Das Phänomen der "New Political Correctness" an britischen und US-amerikanischen Universitäten


Hausarbeit, 2016

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.„New Political Correctness“ als eigenständiges Phänomen
2.1.Beispiele für konkrete Ziele und Folgen betreffender Proteste
2.2.Zentrale Konzepte der „New Political Correctness“

3.Problematiken der „New Political Correctness“ - Meinungsfreiheit und Effektivität
3.1.Mediale und publizistische Rezeption der Proteste
3.2.Sozialkonstruktivistische Perspektive auf die Effektivität der „New Political Correctness“

4. Fazit

5. Eigenständigkeitserklärung

6. Literaturverzeichnis

Abstract

In den Jahren 2014 und 2015 häuften sich Student_innenproteste an britischen und US-amerikanischen Universitäten, die sich v.a. gegen sprachliche Diskriminierung wandten und ein Weltbild vertraten, welches sich als eine Weiterentwicklung der Political Correctness verstehen lässt. Dies wurde in zahlreichen Medien kritisch betrachtet, da diese „New Political Correctness“ die Meinungsfreiheit auf dem Campus zu sehr einschränke. Diese Arbeit ist ein Versuch, dies zu überprüfen, sowie aus einer sozialkonstruktivistisch geprägten Perspektive zu analysieren, ob durch die Konzepte, Praktiken und Forderungen der „New Political Correctness“-Aktivist_innen sich das Ziel der Bekämpfung von Diskriminierung erreichen lässt.

1. Einleitung

Das Oxford Advanced Learner’s Dictionary definiert „Political Correctness“ als „ the principle of avoiding language and behavior that may offend particular groups of people1. Es handelt sich demnach um eine Forderung nach gegenseitiger Rücksichtnahme und der Absage an Ausgrenzung anderer. Damit scheint „Political Correctness“ (im Folgenden: PC) in den Wertekanon einer liberalen Demokratie zu gehören und ihre Kultur inzwischen zu dominieren. (Kalaga et al. 2009: 7 f.)

Seit 2014 ist an britischen und US-amerikanischen Universitäten eine Häufung von Student_innenprotesten zu beobachten, welche hauptsächlich das Ziel hatten, verletzende Ansichten auf dem Campus zu sanktionieren. Die meisten Proteste verliefen erfolgreich, und die geäußerten Forderungen lassen sich bei näherer Betrachtung kategorisieren und als idealtypisch für ein Phänomen bezeichnen, welches der CICERO am 30. Januar 2016 auf seinem Online-Auftritt als „New Political Correctness“ bezeichnete2 und sich damit einer Reihe von Artikeln anschloss, welche in US-amerikanischen, britischen und deutschen Medien diesem Phänomen kritisch begegneten.

Mein Ziel in dieser Arbeit ist - neben dem Festhalten der „New Political Correctness“ als eigenständigem Phänomen - die Analyse der zentralen Forderungen der „New Political Correctness“ bezüglich deren Vereinbarkeit mit dem Prinzip der Meinungsfreiheit sowie deren Ergiebigkeit im Hinblick auf die Bekämpfung von Diskriminierung. Meinungsfreiheit soll hier begriffen werden im Sinne von Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte3. Dementsprechend lautet die Forschungsfrage:

„Inwiefern bildet das Phänomen der ‚New Political Correctness‘ eine relevante Bedrohung für das Prinzip der Meinungsfreiheit an britischen und US-amerikanischen Universitäten und wie effektiv ist es als Mittel zur Bekämpfung von Diskriminierung?“

Dem soll hier in einem seriöseren Rahmen nachgegangen werden, als dies in den vorwiegend konservativen Medien geschieht, welche sich mit diesem Problem befassten; daraus, dass dies der erste deutschsprachige Versuch einer wissenschaftlichen Analyse dieses Problems ist, leitet sich die Relevanz der Forschungsfrage ab. Auch der Stand der Forschung hierzu ist bescheiden - die Proteste, welche ich in dieser Arbeit als Bezugsquelle benutze, sind ein hochaktueller Prozess.

Nach einem Kurzüberblick über die Student_innenproteste und einer Auflistung zentraler Konzepte der „New Political Correctness“, werde ich zum Ersten die mediale Auseinandersetzung mit dieser Problematik im Hinblick auf den potentiellen Konflikt mit dem Prinzip der Meinungsfreiheit thematisieren und zum Zweiten die „New Political Correctness“ und ihre Effektivität aus einer sozialkonstruktivistisch geprägten Perspektive betrachten. Damit wäre auch die Frage nach der theoretischen Verortung der Arbeit beantwortet. Abschließend möchte ich im Fazit einen Ausblick geben, wie ein Widerspruch zwischen „New Political Correctness“ und dem Prinzip der Meinungsfreiheit - sollte sich ein solcher herauskristallisieren - aufgelöst werden könnte.

2. „New Political Correctness“ als eigenständiges Phänomen

Eine erste Blüte erlebte die PC als gesellschaftliches Konzept zu Beginn der 1990er Jahre. Die Bezeichnung „New Political Correctness“ für die Student_innenproteste lässt sich mit zwei Argumenten begründen: erstens, bezeichnet er ein spezifisch universitäres Phänomen, welches in den Jahren 2014-15 auftrat; zweitens, verfügen die Aktivist_innen der Proteste über eine Kategorisierung „unkorrekter“ Aussagen oder Ansichten, welche es ihnen erlaubt, hochdifferenziert verschiedenste Vergehen gegen das Konzept der PC begrifflich zu definieren. Im ersten Abschnitt wird zunächst eine Zusammenfassung der hier behandelten Proteste vorgenommen, um dann im zweiten Abschnitt besagte Kategorisierung zu skizzieren, da sie für die „New Political Correctness“ (im Folgenden: NPC) konstitutiv ist.

2.1. Beispiele für konkrete Ziele und Folgen betreffender Proteste

Am 19. November 2014 4 veröffentlichte Omar Mahmood, Student an der University of Michigan, Kolumnist des Universitätsblattes Michigan Daily und Chefredakteur der Campuszeitschrift The Michigan Review in letzterer Publikation einen satirischen Artikel, in welchem er die seiner Ansicht nach zu PC-lastige Campuskultur karikierte5. Innerhalb weniger Tage formierte sich ein Protest gegen diesen Artikel und dessen Autor, der darin kulminierte, dass Omar Mahmoods Wohnung von außen mit Lebensmitteln beworfen wurde, und er Hassbotschaften erhielt wie „Everyone hates you, you violent prick.“ 6 Im Verlauf dieses Vorfalls wurde Mahmood von seiner Tätigkeit bei der Michigan Daily entlassen, mit der Begründung: „The way in which the author satirically mocked the experiences of fellow Daily contributors and minority communities on campus in his Review column violated our values and integrity as a publication.”7

Ein Vorfall, der ebenfalls zum Arbeitsplatzverlust der beschuldigten Person führte, ereignete sich im Oktober 2015 am Silliman College der Yale University. Im Vorfeld von Halloween schrieb das Intercultural Affairs Committee der Universität eine E-Mail an die Student_innen, in welcher sie gebeten wurden, auf Kostüme zu verzichten, welche durch cultural approppriation andere Kulturen beleidigen könnten. (Wie etwa traditionell mexikanische Kleidung, an welcher sich Vertreter_innen lateinamerikanischer Minderheiten stören könnten).8 Die Entwicklungspsychologin Erika Christakis, Dozentin und Associate Master an diesem College, schrieb als Reaktion darauf eine E-Mail an die Student_innen des Colleges, in welcher sie diese Bitte als Ausdruck einer von Zensur geprägten Campuskultur verstand.9 Dies führte zu Ausschreitungen vor dem Bürogebäude des College Masters und Ehemannes der Dozentin, Nicholas Christakis. Als er sich vor das Gebäude stellte um mit den Protestierenden zu diskutieren, und seine Sorgen um die Polarisierung der Debattenkultur an der Universität äußerte, wurde er niedergebrüllt. Eine Studentin äußerte sich zu seinem Verweis auf die Debattenkultur mit den Worten, „It is not about creating an intellectual space! [...] It is about creating a home here!“10 Weiterhin wurde er aufgefordert, seinen Posten als College Master zu verlassen, da er sich offensichtlich nicht um das Wohlergehen der Student_innen sorgen würde. In einem von 740 Universitätsangehörigen unterschriebenen und am 31. Oktober 2015 veröffentlichten Protestbrief wurde Erika Christakis beschuldigt, zur Marginalisierung von Minderheiten beizutragen.11 Angesichts des öffentlichen Drucks stellte sie ebenso wie ihr Ehemann ihre Lehrtätigkeit am College ein.12

Ähnliche Fälle sind ebenfalls in Großbritannien beobachtbar. An der Cardiff University gab es im November 2015 den Versuch, einen Vortrag der australischen Autorin Germaine Greer zu verhindern. Mit der Aussage „I don’t accept post-operative males as females“13 habe sie sich als Feministin disqualifiziert; in einer an die Universitätsverwaltung gerichteten Online-Petition mit über 3000 Unterstützer_innen wurde die Absage von Greers Vortrag gefordert. Der Text der Petition warf ihr Misogynie, Transphobie, Beihilfe zur Gewalt gegen Transsexuelle sowie Leugnung der Existenz von Transphobie vor; die Marginalisierung von Transsexuellen sei von Greer sogar erwünscht. Damit sei sie an Universitäten als persona non grata anzusehen, da „ Universities should prioritise the voices of the most vulnerable on their campuses, not invite speakers who seek to further marginalise them.“14 Die Universität leistete dem Aufruf allerdings nicht Folge.

Im Gegensatz dazu kam es im November 2014 zu einer Absage am Christ College der University of Oxford. Der Journalist Brendan O’Neill wurde vom College eingeladen, an einer Podiumsdiskussion über Abtreibung mit einem weiteren Journalisten teilzunehmen. Die Gruppierung Oxford Students Pro-Life protestierte dagegen, ebenso wie die feministische Facebook-Diskussionsgruppe Cuntry Living. Als empörend wurde aufgefasst, dass beide Diskussionsteilnehmer männlich sind: „They said it was outrageous that two human beings‘who do not have uteruses’should get to hold forth on abortion [...] and claimed the debate would threaten the‘mental safety’of Oxford students.”15 Am Tag vor der geplanten Diskussion wurde sie vom Christ Church College angesichts des Protestes abgesagt.16

Diesen und vielen ähnlichen Fällen ist vor allem eine Eigenschaft gemein, welche die Auffassung der NPC als eigenständigem Phänomen stützt: die Protestierenden beriefen sich stets auf dieselben Konzepte, welche sie von den kritisierten oder attackierten Personen verletzt sahen. Um das Ideenfeld der NPC besser verstehen zu können, ist es nun erforderlich, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

2.2. Zentrale Konzepte der „New Political Correctness“

Der 17 Begriff Microaggression wurde vom Psychologen Derald Wing Sue geprägt, welcher sich in zwei einflussreichen Schriften damit befasste.18 Hier soll die Definition laut Dictionary.com verwendet werden: eine Microaggression ist “a subtle but offensive comment or action directed at a minority or other nondominant group that is often unintentional or unconsciously reinforces a stereotype”.19 In Abgrenzung zu offenem Rassismus oder anderen vorurteilsgeprägten Denkweisen zeichnet sich das Konzept von Microaggression also dadurch aus, dass eine verletzende Äußerung keineswegs intendiert sein muss. Auffällig an diesem Konzept ist der vage Charakter der Definition. So veröffentlichte beispielsweise das Büro Diversity and Faculty Development der University of California im November 2014 das „ Tool: Recognizing Microaggressions and the Messages They Send“20 , welches auf Sues Publikationen basiert. Dieser Leitfaden stuft neben offen rassistisch motivierten Ansichten auch Äußerungen als Microaggression ein, die das Gegenteil ausdrücken, wie „There is only one race, the human race“ (da dies die identitätsstiftende Bedeutung von Herkunft leugne). Lehrende sollten laut diesem Tool auch vermeiden, Student_innen lateinamerikanischer, asiatischer oder indigen-amerikanischer Herkunft aufzufordern, sich mehr am Unterrichtsgeschehen zu beteiligen, da dies eine Aufforderung sei, sich an die dominante, europäisch geprägte Kultur des sich-Stimme-Verschaffens anzupassen.21

[...]


1 http://www.oxfordlearnersdictionaries.com/definition/english/political- correctness?q=political+correctness (abgerufen am 27.03.2016)

2 Grau, Alexander 2016: “Diskussionskultur - Es kommt eine neue politische Korrektheit auf uns zu”, in: http://www.cicero.de/salon/diskussionskultur-es-kommt-eine-neue-politische-korrektheit-auf-uns- zu/60435 (abgerufen am 14.02.2016)

3 http://www.un.org/depts/german/menschenrechte/aemr.pdf (abgerufen am 27.03.2016)

4 Die hier aufgeführten Fälle stellen aus Platzgründen eine sehr enge Auswahl dar, welche keineswegs als repräsentativ für die gesamte Protest- und Diskussionskultur an britischen und US-amerikanischen Universitäten angesehen werden soll; es handelt sich viel eher um einen kleinen Teil jener Beispiele, die
a) aufgrund ihrer Ziele, ihrem Ablauf und ihren Folgen idealtypisch für die „New Political Correctness“ sind und sich b) hinreichend recherchieren ließen.

5 http://www.michiganreview.com/do-the-left-thing/ (abgerufen am 31.03.2016)

6 http://www.thecollegefix.com/post/20511/ (abgerufen am 31.03..2016)

7 http://www.thecollegefix.com/post/20542/ (abgerufen am 31.03.2016)

8 http://www.nytimes.com/2015/11/09/nyregion/yale-culturally-insensitive-halloween-costumes-free- speech.html?_r=0 (abgerufen am 30.03.2016)

9 http://fusion.net/story/242625/erika-christakis-yale-resigns-halloween/ (abgerufen am 30.03.2016)

10 https://www.youtube.com/watch?v=9IEFD_JVYd0&feature=youtu.be (abgerufen am 31.03.2016)

11 https://docs.google.com/forms/d/1SLBVAdFZYTzAQ_4iHPKuPo7ER_FBmztdtzuD53AxMMU/viewfor m (abgerufen am 31.03.2016)

12 http://www.dailymail.co.uk/news/article-3350471/Yale-teacher-resigns-offensive-Halloween-costume- email.html (abgerufen am 31.03.2016)

13 http://www.theguardian.com/books/2015/nov/18/transgender-activists-protest-germaine-greer-lecture- cardiff-university (abgerufen am 31.03.2016)

14 https://www.change.org/p/cardiff-university-do-not-host-germaine- greer?recruiter=59862098&utm_source=share_petition&utm_medium=twitter&utm_campaign=share_tw itter_responsive&rp_sharecordion_checklist=control (abgerufen am 31.03.2016)

15 http://www.spectator.co.uk/2014/11/free-speech-is-so-last-century-todays-students-want-the-right-to- be-comfortable/ (abgerufen am 25.02.2016)

16 http://oxfordstudent.com/2014/11/20/abortion-debate-cancelled/ (abgerufen am 31.03.2016)

17 Die im Folgenden behandelten Konzepte Microaggression, culturalappropriation, triggerwarning und safespace sind in der Regel wesentlich älter als die hier behandelten Ereignisse; ihre zunehmende Benutzung als Schlagwörter sind jedoch erst in den Student_innenprotesten der Jahre 2014-15 zu beobachten, was sie zu konstitutiven Merkmalen der “New Political Correctness” macht.

18 Vgl. Sue, Derald Wing 2010: „Microaggressions in everyday life: Race, gender and sexual orientation”, Wiley & Sons, Hoboken, NJ sowie Sue, Derald Wing 2010: “Microaggressions and Marginality: Manifestation, Dynamics, and Impact”, Wiley & Sons, Hoboken, NJ

19 http://www.dictionary.com/browse/microaggression (abgerufen am 31.03.2016)

20 http://academicaffairs.ucsc.edu/events/documents/Microaggressions_Examples_Arial_2014_11_12.pdf (abgerufen am 25.02.2016)

21 Interessanterweise bildet diese Empfehlung nach der Logik der Verfasser_innen des Tools erst recht eine Microaggression, da sie eine spezielle Behandlung von nicht-weißen Student_innen empfiehlt und dabei zusätzlich afroamerikanische Student_innen ausschließt, ihnen also pauschal unterstellt, sowieso präsent genug zu sein.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Das Phänomen der "New Political Correctness" an britischen und US-amerikanischen Universitäten
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Grundlagen und Kontroversen der Friedens- und Konfliktforschung
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
24
Katalognummer
V337267
ISBN (eBook)
9783656987390
ISBN (Buch)
9783656987406
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
USA, Political Correctness, Sozialkonstruktivismus, Mikroaggression, Meinungsfreiheit, Diskriminierung, Rassismus, Safe Space, Universitätskultur
Arbeit zitieren
Alexander Eydlin (Autor), 2016, Das Phänomen der "New Political Correctness" an britischen und US-amerikanischen Universitäten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337267

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