Turbo-Abitur gescheitert? Ein Vergleich zwischen G8 und G9 in Berlin


Bachelorarbeit, 2016
39 Seiten, Note: 1,9

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Deutsches Schulsystem
2.1 Entwicklung
2.2 Gleichzeitige Existenz von G8 und G9
2.3 Struktur

3. G9 in Berlin bis zum Jahr 2012
3.1 Einführungsphase
3.2 Qualifikationsphase
3.3 Abiturprüfung

4. G8 in Berlin seit 2012
4.1 Qualifikationsphase
4.2 Abiturprüfung

5. Vergleich

6. Gründe für die Einführung von G8

7. Auswirkungen der Schulzeitverkürzung
7.1 Kritikpunkte
7.1.1 Verminderung der Qualität
7.1.2 Leistungsdruck und Folgen
7.1.3 Gefährdung der Studierfähigkeit
7.1.4 Reduzierung auf Wissensvermittlung
7.1.5 Erschwernis eines schulischen Auslandsaufenthalts
7.2 Statistische und faktische Überprüfung der Kritikpunkte
7.2.1 Verminderung der Qualität
7.2.2 Leistungsdruck und Folgen
7.2.3 Gefährdung der Studierfähigkeit
7.2.4 Reduzierung auf Wissensvermittlung
7.2.5 Erschwernis eines schulischen Auslandsaufenthaltes
7.3 Erklärungsversuche der Diskrepanz zwischen Kritikpunkten und Überprüfung

8. Ausblick

9. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Generation G8: Wie die Turbo-Schule Schüler und Familien ruiniert.“ lautet ein Buchtitel von der Autorin Britta vom Lehn (2010). Eine drastische Aussage. Aber damit ist sie nicht allein, es existieren diverse solcher Bücher oder Artikel mit ganz ähnlicher Thematik und Behauptung. Bedeutet das etwa, dass das Turbo-Abitur gescheitert oder zum Scheitern verurteilt ist? Diese Frage soll mithilfe eines Vergleichs der beiden Bildungsgänge G8 und G9 und einer Untersuchung der Kritikpunkte in dieser Arbeit geklärt werden. Zuerst folgt ein Abriss über die Entwicklung und Struktur des deutschen Schulsystems. Die beiden Bildungsgänge G8 und G9 werden daraufhin beschrieben und miteinander verglichen. Dann folgen die Gründe für die Einführung von G8. Das Hauptaugenmerk wird auf die Kritik gerichtet. Die Kritikpunkte werden sowohl aufgelistet als auch beschrieben. Danach werden diese anhand von Fakten und Studien überprüft. Dadurch soll geklärt werden, ob die Kritik auch den realen Tatsachen entspricht oder widerlegt werden kann. Die zwei Hauptfragen, die sich stellen, sind somit: Entspricht die Kritik der Realität und ist sie damit berechtigt? Kann das Turbo-Abitur als gescheitert angesehen werden? Beim Turbo-Abitur handelt es sich um das Abitur nach 12 Jahren, die Oberstufe beträgt damit 2 Jahre. Dasselbe beschreibt auch die Bezeichnung G8. Hiermit ist die Dauer, die im Gymnasium bis zum Abitur verbracht wird, gemeint. Da die Schüler ab der 5. Klasse auf das Gymnasium kommen, beträgt diese demnach 8 Jahre. G8 steht folglich für die 8-jährige Gymnasialzeit. G9 setzt sich genauso zusammen, hier beträgt die Zeit bis zum Erlangen der Hochschulreife auf dem Gymnasium 9 Jahre. Wegen diesen 8 oder 9 Jahren auf dem Gymnasium lassen sich in vielen Artikeln die Beschreibungen 8-jähriges und 9-jähriges Abitur finden. In dieser Arbeit wird allerdings auf diese Bezeichnung verzichtet, da der Vergleich exemplarisch an dem Bundesland Berlin dargestellt wird und die Schüler in Berlin sowohl ab der fünften wie auch ab der siebten Klasse auf das Gymnasium kommen. Daher müsste man an manchen Schulen von einem 6-jährigen oder 7-jährigen Abitur reden. Um dem aus dem Weg zu gehen, wird die Bezeichnung 12-jähriges und 13-jähriges Abitur verwendet, da das Abitur nach 12 oder 13 Jahren abgelegt wird. Die Bezeichnung G8 und G9 wird dennoch ebenso verwendet, da es sich hierbei um die offizielle Bezeichnung der beiden Bildungsgänge in Deutschland handelt. In der gesamten Arbeit finden sich Worte wie Schüler, Abiturienten und Absolventen, dabei handelt es sich nicht um die männliche Form, sondern um den Plural.

2. Deutsches Schulsystem

Das Schulsystem umfasst einen wichtigen Teil des Bildungssystems in Deutschland. Laut Grundgesetz untersteht das deutsche Schulsystem dem Staat. Die Gestaltung des Schulwesens unterscheidet sich allerdings, da die Schulen in die Zuständigkeit der einzelnen Bundesländer fallen.

2.1 Entwicklung

Die heutigen Schulen sind das Ergebnis einer langfristigen Entwicklung. Da Deutschland aus vielen Einzelstaaten bestand, war die Entwicklung eher uneinheitlich (vgl. Jacobi 2013).

In der Epoche der Aufklärung im 18. Jahrhundert wurde viel Wert auf mündige und vernunftgeleitete Bürger gelegt, dies hatte wiederum Auswirkungen auf die Pädagogik. Dem Schulwesen wurde nun eine größere Bedeutung zugewiesen. Das Schulwesen wurde immer mehr als staatliche Aufgabe verstanden (vgl. Konrad 2007). 1772 wurde erstmals das Abitur als Hochschulzulassungsberechtigung geregelt. Im Jahr 1810 wurde die erste moderne Universität gegründet, die Berliner Universität nach dem Entwurf Humboldts. 1834 wurde verbindlich festgelegt, dass das Abitur nur noch an Gymnasien abgelegt werden kann. Bis ca. 1850 wurde die Schulpflicht in den meisten deutschen Ländern durchgesetzt. Seit 1871 gibt es die ersten Berufsschulen in Deutschland (vgl. Jacobi 2013). Bis Ende des 19. Jahrhunderts setzten sich 3 Schulformen durch, an denen man das Abitur ablegen konnte, das humanistische Gymnasium, das Realgymnasium und die Oberrealschule. In dieser Zeit bestanden die Klassen aus ca. 80 bis 100 Schülern und es fand autoritärer Frontalunterricht statt. Auch die körperliche Züchtigung spielte eine wesentliche Rolle (vgl. Konrad 2007). Ab 1908 wurden auch für Frauen Abiturkurse möglich, so dass diese nun auch die Möglichkeit hatten, ein Studium anzutreten. 1910 entwickelte sich die Mittelschule als dritte Säule des Schulsystems. In der Verfassung der Weimarer Republik wurde 1918 die Schulpflicht bis zum 18. Lebensjahr verlängert. 1920 wurde das dreigliedrige Schulsystem in Deutschland vollendet. Durch das Reichsgrundschulgesetz wurde zusätzlich die Grundschule eingeführt (vgl. Jacobi 2013). In der Zeit des Nationalsozialismus geriet die schulische Ausbildung etwas in den Hintergrund. Es wurden Eliteschulen für den Führungsnachwuchs, wie die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten, gegründet. Im Grundgesetz 1949 wurde festgeschrieben, dass die Bundesländer verantwortlich für die Bereiche der Bildungs- und Kulturpolitik sind. Nach der Gründung der DDR und der BRD kam es auch jeweils zu unterschiedlichen Strukturen. In der DDR war das zentrale Element des Bildungssystems die Allgemeine Polytechnische Oberschule. Es handelte sich dabei um eine Mischung von Schule und Beruf. Im Sinne der Planwirtschaft wurde auch der Zugang zum Abitur und zur Universität genau gesteuert (vgl. Konrad 2007). 1968 wurden in der BRD die ersten Fachhochschulen eingerichtet. Im Jahr 1969 wurde eine gemeinsame Bildungsplanung von Bund und Ländern ermöglicht. 1972 fand eine grundlegende Umgestaltung des höheren Schulwesens statt, die Struktur in der 12. und 13. Klasse wurde vom Klassenverband in ein Kurssystem geändert. Es wurde ein Pflicht- und Wahlangebot eingeführt. Die Leistungen in diesen Kursen flossen nun mit in die Abiturnote ein. 1973 wurde die Gesamtschule als zusätzliche Schulform eingerichtet. Nach der Wiedervereinigung im Jahre 1990, einigten sich die Verhandlungspartner der gemeinsamen Bildungskommission beider deutscher Staaten auf eine gemeinsame und vergleichbare Grundstruktur. In der Kultusministerkonferenz 1997 wurde ein länderübergreifender Bildungsstandard für die Abschlüsse beschlossen. Bis 2012 sollte dies für alle Schulformen eingeführt werden. Mit der Bologna-Erklärung 1999 wollten die Bildungsminister ein zweistufiges System von Studienabschlüssen und ein einheitliches System zur Erfassung von Studienleistungen mit Hilfe von Leistungspunkten (ECTS) einführen. 2006 wurden die Mitwirkungsmöglichkeiten des Bundes in der Bildungsplanung zurückgenommen. Die Länder haben nun wieder die alleinige Verantwortung über die Schulentwicklung. 2009 verpflichtete Deutschland sich zur Inklusion von Schülern mit Behinderungen (vgl. Jacobi 2013).

2.2 Gleichzeitige Existenz von G8 und G9

Wodurch kommt es zur gleichzeitigen Existenz von G8 und G9?

Die Ursachen dafür liegen in den damals unterschiedlichen Bildungssystemen der DDR und BRD. Das Schulsystem ist Ländersache. Die DDR entschied sich aus bildungstheoretischen und ideologischen Gründen für G8, also das 12 jährige Abitur, während die BRD G9, also das 13 jährige Abitur, wählte. Nach der Wiedervereinigung wurde das Gebiet der DDR zu den neuen Bundesländern der Bundesrepublik Deutschland. Man einigte sich auf eine vergleichbare, aber nicht zwangsläufig identische Grundstruktur. Daher blieb es in den neuen Bundesländern bei G8. Allerdings schlossen sich in den Jahren 2000 und 2001 alle neuen Bundesländer, abgesehen von Sachsen und Thüringen, dem 13-jährigen Abitur an. 2003 beschlossen alle Bundesländer, das 12-jährige Abitur einzuführen (Rheinland-Pfalz allerdings nur als Modellversuch). Sachsen-Anhalt führte als erstes Bundesland (abgesehen von Sachsen und Thüringen) 2007 den G8-Bildungsgang ein. Danach folgten die anderen Bundesländer, als letztes 2013 Nordrhein-Westfalen und Hessen. Aufgrund starker und dauerhafter Kritik wurde die verbindliche Einführung von G8 im Jahr 2013 teilweise wieder aufgehoben. Niedersachsen kehrte im Herbst 2015/16 wieder zu G9 zurück. An Gesamtschulen wurde die Zeit generell nicht auf 12 Jahre verkürzt (vgl. Kultusminister 2013).

2.3 Struktur

Das deutsche Schulsystem gliedert sich in mehrere Bereiche. Der erste Bereich ist die Primarstufe. Diese Stufe stellt die Grundschule dar. Im Regelfall werden die Schüler im Alter zwischen 5 und 7 Lebensjahren eingeschult und besuchen die Grundschule dann 4 Jahre (in manchen Bundesländern gibt es Ausnahmen) (vgl. Bax 2013).

Der zweite Bereich ist die Sekundarstufe 1. Zu diesem Bereich gehören alle Schulformen ab der 5. Klasse bis zur 10. Klasse. In Deutschland existiert überwiegend ein dreigliedriges System, welches Hauptschule, Realschule und Gymnasium umfasst. Allerdings ist die Bezeichnung „dreigliedrig“ umstritten, da in den Bereich der Sekundarstufe 1 auch die Gesamtschulen und die Sonder- und Förderschulen fallen. An diesen Schulen kann der Abschluss entweder nach der 9. Klasse mit dem Hauptschulabschluss oder nach der 10. Klasse mit dem Mittleren Schulabschluss erfolgen. Auf der Gesamtschule gibt es die Möglichkeit, in die gymnasiale Oberstufe überzugehen (vgl. Bax 2013).

Der dritte Bereich stellt die Sekundarstufe 2 dar. Dabei handelt es sich um die gymnasiale Oberstufe, welche je nach Schulform und Bundesland 2 oder 3 Jahre beträgt. Auf Gesamtschulen beträgt die Dauer generell 3 Jahre, da auch nach der Umstellung zu G8 hier das Abitur nach 13 Jahren abgelegt wird. Die Sekundarstufe 2 kann auch mit der Fachhochschulreife schon nach der 11. oder 12. Klasse abgelegt werden (vgl. Bax 2013).

Danach folgt der Tertiärbereich, bei dem es sich um Fachschule, Berufsakademie und die verschiedenen Hochschularten handelt (vgl. Bax 2013).

Bei den gerade beschriebenen Bereichen handelt es sich um die allgemeine Schulstruktur in Deutschland. Allerdings gibt es Abweichungen in den einzelnen Bundesländern. Betrachtet man das Beispiel Berlin genauer, wird deutlich, dass das ursprünglich angedachte dreigliedrige System nicht mehr zum Einsatz kommt. Durch die Schulreform gibt es in Berlin zur Förderung der Übersichtlichkeit seit dem Schuljahr 2010/2011 nur noch ein zweigliedriges System. Damit hat sich die Sekundarstufe 2 geändert, die anderen Bereiche bleiben erhalten. Das zweigliedrige System besteht nun aus Gymnasium und integrierter Sekundarschule. Die Schularten Haupt-, Real- und Gesamtschule werden in der integrierten Sekundarschule zusammengefasst. Die alten Schularten endeten mit den Schulabgängern des Schuljahres 2014/2015. Zusätzlich gibt es auch immer häufiger Ganztagsschulen (vgl. Baumert u.a. 2013). Noch ein Unterschied zur allgemeinen Struktur bildet die Dauer des Aufenthalts in der Sekundarstufe 1. Anstatt der einheitlichen 4 Jahre Grundschuldauer gibt es in Berlin auch die Möglichkeit, die Grundschule 6

Jahre zu besuchen und erst ab der 7. Klasse in die Sekundarstufe 2 überzugehen (vgl. Bax 2013).

3. G9 in Berlin bis zum Jahr 2012

Bis zum Jahr 2012 gab es in Berlin ausschließlich das 13-jährige Abitur. Die Schüler besuchten bis zur vierten oder sechsten Klasse die Grundschule und danach bis zur 13. Klasse das Gymnasium oder die gymnasiale Oberstufe. G9, das 13-jährige Abitur, besteht aus einer Einführungsphase, welche die 11. Klasse bildet. Der Unterricht findet hierbei im Klassenverband und in Wahlpflichtkursen statt. Danach folgt die Qualifikationsphase, welche die 12. und 13. Klasse bildet. Hier findet der Unterricht in Grund- und Leistungskursen statt. Die Qualifikationsphase wird in 4 Semester bzw. Kurshalbjahre eingeteilt. Im letzten Kurshalbjahr findet die Abiturprüfung statt. Die gymnasiale Oberstufe umfasst im Normalfall folglich eine Dauer von 3 Jahren. Das Unterrichtsangebot beinhaltet überwiegend Fächer, die auch schon in den vorangegangenen Jahren unterrichtet wurden. Allerdings kommen zusätzliche Fächer hinzu, die gewählt werden können, wie beispielsweise Politikwissenschaft und Darstellendes Spiel. Das Fächerangebot hängt von der jeweiligen Schule ab und unterscheidet sich deshalb von Schule zu Schule. Da auch die Möglichkeit besteht, das Abitur an einem Oberstufenzentrum (OSZ) zu absolvieren, stehen an diesen Schulen noch andere Fächer zur Auswahl, die auf eine berufliche Richtung ausgelegt sind (Bsp.: Rechnungswesen, Biologietechnik). Es gibt drei Aufgabenfelder. Jedes Fach, abgesehen von Sport, lässt sich zu einem Aufgabenfeld zuordnen. Bei dem ersten Aufgabenfeld handelt es sich um das sprachlich-literarisch-künstlerische Aufgabenfeld, zu dem alle Sprachen, Musik, Kunst und Darstellendes Spiel gehören. Das zweite Aufgabenfeld ist das gesellschaftswissenschaftliche Aufgabenfeld. Dazu gehören unter anderem Politikwissenschaften, Geschichte, Geographie und Sozialwissenschaften. Das dritte Aufgabenfeld stellt das mathematisch-naturwissenschaftlich-technische Aufgabenfeld dar, zu dem die Fächer Mathematik, Physik, Biologie, Chemie und Informatik gehören. Auf einem OSZ gibt es im zweiten und dritten Aufgabenfeld noch eine Vielzahl weiterer möglicher Fächer (vgl. Schulenberg 2008, S.4).

In der Einführungsphase werden die Schüler auf die Qualifikationsphase vorbereitet. In dieser Phase werden die Ergebnisse von Noten auf Punkte umgestellt. Die Bewertung mit Punkten dient dazu, am Ende eine genaue Note angeben zu können, da die Leistungen in den einzelnen Fächern addiert werden. Am Ende jedes Kurshalbjahres gibt es ein Zeugnis, auf dem die jeweiligen Punkte und Noten ausgewiesen sind. Neben den Ergebnissen der Abiturprüfung bilden diese Punkte die Grundlage der Gesamtqualifikation. Die Punkte reichen von Null Punkte (Note 6) bis 15 Punkte (Note 1+). So ist eine leichtere Differenzierung möglich, da die Notentendenzen deutlich festgelegt und sichtbar sind. Leistungen, die mit 4 Punkten (4-) oder weniger in der Qualifikationsphase bewertet werden, gelten als nicht ausreichend, also als Leistungsausfall. Dies ist gerade für die Gesamtbewertung eines Faches und die Abiturprüfung wichtig zu beachten, da nur eine gewisse Anzahl an Leistungsausfällen erlaubt sind, bevor der Ausschluss aus der Qualifikationsphase und dem Abitur erfolgt. Ein Leistungsausfall in einem verpflichtenden Kurs muss durch eine gewisse Leistung in einem anderen Kurs ersetzt werden. Kurse, die mit Null Punkten bewertet werden, gelten als nicht belegt. Wenn es sich um einen Pflichtkurs handelt, bedeutet das, dass der ganze Kurs wiederholt werden muss, demnach auch das ganze Schuljahr. Ist die Versetzung in die Qualifikationsphase nicht gegeben oder bestehen zu viele Leistungsausfälle in verpflichtenden Kursen, die nicht ersetzt werden können, muss das Jahr wiederholt werden, wenn kein kompletter Abbruch erfolgen soll. Beim Zurücktreten in den nachfolgenden Schülerjahrgang erfolgt ein Neuanfang. Alle bis dahin erbrachten Leistungen verfallen und müssen neu erbracht werden. Es besteht auch die Möglichkeit, freiwillig zurückzutreten, wenn beispielsweise ein längeres Fehlen durch eine Erkrankung vorliegt. Sollte es zu einem Nichtbestehen der Abiturprüfung kommen, darf diese einmal wiederholt werden. Dazu ist es allerdings erforderlich, die Kurshalbjahre 3 und 4 zu wiederholen, wodurch sich die Zeit bis zum Abschluss um ein Jahr verlängert. Dies gilt allerdings nur für nicht bestandene Abiturprüfungen. Eine bestandene Abiturprüfung darf nicht wiederholt werden. Wenn entweder die Einführungsphase oder das erste und zweite Kurshalbjahr und die Abiturprüfung wiederholt werden müssen, beträgt die Dauer der gymnasialen Oberstufe 5 Jahre statt der 3 Jahre im Normalfall. Die Schüler haben in der 11. Klasse, in der Einführungsphase, die Möglichkeit, einige Zeit im Ausland zu verbringen. Dazu müssen Sie einen Urlaubsantrag stellen. Nach ihrer Rückkehr können sie in den nachfolgenden Schülerjahrgang, allerdings ohne Folgen für die Höchstverweildauer in der gymnasialen Oberstufe, oder in den bisherigen Schülerjahrgang eingegliedert werden. Es erfolgt also ein direkter Eintritt in das erste Kurshalbjahr. Allerdings bedarf es dazu der Bewilligung des Schulleiters bzw. der Schulleiterin. Eine Ausnahme bildet dabei das OSZ, denn da hier diverse neue berufsorientierte Fächer eingeführt werden, ist die Teilnahme an der Einführungsphase dringend erforderlich und es besteht nicht die Möglichkeit, nach dem Auslandsaufenthalt direkt in das erste Kurshalbjahr einzutreten (vgl. Schulenberg 2008, S.6).

3.1 Einführungsphase

Die Einführungsphase soll die Schüler auf die Qualifikationsphase vorbereiten. Für die Schüler, die kein Auslandsjahr machen, werden in diesem Schuljahr die Voraussetzungen für die Belegung der Kurse und der Wahl der Prüfungsfächer in der Qualifikationsphase geschaffen. Es können beispielsweise neue Fächer eingeführt werden, was vor allem auf einem OSZ eine große Rolle spielt. Die Fächer werden überwiegend im Klassenverband unterrichtet, allerdings gibt es auch Fächer, die Klassen übergreifend stattfinden. An manchen Schulen wird diese Einführungsphase auch als Profilphase bezeichnet, da die Profilkurse von den Schülern ausgewählt werden und sich dadurch ein persönliches Profil abzeichnet. Es gibt Pflichtfächer, welche eine verbindliche Teilnahme von allen Schülern voraussetzen. Dazu gehören die Fremdsprachen, Mathematik, Deutsch, Geschichte, Geographie, Physik, Chemie, Biologie, Sport und ein künstlerisches Fach. Die Profilkurse dienen der Vorbereitung auf die Leistungskurse in der Qualifikationsphase. Sie finden ausschließlich in Kursen und nicht im Klassenverband statt. Die Fächer können nach Interesse und Begabung selbst gewählt werden. Bei der Wahl des ersten Profilkurses gibt es Einschränkungen, da hier nur aus den Fächern Fremdsprache, Mathematik, Physik, Chemie, Biologie und Deutsch gewählt werden kann. Der zweite Profilkurs kann hingegen je nach Interesse aus dem Kursangebot der Schule gewählt werden. Hierbei ist zu beachten, dass nur ein Kurs, der in der Einführungsphase gewählt wurde, später in der Qualifikationsphase auch als Prüfungsfach wählbar ist. Stellt ein Schüler fest, dass er den für ihn falschen Profilkurs gewählt hat, besteht meistens nach einem Halbjahr die Möglichkeit, diesen zu wechseln. Für das OSZ bestehen gesonderte Regeln (vgl. Schulenberg 2008, S.8).

Seit der Einführung des 12-jährigen Abiturs kann man das Abitur an Sekundarschulen mit gymnasialer Oberstufe noch mit 13 Jahren machen. In diesem Fall hat sich aber die Einführungsphase etwas geändert. Es gibt keine Profilkurse mehr, welche vergleichbar mit Leistungskursen sind, sondern nur noch Pflichtfächer und Wahlpflichtfächer, von denen ein bis zwei gewählt werden müssen. Nur in der Einführungsphase gilt ausnahmsweise noch die 4- (entsprechen 4 Punkte) als bestanden. Der Schüler wird in die Qualifikationsphase versetzt, wenn er in höchstens einem Fach mit schlechter als 4 Punkten bewertet wurde oder ein Ausgleich vorliegt. Ein Ausgleich liegt dann vor, wenn in mindestens zwei Fächern 7 Punkte erreicht wurden (vgl. Schulenberg 2008, S.8).

3.2 Qualifikationsphase

Bevor die Schüler in die Qualifikationsphase eintreten können, muss jeder Schüler einen Übersichtsplan erstellen, welcher von der Schule genehmigt werden muss. In diesem Plan werden die Kurse für die vier Kurshalbjahre und die Prüfungsfächer festgelegt. In den vier Kurshalbjahren müssen insgesamt 24 Grundkurse und 8 Leistungskurse gewählt werden. Als Leistungskurse werden überwiegend die Kurse gewählt, die die Schüler schon als Profilkurse gewählt hatten. Bei den Leistungskursen handelt es sich um Fächer, die intensiver als die anderen Fächer behandelt werden (2 Klausuren pro Kurs in jedem Semester anstatt nur einer Klausur wie in den Grundkursen) und auch mehr Wochenstunden in Anspruch nehmen (5 Wochenstunden/Kurs statt nur 3 wie in den Grundkursen). Außerdem werden die Leistungskurse doppelt und die Grundkurse einfach bewertet. Zusätzlich sind sie automatisch Prüfungsfächer und ein Leistungskurs wird der Tutorenkurs, also der Kurs, in dem alles Organisatorische geklärt wird. Der Tutor stellt in dem Fall eine Art Klassenlehrer dar. Die vom Schulsystem vorgesehene Stundenanzahl beträgt damit 28 Stunden wöchentlich. Dabei handelt es sich allerdings um die Mindestanzahl, es können auch mehr Kurse gewählt werden. Als Erstes werden die Leistungskurse (also das erste und zweite Prüfungsfach) und das dritte und vierte Prüfungsfach festgelegt. Der Schüler entscheidet sich für ein Referenzfach für die fünfte Prüfungskomponente. Diese Auswahl unterliegt einigen Regelungen. Der erste Leistungskurs muss aus Fremdsprachen, Mathematik, Naturwissenschaften und Deutsch gewählt werden. Der zweite Leistungskurs ist frei wählbar. Bei dem dritten Prüfungsfach handelt es sich um einen Grundkurs mit schriftlicher Prüfung in der Abiturprüfung und bei dem vierten Prüfungsfach um einen Grundkurs mit mündlicher Prüfung in der Abiturprüfung. Diese Wahl hängt auch von den schon gewählten Leistungskursen ab. Unter den fünf Prüfungsfächern müssen alle drei der Aufgabenfelder vertreten und zwei der Prüfungsfächer müssen Deutsch, Mathematik oder eine Fremdsprache sein. Das Fach in dem die fünfte Prüfungskomponente abgelegt werden soll, muss über alle vier Kurshalbjahre belegt werden. Es besteht die Möglichkeit, zwischen Präsentationsprüfung und Besonderer Lernleistung (BLL) zu wählen. Bei der Präsentation handelt es sich um die Vorstellung eines wichtigen und relevanten Themas mit dem Hauptschwerpunkt im gewählten Fach, aber zusätzlich noch mit einem Nebenschwerpunkt aus einem anderen Fach, so dass fächerübergreifend gearbeitet werden muss. Nach der Präsentation folgt ein Prüfungsgespräch, in dem die Kompetenzen nachgewiesen werden müssen. Die Präsentation erfordert eine längerfristige Vorbereitung und muss beim Fachlehrer frühzeitig angemeldet werden. Bei der BLL handelt es sich um eine Hausarbeit und ein Prüfungsgespräch. Eine Besonderheit besteht darin, dass die fünfte Prüfungskomponente auch als Gruppenprüfung abgelegt werden kann. Anschließend sind die Pflichtkurse als Grundkurse zu wählen, die Anzahl ist hier vorgegeben. Allerdings können freiwillig auch noch weitere Kurse gewählt werden. Nicht alle gewählten Kurse können oder müssen am Ende in die Abiturnote eingebracht werden. Zum Beispiel müssen Sport und das Fach der fünften Prüfungskomponente zwar vollständig belegt, aber es müssen nicht alle Kurshalbjahre in die Endnote eingebracht werden. Es muss mindestens eine Fremdsprache in der gymnasialen Oberstufe fortgesetzt werden. Eine zweite Fremdsprache muss mindestens vier Jahre belegt worden sein (vgl. Schulenberg 2008, S.10).

[...]

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Turbo-Abitur gescheitert? Ein Vergleich zwischen G8 und G9 in Berlin
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Soziologie)
Note
1,9
Autor
Jahr
2016
Seiten
39
Katalognummer
V337916
ISBN (eBook)
9783668270169
ISBN (Buch)
9783668270176
Dateigröße
740 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildungssoziologie, Abitur, Soziologie, Bildungsgang
Arbeit zitieren
Dominique Vedder (Autor), 2016, Turbo-Abitur gescheitert? Ein Vergleich zwischen G8 und G9 in Berlin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337916

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