, bzw. Euthanasie.2 Es geht um „den Wunsch eines Schwerleidenden, eines Sterbenden um absichtliche Tötung ... wenn … eine große Todesnähe besteht, eine unheilbare Krankheit vorliegt oder ein schweres, schmerzhaftes Leiden gegeben ist“3.4 Die Frage nach der TaV ist bis heute umstritten. In den Niederlanden und Belgien ist aktive Sterbehilfe unter bestimmten Bedingungen erlaubt.5 Gerade Medienberichte wie im Fall T. Shiavo heizen die Diskussion auch um die Legalisierung der TaV an.6 Grundsätzlich scheint sich bei immer mehr Menschen das Streben nach einem leidfreien Leben durchzusetzen.7 Deswegen kämpfen sie dagegen und wollen „dem passiven Überwältigtwerden durch die Krankheit durch eine aktive Tat zuvorkommen“8. Für Theologen, die sich mit TaV beschäftigen, stellen sich folgende Fragen: Hat der Mensch die Verfügungsgewalt über seinen Tod? Wie ist der Wert v. Leben zu bestimmen? Ist TaV Mord und damit Sünde? Ist es v. der Bibel her vertretbar, TaV zuzulassen? Lässt sich ein klares Gebot ableiten? Gibt es Grenzfälle bzw. Ausnahmen? Was macht Leid mit Menschen und entwertet es Leben? Wie lassen sich die theol. Einsichten säkularen Menschen vermitteln? Inwieweit hängen andere ethische Fragen mit dieser zusammen (z.B. Abtreibung)? Hier soll folgende Frage erarbeitet werden: Ist die Befürwortung v. TaV christlich ethisch tragbar? Die Arbeit soll eine begr. Antwort finden. Eng damit hängen die Fragen nach der Beihilfe zum Selbstmord , der Nichtvornahme lebensverlängernder Maßnahmen, der Sterbebegleitung, der Palliativmedizin und der Hospizarbeit zusammen. Weiterhin die Frage nach der Vernichtung unwerten Lebens10, Abtreibung und den Patientenverfügungen. Zur Beantwortung wird ausgehend v. einem bibl. Befund, der klären soll, welche bibl. Maßstäbe anzulegen sind, der theologiegeschichtliche Hergang der Diskussion kurz nachvollzogen, um die bisherigen Argumentationen und Entscheidungen mit einbeziehen zu können. Darauf aufbauend sollen zwei gegensätzliche Positionen darg. werden, um Argumente für und gegen TaV nachvollziehen zu können. Nach einem Blick auf relevante Sekundärwiss., soll aufgrund des bisher Dargelegten und in der Auseinandersetzung damit eine eigene, begr. Antwort gegeben werden. Die Arbeit beruht zum Großteil auf zwei Quellen. A. Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben11 (EL) und P. Singers freiwillige Euthanasie12. Diese Texte eignen sich gut, da sie gegensätzlich an das Thema heran gehen. Trotzdem haben beide einen universalistischen Anspruch, der sich z.B. auch auf die Tierwelt ausdehnt.13 Davon abgesehen scheint Singer eine der dezidiertesten positiven Positionen zu haben, die deshalb in der Diskussion zu berücksichtigen ist.

2 Thematische Auseinandersetzung

2.1 Biblischer Befund

Da sich keine Gebote direkt auf TaV beziehen, soll die bibl. Sicht hergeleitet werden. Grundsätzlich ist die menschl. Bestimmung das Leben (Gen 1, 28; 2, 714 ). Der Mensch wird nach Gottes Ebenbild geschaffen (Gen 1, 26f.; 9, 6), der ein Liebhaber des Lebens ist (Gen 4, 1515 ). Er hat das Leben damit geschenkt bekommen - unverdient, unwiederholbar und unersetzlich (Hi 10, 9/ Ps 104, 29). Das menschl. Leben ist somit wertvoll durch Gott. Durch den Sündenfall kommen Tod, Krankheit und Leid in das Leben (Gen 2, 1716 ), zu dessen Bestandteil sie werden (Gen 3, 19.2217 ). Beispiele für Todessehnsucht finden sich kaum. Saul bittet um Sterbehilfe (I Sam 31, 4)18. Paulus berichtet v. Todessehnsucht (Phil 1, 21). Trotz seinem Leid (II Kor 12, 7) optiert er für das Leben (Phil 1, 22-26). Hiob wünscht sich den Tod, weiß sein Leben aber in Gottes Hand (Hi 6, 8-10). Ein früher Tod wird als schlimm erachtet (Jes 38, 10.12f.). Die Hoffnung auf Überwindung v. Krankheit und Leid ist lebendig (Ps 2219 ). Gott ist der Herr der Krankheit; er kann sie geben und nehmen (Dtn 7, 1520 ). Die Bibel zweifelt nicht, dass Gott allein über das Leben verfügt (Dtn 32, 3921 ), weswegen er verbietet einen Menschen zu töten (Ex 20, 1322 ). Zuwiderhandlung wird mit Strafe belegt (Gen 9, 623 ). Ein Mörder ist nach Dtn 19, 10f. jemand, der unschuldiges Blut vergießt. Mord schließt vom Reich Gottes aus (I Joh 3, 15). Der Schutz menschl. Lebens wird zur Pflicht. Die Ausnahmen legt Gott fest - u.a. für staatliche Todesstrafe (Gen 9,5f./ Rm 13, 3f.), Selbst- (Ex 22, 1f.) und Landesverteidigung (Neh 4, 8/ Rm 13, 4). TaV gehört nicht dazu (II Sam 1, 14-16). Eher im Gegenteil entdecken Sterbende, z.B. Mose, gerade durch das Erleben ihrer Grenzen im Sterben die Kraft v. Gottes Verheißungen und wissen sich ganz auf ihn geworfen (Dtn 31, 1-6; 33). Ebenso David (I Reg 2, 1ff.), und Jakob, bei dem ausdrücklich auf Krankheit und Leid hingewiesen wird (Gen 48, 1ff.; 14; 19; 21). Auch Paulus leidet an seiner Krankheit (II Kor 12, 7), bekommt sie v. Gott aber nicht genommen, weil Gottes Kraft in dieser Schwachheit zur Vollendung kommt (II Kor 12, 9f.). Diese Erkenntnis korrespondiert mit Mt 5, 3ff.24. So kann Paulus irdisches Leid als Gewährleistung sehen, dass Gottes Kraft zum Zug kommt (II Kor 1, 925 ) und sich seiner Schwachheit rühmen (II Kor 12, 5). Leben wird so auch zu einer Bewährungszeit, aus der niemand vorzeitig herausgenommen werden darf. Die Hoffnung, die über dieses Leben hinausgeht, lässt Leid im irdischen Leben neu wahrnehmen und geringer gewichten (Rm 8, 18/ I Petr 5, 10). Weder Euthanasie an sich, noch TaV ist damit innerhalb Gottes Willens.

2.3 Theologiegeschichtlicher Befund

Das Volk Israel und das frühe Christentum fanden sich v. Völkern, die Euthanasie praktizierten, umgeben.26 Deswegen ist das Gebot der „Eltern- und Altenehrung“27 bemerkenswert, denn „die Missachtung des Gebots der Altenehrung zeigt ein latentes Gefälle hin zur Übertretung des Tötungsverbots“28 - das im Dekalog folgt. In dieser Tradition wurde „das erste … Hospiz im vierten Jahrhundert von einer Christin … gegründet.“29 So war die Zuwendung zu Kranken und Sterbenden im Sinne v. Sterbebegleitung v. jeher theol. Gut des Juden- und Christentums. Im MA wurde der Tod als Teil des Lebens begriffen, auf den es sich vorzubereiten galt. Es gab eine Kunst der Sterbevorb., die „ars moriendi“30.31 Mit dem Aufkommen des Sozialdarwinismus32 wurde der Gedanke an Tötung v. unwertem Leben salonfähig, was sich das NS Regime zu Nutze machte. Eibach hält fest, dass die Theologie im 19./ 20. Jh. sich zu wenig mit der Thematik beschäftigte und deswegen weder dem Sozialdarwinismus, noch der Euthanasie der Dritten Reichs wenig entgegen zu setzen hatte.33 Die Aufarbeitung und theol. Positionierung geschah in der Nachkriegszeit. Die Landessynode der Ev. Kirche im Rheinland erließ 1985 eine „Erklärung zu diesem schuldhaften Versagen der Kirche im >>Dritten Reich<<“34.35 In den siebziger Jahren wurde die Gesellschaft für humanes Sterben gegründet, die forderte, „dass der Mensch ein Recht haben soll, über seinen Tod aktiv zu verfügen“36.37 Die kath. Kirche veröffentlicht 1980 in „Iura et bona“ ihre Stellung zur Euthanasie. Darin wird festgehalten, dass „niemand … zulassen kann, dass ein unschuldiges menschliches Lebewesen getötet wird, … ein von einer unheilbaren Krankheit Befallener oder ein im Todeskampf befindlicher. Außerdem ist es niemandem erlaubt, diese todbringende Handlung für sich oder für einen anderen … zu erbitten“38. Durch die neueren Entwicklungen, z.B. der niederl. und belgischen Gesetzgebung39 oder den Diskussionen um T. Shiavo40 ist das Thema relevant, was die beiden verfassten Kirchen 2004 z.B. mit der zehnten Woche für das Leben aufgegriffen haben41. In einer Presseerklärung wird die Überzeugung verfasster Kirchen darg.: Wir „sehen jedoch keine Lösung darin, menschliches Leben aktiv zu töten. … Eine Freigabe der ‚aktiven Sterbehilfe’ käme einer Bankrotterklärung der Menschlichkeit gleich. … Menschlichem Leid dürfen wir nicht durch Tötung, sondern wir müssen ihm durch menschliche Zuwendung begegnen“42

2.4 Grundsätzliche Positionen

Albert Schweitzer43: In „Kultur und Ethik“ stellt Schweitzer seine Position zum Thema Euthanasie indirekt, aber ableitbar dar. Er arbeitet deontologisch begr. teleologisch. Ihn beschäftigt die Frage, was Ethik ist und umschreibt ein „Grundprinzip des Sittlichen“44. Er beschreibt das Denken als ständige Auseinander- setzung zw. Wollen und Erkennen. Fehlgeleitet ist diese Auseinandersetzung, wenn das Wollen dem Erkennen vorgibt, was zu erkennen ist. Richtig und fruchtbar ist sie, wenn „der Wille von dem Erkennen nur das erfragt, was es erkennt.“45. Lassen wir dem Erkennen so freien Lauf, wird es uns „in das Rätselhafte hineinführen, dass alles, was ist, Wille zum Leben ist.“46 So entsteht Ethik dadurch, „dass ich die Weltbejahung, die mit der Lebensbejahung in meinem Willen zum Leben natürlich gegeben ist, zu Ende denke und zu verwirklichen versuche.“47 Es bleibt aber nicht bei dem Erkennen, denn „alles wahre Erkennen geht in Erleben über“48. Nicht nur ich habe Willen zum Leben (WL) in mir, sondern in allem, was ist, ist WL vorhanden.49 „Das zum Erleben werdende Erkennen lässt mich der Welt gegenüber nicht als rein erkennendes Subjekt verharren, sondern drängt mir ein innerliches Verhalten zu ihr auf. Es erfüllt mich mit Ehrfurcht vor dem geheimnisvollen Willen zum Leben, der in allem ist“50 und letztlich mit „Ehrfurcht vor dem Leben“51 selbst. Das führt dazu, dass ich innerlich genötigt bin, jedem WL die gleiche EL entgegen zu bringen, wie meinem eigenen, weil er überall derselbe ist.

[...]


1 Singer, Praktische Ethik, 226.

2 Vgl. Eibach, Sterbehilfe, 87-96.

3 Ratschow, Sterbehilfe, 10.

4 Dabei sei hier in Anlehnung an die gesetzlichen Bestimmungen in den Niederlanden (vgl. Singer, Praktische Ethik, 251.) vorausgesetzt, dass die Tötung von einem Arzt vorgenommen wird, nachdem sichergestellt ist, dass der Wunsch zu Sterben frei, rational begr. und feststehend ist, auf allen relevanten Informationen betreffs Zustand und med. Möglichkeiten beruht und die Krankheit sehr wahrscheinlich zum Tod führen wird.

5 Vgl. Eibach, Sterbehilfe, 26 für den niederländ. Kontext und <http://www.ekd.de/presse/397_pm71_2003_sterbebegleitung.html> für den belgischen Kontext.

6 Vgl. Doinet, Es ist brutal, 32-44.

7 was sich z.B. in der Definition von Gesundheit der WHO niederschlägt. „Danach ist Gesundheit nicht nur die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen, sondern der Zustand vollständigen körperlichen, sozialen und geistigen Wohlbefindens“(Eibach, Sterbehilfe, 46).

8 Eibach, Sterbehilfe, 48.

9 und damit die Frage nach Selbstmord an sich.

10 in Deutschland durch die Erfahrungen der NS Regierungszeit vor allem geschichtlich bedingt.

11 In Schweitzer, Kultur und Ethik.

12 In Singer, Praktische Ethik.

13 Singer unterteilt die Tierwelt weiter. Vgl. Singer, Praktische Ethik, 82-114. Schweitzer nimmt die Pflanzen mit auf. Vgl. Schweitzer, Kultur, 251-255.

14 Vgl. auch Num 16, 22; 27, 16/ Dtn 30, 19.

15 Vgl. auch Gen 6, 8; 8, 21ff.; 50, 20/ Lk 20, 38.

16 Vgl. auch Gen 3, 19/ Rm 6, 23/ I Kor 15, 26.

17 Vgl. auch Ps 3, 6.12; 82, 7; 89, 48f./ Lk 12, 20 / II Kor 5, 1ff.

18 Diese wird ihm nach II Sam 1, 9f. gewährt oder nach I Sam 31, 4f. verweigert.

19 Vgl. auch Rm 8, 19ff./ Apk 21, 1ff.

20 Vgl. auch Ps 88, 4.16/ Hi 5, 18/ Joh 9, 3.

21 Vgl. auch II Reg 5, 7/ Ps 31, 16; 88, 6f.; 90; 139, 13 - 18/ Jes 38, 10/ Lk 12, 4 / Act 17, 25.

22 Vgl. auch Ex 23, 7/ Mt 5, 21/ Rm 13, 9.

23 Vgl. auch Ex 21, 20/ Num 35, 30-33/ Mt 26, 52.

24 Vgl. auch Lk 14, 21/ I Kor 1, 27.

25 Vgl. auch II Kor 4, 7-10/ Gal 6, 17/ Phil 3, 10.

26 Vgl. Eibach, Sterbehilfe, 14-15.

27 A.a.O., 14.

28 Eibach, Sterbehilfe, 14.

29 Blau, Freund sein, 11.

30 Bundesministerium, Sterben, 12.

31 Vgl. a.a.O., 11-12. Deutlich wird die Bedeutung der Vorb. auf den Tod im Leben z.B. in Luthers Sermon von der Bereitung zum Sterben. Vgl. Buchwald, Luthers Werke, 61-80.

32 Darwin (1809-1882).

33 Als Ausnahme kann Bonhoeffer gelten, der jegliches menschl. Leben unter dem bes. Schutz des Schöpfers sieht. Vgl. Bonhoeffer, Ethik, 102-106.

34 Eibach, Sterbehilfe, 39.

35 Vgl. a.a.O., 37-39.

36 A.a.O., 24.

37 Was die Frage um die TaV immer mehr Gewicht gewinnen lässt. Vgl. a.a.O., 19-25.

38 Hünermann, Kompendium, 1406. 1995 in „Evangelium vitae“ bekräftigt; Vgl. a.a.O.. 1511-1512.

39 Vgl. Eibach, Sterbehilfe, 26 und <http://www.ekd.de/presse/397_pm71_2003_sterbebegleitung.html>.

40 Vgl. <www.sueddeutsche.de/,polm1/deutschland/artikel/18/49968/>.

41 Vgl. <http://dbk.de/woche/2004/>.

42 http://www.ekd.de/presse/397_37618.html.

43 Vgl. Schweitzer, Kultur, 237-277.

44 A.a.O., 239.

45 A.a.O., 237.

46 A.a.O., 237-238.

47 A.a.O., 237.

48 A.a.O., 238.

49 D.h. ich erlebe die Erscheinungen des WL um mich herum in Analogie zu meinem eigenen WL.

50 Schweitzer, Kultur, 238.

51 A.a.O., 238.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Euthanasie. Eine theologische Betrachtung
Hochschule
Evangelische Hochschule TABOR, Marburg
Veranstaltung
Ethik
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V336175
ISBN (eBook)
9783668260856
ISBN (Buch)
9783668260863
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dies ist ein Diskussionsbeitrag. Der Text gibt ausschließlich die Meinung des Autors wider.
Schlagworte
Euthanasie, Tötung auf Verlangen, Sterbehilfe, Ethische Grundfragen
Arbeit zitieren
Heiko Metz (Autor:in), 2005, Euthanasie. Eine theologische Betrachtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336175

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Euthanasie. Eine theologische Betrachtung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden