Der Zusammenhang zwischen territorialer Reputation und individuellem Stigma am Beispiel von Problemen und Chancen der James Turner Street, Birmingham

Wie wirken medial produzierte Eindrücke?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Beispiel James Turner Street

3. Definitionen
3.1 Stigma
3.2 Reputation

4. Theorien von Reputation und Stigma
4.1 Kontexteffekte
4.2 Broken Windows Theorie
4.3 Eine Strategie der Umdeutung
4.4 Symbolischer Interaktionismus

5. Die Wohnadresse als Stigma

6. Die Wirkung von Benefits Street

7. Strategien gegen negatives Image

8. Kritik an Benefits Street

9. Fazit und Ausblick

Primärquellen

Literaturverzeichnis

Internetseiten

1. Einleitung

Die James Turner Street wird als Beispiel zur Erklärung für den Zusammenhang zwischen territorialer Reputation und individuellem Stigma analysiert, da der von Kriminalität und Arbeitslosigkeit geprägte Wohnraum klassische Faktoren der Stigmatisierung zeigt. Betrachtet werden Faktoren, die den Definitionen von Re- putation und Stigma, sowieso den abgeleiteten Theorien wie beispielsweise der „Broken Windows“-Theorie entsprechen. Zunächst wird eine Einschätzung zur territorialen Reputation, sowie dem individuellen Stigma der Anwohner beschrie- ben. Die von Januar bis Februar 2014 vom britischen Fernsehsender Channel 4 ausgestrahlte Serie „Benefits Street“ soll beispielhaft den Hintergrund der Frage- stellung: „Wie wirken medial produzierte Eindrücke?“ veranschaulichen (Benefits Street, Anhang; Benefits Street). Betrachtet werden die ersten fünf Folgen der ersten Staffel, da nachfolgende Ausstrahlungen abweichende Inhalte zeigen. Ab- schließend wird der Ausblick auf die Reputation der James Turner Street und das individuelle Stigma beschrieben.

2. Das Beispiel James Turner Street

Die James Turner Street besteht aus 99 Häusern, in denen dreizehn verschiedene Nationalitäten unterkommen und gehört zum Vorort Winson Green in Birmin- gham, England (Benefits Street, Episode 1; 3:33). Im Umkreis von einem Kilome- ter befinden sich das Gefängnis von Birmingham, die Winson Green Kirche, so- wie mehrere Schulen und eine Anbindung zum U-Bahn System von Birmingham (James Turner Street, Anhang). In den späten 1880er Jahren wurden die Häuser der James Turner Street im Zuge des Stadtwachstums im viktorianischen Baustil errichtet und zogen vor allem wohlverdienende Fabrikarbeiter an (Cavallaro, 2014). Winson Green ist der Stadtteil Birminghams, der sich heute durch seine besonders hohe Multiethnizität und Kriminalitätsrate auszeichnet (Winson Green, 2014). Die James Turner Street hebt sich von dem ohnehin kriminalitätsgeprägten Ort insofern ab, dass sie die Straße mit dem höchsten Anteil an Sozialhilfeemp- fängern und Arbeitslosen ist - etwa 95 Prozent (Benefits Street, Episode 1; 3:52). Im Laufe der letzten einhundert Jahre erfuhr die James Turner Street eine Ab- wärtsspirale des Images vom beliebten Arbeiterwohnort zum Ballungsraum für Arbeitslose. Inmitten der 1950er Jahre erfuhr Birmingham eine industrielle Krise, die bis 1970 etwa 200.000 Menschen den Arbeitsplatz kostete. Die wohlverdie- nenden Fabrikarbeiter und deren nachfolgende Generation konnten sich die Ge- gend rund um die James Turner Street nicht mehr leisten, sodass die meisten Häu- ser leer blieben.

Benefits Street stellt das Zusammenleben der Anwohner der James Turner Street dar. Darüber hinaus erhält der Zuschauer einen Einblick in den Drogenkonsum und -handel, Kriminalität, Verschmutzung der Straße und Häuser, Erziehung der Kinder, Problemlösung in sozialer Interaktion, administratives Wirken der Regie- rung und Finanzprobleme. Die Protagonistin Deirdre Kelly mit dem Spitznamen „White Dee“ wird als „Mutter der Straße bezeichnet“ (Benefits Street, Episode 1; 2:12) weswegen sie für die Anwohner und Reputation der James Turner Street eine wichtige Rolle einnimmt (siehe 4.3 Eine Strategie der Umdeutung).

3. Definitionen

3.1 Stigma

Das Stigma entspringt nach Goffman einem symbolischen und/oder physischen Merkmal, beispielsweise Hautfarbe oder Herkunft (Vester 2010: S. 29-30). In einem sozialen Prozess aus direkter oder indirekter Interaktion wird eine Person von einer anderen stigmatisiert. Im Gegensatz zum Vorurteil äußert sich das Stigma im konkreten Verhalten der stigmatisierten Person gegenüber, durch Dis- kriminierung, Exklusion, Ab- bzw. Zurückweisung, Bloßstellung und weiteren negativen Verhaltensweisen.

Die Symbole des Stigmas können beliebig definiert werden. Ein symbolisches Merkmal, wie Goffman es beschreibt, kann jede Form annehmen. Im Beispiel der James Turner Street bilden nicht nur Kriminalität und Arbeitslosigkeit, sondern die Wohnadresse selbst das Stigma (siehe 5. Die Wohnadresse als Stigma).

In der Stigmatisierung wird von Außenstehenden die James Turner Street als Ge- samtbild wahrgenommen. Allerdings zeigen sich die Anwohner in Benefits Street nicht als homogene Gruppe, da auch innerhalb der Anwohner Stigmatisierung auftritt. Die zugezogenen Rumänen werden nicht begrüßt, aber im Interview mit den Anwohnern negativ dargestellt (Benefits Street, Episode 2; 05:45)1. Aus die- ser negativen Einstellung ergibt sich ein abweisendes Verhalten, das als Stigmati- sierung der Rumänen interpretiert werden kann.

3.2 Reputation

Eine umgängliche Definition für Reputation liefert Hortulanus (Permentier 2009, S. 17). Sinngemäß ist sie die Verbindung einer Meinung oder Bedeutung von so- wohl Bewohnern, als auch Außenstehenden mit einer Nachbarschaft, bzw. einem Wohnort. Reputation verweist außerdem auf das relativ stabile Image eines Woh- nortes und lässt sich vereinfacht auch als „Ruf“ bezeichnen. Im Gegensatz zum Stigma ist Reputation ein neutraler Begriff. . So kann territoriale Reputation bspw. dadurch entstehen, dass ein Stigma vermehrt in einem Wohnraum wahrgenommen und deshalb damit assoziiert wird. Außenstehende könnten auf diese Weise An-wohner der James Turner Street stigmatisieren, zum Beispiel ausgelöst durch vie-le Medien, unter anderem Benefits Street, die über den hohen Anteil an Sozialhilfeempfängern und Arbeitslosigkeit berichten (Kielinger 2014)2.

4. Theorien von Reputation und Stigma

4.1 Kontexteffekte

Die Theorie der Kontexteffekte behandelt im Kern die Idee, dass das Verhalten der Bewohner nicht nur durch individuelle Merkmale, sondern auch durch Merk- male des Wohngebiets erklärbar ist (Oberwittler 2013: S. 18-23). Friedrichs unter- scheidet in 5 Kontexteffekte: 1. Diskriminierung des Wohngebiets, 2. Defizitäre Infrastruktur, 3. Rollenmodelle, 4. Ansteckungsgefahr, 5. kollektive Sozialisation. Die Diskriminierung des Wohngebiets lässt sich mit den Prämissen von Blumer verbinden und bestätigt somit die These, dass die Wohnadresse zum Stigma wer- den kann. Friedrichs beschreibt den ersten Effekt als Folge der Wahrnehmung von den Bewohnern der Stadt. Benachteiligte Wohngebiete haben ein schlechteres Image, was in der Wahrnehmung der Bewohner dazu führt, dass dieses Image als Stigma auf Anwohner der Wohngegend übertragen wird.

Für die Beispiele Edinburgh und Glasgow wirke sich das Stigma der Wohnadres- se, laut Befragung der Anwohner, sogar negativ auf die Arbeitssuche aus. Da das Image der James Turner Street medial übertragen wird, besteht die Möglichkeit, dass potenzielle Arbeitgeber ähnlich auf die Anwohner reagieren, weshalb ein Nachteil bei der Arbeitssuche auch für die James Turner Street denkbar ist.

Der zweite von Friedrich differenzierte Kontexteffekt betrifft die „Qualität der Schulen, die Ausstattung mit Freizeiteinrichtungen und die verfügbaren Anschlüs- se im öffentlichen Nahverkehr.“ Anhand der Benefits Street sind diese Punkte nicht für die James Turner Street interpretierbar. Zumindest die günstige Ver- kehrsanbindung zur Winson Green Metro lässt vermuten, dass eine defizitäre Inf- rastruktur nur gering als Kontexteffekt auf die James Turner Street wirkt.

In seinem dritten Punkt: „Rollenmodelle“ bezieht sich Friedrichs auf die Auswir- kung von Erwerbstätigen mit hohem Status innerhalb des Wohngebietes auf die

[...]


1 Den rumänischen Bewohnern wird vorgeworfen, zu stehlen.

2 „"Benefits Street" zeigt den Alltag von britischen Sozialhilfeempfängern.“

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Details

Titel
Der Zusammenhang zwischen territorialer Reputation und individuellem Stigma am Beispiel von Problemen und Chancen der James Turner Street, Birmingham
Untertitel
Wie wirken medial produzierte Eindrücke?
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Soziologie und Sozialpsychologie Köln)
Veranstaltung
Sag mir, wo Du wohnst, und ich sag Dir, wer Du bist. Territoriale Reputation und individuelles Stigma.
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V336977
ISBN (eBook)
9783656985570
ISBN (Buch)
9783656985587
Dateigröße
738 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Reputation, Stigma, Birmingham, Territorial, Medien, James Turner Stress
Arbeit zitieren
Vanessa Dieke (Autor), 2015, Der Zusammenhang zwischen territorialer Reputation und individuellem Stigma am Beispiel von Problemen und Chancen der James Turner Street, Birmingham, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336977

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