Asche zu Asche. Feuerbestattung und Freidenker in der Weimarer Republik


Hausarbeit, 2016
18 Seiten, Note: 1,0

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Inhalt

1 Einleitung

2 Entwicklung der Feuerbestattung in Deutschland bis 1918

3 Feuerbestattung und Freidenkertum in der Weimarer Republik
3.1 Organisiertes Freidenkertum und Feuerbestattung in der Weimarer Republik unter Berücksichtigung der statistischen Entwicklung
3.2 Argumente der Befürworter und Widerstand gegen die Feuerbestattung

4 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Feuerbestattung ist in Deutschland die am häufigsten gewählte Form der Bestattung. Mehr als 50% der Deutschen entscheiden sich für die Verbrennung nach dem Tod, in einigen Regionen und Städten liegt der Anteil bei mehr als 90%. Diese Normalität der Feuerbestattung war vor etwa 100 Jahren kaum abzusehen. Um 1900 lag der Anteil der Einäscherungen an allen Bestattungen noch bei 0,02%.[1] Die Entwicklung der Feuerbestattung zeigt beispielhaft, wie stark die Kirchen im Deutschland des 20. Jahrhunderts an Einfluss verloren und wie in einem schnellen Modernisierungsprozess mit alten Traditionen gebrochen wurde.

Beschäftigt man sich näher mit der Entwicklung der Feuerbestattung in Deutschland, so wird man unweigerlich auf den Zusammenhang zwischen der Feuerbestattungsbewegung und der Freidenkerbewegung in den 1920er Jahren stoßen.

In dieser Hausarbeit soll dieser Zusammenhang näher untersucht werden und insbesondere auf die Frage eingegangen werden, inwiefern sich Freidenkertum und Feuerbestattungsbewegung in der Weimarer Republik gegenseitig beeinflussten.

Dazu soll zunächst die Entwicklung der Feuerbestattung in Deutschland bis 1918 unter Berücksichtigung der Haltung der Kirchen nachvollzogen werden. Daraufhin soll eine Übersicht über das organisierte Freidenkertum in Deutschland eine anschließende Untersuchung der Zusammenhänge zwischen Feuerbestattung und Freidenkertum in der Weimarer Republik ermöglichen. Diese soll durch eine Betrachtung der statistischen Entwicklung beider zu untersuchender Felder komplettiert werden. Schließlich sollen die Argumente der Befürworter der Feuerbestattung unter besonderer Berücksichtigung der Freidenker sowie der Widerstand gegen die Feuerbestattung, vor allem aus den Kirchen, näher untersucht werden. Abschließend folgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse.

Sowohl die Entwicklung der Feuerbestattung in Deutschland, als auch die Entwicklung organisierten Freidenkertums in der Weimarer Republik sind vergleichsweise schlecht erforscht. Zur Feuerbestattung sind insbesondere Norbert Fischers 1996 erschienene Studie „Vom Gottesacker zum Krematorium. Eine Sozialgeschichte der Friedhöfe in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert“ sowie Reiner Sörries Buch „Ruhe sanft. Kulturgeschichte des Friedhofs“ von 2009 zu nennen. Es gibt jedoch keine ausführliche Studie, die sich ausschließlich mit der Geschichte der Feuerbestattung in Deutschland beschäftigt.[2]

Organisiertes Freidenkertum wird insbesondere in Jochen-Christoph Kaisers „Arbeiterbewegung und organisierte Religionskritik“ von 1981 sowie in Horst Groschopps 1997 erschienenen Werk „Dissidenten. Freidenker und Kultur in Deutschland“ untersucht.

In dieser Hausarbeit werden die Begriffe „sozialistische Freidenker“ und „proletarische Freidenker“ sowie die Begriffe „Feuerbestattung“, „Leichenverbrennung“, „Einäscherung“ und „Kremation“ ungeachtet möglicher unterschiedlicher Konnotationen synonym verwendet.

2 Entwicklung der Feuerbestattung in Deutschland bis 1918

Die Einführung der Feuerbestattung Ende des 19. Jahrhunderts war eine grundlegende Neuerung im Bestattungswesen. Die Verbrennung Verstorbener ist allerdings keine neuzeitliche Erfindung.[3] Sie war bereits in der Antike verbreitet und es gab mehrmals Wechsel zwischen Erd- und Feuerbestattung, sowohl aus religiösen als auch aus praktischen Gründen. So wurde die Einäscherung von Leichen im römischen Kaiserreich Anfang des 3. Jahrhunderts aufgrund von Holzknappheit von der Körperbestattung abgelöst.[4]

Mit der Verbreitung des Christentums hörte die Feuerbestattung auf. Karl der Große verbot die Verbrennung von Leichen im Edikt von Paderborn 785 unter Androhung der Todesstrafe.[5] Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war die Leichenverbrennung nur in Ausnahmefällen, vor allem als Sanktionsmaßnahme möglich. Ein bekanntes Beispiel sind die Hexenverbrennungen.[6]

Im 18. Jahrhundert wurde die Möglichkeit der Kremation unter dem Einfluss der Aufklärung wieder diskutiert. Vor allem Gebildete und Künstler argumentierten, beeinflusst von den antiken Leichenverbrennungen, für die Feuerbestattung. Zu Einäscherungen von Leichen kam es jedoch, unter anderem aufgrund des Mangels an technischen Möglichkeiten, nur sehr vereinzelt. Ein Beispiel auf europäischer Ebene ist die Verbrennung des englischen Dichters Percy Bysshe Shelley 1822.[7]

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sprachen sich immer wieder Gelehrte für die Einführung der Feuerbestattung aus. Darunter einige Ärzte, aber auch der Dichter Gottfried Keller und Jacob Grimm argumentierten für die Kremation von Leichen. In Dresden und in Berlin wurden 1874 erste Vereine gegründet, die sich für die Feuerbestattung einsetzten.[8]

Die frühen Befürworter der Verbrennung von Leichen argumentierten in erster Linie mit hygienisch-medizinischen Argumenten, auch ökonomische Argumentationen wurden hervorgebracht. Die wachsende Mobilität während der Industrialisierung sowie eine geringere Sterblichkeit aufgrund von Hygienemaßnahmen hatten ein starkes Bevölkerungswachstum in den Städten zur Folge.[9] Der daraus resultierende Raummangel auf städtischen Friedhöfen ließ eine alternative Bestattungsart neben der Erdbestattung erforderlich erscheinen.

Neben den hygienischen und ökonomischen Argumenten hatten insbesondere ästhetische Begründungen, häufig im Bezug auf die antike Tradition der Feuerbestattung, Bedeutung in der Diskussion.[10]

In der Argumentation der ersten Fürsprecher für die Wiedereinführung der Leichenverbrennung standen antikirchliche oder antireligiöse Argumente nicht im Vordergrund. Es wurde stattdessen auf naturwissenschaftliche, ökonomische oder ästhetische Begründungen zurückgegriffen.

Die Haltung der Kirchen zur Feuerbestattung war dennoch ablehnend. Die katholische Kirche erließ 1886 ein absolutes Verbot, das sowohl die Teilnahme von Priestern an Kremationen und Trauerfeiern als auch das Spenden von Sterbesakramenten für vor der Verbrennung stehende Verstorbene und die Mitgliedschaft von Katholiken in Feuerbestattungsvereinen einschloss. Dieses Verbot blieb bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil 1963 bestehen.[11]

Auch die evangelische altpreußische Kirche verbot es Geistlichen 1885 an Feuerbestattungen teilzunehmen und die Deutsche Evangelische Kirchenkonferenz 1898 befürwortete ein Verbot von Leichenverbrennungen. Der Widerstand der evangelischen Kirche war jedoch nicht geschlossen. Mehrere Landeskirchen im Deutschen Reich tolerierten die Feuerbestattung.[12] „Die evangelische Kirche entschloß sich relativ früh zu einer entgegenkommenderen Haltung [als die katholische Kirche.]“[13] Auf die Argumentation der Kirchen soll in einem späteren Kapitel genauer eingegangen werden.

Es war auch eine evangelische Stadt, Gotha, in der 1878 die erste Kremation auf deutschem Boden stattfand. Ermöglicht wurde dies durch den von Werner von Siemens kurz zuvor entwickelten Heißluftofen und die aufgeklärte Politik des Herzogs von Sachsen-Coburg und Gotha.[14] Das zweite deutsche Krematorium wurde 1891 in Heidelberg errichtet, bis 1918 folgten etwa fünfzig weitere Städte.[15] In Preußen wurde die Leichenverbrennung 1911 erlaubt, es gab jedoch Ausführungsbestimmungen, die Teile der Befürworter ablehnten. So mussten Aschereste in Kirchengräbern oder von der Behörde genehmigten Bestattungsanlagen beigesetzt werden.[16]

Da die Feuerbestattung anfangs mit hohen Kosten verbunden war, kam sie in den ersten Jahren nach 1878 nur für Wohlhabende in Betracht. Um die Kremation auch ärmeren Bevölkerungsschichten zu ermöglichen, wurden ab 1904 Feuerbestattungskassen gegründet.[17] Aus einem der Vereine, die eine solche Kasse anboten, dem Verein der Freidenker für Feuerbestattung, der 1905 in Berlin gegründet wurde,[18] ging schließlich der mit zeitweise mehr als 590.000 Mitgliedern[19] größte deutsche Freidenkerverband hervor.

3 Feuerbestattung und Freidenkertum in der Weimarer Republik

Im Zuge der Säkularisierung und des abnehmenden Einflusses der Kirchen entwickelten sich im 19. Jahrhundert radikal religionskritische Strömungen. Die Religionskritik von bürgerlicher Seite war eng mit den naturwissenschaftlichen und technischen Entwicklungen verbunden und fußte auf Aufklärung und Spätrationalismus. Populär wurde die Religionskritik, nachdem dieser naturwissenschaftliche Fortschrittsgedanke von Linkshegelianern wie Ludwig Feuerbach und auch Karl Marx überwunden und die Emanzipation des Menschen von allen Formen der Herrschaft gefordert wurde.[20]

[...]


[1] Vgl. Sörries, Reiner: Ruhe sanft. Kulturgeschichte des Friedhofs, Kevelaer 2009. S. 143f.

[2] Axel Heike-Gmelin hat 2013 mit „Kremation und Kirche: die evangelische Resonanz auf die Einführung der Feuerbestattung im 19. Jahrhundert“ eine theologische Untersuchung veröffentlicht, die andere Schwerpunkte setzt als diese Hausarbeit.

[3] Vgl. Knauf, Rainer: Zivile und militärische Friedhofs- und Grabmalgestaltung im 20. Jahrhundert. Der Saarbrücker Hauptfriedhof 1912-1959, Saarbrücken 2010. S. 246f.

[4] Vgl. Sörries: Ruhe sanft. S.36.

[5] Vgl. Isemeyer, Manfred: Freireligiöse und Feuerbestattung, in: Kulturamt Prenzlauer Berg/Prenzlauer Berg Museum (Hg.): Kein Jenseits ist, kein Aufersteh’n, Berlin 1998. S. 72-90. Zugriff online: www.fowid.de/fileadmin/textarchiv/Isemeyer_Manfred/Feuerbestattung_TA1998_1.pdf (01.03.2016) S. 2.

[6] Vgl. Sörries: Ruhe sanft. S. 37.

[7] Vgl. Knauf: Grabmalgestaltung. S. 247.

[8] Vgl. Isemeyer: Freireligiöse und Feuerbestattung S. 2.

[9] Vgl. Fischer, Norbert: Vom Gottesacker zum Krematorium. Eine Sozialgeschichte der Friedhöfe in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert, Köln; Weimar; Wien; Böhlau 1996. S. 96.

[10] Vgl. ebd. S. 97.

[11] Vgl. Sörries: Ruhe sanft. S. 142ff.

[12] Vgl. ebd. S. 142f.

[13] Isemeyer: Freireligiöse und Feuerbestattung S. 1

[14] Vgl. Sörries: Ruhe sanft. S. 140.

[15] Vgl. Knauf: Grabmalgestaltung. S. 248.

[16] Vgl. Isemeyer: Freireligiöse und Feuerbestattung S. 9.

[17] Vgl. ebd. S. 6.

[18] Kaiser, Jochen-Christoph: Arbeiterbewegung und organisierte Religionskritik. 1. Aufl., Stuttgart 1981. S. 130.

[19] Ebd. S. 354; bezogen auf die Mitgliederzahl des VfFF 1929.

[20] Vgl. Kaiser, Jochen-Christoph: Organisierte Religionskritik im 19. und 20. Jahrhundert., in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte Vol. 37, No. 3 (1985), S. 203-215.

18 von 18 Seiten

Details

Titel
Asche zu Asche. Feuerbestattung und Freidenker in der Weimarer Republik
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V336719
ISBN (Buch)
9783656984986
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Weimarer Republik, Geschichte, Deutschland, Freidenker, Feuerbestattung, Kirche
Arbeit zitieren
Jan Nellesen (Autor), 2016, Asche zu Asche. Feuerbestattung und Freidenker in der Weimarer Republik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336719

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