Die Errichtung einer deutschen Musterrepublik auf amerikanischem Boden

Wie der Traum der "Gießener Auswanderungsgesellschaft" zum Albtraum wurde


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
26 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorgeschichte und Voraussetzungen der Gründung der „Gießener Auswanderungsgesellschaft“
2.1 Die politischen Verhältnisse seit 1815
2.2 Die Gründer der Gesellschaft Friedrich Münch und Paul Follenius
2.3 Die Phase des Frühliberalismus
2.4 „Der Bund der Schwarzen“

3. Die Gründung der „Gießener Auswanderungsgesellschaft“
3.1 Die Idee der „Auswanderung im Großen“
3.2 Der Einfluss Gottfried Dudens
3.3 Von der Idee zur Ausführung des Vorhabens

4. Der Aufbruch
4.1 Im Vorfeld der Abfahrt
4.2 Überfahrt und Ankunft in Amerika

5. Zusammenfassung und Diskussion

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In den Jahren von 1815 bis 1914 kamen etwa sieben Millionen Deutsche[1] nach Amerika[2], davon die meisten – weit vor religiösen oder politischen - aus ökonomisch-sozialen Gründen. In dieser Hausarbeit soll es um die politisch motivierte Auswanderung Deutscher im 19. Jahrhundert gehen, die - insbesondere durch die enttäuschten Hoffnungen in Bezug auf politische Partizipation und Freiheitsrechte im Anschluss an die napoleonischen Befreiungskriege - von manchem als Alternative zum aussichtslos erscheinenden Kampf im eigenen Land gesehen wurde. Eine Art der Reaktion auf eine unerträglich empfundene politische Realität ist die Auswanderung in ein anderes Land, welches größere Freiheit und Toleranz zu bieten scheint – in den meisten Fällen war jenes für die deutschen Auswanderer die USA.

Über die Anzahl von rein politisch motivierten Auswanderungen herrscht Uneinigkeit: Bis auf (schon in Deutschland) prominente Einzelne, die sich auch in den USA einen Namen machen konnten (und deren wie auch immer gearteter Ruhm dann noch nach Deutschland zurückstrahlte)[3], sind die „Politischen“ eine nur schwer abgrenzbare Gruppe der Emigranten. Eine eindeutig politisch motivierte Auswanderung - zumindest ihrer Organisatoren - stellt die heute kurios erscheinende Geschichte der „Gießener Auswanderungsgesellschaft“ dar. Die 1833 von Friedrich Münch und Paul Follenius gegründete Gesellschaft verließ im darauffolgenden Jahr Bremerhaven mit rund 500 Auswanderungswilligen auf zwei Schiffen, um ein neues Leben in Amerika zu beginnen.

Der evangelische Pfarrer Friedrich Münch und sein Schwager, der Jurist Paul Follenius, waren schon seit ihrer Studentenzeit befreundet und Mitglieder der „Gießener Schwarzen“, eine (aus einer Burschenschaft hervorgegangene) geheime Gruppierung, bei der vor allem auch Follenius‘ Brüder Karl und August Follen[4] eine tragende Rolle gespielt hatten. Sie vertraten politische Ideen von nationaler Einigung und Liberalisierung, die sie zuletzt in den Staaten des Deutschen Bundes als – in absehbarer Zeit - nicht mehr realisierbar erachteten. Durch Enttäuschung radikalisiert, erarbeiteten sie den idealistisch-verwegenen Plan, eine Auswanderungsgesellschaft zu gründen und Deutsche in einem möglichst wenig bevölkerten Teil der Vereinigten Staaten anzusiedeln, um dort einen demokratischen „Freistaat christlicher Gesinnung“ ins Leben zu rufen – ein „verjüngtes Teuschland“ fern der Heimat.

In meiner Hausarbeit, die die Gründe, den Entwurf und die Umsetzung dieser kühnen Idee zum Thema hat, werde ich zunächst den politischen Rahmen erläutern, im dem der Plan von Follenius und Münch zu verorten ist, um dann die beiden befreundeten Hauptakteure und ihre Vorgeschichte gesondert vorzustellen. Die Beweggründe und Ziele der beiden, die als Konsequenz die hier geschilderte Auswanderung zur Folge hatten, werden von mir unter anderem vor dem Hintergrund des „Frühliberalismus“ in Deutschland und der Konzentration des studentischen Widerstandes im „Bund der Schwarzen“ analysiert und zum Großteil anhand der Schriften Friedrich Münchs herausgearbeitet.

Weiterhin möchte ich die Durchführung dieser Auswanderung beleuchten, die mit der Planung beginnt, welche sich ohne Zweifel maßgeblich auf Gottfried Dudens „Bericht über eine Reise in die westlichen Staaten Nord-Amerikas […]“ von 1829 stützte. Wegen des enormen Einflusses dieses „Berichts“ gehe ich bei Punkt 3.2 gesondert auf ihn ein. Tatsächlich siedelten Münch und Follenius in unmittelbarer Nähe zu Dudens Land.

Die Reise der Gesellschaft über den Atlantik in zwei Schiffen und deren katastrophale Begleitumstände, die zahlreiche Mitglieder nicht überstanden, werde ich im Anschluss daran besprechen. Was letztlich aus den verbleibenden (Ex-)Mitgliedern der „Gießener Auswanderungsgesellschaft“ in den USA wurde, kann im Rahmen dieser Hausarbeit nur kurz skizziert werden, allerdings sehe ich meine Hausarbeit auch als Basis für eine (spätere) weitere Forschungsarbeit, die die allgemeine und politische Entwicklung von Paul Follenius in der „amerikanischen Realität“ zum Thema haben würde.

2. Vorgeschichte und Voraussetzungen der Gründung der „Gießener Auswanderungsgesellschaft“

2.1 Die politischen Verhältnisse seit 1815

Nach dem Sieg Preußens, Österreichs, Russlands und Englands über Napoleons Frankreich 1814 kommt es – gegenüber vorherigen Versprechungen - zu keinem freiheitlichen Bundesstaat mit Verfassung in Deutschland und Österreich, stattdessen geht aus dem „Wiener Kongress“ ein loser Bund von 35 autonomen Staaten hervor, der „Deutsche Bund“. Die „Restaurations“-Phase stärkt die alten Machtverhältnisse; durch demagogisches Wachstum gepaart mit einer einseitigen Erbschaftsregelung, Einführung von Kriegssteuern in der Folge der „Befreiungskriege“ und Missernten/Hungersnöten aufgrund von klimatischen Katastrophen (1816 Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien, dessen Folge „ein Jahr ohne Sommer“ war) verschlechtern sich die Zustände der Bauern insbesondere im deutschen Südwesten drastisch.[5] Zur generellen Depression gesellt sich die politische Enttäuschung vieler, die sich in den Jahren zwischen 1815 und 1850 immer radikaler Bahn bricht. Nach Eike Wolgast[6] scheiterten Bewegungen im 19. Jahrhundert, die auf eine Veränderung der politischen Zustände in Deutschland hinarbeiteten, auf dreifache Weise. Als erste Bewegung, die politische Auswanderung zur Folge hatte, können die „Zwanziger“ genannt werden, die nationale Opposition nach 1815 (Wartburgfest 1817). Die „Karlsbader Beschlüsse“ von 1819 (als Reaktion auf die Ermordung von August von Kotzebue durch den Studenten Carl Ludwig Sand, einem engen Vertrauten Karl Follens, der als Dozent für Rechtswissenschaften an der Universität Jena lehrte) brachten Verbote von Studentenverbindungen, Überwachung politischen Verhaltens von Professoren und anderen Gruppen, Berufsverbote für Publizisten und Zensur von Publikationen mit sich. Beim zweiten Mal war es die demokratisch-republikanische Opposition, die sich – angeregt durch die Pariser Juli-Revolution von 1830, die Belgische Revolution und den Novemberaufstand in Polen 1830/31 beim „Hambacher Fest“ 1832 sowie beim „Frankfurter Wachensturm“1833 - manifestierte. Die dritte Bewegung, die einerseits als gescheitert (so die Ansicht Wolgasts), andererseits als Vorbereitung der späteren Demokratie gesehen werden kann, ist die Revolution von 1848/49. In der vorliegenden Arbeit soll es um die „Dreißiger“ gehen, unter denen die Gründer der „Gießener Auswanderungsgesellschaft“ eine besondere Rolle einnehmen.

2.2 Die Gründer der Gesellschaft Friedrich Münch und Paul Follenius

Paul Follenius wurde am 5. Mai 1799 als jüngster Sohn eines „Hofgerichtsadvokaten“ in Gießen geboren und (aufgrund des Todes seiner Mutter im Kindbett) von seinen Großeltern väterlicherseits in Romrod/Oberhessen - bis zur Wiederverheiratung seines Vaters einige Jahre später - aufgezogen. Wieder zurück in Gießen, aber seiner eigenen Familie entfremdet, folgte er bereits als Fünfzehnjähriger dem Aufruf des Großherzogs von Hessen und meldete sich als Freiwilliger – wie seine beiden älteren Brüder - für den Kampf gegen Napoleon. 1817 wurde er als Student der Rechtswissenschaft an der Universität zu Gießen eingeschrieben und dort mit Friedrich Münch bekannt. Es entwickelte sich eine Freundschaft

[…] von seltener Innigkeit, welche an die von den Alten erwähnten Freundschaftsbündnisse erinnert und ungeschwächt, obzwar natürlich in ihrem Wesen verändert, fortbestanden hat bis zum Tode. – Die Jünglinge jener merkwürdigen Zeit, welche sich der Sache der Freiheit gewidmet hatten, erhielten – besonders auf der Universität Gießen – überhaupt unter sich ein weit innigeres Verhältnis, als gewöhnliche Studentenfreundschaften zu sein pflegen. Dabei gab es aber noch besondere Freundespaare, welche in einer Art von Todbrüderschaft lebten und für welche Schillers „Bürgschaft“ gar nichts Außerordentliches enthielt.[7]

Der gleichaltrige[8] Friedrich Münch studierte auf Wunsch seines Vaters, eines Predigers, Theologie in Gießen. Aus Kostengründen (er hatte sechs Geschwister) schloss er sein Studium bereits vor seinem 20. Lebensjahr ab. Trotzdem findet sich in seinen „Erinnerungen aus Deutschlands trübster Zeit“ zu lesen:

Viel bedeutender für mein ganzes künftiges Sein und Streben als die gesamte Theologie war meine innere Verbindung mit jenen meistens älteren Jünglingen, welche den sogenannten „Bund der Schwarzen“ bildeten […].[9]

Aus diesen Worten Münchs geht die immense Wichtigkeit dieser Gruppierung für ihn und seine Mitstreiter hervor, die als Kennzeichen „innige Freundschaft“ wie auch geteilte politische „Gesinnung“ besaß und getragen wurde von einem religiös-politischen Enthusiasmus, einer besonderen Ausprägung des Intellektuellen-Widerstands dieser Zeit, die im Zusammenhang mit der Entwicklung des sog. „deutschen Frühliberalismus“ zu sehen ist. Da die Entschlossenheit und Kompromisslosigkeit in der Durchführung der späteren Auswanderungspläne in der zutiefst in ihren Gründern verwurzelten „radikalpolitischen“ Überzeugung zu suchen ist, werde ich bei Punkt 2.3 etwas ausführlicher auf die Entwicklung des deutschen Frühliberalismus und daran anschließend (2.4) auf die bündische Struktur der studentischen Verbände eingehen, „wie sie in reinster Form im Bund der „Gießener Schwarzen“ ausgeprägt wurde und zu besonderer Bedeutung kam durch die Ausbildung eines spezifisch politischen Pathos“.[10]

2.3 Die Phase des Frühliberalismus

Während der Begriff „Liberalismus“ noch im 18. Jahrhundert die Bedeutung von Freigiebigkeit und Güte eines milden und edlen Herren[11] hat, verändert er sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts und bekommt eine politische Dimension im Sinne von „Freisinn, Freimut und freie Denkungsart“. Hans H. Gerth hat in seiner Dissertation von 1935, die erst vier Jahrzehnte später veröffentlicht wurde, anhand der Struktursoziologie erforscht, wie es zu einer solch revolutionären Veränderung der Denkweisen kommen konnte, angefangen beim „Sturm und Drang“ bis zum Schuss auf Kotzebue. Er beschäftigte sich zur Aufklärung dieser Frage mit „bedeutsamen Situationen“ (in der Gesellschaft), um anhand dieser „Zugangschancen zu liberalem Denken“ die Entwicklung des Letztgenannten verständlich zu machen. Im 2. Kapitel („Die Struktursituation der Intelligenz“) behandelt er Schulen und Universitäten. Mit dem Aufstieg der modernen Universitäten kam es zu einer Vermischung der gesellschaftlichen Klassen der Studierenden sowie für Begabte von „niedriger Herkunft“ oder aus „weniger reichen Verhältnissen“ zu Aufstiegsmöglichkeiten in die Professorenschaft.

„Die Studentenschaft zerfiel der sozialen Herkunft nach […] in die adelige und bürgerlich-patrizische Studentenschaft […] und in die Studentenarmut, die meist Theologie studierte und sich nach Pfarrstellen und Schulämtern umtat. Erstere, die künftigen Politiker und Beamten, studierten Staatswissenschaften, Jura und Kameralwissenschaften […]“[12] Es bildeten sich besondere Lebensformen unter den Studierenden, die in dieser Phase ihrer Existenz eine Art der Freiheit erfahren konnten, die ansonsten in der damaligen Gesellschaft um 1800 nicht existierte: “In den ‚akademischen Freiheiten‘ gewährte der Absolutismus der studierenden Jugend ein befristetes soziales Ventil für alle Triebe und Eigenwilligkeit, die die patriarchal-autoritäre Familie und – nach dem Studium – die militärisch-bürokratische Ordnung unterdrückten“.[13]

Das im „Sturm und Drang“ freigewordene Gefühlspotential suchte sich verschiedene Wege: Einmal durch eine neue Rezeption der Altertumswissenschaft, die dem Menschsein eine neue Dimension eröffnete: „Edle Einfalt und stille Größe“ waren die Schlagworte eines Neuhumanismus, der die Ausbildung und Vervollkommnung des „ganzen Menschen“, dessen Handeln in Übereinstimmung mit seiner inneren Überzeugung stand, zum Ziele hatte. Hans Gerth spricht vom „Substrat der allgemeinen Bildung“ dieser neuen Gesellschaft, welches sich aus der Verbindung des Göttinger Neuhumanismus mit dem Weimarer Klassizismus und der idealistischen Philosophie, Griechentum und Nationalliteratur zusammensetzte.[14] Als anderen Weg der Emotionalität findet man die Hinwendung zu Romantik, Opferbereitschaft und „Tatendrang“. Das „Genie“ war moralisch nur sich selbst verpflichtet, konnte (oder musste) sich daher in der Konsequenz (im gegebenen Fall) der Obrigkeit widersetzen. Die Sicherheit durch den Zusammenhalt der Freundschaftsbünde war eine essentielle Stütze für den Einzelnen, um gegen die patriarchalische Autorität aufbegehren zu können. Die jungen Männer des Vormärz waren oft leidenschaftlich mit o.g. Idealen verbunden und rebellierten „gegen alles, was in die alltägliche Regelmäßigkeit ständischer Ordnungen gefasst war“.[15] Daraus entstand - in der Nachfolge von Landsmannschaften, Orden oder „Kränzchen“- in der Zeit nach 1804 unter dem Einfluss des Philologen und Archäologen Friedrich Gottlieb Welcker an der Universität Gießen die „studentische Verbrüderung“ in neuem Gewande.

1814 wurde eine „Teutsche Lesegesellschaft zur Erreichung vaterländisch-wissenschaftlicher Zwecke“ gegründet, unter den Begründern finden sich auch die beiden älteren Brüder Follenius (Karl und August Adolf, der später August Ludwig genannt wurde).[16] Nach dem raschen Ende dieser Gesellschaft[17] bildeten sich wieder mehrere „Landsmannschaften“, die laut Herman Haupt stillschweigend von der Gießener Universität geduldet wurden,[18] aber auch eine „kleine, geistig ungemein bedeutende Gruppe von Studenten, die ehedem den Kern der alten Deutschen [Lese]Gesellschaft gebildet hatte, und die deren Ziele auf neuen Wegen zu erreichen strebt, zum guten Teil ehemalige freiwillige Jäger und bevorzugte Schüler Gottlieb Welckers, die „Gießener Schwarzen“.[19]

2.4 „Der Bund der Schwarzen“

„Die Gegner nannten uns die Schwarzen, weil wir den nach den Befreiungskriegen in Aufnahme gekommenen sog. Deutschen Rock allgemein von schwarzer Farbe trugen“,[20] schreibt Münch 1860 in seinen „Jugend-Erinnerungen“. Dieser Bund, in dem insbesondere Karl Follen als charismatische Figur hervortrat, stellt in seiner ersten Form die 1815 gegründete Verbindung „Germania“ oder „Germanenbund“ dar. Die Farben der „Germania“ waren schwarz, blau und rot und hatten die Bedeutung: „Treue und Liebe bis in den Tod“, die Buchstaben M-H-B-G stehen laut Herman Haupt für: „Im Herzen Muth, Trotz unterm Huth, am Schwerte Blut, macht alles gut“.[21] Bedingungen für die Aufnahme waren, dass der Betreffende „als Christ, als Deutscher sowie als Student keinen Schandfleck […] an sich habe“.[22] Teil des Programms der „Schwarzen“ waren gemeinsames Lesen, Diskutieren, Aufsätze und Vorträge zu Themen aus den Bereichen Politik, Religion, Sittlichkeit, Volksgeist, öffentliche Meinung, Erziehung und Unterricht.[23] Die „Wiederbelebung und Stärke vaterländischen Bewusstseins“ wurde in „enge Verbindung mit der Pflege religiösen Sinnes und der Erziehung zu strenger Sittlichkeit gebracht“.[24] Liebe zum anderen Geschlecht war nicht erwünscht, man erwartete „[…]den Verzicht auf Frauenliebe, um sich ganz und ungeteilt dem Vaterlande hinzugeben und zu opfern“.[25]

Bei dieser explosiven Mischung entwickelte Karl Follen mit der Zeit eine zunehmende Radikalität, nämlich die Ansicht, dass die einmal gefasste Meinung „unbedingt“ ausgeführt werden müsse (daher der Beiname „die Unbedingten“). In der Konsequenz sei Gewaltanwendung, wenn sie dem hohen Ziel der ‚Befreiung von der Knechtschaft‘ diene, völlig legitim. Haupt spricht diesbezüglich von einem „dämonischen Einfluss“[26] Karl Follens, der letztlich auch die Gruppe spaltete.

Friedrich Münch beschreibt seinerseits das „glühende Begeisterungsfeuer“ der Gruppe, das von Karl Follen auch mit selbst verfassten Gedichten geschürt wurde:

„Allen ruft Teutschlands’s Noth

Allen des Herrn Gebot:

Schlagt eure Plager todt,

Rettet das Land!“[27]

Die aufgebrachten Studenten sangen derweil:

Freiheitsmesser gezückt!

Hurrah den Dolch in die Kehle gedrückt!

Mit Kronen und Bändern,

Zum Rachaltar ist das Opfer geschmückt!“[28]

Soviel soll an dieser Stelle genügen, um die fanatische Einstellung der „Schwarzen“ zu beschreiben, die es erstaunlicherweise schafften, ihre Gewaltbereitschaft in Einklang mit ihrem Selbstverständnis als tadellose Christen zu bringen und deren Feuer – nach Karl Follens Flucht nach Amerika 1824 - allmählich verlosch. Resignation breitete sich aus. Zwar „suchte Paul Follenius (der jüngere Bruder) mit großer Energie den früheren Geist zu erhalten; doch die neu eintretenden wurden den ersten Stiftern des Vereines immer unähnlicher und nach Jahren war von dem alten Geiste kaum noch eine Spur zu finden“.[29]

In dieser Situation der Hoffnungslosigkeit wird die bereits von Karl Follen früher durchdachte Möglichkeit der Auswanderung wieder aufgegriffen. Münch schreibt in seinen Jugend-Erinnerungen:

Was blieb nun denen übrig, in deren Innerem die hochklingenden Ideen ihrer Jugend zu tief gewurzelt waren, als dass sie zu der zahmen Nützlichkeitslehre sich hätten belehren mögen? Entweder in verbissenem Grollen und Geächteten gleich ein Leben hinzuschleppen, das ihnen selbst als ein verfehltes erscheinen musste, oder aber mit allen Verhältnissen, die sie durch Geburt, Erziehung und Gewöhnung versetzt waren, für immer zu brechen und fern vom Lande der Heimath eine andere Zukunft, einen ganz neuen Wirkungskreis zu suchen. […] besser als das schien- es ihnen, eine Stück vom Heimathlande in der eigenen Brust über den Ozean zu tragen und in einem weniger hoffnungslosen Kampfe dort ihre besten Kräfte zu verwenden, jedenfalls endlich nach eigenen Gedanken ihr Leben und Wirken einzurichten.[30].

[...]


[1] Die Begriffe „Deutschland“ und „Deutsche“, hier für die Zeit vor 1871 verwendet, betreffen den in zahlreiche Einzelstaaten zersplitterten „Kulturraum“ und seine Bewohner.

[2] Hoerder, Dirk: Geschichte der deutschen Migration. Vom Mittelalter bis heute. München 2010. S. 56

[3] Beispielsweise Carl Schurz oder Friedrich Hecker

[4] August und Karl „germanisierten“ ihren Familiennamen 1818 zu „Follen“. Spiethoff, Kilian: Zuflucht Amerika. Auswanderung, Auswanderungsgesellschaften und die Idee einer deutschen Reichsgründung in der neuen Welt. In: Aufbruch in die Utopie – Auf den Spuren einer deutschen Republik in den USA. Hrsg. von: Reisende Sommer-Republik und Stadtarchiv Gießen. Bremen 2013. S. 37.

[5] Kilian Spiethoff: Zuflucht Amerika. […] In: Aufbruch in die Utopie – Auf den Spuren einer deutschen Republik in den USA. Seite 18.

[6] Wolgast, Eike: Demokratische Gegeneliten in der amerikanischen Emigration: Politisch motivierte Auswanderung aus Deutschland nach 1819, 1832/33, 1849 und 1878. (Transatlantische Studien Bd.19). Wiesbaden 2004. S. 197.

[7] Münch, Friedrich: Gesammelte Schriften. St. Louis 1902. S. 93

[8] (geb. am 25. Juni 1799)

[9] Ebd. S.109

[10] Gerth, Hans: Bürgerliche Intelligenz um 1800. Zur Soziologie des deutschen Frühliberalismus (In: Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Bd. 19). Göttingen 1976. S. 47.

[11] Ebd. S. 16.

[12] Ebd. S. 38.

[13] Ebd. S. 39.

[14] Ebd. S. 44.

[15] Ebd. S. 45.

[16] Haupt, Herman: Karl Follen und die Gießener Schwarzen. Beiträge zur Geschichte der politischen Geheimbünde und der Verfassungs-Entwicklung der alten Burschenschaft in den Jahren 1815-1819. Gießen 1907. S.8.

[17] Interne Konflikte führten zur Spaltung und Auflösung der Gruppierung.

[18] Ebd. S. 9.

[19] Ebd. S. 10.

[20] Münch, Friedrich: Jugend-Erinnerungen. In: Deutsch-Amerikanische Monatshefte für Politik, Wissenschaft und Literatur. Bd. 1 (1864), S. 388.

[21] Haupt, Herman: Karl Follen und die Gießener Schwarzen. S. 10.

[22] Ebd. S. 12.

[23] Ebd. S. 17.

[24] Ebd. S. 14.

[25] Ebd. S. 16.

[26] Ebd. S. 20

[27] Ebd. S. 389.

[28] Münch, Friedrich: Jugend-Erinnerungen. S. 389.

[29] Münch, Friedrich: Jugend-Erinnerungen. S. 391.

[30] Münch, Friedrich: Jugend-Erinnerungen. S. 397.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Errichtung einer deutschen Musterrepublik auf amerikanischem Boden
Untertitel
Wie der Traum der "Gießener Auswanderungsgesellschaft" zum Albtraum wurde
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Politische Kultur- und Sozialgeschichte
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
26
Katalognummer
V338009
ISBN (eBook)
9783668274310
ISBN (Buch)
9783668274327
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
"Gießener Auswanderungsgesellschaft", politische Auswanderung nach Amerika, Paul Follenius
Arbeit zitieren
Andrea Steinebach (Autor), 2015, Die Errichtung einer deutschen Musterrepublik auf amerikanischem Boden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338009

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