Kulturkritische Motive und Denkweisen in den Schriften des ägyptischen Denkers Sayyid Qutb

Eine Analyse


Hausarbeit, 2014
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Kulturkritik als Reflexionsmodus der Moderne

Islamischer Fundamentalismus als radikale Kulturkritik
Kurzbiographie Sayyid Qutbs
Der „Dichterphilosoph“ Sayyid Qutb und sein Verhältnis zu den
Wissenschaften
Der normative Bezugspunkt: Die Generation der Gefährten des Propheten
Die motivierende Ausgangslage
Sinnkrise des Islam
Jahiliyya: die Wurzel allen Übels
Die allgemeine Problemkonfiguration

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

„ Die zum Selbstmord entschlossenen Mörder, die zivile Verkehrsmaschinen zu lebenden Geschossen umfunktioniert und gegen die kapitalistischen Zitadellen der westlichen Zivilisation gelenkt haben, waren, wie wir aus Attas Testament und Osama bin Ladens Mund inzwischen wissen, durch religiöse Ü berzeugungen motiviert. Für sie verkörpern die Wahrzeichen der globalisierten Moderne den Großen Satan. “

Wenn Jürgen Habermas in seiner Dankesrede für den Erhalt des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (2001) feststellt, dass islamische Fundamentalisten von Hass getrieben zu terroristischen Kritikern der Moderne werden, dann erscheint die ehemals westlich geprägte und längst für tot erklärte Kulturkritik aktueller den je.

Die Kulturkritik blickt auf eine lange Tradition zurück, Denker wie Rousseau, Schiller, Nietzche, und nicht zuletzt auch Adorno haben sich aus ihrer jeweils eigenen Perspektive mit dem Verfall der Sitten und der Degeneration der Gesellschaft und der Individuen beschäftigt. Ob die Kulturkritik als „Reflexionsmodus der Moderne“ (Bollenbeck 2007: 8) einen adäquaten Erklärungsrahmen für die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts darstellt oder ob ihr etwas „Hinterwäldlerisches“ (Adorno 1997: 29) anlastet, zahlreiche ihrer Motive und Denkweisen lassen sich auch in der Rhetorik islamistischer Fundamentalisten wiederfinden.

Hauptanliegen dieser Hausarbeit ist es, einen Überblick über das weite historische und thematische Feld der Kulturkritik zu verschaffen, die grundsätzlichen Charakteristika des islamischen Fundamentalismus zu identifizieren und anhand von Textbeispielen zu analysieren, welche Ähnlichkeiten und welche Unterschiede es im Diskurs der westlichen Kulturkritik und dem islamischen Fundamentalismus gibt. Dazu werde ich mich mit dem ägyptischen Denker Sayyid Qutb beschäftigen, der oft als intellektueller „Patenonkel“ vieler radikal-fundamentalistischer Islamisten angesehen wird und in zahlreichen Werken Beobachtungen über den Verfall der menschlichen Gesellschaft (sowohl der westlichen als auch der arabischen), die Gründe für die gesellschaftlichen Krankheitserscheinungen und Auswege in eine „bessere“ Zukunft angeboten hat.

Kulturkritik als Reflexionsmodus der Moderne

Laut Georg Bollenbeck ist Kulturkritik „weder ein Fach noch eine Residualdisziplin, eine Methode oder eine wissenschaftliche Fragestellung“. Es handelt sich viel mehr um einen „vage[n] Sammelbegriff für die Verlustgeschichten und Pathologiebefunde, die sich gegen die eigene Zeit unter Berufung auf bessere Zeiten richten“ (2007: 8).

Die Kulturkritik ist eine Kritik an den Folgeerscheinungen der zeitgenössischen Gesellschaft und Kultur. Sie umfasst „Kommentare, Einsprüche und Anklagen gegen ‚verkehrte’ Wertsysteme, ‚schlechte’ Zustände und ‚falsches’ Verhalten“ (Bollenbeck 2007: 13) und reicht im weitesten Sinne von den Kynikern und Diogenes, über die mittelalterliche Hofkritik bis hin in die Zeitkritik der Gegenwart.

Da die Kulturkritik keine einheitliche und klar abgrenzbare Theorie und kein Denkstil ist, werde ich für die Untersuchung des Werkes von Sayyid Qutb die Konzeptualisierung von Georg Bollenbeck verwenden. Für ihn ist die Kulturkritik ein „normativ aufgeladener Reflexionsmodus“ (2007: 10) der Moderne, der mit ihr entstanden ist, gegenüber den Zumutungen und Nebenwirkungen der Moderne sensibilisiert und einen kausalen Zusammenhang zwischen zivilisatorischem Fortschritt und dem gesellschaftlichen Verfall herstellt. Dabei beziehen Kulturkritiker sich auf einzelne Erfahrungen und sprechen ihnen „symbolische Prägnanz“ (2007: 8) zu, um damit ihre Thesen der gesellschaftlichen Dekadenz zu illustrieren und zu belegen. Dabei gehen sie nicht systematisch vor und entziehen sich dem Argumentationsdruck klassischer Wissenschaften.

Dieser Reflexionsmodus entsteht in der Auseinandersetzung mit der Aufklärung und hinterfragt grundsätzlich ihre Fortschrittstheorie. Die motivierende Ausgangslage ist dabei eine „nicht mehr vermittelbare Diskrepanz zwischen hochgestimmten Erwartungen und ernüchternden Erfahrungen“, die zur allgemeinen Problemkonfiguration führt, der individuellen „Entfremdung von sich selbst wie von der Gesellschaft“ (Bollenbeck 2007, S. 11).

Kulturkritiker beziehen sich typischerweise auf einen normativen Punkt, in der Regel eine Zeit in der Vergangenheit, in der Individuen und Gesellschaft im Einklang mit ihrem Umfeld lebten und dadurch ein besseres Leben führen konnten. Sie nehmen zudem einen „privilegierten Beobachtungsstandpunkt“ (Georg Bollenbeck) ein, d.h. sie erheben als „Dichterphilosophen“ einen Weltdeutungsanspruch und stellen sich selbst über den beobachteten Sachverhalt.

Islamischer Fundamentalismus als radikale Kulturkritik

Der islamische Fundamentalismus ist eine politische Ideologie, die die gesamte Gesellschaft vom privaten bis zum öffentlichen Leben von den religiösen Quellen des Islams ausgehend organisieren will. Der heutige Terminus „Islamismus” ist ein Sammelbegriff für zahlreiche Strömungen, von paramilitärischen bis zu zivilen Gruppierungen, die auf einen Wandel des politischen Systems setzen.

Ich werde mich in dieser Arbeit mit dem ägyptischen Denker und Philosophen Sayyid Qutb beschäftigen. Denn niemand hat die intellektuellen Grundlagen des radikalen Islam stärker beeinflusst als der ägyptische Denker Sayyid Qutb. Seine eindringliche Kritik an der Verwestlichung und dem Verfall der arabischen Gesellschaften übten nachweislich großen Einfluss auf die Führungsriegen islamistischer Organisationen wie der Hamas und Al Qaeda aus.

Kurzbiographie Sayyid Qutbs

Sayyid Qutb wurde 1906 in einem kleinen ägyptischen Dorf in der Provinz Asyut geboren und entstammt einer bürgerlichen Familie. In seiner Kindheit besuchte Qutb keine religiösee, sondern die öffentliche Schule. Im Jahre 1922 zog Qutb zu einem Onkel in einen Vorort von Kairo und begann mit der Ausbildung als Grundschullehrer folgte. Später folgte ein Studium der arabischen Sprache und Literatur, dass er 1993 im Alter von 27 Jahren abschloss. Schon während seines Studiums war Qutb als Literaturkritiker und Dichter tätig und veröffentlichte Beiträge zu literarischen Debatten, eigene Gedichte und Kurzgeschichten in ägyptischen Zeitungen. Diese Beiträge waren nicht religiös geprägt und enthielten keine Anzeichen für die radikale Zuwendung zum Islam im späteren Verlauf seines Lebens. Nach dem Abschluss seiner Studien begann er als Lehrer für das ägyptische Bildungsministerium zu arbeiten. 1948 wurde er von seinem Arbeitgeber auf eine Studienreise in die Vereinigten Staaten entsendet um das dortige Bildungssystem besser kennenzulernen. War er in Ägypten schon angewidert von der Ausbeutung der Armen durch die herrschenden Eliten, so erwies sich sein Aufenthalt in den USA als Bestätigung für seine fundamentale Ablehnung des kapitalistischen Systems. Nach seiner Rückkehr trat Qutb umgehend der Muslimbrüderschaft bei und setzte sich nach dem Militärcoup gegen die pro-britische Monarchie für eine Einführung der Shari’a in der ägyptischen Rechtsprechung ein. Im Juni 1954 wurde er zum ersten Mal zu einer dreimonatigen Haftstrafe verurteilt. Kurz nach seiner Freilassung wurde er erneut festgenommen und zu 25 Jahren Haft verurteilt, nachdem er zusammen mit der Muslimbrüderschaft einen Coup gegen den neuen ägyptischen Machthaber Gamal Abdel Nasser inszenieren wollte. Nachdem er im Jahre 1964 frühzeitig entlassen wurde, wurde er kurz danach wegen der Veröffentlichung seines wohl bekanntesten Werkes Milestones wegen Aufruf zum Staatsstreich zum Tode verurteilt. Mit seiner Hinrichtung wurde Sayyid Qutb zum Märtyrer und Symbol für den islamischen Widerstand.

Der „Dichterphilosoph“ Sayyid Qutb und sein Verhältnis zu den Wissenschaften

Wie bereits erklärt entsteht die Kulturkritik als Reflexionsmodus in der Auseinandersetzung und Ablehnung der Aufklärung und des Positivismus. Im Laufe der Aufklärung entstand die Überzeugung, dass die Geschichte von der Kraft der Wissenschaft vorangetrieben wird und dass der wissenschaftliche Fortschritt Hand in Hand mit dem sozialen Fortschritt gehen würde. Infolge der Aufklärung entstanden auch die zunehmende Säkularisierung der Gesellschaft und die Trennung zwischen Wissenschaft und Religion.

Für Qutb gibt es nämlich eine starke Verbindung zwischen Glauben und den Naturwissenschaften. Denn: „All these sciences lead man towards God“ (Qutb 1981: 94). Aus diesem Grund verurteilt er die europäische Säkularisierung, die für ihn die Wurzel allen Übels ist: „In fact, there came a time in European history when very painful and hateful differences arose between scientists and the oppressive church; consequently the entire scientific movement in Europe started with Godlessness.

This movement affected all aspects of life very deeply; in fact, it changed the entire character of European thought . “ (Qutb 1981: 94) Qutb unterscheidet zwischen den wahren Wissenschaften (Physik, Astronomie, Biologie, Medizin, usw.), die durch praktische Experimente einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft leisten können und „spekulativen“ Wissenschaften (z.B. Soziologie, Psychologie), die laut Qutb keinen Erkenntnisgewinn produzieren können, da sie sich mit Sphären beschäftigen, die von der menschlichen Intelligenz nicht fassbar sind.

Qutbs Kritik an der Säkularisierung der Wissenschaft weist dabei verblüffende Ähnlichkeiten mit Max Webers Analyse der „Entzauberung der Welt“ auf. Mit diesem Terminus beschreibt Weber „das Wissen davon oder den Glauben daran: daß man, wenn man nur wollte, es jederzeit erfahren könnte, daß es also prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, daß man vielmehr alle Dinge - im Prinzip - durch Berechnen beherrschen könne“ (Weber 1919: 9).

Ähnlich wie die Vordenker der Kulturkritik Rousseau, Schiller und Nietzche, aber aus anderen Gründen, distanziert auch Qutb sich ausdrücklich von der Philosophie. Er begründet dies damit, dass es sich bei der Philosophie ebenfalls um eine rein spekulative Wissenschaft handelt, die keine Erkenntnisse über den Platz des Menschen im Universum und den Sinn des menschlichen Daseins überhaupt liefern kann. Der Bereich des Metaphysischen ist nämlich, so Qutb, „kein Bereich, für den der menschliche Verstand zuständig wäre“ (Qutb 1987: 41). Laut Qutb hätten die Philosophen sich „in ein Gebiet verirrt, wo ihnen kein Licht zur Führung dient außer dem Kerzenschein, den Gott ihnen [...] schenkte“ (Qutb 1987: 41). Dieser „Kerzenschein“ würde aber nur ausreichen, um den Menschen zu ermöglichen, sich das nötige Wissen anzueignen um als Statthalter Gottes auf Erden fungieren zu können.

Der normative Bezugspunkt: Die Generation der Gefährten des Propheten

Für Qutb gibt es nur eine Epoche in der Menschheitsgeschichte, nämlich in der Zeit zwischen 610 und 661 nach Chr., zwischen der Offenbarung des Propheten Mohammed und dem Tod des letzten der vier „rechtgeleiteten Kalifen“, in der Menschen den reinen und unverfälschten islamischen Glauben praktizierten und dadurch in einer Gesellschaft mit völliger und allumfassender Gerechtigkeit (Qutb 1987: 36) leben konnten. Dies ermöglichte es ihnen, zivilisatorische und militärische Wunder zu vollbringen und ihr Dasein in vollkommener Zufriedenheit zu fristen. Diese „koranische Generation“, angeführt vom Propheten Mohammed, brachte laut Qutb eine Anzahl von „hervorragenden Persönlichkeiten, die ein eigentlich nicht reales sondern vielmehr ein ‚höheres Menschsein’ verkörperten“ hervor und sollte ein Vorbild für alle Muslime sein. (Qutb 1981: 9)

Qutb leitet aus dieser idealisierten Koranerzählung einen Idealtypus der modernen Gesellschaft ab. Für ihn ist Gott allein als der Schöpfer der Souverän, sowohl im politischen als auch im rechtlichen Sinne. Nach seiner Auffassung geht es im islamischen Glauben darum, „die Zerschmetterung des Königtums der Menschen, um das Königtum Gottes auf der Erde zu errichten“ (Meier 1994: 198). In diesem heiligen Königreich wird den Menschen keine Gesetzgebungskompetenz zugestanden, sondern sie sollen sich einzig und allein nach dem „Gesetz Gottes“ richten.

Dieses Gesetz ist die Schari’a, die den Menschen mittels Koran offenbart worden ist. Der Menschheit fällt dabei nur die Rolle des Stellvertreters Gottes auf Erden zu. Denn für Qutb kann nur Gott für vollkommene Gerechtigkeit in einer Gesellschaft sorgen: „Gott der Allmächtige ist allein [...] der Herr aller Menschen. Er wird weder Gebote zu Seinen eigenen Gunsten erlassen, noch wird Er eine Gruppe von Menschen einer anderen gegenüber bevorzugen, einer Nation oder Rasse größere Vorteile als den anderen einräumen.“ (Qutb 1987: 35)

Die motivierende Ausgangslage

Sinnkrise des Islam

Mit der teilweisen Besetzung durch europäische Kolonialmächte haben weite Teile der arabischen Halbinsel ihre Unabhängigkeit verloren.

[...]

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Details

Titel
Kulturkritische Motive und Denkweisen in den Schriften des ägyptischen Denkers Sayyid Qutb
Untertitel
Eine Analyse
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Politische Theorie 2
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
14
Katalognummer
V337818
ISBN (eBook)
9783668271708
ISBN (Buch)
9783668271715
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kritische Theorie, Kulturkritik, Qutb, Sayyid, Fundamentalismus, Islamismus, Radikaler Islam, Moderne, Sittenverfall, Islamischer Fundamentalismus
Arbeit zitieren
Meris Sehovic (Autor), 2014, Kulturkritische Motive und Denkweisen in den Schriften des ägyptischen Denkers Sayyid Qutb, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337818

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