Kritische Bewertung der Entwicklung in der Selbsthilfe


Hausarbeit, 2015
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Begriff Selbsthilfe
2.1 Entstehung der Selbsthilfe
2.2 Selbsthilfe im Gesundheits- und Sozialwesen

3 Entwicklungen im deutschen Gesundheitswesen und der Selbsthilfe

4 Kritische Bewertung der Entwicklung in der Selbsthilfe

5 Schlussbemerkung

6 Literaturverzeichnis

7 Onlineverzeichnis

1 Einleitung

„Unter allen bedenklichen Moralprinzipien ist das der sogenannten Selbsthilfe eines der zweideutigsten. Vortrefflich für den, der den Willen und die Kraft hat, sich selbst zu helfen, aber wertlos für jenen, der zu schwach ist, um den Kampf zu bestehen, ist ein Verbrechen im Munde desjenigen, der es auf andere anwendet, denen er nicht mehr helfen will.“1

Dieses Zitat des Begründers des ersten Instituts für experimentelle Psychologie, Wilhelm Maximilian Wundt, zeigte schon zu seinen Lebzeiten die schwierige Gradwanderung des Begriffes Selbsthilfe unter einem moralischen Aspekt auf. Bis heute beschäftigen sich die Menschen mit der zielgerichteten Selbsthilfe und ihren Erfolgen.

In der folgenden Seminararbeit ist das Ziel, die folgende Frage zu beantworten: Wie kann die Entwicklung in der Selbsthilfe bewertet werden? Hierbei soll der Begriff Selbsthilfe und seine Bedeutung im Gesundheitswesen durchleuchtet werden. Als Arbeitsmaterial dienen Fachlexika und Fachliteratur aus den Fachrichtungen soziale Arbeit und dem Gesundheitswesen.

Um im Abschluss zu einer kritischen Bewertung zu kommen, sollen aktuelle Daten zur Selbsthilfeorganisation, sowie zur Entwicklung des deutschen Gesundheitssystems mit Hinblick auf den demografischen Wandel dargestellt werden.

2 Der Begriff Selbsthilfe

2.1 Entstehung der Selbsthilfe

Der Begriff Selbsthilfe bezeichnet in der Sozialpädagogik und der Sozialpolitik die "auf Eigeninitiative, Selbstorganisation und Selbstbestimmung beruhende Arbeit von Personen und Gruppen"2, die sich von den staatlichen Hilfsangeboten und Interventionen unterscheidet. Die Selbsthilfe bzw. Selbsthilfegruppen orientieren sich grundsätzlich nicht an Erwerbszielen, sondern sind eine gemeinschaftliche Wohlfahrtsproduktion. Diese ist auf gegenseitige Hilfe ausgerichtet und fällt somit in den Bereich der Alternativökonomie, wobei sich auch hier zahlreiche Überschneidungen zur Konkurrenzökonomie finden.3 Die Alternativökonomie ist in unterschiedlicher Weise arbeitsteilig organisiert, wobei die Arbeit stärker auf kollektiver Selbstverwaltung und Kollektivität beruht.

Bereits vor der industriellen Revolution galten nichtstaatliche Hilfeformen und Unterstützungssysteme in ganz Europa als die Grundlage der gemeinschaftlichen und individuellen Nothilfe. Dies diente ebenfalls als Grundlage für verschiedene Sicherungssysteme. Bereits hier wurde der Begriff der Selbsthilfe fest verankert. Vorwiegend in ländlichen Gebieten und Städten Alteuropas, die zu einer wenig industrialisierten Gesellschaft gehörten, wurde in Nachbarschafts-, Berufs-, Genossenschafts- und Altersgruppen ein Netz der sozialen Sicherung aufgebaut. Im Übergang zur Industriegesellschaft traten an die Stelle dieser Selbsthilfegruppen öffentliche und private Träger der Wohlfahrt, sowie sozialstaatliche Einrichtungen und Interessenorganisationen. Zu diesem zählten Gewerkschaften, Genossenschaften und Konsumvereine. Bis in die 1960er und 1970er Jahre fand sich der Begriff der Selbsthilfe und seine Idee nur in ehrenamtlichen Tätigkeiten wieder.4 Es folgte die Entwicklung von Selbsthilfegruppen, bei denen sich Menschen bis heute zusammen schließen, um eine positive Veränderung der eigenen Lebensumstände zu erzielen. Hierbei geht es um die Bewältigung von Krankheiten, psychischen oder sozialen Problemen, bei dem häufig neben der persönlichen Veränderung auch ein Einwirken auf das soziale und politische Umfeld erfolgt. Selbsthilfegruppen richten sich an ihre Mitglieder und nicht an ihre Umwelt, sodass sie sich von anderen Formen des Bürgerengagements unterscheiden. Die meisten Selbsthilfegruppen werden von ehemals Betroffenen und nicht professionellen Helfern geleitet, jedoch können zur Hilfe ebenfalls Experten heran gezogen werden.5 Selbsthilfegruppen reagierten so auf Defizite im Angebot der sozialen staatlichen Hilfen. Die Selbsthilfe Idee fand zudem im Umfeld der Studentenbewegung großen Anklang. Unter dem Begriff der Selbsthilfe sollte darüber hinaus die Idee der selbstbestimmten Arbeit und der Selbstorganisation realisiert werden. In den 1980er Jahren entbrannte die entwicklungspolitische Diskussion zum Thema "Hilfe zur Selbsthilfe".6 Die "Hilfe zur Selbsthilfe" soll Menschen dazu befähigen, sich selbst zu helfen oder in der Lage zu sein, sich selbst Hilfe zu organisieren.7 Es gab weitere neue soziale Bewegungen, wie zum Beispiel die Frauenbewegung. Durch diese Entwicklungen, die immer auf gesellschaftlicher Selbstorganisation beruhten, entstand ein ganzer Bereich unter dem Konzept der Selbsthilfe., der nicht nur auf den therapeutischen und karitativen Bereich umfasst, sondern auch die Bereiche des Zusammenlebens, der Ökologie und der Arbeitswelt. Weitere betroffene Bereiche sind die Kultur und Bildung beispielsweise durch freie Schulen, Politik und Verwaltung, Gesundheit und Medien.8

In der gesundheitlichen Versorgung ist die Selbsthilfe keine Besonderheit. Sie wird als Eigenleistung bei der Krankheitsbewältigung und der Prävention angesehen. Dazu gehört die Auswahl und Inanspruchnahme von Diensten und Hilfeleistungen, die Befolgung von Anweisungen, sowie die Behandlung von geringfügigen Gesundheitsbeeinträchtigungen und Befindlichkeitsstörungen.9 Die Selbsthilfegruppe ist der freiwillige Zusammenschluss von Menschen, die durch ein gleich gelagertes Problem verbunden sind und sich gegenseitig helfen. Diese Probleme können beispielsweise Drogenabhängigkeit, Alkoholkrankheit, psychische Probleme, chronische Krankheiten, Tod eines nahen Angehörigen, Behinderung, soziale Randlage oder Benachteiligung sein. Ziel kann zum einen die individuelle Selbsthilfe, als auch die Wirkung nach außen sein.10 Durch die stetige Entwicklung und Integrierung von Hilfeleistungen, Selbsthilfegruppen und Selbsthilfeorganisationen ist Selbsthilfe zu einer neuen Form der Gesundheitssicherung geworden.11

2.2 Selbsthilfe im Gesundheits- und Sozialwesen

Der folgende Teil der Arbeit konzentriert sich darauf, Selbsthilfe als Ressource des Gesundheitswesens aufzuzeigen. Verschiedene Sichtweisen aus dem psychosozialen Bereich, der Medizin und der Ökonomie sollen die verschiedenen Entwicklungen und Standpunkte aufzeigen. Es wird zwischen dem primären Hilfesystem im Rahmen des privaten Hilfehandelns und dem sekundären Hilfesystem bei dem professionelle Hilfe in Anspruch genommen wird unterschieden. Eine Vielzahl von Gesundheitsstörungen wird vorerst im primären Hilfesystem behandelt, beispielsweise durch die Hilfe der Familie oder Nachbarschaft.12 Aus psychosozialer Sichtweise ist das soziale Gefüge, also die Familie und das enge soziale Netzwerk eine in hohem Maße erlebte emotionale Unterstützung. Diese emotionale Unterstützung übt einen direkten Einfluss auf das Wohlbefinden eines Menschen aus und ist eine Hilfe in Belastungs- und Krisensituationen.13 Durch die demografische Entwicklung und die stetige Zunahme von Single Haushalten, kann ein erheblicher Teil der Bevölkerung nicht unmittelbar auf das primäre Hilfesystem zurück greifen. Seit dem Jahr 2003 nimmt die deutsche Bevölkerung zunehmend ab. Je nach Zuwandererzahl wird sich die Zahl der Bevölkerung von derzeit ca. 80,62 Millionen im Jahr 2060 nur noch auf 65-70 Millionen Menschen belaufen. Bereits im Jahr 2002 lebten 20,1 Millionen Menschen im Alter von 60 Jahren und älter in Deutschland.14 Im Jahr 2013 gab es in Deutschland 16,2 Millionen Single Haushalte. Somit waren von allen 39,9 Millionen Haushalten in Deutschland, 41 % Einpersonenhaushalte.15 Aufgaben oder Unterstützungen die vorher überwiegend im primären Hilfesystem erbracht wurden, fallen so der Selbsthilfe zu. Dabei rückt die Selbsthilfe durch unmittelbare Hilfe die Krankheitsbewältigung, Präventionsmaßnahmen und Einhaltung von beispielsweise Therapien in den Vordergrund. Durch die Gründung von Selbsthilfegruppen seit den 1970er Jahren hat sich das Spektrum der Selbsthilfe erweitert und reagiert somit auf gesellschaftliche Defizite und Entwicklungen. Selbsthilfegruppen ersetzen soziale Netzwerke und ergänzen professionelle Hilfesysteme. Mitglieder von Selbsthilfegruppen leiden weniger häufig unter Depressionen und körperlichen Beschwerden, die psychisch bedingt sind, als andere Menschen in vergleichbaren Situationen. Durch die Gruppenarbeit kann das Selbstbewusstsein und die soziale Kontaktfähigkeit verbessert werden und sie stabilisiert medizinische Behandlungserfolge.16 Neben materieller und medizinischer Versorgung, sowie sozialer Unterstützung werden für eine erfolgreiche Bewältigung zudem drei psychosoziale Ressourcen benötigt. Die Transparenz, Aktivierung und Partizipation. Die Selbsthilfe als so genannte Laienhilfe oder auch die Selbsthilfegruppe trägt zur Entwicklung der genannten Ressourcen bei. Verfügt ein Mensch über diese drei Ressourcen, so bekommt er das Gefühl, sich in einer beeinflussbaren Welt zu bewegen und selbstgesteckte Ziele erreichen zu können. Diesem Empfinden wird neben einer gesundheitsstiftenden Wirkung auch ein unspezifischer Schutzfaktor zugesprochen.17

Der ICD-Code erlaubt derzeit die Verschlüsselung von knapp 30.000 Krankheiten.18 Der Wandel von hauptsächlich Infektionskrankheiten, zu chronischen Erkrankungen und des Herz-Kreislauf-Systems erforderte einen Wechsel der Behandlungsstrategien. Der Gesundheitszustand der Bevölkerung und des Einzelnen ist nicht durch einen einzigen Faktor gegeben, sondern erreicht durch verschiedene Anteile sein Maximum. Dies sind zum einen nicht professionelle Ressourcen wie die Selbstheilung, Selbsthilfe, gesunde Lebensweise, Selbstorganisation und Lifestyle. Zum anderen professionelle Leistungen der Prävention und der Krankheitsbewältigung.19 Die Selbsthilfe kann bei der Bewältigung psychosozialer Krankheitsfolgen und der sozialen Rehabilitation von erheblichem Nutzen sein. Im Bereich der Aufklärung und Beratung, sowie dem Austausch über Krankheiten und Behinderungen leistet sie zielorientierte Arbeit. Patienten die durch die Gruppendynamik einer Selbsthilfegruppe gestärkt werden und dort psychische Unterstützung erfahren, nehmen Hilfen früher in Anspruch und zeigen eine höhere Bereitschaft zur aktiven Mitwirkung bei einer Therapie.20 Informierte Betroffene sind die wichtigste Ressource gegen Unwissenheit, Qualitätsmängel und Verschwendungen im Gesundheitswesen.21 Das Gesundheitswesen hat sich durch veränderte Anforderungen zu einem Markt für "den Erwerb des individuellen Gutes "Gesundheit" entwickelt"22. Die Vielzahl der Anbieter auf dem Gesundheitsmarkt erfordert eine starke Nachfragerseite. Somit ist für die Gesundheitsdienste eine Verpflichtung der ständigen Qualitätsdokumentation- und Verbesserung geworden. Als Repräsentanten der Nutzer, sind Selbsthilfezusammenschlüsse stärker gefragt als beispielsweise in den 1980er Jahren.23 Die Entwicklung in Richtung Ökonomisierung unserer Gesundheitsversorgung bringt positive Randbedingungen für die Integration der Selbsthilfe in die Einrichtungen des Gesundheitswesens. In den Paragraphen 135a und 137b des 5. Sozialgesetzbuches, wird ein einrichtungsinternes Qualitätsmanagement für viele Einrichtungen des Gesundheitswesens vorgeschrieben. Der Patientenorientierung wird im Qualitätsmanagement eine große Rolle beigemessen. "Selbsthilfefreundlichkeit ist ein wesentliches Element, diese abstrakte Forderung zu konkretisieren und unter Beteiligung der Patienten im Alltag der medizinischen Versorgungseinrichtungen zu implementieren"24. Somit ist eine Grundlage entstanden, die organisierte Selbsthilfe in die Prozesse und Strukturen des Gesundheitswesens zu integrieren. Unter dem Begriff Selbsthilfefreundlichkeit wird die auf Dauer angelegte Zusammenarbeit von Einrichtungen der Gesundheitsversorgung und Selbsthilfezusammenschlüssen verstanden. Diese Integration bedeutet eine selbsthilfefreundliche Kommunikations- und Kooperationskultur, die in allen Bereichen des Gesundheitswesens zu tragen kommt.25 Selbsthilfefreundlichkeit ist so ein wichtiges Element der Patientenorientierung im Qualitätsmanagement geworden.

In der ökonomischen Sichtweise zeigt sich, dass Investitionen im Bereich der Selbsthilfe, dies umfasst Selbsthilfe, Selbsthilfeorganisationen, Selbsthilfegruppen und Selbsthilfekontaktstellen, hohe Erträge abwerfen bzw. eine hohe Kosten-Nutzen Relation darstellen. Durch minimale Kosten lassen sich die Arbeitsbedingungen von Selbsthilfen wesentlich verbessern, sodass die Betroffenen dann umfangreiche, gesundheitsfördernde, soziale und beraterische Leistungen ohne weitere Kosten erbringen.26

[...]


1 Wilhelm Max Wundt, 1832 - 1920, deutscher Physiologe, Philosoph und Psychologe.

2 Brockhaus, S. 26.

3 Vgl. Brockhaus, S. 26.

4 Vgl. Brockhaus, S. 26.

5 Vgl. Matzat, J. (2004), S. 20.

6 Vgl. Brockhaus, S. 26.

7 Vgl. Matzat, J. (2004), S. 58.

8 Vgl. Brockhaus, S.26.

9 Vgl. Bundesministerium für Gesundheit

10 Vgl. Brockhaus, S. 27.

11 Vgl. Bundesministerium für Gesundheit

12 Vgl. Klein-Lange, M. (1998), S. 57

13 Vgl. Koch, R. (1986), S. 120.

14 Vgl. Statistisches Bundesamt (2009)

15 Vgl. Statistisches Bundesamt (2014)

16 Vgl. Moos-Hofius, B. (1990), S. 8.

17 Vgl. Bengel, J. (1998), S. 20 f.

18 Vgl. Thielscher, C. (2012), S. 9.

19 Vgl. Ferber, V. (2000), S. 38.

20 Vgl. Hill, B. (2013), S. 113.

21 Vgl. Forum Public Health, S. 10.

22 Hill, B. (2013), S. 113.

23 Vgl. Hill, B. (a.O.), S. 113.

24 Hill, B. (a.O.), S. 114.

25 Vgl. Hill, B. (a.O.), S. 114.

26 Vgl. Matzat, J. (1997), S. 177.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Kritische Bewertung der Entwicklung in der Selbsthilfe
Hochschule
FOM Essen, Hochschule für Oekonomie & Management gemeinnützige GmbH, Hochschulleitung Essen früher Fachhochschule
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V336366
ISBN (eBook)
9783668802261
ISBN (Buch)
9783668802278
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Selbsthilfe / Deutsches Gesundheitswesen
Arbeit zitieren
Kira Hermans (Autor), 2015, Kritische Bewertung der Entwicklung in der Selbsthilfe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336366

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